01. September 2012

Ringen um Syriens Zukunft

Eine Allianz aus friedlichen Aktivisten und bewaffneten Kämpfern ist die einzige Chance auf Stabilität

Die Zeit nach Assad hat mancherorts bereits begonnen. Sie wird mehr Gewalt bringen, fürchten viele. Umso wichtiger ist es, die Opposition im Land bei der Gestaltung eines Übergangs zu unterstützen und sie gegen den Einfluss radikaler Kräfte zu stärken. Damit am Ende nicht Al-Kaida, sondern die Syrer selbst über ihr Schicksal entscheiden.

In Syrien herrscht Krieg. Das, und nur das, wissen wir mit Sicherheit, erklären uns die Medien. Dabei demonstrieren noch immer jeden Tag Tausende friedlich, nicht nur an vermeintlich sicheren Orten, sondern auch mitten im Kampfgebiet. Wenn mit Einbruch der Dunkelheit die Kampfjets und Hubschrauber des Regimes ab­drehen und die Schüsse in den Häuserschluchten der umkämpften Wohngebiete verhallen, kommen die Demonstranten. In den großen Städten Damaskus, Aleppo, Homs, Hama und Deir Al Zor sowie in den vielen kleinen und größeren Ortschaften der Provinz singen und tanzen die Menschen Abend für Abend für die Freiheit.

Aber solange es bewaffnete Rebellen, Bombeneinschläge, explodierende Panzer und getötete Kinder gibt, schaffen es diese Bilder nicht in die Nachrichten. Der Konflikt in Syrien wird deshalb als „konfessioneller Bürgerkrieg“ und „Stellvertreterkrieg regionaler und internationaler Mächte“ wahrgenommen. Das greift jedoch zu kurz.

Noch immer kämpfen in Syrien vor allem Syrer gegen eine Diktatur – die einen mit der Waffe, die anderen mit friedlichen Mitteln. Die USA, Europa, die Türkei, Saudi-Arabien und Katar verfolgen mit ihrer Unterstützung der syrischen Opposition eigene Interessen; Russland, China und der Iran halten aus strategischen Gründen an Präsident Baschar al-Assad fest. Das ändert jedoch nichts an der Tat­sache, dass die Syrer mit ihrer Revolution weit­gehend alleine sind, dass sie den Preis für diesen Freiheitskampf zahlen und ihr Regime aus eigener Kraft stürzen müssen. Auch wenn die wachsende Präsenz ausländischer Kämpfer und radikalislamischer Gruppen besorgniserregend ist, sehen wir noch immer keinen Krieg der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit gegen Alawiten und Christen, sondern einen blutigen Kampf zwischen Assad-loyalen Regimekräften und oppositionellen Teilen des syrischen Volkes.

Das, was in dieser Situation Hoffnung macht, ist der zivile Widerstand. Tausende überwiegend junger Aktivisten halten eine Protestbewegung am Laufen, die seit anderthalb Jahren einem brutalen Machtapparat trotzt. Nach den Erfahrungen in Tunesien und Ägypten verhindert das syrische Regime seit Beginn der Proteste im März 2011 effektiv das Besetzen öffentlicher Plätze und Aufmärsche von Menschenmassen auf breiten Hauptstraßen. Syriens Revolution besteht deshalb aus täglich Hunderten von kleineren und größeren Demonstrationen in den engen Gassen ihrer ärmlichen Wohngebiete. Dieser Flickenteppich des gewaltlosen Widerstands entwickelt weder eine durchschlagende Dynamik, die das Blatt wenden könnte, noch die notwendige mediale Wucht.

Die syrische Revolution wirkt deshalb auf den außenstehenden Betrachter schäbig, blutig und begrenzt. An manchen Orten können Proteste nur im Schutz der Dunkelheit stattfinden, Aktionen im Zentrum von Damaskus dauern meist nur Minuten, denn sobald Polizei, Militär oder Schläger anrücken, zerstreuen sich die Demonstranten. Da diese Proteste keine unmittelbare Wirkung und wenige Zeugen haben, ist das Wichtigste, sie zu filmen. Doch auch das birgt Gefahren. Aus Sicherheitsgründen werden die Demonstranten deshalb oft nur von hinten gefilmt: Die Menschen halten ihre Schilder verkehrt herum in die Luft, sodass ihre Sprüche nicht von vorne, sondern nur für die späteren Betrachter des Videos lesbar sind.

Die meist unspektakulären Filme erwecken den Eindruck, die Revolution in Syrien sei eine ziemlich isolierte und wenig populäre Angelegenheit. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Wenn man sich die Masse und Frequenz der Demonstrationen ansieht und die Bedingungen klarmacht, unter denen sie stattfinden, zeigt sich der wahre Charakter dieser Revolution. Sie hat großen Rückhalt in der Bevölkerung, und zwar unter Vertretern aller Gesellschaftsschichten – auch wenn dieser nicht überall sichtbar ist.

