Titelthema

01. Jan. 2024

Teamplay als 
Globalstrategie

Deutschland braucht Partner, um erfolgreiche Außen- und Sicherheitspolitik zu machen. Nur hat die Bundesregierung noch nicht verstanden, wie sie als „Team-Macht“ agieren muss: fünf Regeln.

Ob es Deutschland gelingt, die richtigen Partner auszuwählen und zu unterstützen, ist der Schlüssel zur Bewältigung des nächsten Jahrzehnts. Partnerschaften sind ein hervorragender Weg, die Zukunft zu gestalten: Sie sind ein Instrument der Resilienz, um externe Schocks aufzufangen, unerwünschte Ereignisse abzuwehren und die kreative Stärke zu entwickeln, mit der sich globale Probleme lösen und internationale Ordnung herstellen lassen. Die Wahl der Partner zwingt zudem zu genauen Überlegungen, welche Ziele man gemeinsam erreichen will und was auf dem Spiel steht.

Seit Februar 2022 gilt Deutschland allerdings als unzuverlässiger Partner – wohlmeinend, aber langsam und selbstsüchtig. Ein Hauptgrund ist – und darin liegt die Ironie –, dass es geradezu besessen ist von seinen Partnern und dem, was diese denken. Zuweilen scheint es so, als ob die deutsche Politik in Berlin unaufhörlich darüber diskutiert, was Partner wie Frankreich und die USA von Deutschland erwarten, wie seltsam sich diese Partner selbst im internationalen Raum aufführen und was Deutschland von ihnen unterscheidet.

Kurz gesagt: Deutschland redet über seine engsten Partner statt mit ihnen. Das ist ein Rezept für Unilateralismus, für Stillstand im Bündnis und für gegenseitige Ressentiments.

Dabei steckt die jetzige Regierung voller Reformer, zumindest im Vergleich zu den vorangegangenen. Sie wollen zur Entstehung einer Welt beitragen, die gerechter und inklusiver ist sowie fähig zu gemeinsamem Handeln. Sie haben erkannt, dass Deutschland dies nur erreichen kann, wenn es sein Spektrum an Partnern über die NATO und die EU hinaus ausdehnt. Jedoch bestehen über die Wege und Ziele große Meinungsverschiedenheiten.

Manche streben einen Schulterschluss mit dem „globalen Westen“ an, um die Machtprobe mit China und Russland zu bestehen, als Vorspiel zur Ausweitung der liberalen Ordnung. Andere setzen auf eine Diversifizierung weg von den USA und wenden sich unter Beibehaltung der europäischen Partner dem Globalen Süden zu. Diese Kluft geht bis in die Spitze: Bundeskanzler Olaf Scholz und Außenministerin Annalena Baerbock wollen beide etwas verändern, aber sie unterscheiden sich in Ansichten und Stil. Der eine hat aus Büchern eine Interpretation des Globalen Südens übernommen, die ihn von der Notwendigkeit der Diversifizierung überzeugt. Die andere appelliert mit Vorliebe an die Gefühlswelt des Bündnisses.

Beide haben, explizit oder implizit, von Deutschland als einer „Team-Macht“ gesprochen, ohne den Ansatz zu durchdenken. Denn würde Deutschland seine Berufung als „Team-Macht“ ernstnehmen, würde es klar erkennen, wer seine unverzichtbaren Partner sind und wie hoch die Einsätze, um den Sieg der eigenen Seite zu sichern. Statt an Gefühle zu appellieren, würde es sich auf Kerninteressen fokussieren, die eine erfolgreiche Mannschaft verbinden. Dabei gilt es, folgende fünf Punkte zu beachten.
 

Die Sieger bestimmen die Regeln

Erstens: Bei der Vorstellung, die internationalen Beziehungen wären ein Spiel, würden Scholz und Baerbock vermutlich gleichermaßen erbleichen. Diese Art von Sprache wurde zuletzt im 19. Jahrhundert verwendet, als es um das „Great Game“ ging. Deutschland wird kaum zu jenen Tagen der dilettantisch auftretenden Großmächte zurückkehren wollen, als die Europäer um die Kontrolle über die eurasische Landmasse und damit der Welt wetteiferten. Scholz und Baerbock würden stattdessen sagen, dass wir eine auf Regeln basierende internationale Ordnung haben, die geeignet ist, alle zu Gewinnern zu machen, und dass wir sie erhalten müssen, indem wir andere Länder dazu bringen, sich hinter die UN-Charta zu stellen.

