Perspektiven

04. Mai 2026

Risiken der Abschreckung

Die Zahl konventioneller Raketen in Europa wird in den nächsten Jahren massiv ansteigen. Können sie Deutschland auch wirksam vor nuklearer Bedrohung schützen? 

Lucian Bumeder
Tobias Fella
Bild
Bild: Boden-Luft-Rakete vom Typ MIM-14 Nike-Hercules für die Luftverteidigung
Die Beschaffung konventioneller Raketen schreitet rapide voran, auch Europa folgt hier einem weltweiten Trend; das Bild zeigt eine Boden-Luft-Rakete vom Typ MIM-14 Nike-Hercules für die Luftverteidigung.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Wiederwahl von US-Präsident Donald Trump haben die sicherheitspolitische Realität Europas grundlegend verändert. Militärische Gewalt ist wieder zu einem zentralen Element der internationalen Ordnung geworden und wird mit dem konventionellen Rückzug der USA aus Europa zunehmend von den europäischen Staaten selbst bereitgestellt. 

Nach vier Jahren Zeitenwende zeichnet sich die Richtung des NATO-Abschreckungsdispositivs ab: Während die personelle Ausweitung der Streitkräfte begrenzt bleibt, schreitet die militärische Beschaffung konventioneller Raketen rapide voran. Zwar werden die Details noch industriepolitisch verhandelt, doch das Gesamtbild ist klar: In den nächsten Jahren werden Tausende konventioneller Raketen in Europa eintreffen und ein Spek­trum von 80 bis 3000 Kilometer abdecken.

Europa folgt damit einem weltweiten Trend, der ein Kernelement des „Dritten Nuklearzeitalters“ darstellt, in dem sich nukleare und konventionelle Fähigkeiten gegenseitig beeinflussen. Doch bislang fehlt in Deutschland – zumindest im öffentlichen Raum – eine Einbettung der Beschaffungen in eine klar formulierte Abschreckungsstrategie. Neben dem gewollten Risiko einer gestärkten Abschreckung gegenüber Russland entstehen dadurch ungewollte Risiken für Eskalationskontrolle, Allianzzusammenhalt und Rüstungsspiralen. 

Konventionelle Abschreckung funktioniert anders als nukleare, weil die Zerstörungskraft einzelner Sprengköpfe sehr viel geringer ist. Dadurch ist auch der Nutzen von Raketenabwehr höher, selbst bei begrenzten Abfangraten. Es können drei Logiken unterschieden werden, die sich an Konzepten der nuklearen Abschreckung bedienen. Die europäische Beschaffung gibt Hinweise darauf, welchen strategischen Kurs die Staaten einschlagen – und wo er unklar bleibt.


Militärische Überlegenheit nutzen

Die erste Logik orientiert sich an der Kriegsführung. Der Fokus liegt auf operativer militärischer Überlegenheit, schneller Reaktion und der gezielten Bekämpfung militärischer Ziele. Abschreckung ergibt sich daraus, dass ein Angreifer seine Ziele nicht militärisch erreichen kann oder den Kontrollverlust über die eigene Verteidigung fürchten muss.

In einer offensiven Variante sind zu Beginn des Konflikts Fluggeschwindigkeit, Präzision und geringe Radarsignatur von Raketen entscheidend, um Luftraumverteidigung zu zerstören und spätere Angriffe mit günstigerer Munition mit kürzerer Reichweite zu erlauben. Voraussetzung sind zudem satellitengestützte Aufklärung und KI-unterstützte Zielplanung, um ein überwältigendes Maß an Angriffen  in der Anfangsphase durchzuführen.

Drei Logiken der Abschreckung sind zu unter­scheiden: Kriegsführung, Ver­geltung, Eskalation

Dies ist der typische Ansatz einer technologisch überlegenen Macht wie den USA, der sich im aktuellen Krieg gegen den Iran zeigt. Auch europäische Beschaffung bewegt sich in diese Richtung: Neben zusätzlichen Taurus-Marschflugkörpern und der Weiterentwicklung erwirbt Deutschland die norwegische JSM-Rakete für die Luftwaffe im Kurzstreckenbereich bis 500 Kilometer, dazu JASSM-ER für die F-35 bis 1000 Kilometer. Polen beschafft bis zu 800 JASSM-ER, Finnland 200, Italien nochmal 100. Zudem beteiligt sich Berlin mit Tyrfing, ELSA und in Kooperation mit Großbritannien an Programmen im Mittelstreckenbereich über 2000 Kilometer, deren Inbetriebnahme in den 2030er Jahren erwartet wird. Auch die geplante US-Stationierung von Tomahawk, ballistischen SM-6 und dem Hyperschallgleiter LRHW ab diesem Jahr fällt in diese ­Kategorie.