Ziviler Widerstand

Viele, die sich nicht auf die Straße trauen, unterstützen den Aufstand im Verborgenen. Unternehmer finanzieren Wohnungen für abgetauchte Aktivisten oder spenden Nahrungsmittel und Kleidung für vertriebene Fami­lien. Ärzte und Apotheker besorgen Medikamente für die Untergrund­kliniken, Geschäftsleute schmuggeln Filmmaterial ins Ausland, wohlhabende Frauen sammeln Geld für Witwen, deren Männer erschossen oder zu Tode gefoltert wurden. Die Revolution mobilisiert ungebildete Bauern und Landarbeiter, aber auch arbeits­lose Akademiker, Studenten und Bildungsbürger. Sie bricht sich an Hunderten von Orten gleichzeitig Bahn; eine föderale Graswurzelbewegung par excellence – mitten aus dem Volk, spontan und antiautoritär.

Da 70 Prozent der Syrer jünger als 30 Jahre sind, gehen vor allem frustrierte Jugendliche auf die Straße, die nichts zu verlieren und deshalb den notwendigen Mut haben. Diese Generation denkt pragmatisch und hat die Nase voll von Ideologien, Hierarchien und Zentralismus. Sie will nicht gehorchen, sondern selbst gestalten. Überall im Land haben sich lokale Komitees und Räte gegründet, die sich in Arbeitsgruppen um die Organisa­tion der Proteste, ihre mediale Verbreitung, die Dokumentation von Opferzahlen, die Versorgung von Verletzten und Flüchtlingen sowie die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Medikamenten kümmern. Damit übernehmen die Aktivisten nicht nur Verantwortung, sondern auch Aufgaben des Staates überall dort, wo dieser nicht mehr funktioniert.

Das deutet auf das Erwachen einer Zivilgesellschaft hin. Nach fast 50 Jahren Unterdrückung, Bevormundung und politischer Grabesruhe sitzen junge Syrer zusammen, diskutieren, entscheiden, ver­teilen Aufgaben und lösen wichtige Probleme – und das alles ohne Berührungsängste. Oppositionelle Sunniten, Christen, Drusen und Alawiten arbeiten Hand in Hand, sie koordinieren sich mit den zivilen Aktivisten und den Mitgliedern der Freien Syrischen Armee (FSA).

Was der Revolution jedoch fehlt, sind Köpfe, bekannte Gesichter, politische, intellektuelle, populäre Führungsfiguren – und zwar nicht im Exil, sondern innerhalb Syriens. Vielleicht gibt es diese bereits. Wahrscheinlich hat jedes lokale Komitee seine Vordenker und Charismatiker. Aber sie können angesichts der akuten Gefahr nicht öffentlich in Erscheinung treten. Wer sich exponiert, wird zur Zielscheibe des Regimes. Unzäh­lige Kandidaten für die Gestaltung einer Übergangsphase sind bereits tot: Organisatoren von Protesten, Parolenschreiber, Koordinatoren humanitärer Hilfe, Bürgerjournalisten.

Bewaffneter Kampf

Angesichts der Militarisierung des Konflikts verschmilzt diese zivile Protestbewegung mit dem bewaffneten Kampf. Konfrontiert mit Scharfschützen, Panzern und Raketen haben inzwischen viele Demonstranten den Glauben an einen friedlichen Umsturz verloren und zur Waffe gegriffen. Zunächst um die eigene Familie, die Nachbarschaft oder einen Ortsteil vor den Attacken des Regimes zu beschützen, dann um Assads Milizen und Soldaten gezielt anzugreifen und zu vertreiben, schließlich um Gebiete zu befreien und das Regime mit Gewalt zu stürzen. Die freiwilligen Zivilisten, die sich der FSA anschließen, stammen meist aus der Gegend, in der sie kämpfen – sie kennen folglich nicht nur die Geografie, sondern auch die Bevölkerung ihres Einsatzgebiets. Diese kümmert sich um die Versorgung der Aufständischen, Essen, Kleidung, medizinische Behandlung. Beide Bewegungen – der zivile und der bewaffnete Widerstand – sind deshalb nicht voneinander zu trennen.

Oft kämpfen nun die gleichen Leute, die monatelang demonstrierten, in den Reihen der FSA. Und die Aktivisten, die den bewaffneten Kampf aus persönlicher Überzeugung ablehnen, respektieren zumindest die Rolle der FSA. Ein Beleg dafür ist der Verhaltenskodex für oppositionelle Kämpfer, den die Lokalen Koordina­tionskomitees, eine Basisorganisation der Revolution, erarbeitet haben. Juristen und Menschenrechtler haben darin moralische Leitlinien formuliert, die die Rebellen verpflichten, ihre Waffen nur gegen Aggressoren des Regimes zu richten, Gefangene korrekt zu behandeln, nicht zu foltern, zu vergewaltigen, zu plündern, außergerichtlich hinzurichten oder Geiseln zu nehmen, um Lösegeld zu erpressen. Außerdem erklären sie, im Falle eines Regimesturzes ihre Waffen an die Behörden der Übergangsphase zu übergeben. Zahlreiche FSA-Kommandeure und Einheiten haben den Verhaltenskodex unterzeichnet und sich damit von den Menschenrechtsverletzungen und Gewaltexzessen anderer Rebellengruppen distanziert.

