Porträt

03. Januar 2022

Schlaflos in Paris

Wahlkampf und EU-Vorsitz: Frankreich startet dynamisch ins Jahr 2022. Gut, dass der Europa-Staatssekretär mit wenig Nachtruhe auskommt. Clément Beaune wird in Brüssel für „europäische Souveränität“ werben – ein Konzept, das er miterfunden hat.

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Bild: Porträt von Clement Baeune
Rotwangiger Routinier: Seine 40 Jahre sieht man Clément Beaune nicht an. Doch Macrons Mann für Brüssel gehört seit Jahren zum engsten Zirkel des Präsidenten.
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Vor Kurzem wurde Clément Beaune gefragt, wie er das denn alles schaffen wolle im neuen Jahr – wenn am 1. Januar 2022 die französische EU-Rats­präsidentschaft beginne und gleichzeitig die heiße Phase des Präsidentschaftswahlkampfs starte. „Ich werde versuchen, weniger zu schlafen“, antwortete Beaune, „aber natürlich betrachte ich die EU-Ratspräsidentschaft als meine vorrangige Mission.“


Das ist eine klassische ­Beaune-Antwort. Irgendwie wird es schon gehen, so wie ja bisher immer alles gut ausgegangen ist – sein Wechsel aus den Kulissen der Macht ins Außenministerium und ins politische Rampenlicht. Ebenso wie seine nächtelangen Gespräche in Brüssel im Sommer 2020, als es darum ging, die Partner vom europäischen Wiederaufbaupakt zu überzeugen. Er habe damals zwei Nächte lang nicht geschlafen, erzählte Beaune wenige Wochen später in seinem Büro mit Blick auf die Seine und die Gärten des Außenministeriums am Quai d’Orsay. Damals war er gerade erst dort eingezogen und dabei, neue Möbel auszusuchen.


Clément Beaune, 40 Jahre alt, ist erst seit eineinhalb Jahren Staatssekretär für Europa im Quai d’Orsay. Aber er weiß, dass er sich in schwierigen Situationen auf sich selbst verlassen kann. Und Frankreichs Ratspräsidentschaft, die erste seit 2008, wird schwierig werden.


Seit Monaten laufen die Vorbereitungen im Ministerium. Große Teile eines Entwurfs für den geplanten Digitalpakt, so ist aus Beaunes Büro zu hören, sollen schon vorliegen. Denn de facto bleiben Paris ab dem 1. Januar nur drei Monate, um Ergebnisse vorzuweisen. Am 10. und 24. April finden die beiden Wahlgänge der Präsidentschaftswahlen statt – bis dahin würde Emmanuel Macron, der ein souveränes, stärkeres Europa zu einem zentralen Thema seiner Präsidentschaft gemacht hat, gern Erfolge präsentieren. Clément Beaune ist der Mann, der ihm dabei helfen soll.


Man unterschätzt den 40-Jährigen leicht, weil er jünger aussieht  und weil sich bei Interviews noch ab und an seine Wangen röten. Ihn nicht ernst zu nehmen aber wäre ein Fehler. Beaune gehört seit Jahren zum engsten Zirkel um Präsident Macron. Viele Berater der ersten Stunde haben den Élysée-Palast inzwischen verlassen; Clément Beaune blieb. Seit acht Jahren arbeitet er für Macron – das Magazin Paris Match nannte ihn in einem mehrseitigen Porträt den „Chouchou“, den Liebling des Präsidenten.


Der heutige Staatsminister absolvierte die klassische Ausbildung der französischen Eliten: Er besuchte die Elitehochschule Sciences Po in Paris, anschließend die Verwaltungshochschule ENA in Straßburg. Emmanuel Macron kennt er aus dessen Zeit als Wirtschafts- und Finanzminister, schon damals arbeitete er in seinem Team. 2016 schrieb Beaune für den Wahlkämpfer Macron eine seiner ersten großen Reden. In ihr kam bereits der bis heute zentrale Begriff der „europäischen Souveränität“ vor.
Nach seinem Sieg im Mai 2017 holte Macron Beaune in den Élysée-Palast und machte ihn zu seinem europapolitischen Berater. Beaune war seither an allen großen Europaauftritten des Präsidenten beteiligt. Er schrieb maßgeblich an Macrons berühmter Sorbonne-Rede mit, in der Macron im September 2017 die europäische Idee verteidigte und Deutschland aufforderte, gemeinsam ein Paket gewaltiger Reformen anzuschieben. Die Rede war der Urknall einer neuen, ambitionierten Europapolitik – und eine Kampfansage an die Europaskeptiker inner- und außerhalb Frankreichs.


