01. Mai 2012
Brief aus

Schluss mit dem Schlendrian

Unter Mario Monti krempelt Italien die Ärmel auf

Ein Mittagessen in einer römischen Residenz. Zu meiner Linken sitzt eine Prinzessin aus einem jener Geschlechter, die vor Jahrhunderten einen Papst hervorgebracht haben. Rechter Hand tafelt Elsa Monti, die Frau des Regierungschefs. Sie erzählt, wie es sich so wohnt im Palazzo Chigi, dem Amtssitz des Ministerpräsidenten.

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„Der Palazzo wurde einst von der Familie meines Mannes gebaut“, berichtet stolz die Prinzessin. Frau Monti nickt zerstreut. Dann zeichnet sie den Grundriss der Dienstwohnung auf die Menükarte: ein riesiger Salon, ein Esszimmer, eine Küche und nur ein einziges Schlafzimmer.

Total unpraktisch, klagt Elsa Monti: „Wenn ich meinem Mann abends das Essen aus der Küche ins Speisezimmer bringe, muss ich immer durch das Schlafzimmer.“ Die Prinzessin echauffiert sich: „Wie bitte? Habe ich richtig verstanden: Sie selbst bringen das Essen? Ja haben Sie denn etwa kein Personal?“ Freundlich antwortet Frau Monti: „Italien muss sparen. Da kann ich doch kein Geld für eine Köchin verschwenden.“

Ein neuer Geist weht nach dem Abgang von Silvio Berlusconi durch das Land. Es ist der Geist von Rechtschaffenheit und Sparsamkeit, er ist streng, fast ein bisschen protestantisch. Ein Regierungschef, für den die eigene Ehefrau das selbstgekochte Essen warm hält – das wäre bis vor wenigen Monaten in Rom nicht nur undenkbar gewesen, sondern fast schon skandalös. Wer hier was auf sich hält, der leistet sich Personal. Selbst zu kochen, trauen sich noch nicht einmal stadtbekannte Exzentriker. Wie würde das denn aussehen? Doch seit die Montis in den Palazzo Chigi zogen, sind aufgekrempelte Ärmel und Spaghetti nach Art des Hauses der letzte Schrei.

Nach fast 20 Jahren Berlusconi stoßen die Italiener zwar keine Denkmäler vom Sockel, aber die Entsorgung des Berlusconismus’ betreiben sie schon ziemlich gründlich. Seinen Reichtum mit rauschenden Partys, Luxusimmobilien und -fahrzeugen sowie immer jünger werdenden Gespielinnen zur Schau zu stellen, ist hoffnungslos out. In sind lange Arbeitstage, Wohnungen ohne Dienstmädchenzimmer und Erst-Ehefrauen. Also alles das, was sich ein Durchschnittsbürger auch leisten kann.

Berlusconi baute seinen politischen Erfolg auf das Versprechen, die Italiener vom Staat zu befreien. Er wetterte gegen Richter und Staatsanwälte, gegen Bauvorschriften und Steuergesetze. Früher galt Steuerhinterziehung als „furbo“ (schlau). Heute aber steht ziemlich dumm da, wer von der Finanzpolizei erwischt wird. Deren Kontrollen sind neuerdings flächendeckend und erbarmungslos. Auf den Autobahnen winken die Polizisten Luxusgefährte heraus – nicht etwa, weil deren Fahrer zu schnell gefahren wären. Sondern um zu kontrollieren, ob die sich laut Steuererklärung überhaupt ein teures Auto leisten können.

Angebliche Invaliden

In den Boutiquen von Capri und Cortina d’Ampezzo wird auf einmal Kassensturz betrieben. Und in den Postämtern Neapels wartete die Guardia di Finanza in Zivil auf alle, die dort ihre Berufsunfähigkeitsrente abholen wollten. Wer da ein falsches Leiden vortäuschte, wurde umgehend abgeführt. Und damit nicht genug – die Finanzpolizei gab die Namen der angeblichen Invaliden an die Lokalpresse weiter. Am nächsten Tag standen sie buchstäblich am Pranger.

Genau das ist der Sinn der spektakulären Kontrollaktionen: Nach vielen Jahren mehr oder weniger wohlwollenden Schlendrians sollen die Bürger jetzt spüren, dass es kein Kavaliers-delikt ist, den Staat zu betrügen. 2011 stellte die Finanzpolizei zwölf Milliarden Euro sicher, in diesem Jahr soll die Steuerhinterziehung noch weit entschiedener bekämpft werden. Im Gegenzug stellt die Regierung Steuererleichterungen in Aussicht: Wenn alle zahlen, können alle weniger zahlen.

In Sachen Transparenz geht das Kabinett mit gutem Beispiel voran, Verdienst und Vermögen der Minister wurden ins Internet gestellt. So kann jeder Bürger sehen, dass Mario Monti mit 1,5 Millionen Euro in 2011 zwar nicht schlecht verdient hat, mit Silvio Berlusconi und dessen 48 Millionen aber nicht konkurrieren kann. Im Gegensatz zu Berlusconi verzichtet Monti auf sein Gehalt als Ministerpräsident.

Obwohl sein Programm „Sparen und Steuern zahlen“ nicht besonders populär klingt, genießt Mario Monti in der Bevölkerung höchstes Ansehen. Über 60 Prozent der Italiener begrüßen seine Regierungsarbeit, Italien scheint eine regelrechte Lust am Abtragen seiner Schulden zu entwickeln. Der Professor könnte laut Umfragen die 2013 anstehenden Wahlen gewinnen, wenn er kandidieren würde.

Doch Monti will nicht. Wenn die Arbeit des Großreinemachens erledigt ist, will er nach Mailand zurück, wo er zuletzt als Rektor der renommierten Bocconi-Universität arbeitete. Und wo seine Frau auf dem Weg von der Küche ins Esszimmer nicht mehr durchs Schlafzimmer laufen muss. Zurücklassen werden die Montis dann ein halb saniertes und vollkommen ratloses Land, dessen Bürger sich gerade daran gewöhnt hatten, wieder Bürger zu sein. Und das unter einer Regierung, die sie gar nicht gewählt hatten.

BIRGIT SCHÖNAU ist Italien-Korrespondentin der ZEIT. 2011 erschien ihr Buch „circus Italia – aus dem Inneren der Unterhaltungsdemokratie“.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2012, S.126-127

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