In einer defensiven Variante, die für ein Europa ohne umfassende US-Unterstützung relevant wäre, liegt der Schwerpunkt auf der Zerstörung gegnerischer Logistik- und Munitionsknoten sowie frontnaher Luftraumverteidigung, um jedes offensive Momentum zu unterbinden. Im Rahmen einer europäischen Sammelbestellung sollen bis zu 500 EuroPULS mit Raketen von 150 Kilometer Reichweite beschafft werden, samt einer Fertigungskette in Deutschland; Polen ergänzt dies mit einer koreanischen Raketenbestellung für vier Milliarden US-Dollar mit Reichweiten um 80 Kilometer. Bereits solche Reichweiten erzwingen die Aufteilung logistischer Infrastruktur. Tiefer reichende Waffen dienen der Zerstörung von Drohnen-, Raketen- und Munitionsfabriken, um Schaden in einem längeren Konflikt und den Verbrauch eigener Abfangraketen zu begrenzen.


Größtmöglichen Schaden verursachen

Die zweite Logik ist vergeltungsorientiert. Einem Angreifer werden hohe Kosten durch Schläge gegen wirtschaftliche oder politische Zentren angedroht. Abschreckung entsteht durch die glaubwürdige Aussicht auf schmerzhafte Vergeltung, die den Nutzen des Krieges überwiegt oder zumindest einen hohen Preis fordert. Die Masse von Raketen und Drohnen ist wichtiger als Präzision und Geschwindigkeit, da sich Angriffe gegen statische und ungeschützte Ziele richten. 

Europa und Russland bieten zahlreiche potenzielle Ziele, etwa den Schiffsverkehr in der Ostsee und vulnerable In­frastruktur; in Russland kommen strategische nukleare Strukturen dazu. Die jüngsten iranischen Angriffe auf Energie- und Exportinfrastruktur im Persischen Golf und die damit verbundene Störung der Straße von Hormus sind ein Beispiel für diese Logik in der Praxis.

Ballistische Mittelstreckenraketen mit Submunition wie die russische Oreschnik besetzen hier eine Nische, da sie trotz Ungenauigkeit Schaden in urbanen Zentren anrichten können. Welcher Logik ein System dient, entscheidet sich aber letztendlich nicht über seine Spezifikation, sondern über die Zielauswahl. Auch genaue, teure Raketen wie die von den Niederlanden für ihre Marine beschafften etwa 160 Tomahawk mit Reichweiten von 1600 Kilometer können Schaden an vulnerablen Zielen anrichten.


Nuklearer Erpressung entgegenwirken

Die dritte Logik orientiert sich an strategischer oder katalytischer Eskalation und ist primär gegen nukleare Bedrohungen oder Erpressung ausgerichtet. Konventionelle Langstreckenwaffen kompensieren das Fehlen eines eigenen Nukleararsenals und bedrohen explizit strategisch sensible Ziele wie die politische Führung, nukleare Kommando- und Frühwarnzentren oder das Nukleararsenal des Gegners. Abschreckung entsteht durch Furcht vor einer Eskalation, die nicht mehr zu kontrollieren ist, und durch Sorge um das eigene Überleben. Ähnlich wie latente Proliferationsdrohungen übt Sorge vor nuklearer Eskalation auch Druck auf Supermächte aus, deeskalierend in den Konflikt zu intervenieren. Ein Beispiel sind südkoreanische Drohungen gegen den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un und dessen Nuklearstreitkräfte.

Die Kräftestruktur zeichnet sich durch kostspielige Systeme mit hoher Geschwindigkeit und geringer Vorwarnzeit sowie der nötigen Reichweite und Durchschlagskraft aus, um Regierungs-, Wohn- und Bunkeranlagen zu erreichen. Beispiele sind konventionelle ballistische Schwerlastraketen oder luftgestartete ballistische Raketen. Für glaubwürdige Drohungen gegen Nuklearstreitkräfte übersteigt die Zahl eigener Abschussrampen idealerweise die der vermuteten gegnerischen Nuklearsprengköpfe, um einen Entwaffnungsschlag zumindest theoretisch plausibel zu machen.