Deutschland brauchte lange, um auf Macrons Vorschläge zu reagieren. Erst in der Pandemie im Frühjahr 2020 sollte sich Kanzlerin Angela Merkel überwinden, das selbst auferlegte Tabu zu brechen und einer gemeinschaftlichen Verschuldung auf europäischer Ebene zustimmen. „Die Schuldenaufnahme bleibt ein sensibles Thema in Deutschland“, sagt Beaune dazu. Doch die Idee, dass Europa bereit sei „für ein solidarisches Handeln in Budgetfragen, das sehe ich als eine Errungenschaft, die uns niemand mehr nehmen kann.“


Er habe eine besondere Beziehung zu Deutschland, erzählt ­Beaune in seinem Büro. Dort habe er zum ersten Mal verstanden, was Europa bedeute. Seine Eltern waren im Juli 1990 mit ihm nach Ostberlin gefahren. „Ich verstand damals nicht alle Details, ich war noch nicht mal neun Jahre alt. Aber ich weiß noch, wie beeindruckt ich war von diesem No man’s land mitten in der Stadt. Ich fragte meine Eltern, was da los sei. Sie erklärten mir, dass die Menschen hier sich für Europa und die Demokratie entschieden und dafür gekämpft hatten.“


Reisen ohne Unterlass

Knapp drei Jahrzehnte später setzt sich Clément Beaune für ein Europa ein, das auch die kleinen Mitgliedsländer ernst nimmt – keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das von gaullistisch-mitterrandistischem Denken geprägt ist und Europa stets auch als Mittel sah, die eigene Größe zur Geltung zu bringen.


Als Europaberater überredete Beaune den Präsidenten, auch nach Dänemark, Finnland und Polen zu reisen; er selbst fuhr damals ohne Unterlass in Europas Hauptstädte und lernte die Namen deutscher Ministerpräsidenten auswendig. Frankreich habe sich zu lange so verhalten, als habe die EU nur sechs oder zwölf, nicht 27 Mitgliedstaaten, sagt Beaune heute: „Aber man ändert die Realität nicht, indem man sie negiert.“


Mit Blick auf die französische EU-Ratspräsidentschaft hat ­Beaune­ eine Studie in Auftrag gegeben, die unter anderem das Bild Frankreichs bei seinen Nachbarn untersuchte. Der 300-Seiten-Bericht, verfasst von einem Berater des Pariser Jacques-Delors-In­stituts, empfiehlt Frankreich für die Präsidentschaft mehr Demut und weniger Inszenierung, „mehr Robert Schuman und weniger Victor Hugo“. Die Empfehlung ist auch eine diskrete Aufforderung an Präsident Macron, sich mit weniger Pathos an den Rest der Europäer zu wenden.


Inhaltlich soll es ab Januar um drei Schwerpunkte gehen: „Relance, puissance, appartenance“, um eine Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft, ein eigenständig handelndes Europa und eine stärkere europäische Identität. Außerdem will Beaune für Europa eine ehrgeizigere Klimapolitik vorantreiben, den digitalen Ausbau fördern und eine soziale Agenda Europas neu definieren.


Über all dem wird ein Schlüsselwort schweben. Präsident Macron nennt es eine neue „strategische Autonomie“, sein Europa-Staatsminister spricht lieber von europäischer Souveränität: „Das ist positiver besetzt“, sagt Beaune. Der alte Wunsch nach mehr Souveränität, neu beflügelt durch die Pandemie, gilt für eine digitale und technologische Unabhängigkeit Europas, aber auch für eine besser abgestimmte europäische Außenpolitik.  


Statt nur über Konzepte zu diskutieren und nicht zur Tat zu schreiten, brauche man „endlich konkrete Schritte in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik“, forderte Beaune im September, nachdem die Australier einen geplanten U-Boot-Deal mit Frankreich einseitig aufgekündigt hatten und ein neues Bündnis mit den USA und Großbritannien eingegangen waren. Von einem „notwendigen Weckruf“ für alle Europäer sprach Beaune damals.


„Wir dürfen nicht naiv sein“, wiederholte er vor Kurzem. Wenn Großbritannien gegen Abmachungen des Brexit-Abkommens verstoße, wenn es eine Krise in Belarus gebe, dann könne Frankreich allein reagieren. „Aber sehr viel effizienter wäre es, wenn wir das auf europäischer Ebene tun.“


Kurz nach seinem Amtsantritt 2020 hatte Beaune sein Ministerium als einen Ort bezeichnet, von dem aus der Kampf für Europa und gegen den Rechtspopulismus zu führen sei. Die europafeindlichen Äußerungen der konservativen und rechtsradikalen französischen Präsidentschaftskandidaten schockieren ihn. Er will dagegen ein Zeichen setzen und beweisen, dass man mit Europa auch Wahlen gewinnen kann.

 

Britta Sandberg ist Frankreich-Korrespondentin des Spiegel in Paris. Zuvor war sie u.a. Leiterin des Spiegel-Auslandsressorts sowie Reporterin, Moderatorin und leitende Redakteurin bei Spiegel-TV.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2022, S. 9-11

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