In Wahrheit beziehen sich sowohl Scholz als auch Baerbock auf eine ganz andere Realität, wenn sie die Sprache des „Teamplay“ verwenden: Hier geht alles wieder einmal nur um das Spiel und den Prozess, und die Spieler erfinden die Regeln erst, wenn das Spiel schon läuft. Die Parallele zum 19. Jahrhundert ist in der Tat da – es war eine Zeit, in der die Menschen recht entspannt blieben, wenn es um das Fehlen fester Regeln im Sport ging. Es war eine Zeit, in der Fußball noch oft eine blutige Schlacht war und in der Cricket eben nicht ganz cricketmäßig gespielt wurde – also bevor die Kodifizierung oder gar Professionalisierung des Spieles einsetzte. Der Hauptgewinn im „Great Game“ war es, selbst die Regeln festlegen zu können. Die Europäer waren sich der Möglichkeit bewusst, eines Tages von der übrigen Welt im eigenen weltpolitischen Spiel besiegt zu werden. Aber auch dann würde immer noch nach europäischen Regeln gespielt. China und den USA ist dies immer noch präsent.
 

Das alte, neue Nullsummenspiel

Zweitens: Die meisten Deutschen wünschen sich eine Welt, die friedlich, inklusiv und gerecht ist. Bundeskanzler Scholz möchte dies erreichen, indem er sich an die Verlierer der Welt wendet: Er sendet Signale an Länder überall in Asien, Afrika und Lateinamerika, an die Opfer der ­modernen Geschichte, die ihre ersten machtpolitischen Erfahrungen mit den Europäern gemacht haben und nun skeptisch sind, ob die USA sich anders verhalten. Scholz versucht, diese neue und diverse Mannschaft zusammenzuführen, indem er deutlich macht, dass sein Deutschland sich bewusst ist, dass andere Europäer imperiale Nostalgiker sind, die Amerikaner kaum besser sind und dass er besser ist als sie.

Scholz’ Reflex, in der Harmonie-­Liga spielen zu wollen, ist edel: Hier sind all die herz­erwärmenden Prinzipien des „Teambuilding“ am Werk. Was vergessen wird, ist, dass man sich Großmut nur dann leisten kann, wenn man bereits gewonnen hat. Leider ist die Welt wieder (oder noch immer) in einem Nullsummenspiel gefangen, das sich um die großen Spieler dreht. Ein machtpolitischer „Weltmeisterschaftsmoment“, in dem es darum geht, wer die globale Ordnung bestimmt, kommt nur einmal alle hundert Jahre vor. Der siegreichen Mannschaft fällt alles zu, und die Verlierer werden womöglich über Generationen hinweg auf eine Neuauflage warten müssen. Es kann sich behaglich anfühlen, Teil einer Mannschaft zu sein. Aber der Wettbewerb draußen ist brutal. Wer verliert, verliert.
 

Als Gewinner auftreten

Drittens: Dem Kanzler liegt besonders viel daran, dem Globalen Süden zu signalisieren, dass er sich der früheren Sünden seines Teams bewusst ist – er versteht, dass sich nicht jedermann in Asien, Afrika oder Lateinamerika über eine Wiederholung des Kalten Krieges oder gar einen Sieg des Westens freuen würde. Wenn wir den Subtext seiner UN-Rede vom September 2023 richtig verstanden haben, betrachtet er die Art, wie der Westen den Kalten Krieg durch Putsche und verdeckte Kriege gewonnen hat, als dunklen Flecken auf seiner Reputation. Und nach seiner Zeit als Finanzminister zu urteilen, glaubt Scholz, dass der Westen es in der Zeit nach dem Kalten Krieg versäumt hat, seine Überrepräsentation bei den Vereinten Nationen und den Institutionen von Bretton Woods zu beenden. Er ist überzeugt, dass er eine neue Mannschaft aufbauen kann, indem er diese Sünden korrigiert.

Öffentliche Buße ist allerdings kein geeigneter Weg, um neue Teammitglieder zu gewinnen. Es ist der Erfolg, dem andere Länder nacheifern wollen. Dabei sind sie sich durchaus darüber im Klaren, dass die Mittel zum Erfolg nicht immer so edel sind wie die Ziele. Ebenso wissen sie, dass jeder Club, dem beizutreten sich lohnt, an seinen Privilegien festhält. Wenn Deutschland und seine derzeitigen Teammitglieder ihre Sitze in den globalen Institutionen aufgäben, wäre dies nur ein Beweis dafür, dass ihr Rezept für die Zukunft naiv ist und sie keine Belohnung erwarten können. Wenn Deutschland neue Partner anziehen will, muss es zeigen, dass es den Appetit und die Fähigkeit hat, in der Ukraine und auf vielen anderen Schauplätzen zu gewinnen.
 