Das Problem der Unentschlossenheit

Am ehesten fallen europäische Beschaffungen in die Logik der Kriegsführung – wobei große Unklarheit herrscht, wie eine offensive Ausrichtung ohne Beteiligung der USA aussehen würde und wie effektiv sie wäre. Öffentlich äußern sich Politiker eher vage. Aussagen wie die von Verteidigungsminister Boris Pistorius, dass ein Angriff auf NATO-Gebiet für Russland einen so hohen Preis hätte, dass das Risiko nicht mehr kalkulierbar wäre, weisen direkt auf katalytische Logik hin.

Auch wenn der deutsche und europäische Ansatz Abschreckung stärken: Es fehlt eine klare Richtung

Positiv gesehen verbinden der deutsche und der europäische Ansatz Elemente aller drei Logiken und stärken dadurch Abschreckung gegen unterschiedliche Bedrohungsszenarien. Negativ betrachtet fehlt eine klare Richtung. Zwar bietet eine gewisse Vagheit über genaue Reaktionen im Sinne strategischer Ambiguität Vorteile; langfristig erzeugt sie aber Risiken für Eskalationskontrolle, den Bündniszusammenhalt und innenpolitischen ­Rückhalt.

Im Gegensatz zum Kalten Krieg hat heute nicht die NATO, sondern Russland ein Interesse daran, das nukleare Risiko hochzuhalten. Die westliche Abschreckung basiert darauf, unterhalb der nuklearen Schwelle geschlossen als Allianz agieren zu können. 
Der massive Zuwachs an Raketenfähigkeiten beeinflusst diese Kalkulation in zwei Aspekten: der nuklear-konventionellen Verflechtung und dem Management der nuklearen ­Schwelle.


Nuklear-konventionelle Verflechtung

Eine moderne Luftkampagne ist eng mit Systemen verstrickt, die nukleare Relevanz haben. Ein Angriff beginnt mit der Zerstörung von Radaren für Raketenwarnung und Luftraumverteidigung. Folgende Schläge auf russische Iskander-Abschussrampen treffen bewusst oder unbewusst Einheiten mit nuklearer Mission und finden zwangsweise in geografischer Nähe zu Depots für substrategische Nuklearwaffen statt. Ab einem gewissen Maßstab lässt sich schwer unterscheiden, ob ein Angriff einen konventionellen Zweck verfolgt oder einen nuklearen Entwaffnungsschlag vorbereitet.

Angriffe der Ukraine gegen russische strategische Bomber und Frühwarnradare haben gezeigt, dass Russlands rote Linien deutlich weiter gefasst sind, als es die öffentliche Darstellung vermuten lässt – und dass der Kontext von Angriffen auf nuklear relevante Infrastruktur dabei eine große Rolle spielt. Ein NATO-Russland-Konflikt hätte mit der Größe der neuen Arsenale einen anderen Kontext: Tausende gleichzeitige Angriffe über eine größere Fläche, der mögliche Verlust von Kontrolle über den eigenen Luftraum und die direktere Beteiligung der USA heben den Konflikt in eine andere Kategorie als ein beschränkter Einzelangriff der Ukraine und machen einen Nukleareinsatz glaubwürdig.

Die strategische Funktion der neuen Raketen muss nach innen und außen ­erklärt werden

Ein Kernproblem von Drohungen durch Rhetorik und neue militärische ­Fähigkeiten liegt darin, dass sie schon auf Krisenstabilität wirken, bevor sie eingesetzt werden. Wie Nuklearwaffen schaffen auch Präzisionsraketen Anreize für einen frühen, überraschenden und großflächigen Angriff: Das wurde sichtbar in Israels militärisch erfolgreicher Kampagne vergangenes Jahr gegen den Iran. 

Damit werden neue Use-it-or-lose-it-Dynamiken geschaffen: Für Russland wäre es beispielsweise attraktiv, westliche Luftkampagnen offensiv durch frühe Angriffe auf Satelliteninfrastruktur und Luftwaffenstützpunkte zu behindern. Defensiv wüchse der Druck, strategische und substrategische Streitkräfte frühzeitig zu verteilen, nukleare Sprengköpfe aus Lagern an Raketeneinheiten zu übergeben oder gar Entscheidungskompetenz über Nukleareinsatz an Offiziere zu delegieren, um nukleare Abschreckung nach einem versuchten Enthauptungsschlag zu garantieren. 

All diese Schritte sind weitgehend identisch mit denen, die im Westen als russische Vorbereitung auf einen Nukleareinsatz gelesen würden.


Den Zusammenhalt der Allianz sichern

Zugleich hat die Sorge vor einem Überraschungsangriff Auswirkungen auf Versuche, durch Last-Minute-Diplomatie einen Krieg abzuwenden und den Zusammenhalt einer defensiven Allianz sicherzustellen. Eigene militärische Vorbereitung kann verzögert werden, um kein Eskalationssignal zu senden – wie das Verzögern der ukrainischen Mobilisierung vor der russischen Vollinvasion im Februar 2022. Dieses Dilemma dürfte sich verschärfen, wenn europäische Parlamentsarmeen Mehrheiten für ein Mandat benötigen.


Drei Empfehlungen

Diese Dilemmata waren bislang weitgehend auf die Vereinigten Staaten ausgelagert. Nur sie konnten die russische nukleare Schwelle erreichen und gewährleisteten als dominante Militärmacht Richtung und Zusammenhalt der NATO. 

Im Jahr 2026 trägt diese Rechnung nicht mehr. Mit der Unberechenbarkeit der Trump-Regierung und dem Eintreffen Tausender Raketen über das ganze Reichweitenspektrum muss sich die Abstimmung innerhalb der NATO und mit Russland weiterentwickeln. Drei Schritte wären sinnvoll.

  1. Die europäischen Staaten sollten klare Vorstellungen über Eskalationsszenarien und Mechanismen für Eskala­tionskontrolle entwickeln – einschließlich Szenarien, in denen die USA nicht vollständig intervenieren. Unterschiedliche Prioritäten sollten vor einer Krise mit Bündnispartnern geklärt und mit führenden Parlamentariern abgesprochen werden. Die neuen Raketen erfüllen eine strategische Funktion jenseits klassischer Kriegsführung. Ihre Beschaffung sollte von einer öffentlichen Doktrin begleitet werden, die nach innen wie nach außen Klarheit über die strategischen Absichten schafft – und präventive Aufklärung gegen Desinformation ermöglicht.
     
  2. Es sollten Risikoreduktionskanäle geschaffen werden, die nicht ausschließlich über die Vereinigten Staaten laufen, sondern zum Beispiel über NATO-Strukturen unter europäischem Kommando. Ein Teil dieses Austauschs sollte erfassen, welche Schritte der militärischen Vorbereitung als direkte Angriffsvorbereitung interpretiert würden. Nuklear-konventionelle Verflechtungsrisiken sollten als Dimension in KI-gestützte Zielgenerierung integriert werden. Die transatlantische Unsicherheit erfordert eigenständige europäische Krisenkommunikation und Eskalationskontrolle.
     
  3. Europa sollte interne Interessen zu Rüstungskontrollforderungen an Russland abgleichen und formulieren. Erste Ansatzpunkte wären Beschränkungen für russische Truppenkonzentrationen an der Grenze zur NATO oder für Russlands substrategisches Nukleararsenal. Realistische Forderungen Russlands sind bisher ebenfalls unklar – aber Unklarheit zeichnet den Beginn eines neuen Nuklearzeitalters aus. 

Die transatlantische Unsicherheit erfordert eigenständige europäische Krisenkommunikation

Für Deutschland, das nach den Worten von Bundeskanzler Friedrich Merz die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ entwickeln will, gehen damit besondere Herausforderungen einher. Konventionelle Langstreckenraketen schaffen ein Verhandlungsinstrument, das ganz bewusst für Rüstungskontrolldiplomatie eingesetzt werden kann – und zwar nicht als Zeichen der Schwäche, sondern als strategisch motiviertes Angebot, um Krisen- und Rüstungsstabilität nach europäischen Vorstellungen zu formen. Das wäre der Weg, der zu einer erfolgreichen Gestaltung der Raketen­zeitenwende führt.    

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Mai/Juni 2026, S. 88-93

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Lucian Bumeder

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Lucian Bumeder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Berliner Büro des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH).

Dr. Tobias Fella ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Berliner Büro des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH).

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