Wer verliert, gibt seiner Angst Recht

Viertens: Angesichts der Möglichkeit, dass ein Donald Trump (erneut) oder eine Marine Le Pen an die Macht kommen, würde Scholz wahrscheinlich trotzdem behaupten, es sei umsichtige Politik, sich gegen die USA oder Frankreich abzusichern. Er glaubt an „Risikoverminderung durch Diversifizierung“. Das bedeutet, dass er von Deutschlands Ruf, langsam und stetig zu sein, profitieren will und auf Länder zugeht, die sich nach einer Quelle der Stabilität in der Welt sehnen. Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, der Kanzler würde insgeheim auf jemanden wie Le Pen oder Trump hoffen, nur um sagen zu können: „Ich habe es euch ja gesagt.“ Als jemand, der stolz ist auf seinen intellektuellen Scharfsinn, hat Scholz heftige Kritik einstecken müssen für sein Versäumnis, sich bedingungslos hinter die USA zu stellen oder ein Tandem mit Frankreich zu schmieden.

 

Bei einer „Grand Strategy“ geht es darum, die Mittel mit den Zielen zu verknüpfen und über die Wege nachzudenken, um sie zu verbinden

 

Womöglich wird er sogar recht behalten – aber nur, weil es die Deutschen so oft schaffen, dass sich ihre düsteren Prophezeiungen erfüllen. Es passiert nur sehr selten, dass Deutschland sein Team motiviert und eine positive internationale Reformagenda vorschlägt. Es greift zu Drohungen und Ängsten, um sich selbst zum Handeln zu motivieren. Es weicht nur dann vom Status quo ab, wenn dieser schon völlig unhaltbar geworden ist. Und es übernimmt nur dann die Führung, wenn es sich selbst davon überzeugt hat, dass der Rest der Mannschaft unfähig ist. Mit anderen Worten: Deutschland arbeitet auf eine Welt hin, in der der Westen und seine Ordnung zum Untergang verurteilt sind. Dieses Verhalten schadet den Chancen des Westens enorm, und es schürt den Germano-Skeptizismus, der vielen von denen, die hinter Trump und Le Pen stehen, so leicht fällt. Deutschland muss herausfinden, welche Ergebnisse es anstrebt, und sich dann mit denen zusammenfinden, die dazu beitragen können, sie zu erreichen.

Zur „Team-Macht“ werden

Fünftens: Die deutsche Außenministerin hat versucht, dem Begriff „Teampower“ Bedeutung einzuhauchen, vielleicht weil sie spürt, dass er im In- und Ausland gut ankommt. Aber wenn es innenpolitischen Zuspruch für die Vorstellung von Deutschland als Teamplayer gibt, dann aus anderen Gründen als in der restlichen Welt: In den Ohren deutscher Wählerinnen und Wähler nimmt der Begriff ein Stück der Härte weg, die sonst zur Macht gehört, nämlich die Notwendigkeit, die deutschen Interessen klar zu artikulieren und zu erklären, wie man sie erreichen will. Dadurch beraubt sich diese Regierung aber selbst der Sinnhaftigkeit ihres Tuns.

Deutschland redet viel über „vernetztes Regieren“ in der internationalen Sphäre; dies war ein Hauptversprechen der Koalition. Aber die Regierung scheut vor dem zurück, was Vernetzung wirklich bedeutet – die Koordinierung der militärischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Hebel für einen gemeinsamen Zweck. Deutschland will alle Einzelelemente einer „Grand Strategy“ verwirklichen, nicht aber die Gesamtstrategie selbst. Das muss aufhören.

Bei einer „Grand Strategy“ geht es darum, die Mittel (Geld und Fähigkeiten) mit den Zielen (positive internationale Ziele) zu verknüpfen und über die Wege nachzudenken (die Optionen und Stile), um sie zu verbinden. Und es geht darum, ein starkes nationales Narrativ für seine Bürger und möglichen Partner zu erschaffen, das erklärt, wofür Deutschland steht und wohin es geht.

„Team-Macht“ ist nur ein anderer Name für eine deutsche Gesamtstrategie, und sie ist das beste Mittel, um einer ungewissen Zukunft zu begegnen.

Aus dem Englischen von Bettina Vestring

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 1, Januar/Februar 2024, S. 34-37

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Mehr von den Autoren

Dr. Roderick Parkes ist Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik; er leitet auch deren Alfred von Oppenheim-Zentrum für Europäische Zukunftsfragen.