Enge Kooperation vor Ort

Auch vor Ort sind die Kontakte eng. Es gibt landesweit etwa 125 lokale Koordinationsräte, die sich üblicherweise in zwei Kommissionen aufteilen: eine für humanitäre Hilfe und eine für militärische Angelegenheiten. Während die Gruppe der humanitären Helfer aus Zivilisten besteht, haben in der Militärkommission Deserteure der Armee das Sagen. Beide Komitees müssen im Interesse der Revolution zusammenarbeiten. Proteste werden von Aktivisten geplant und von bewaffneten Kämpfern beschützt. Bei der Evakuierung von Schwerverletzten sorgen die Zivilisten zunächst für eine medizinische Stabilisierung des Patienten, bis dieser von FSA-Mitgliedern außer Landes gebracht wird.

Auch das Einschleusen ausländischer Journalisten bedarf der Ortskenntnis der Aktivisten und der logistischen Fähigkeiten der Deserteure. Exilsyrer organisieren Hilfsgüter wie medizinisches Gerät, Verbandsmate­rial, Medikamente, Nahrungsmittel oder Kleidung, die an die Grenzen gebracht und dort von Oppositionellen entgegengenommen werden. Der weitere Transport erfolgt dann wiederum unter dem Schutz der FSA, deren Kämpfer genau wissen, welche Gebiete, Straßen und Wege gerade „sicher“ sind.

Der Aufbau neuer Strukturen

Diese Strukturen sind grundlegend für die Zeit nach einem Regimesturz. Denn dann müssen die verschiedenen Teile der Opposition beweisen, dass sie ein geregeltes Alltagsleben, eine funktionierende Verwaltung und Sicherheit gewährleisten können. Strom und Wasser müssen fließen, Müll muss abtransportiert werden und es muss eine öffentliche Ordnung herrschen. Dafür braucht man Ingenieure, Bauarbeiter, Juristen und Lehrer, daneben aber auch Beamte und Polizisten. Da sich unter den Revolutionären Vertreter aller Berufsgruppen finden, ist bei allen Herausforderungen und Gefahren ein örtlich einigermaßen geregelter Übergang nicht ausgeschlossen. Wichtigste Voraussetzungen dafür sind jedoch ein Ende der Kämpfe und die Wiederherstellung des staatlichen Gewaltmonopols – und das ist angesichts der vielen verschiedenen Rebellengruppen nur schwer zu erreichen.

Neben der großen Mehrheit der syrischen FSA-Kämpfer gibt es international und regional operierende Terrorgruppen wie Al-Kaida, Fatah Al-Islam oder die Nusra-Front, die den Machtkampf in und um Syrien für ihre eigenen radikal­islamischen Interessen missbrauchen. Sie gelten als erfahren und besonders gut ausgestattet. Außerdem treiben kriminelle Banden ihr Unwesen, die das Chaos für verbrecherische Aktivitäten wie Lösegeldentführungen, Diebstahl und Raubüberfälle nutzen. Unter den etwa 100 Milizen innerhalb Syriens herrscht ein Verteilungskampf – wer die besseren Waffen hat, kann mehr militärische Erfolge verbuchen und gewinnt territorial an Einfluss.

Um in der Phase des Zusammenbruchs und Übergangs einen Zustand der Gesetzlosigkeit zu verhindern, muss sich der bewaffnete Aufstand zu einer professionellen, geeinten und effektiv organisierten militärischen Kraft entwickeln. Erste Versuche gibt es inzwischen: In fast allen Provinzen haben sich zentrale Militärräte gegründet, deren Kommando sich lokale FSA-Einheiten unterstellt haben und die mit den zivilen Revolutionsräten der jeweiligen Provinz zusammenarbeiten. Gemeinsam bilden sie einen alternativen Machtapparat, der im Falle eines Re­gimesturzes sowohl die Aufgaben von Polizei, Armee, Grenzschützern und humanitären Einsatzkräften als auch die staatliche Verwaltung übernehmen könnte.

Erste Eindrücke, die ausländische Journalisten aus „befreiten“ Orten und Gebieten im Nordwesten des Landes mitbringen, zeigen, dass sich die Freie Syrische Armee und die Revolutionskomitees dieser Verantwortung durchaus bewusst sind. Am Grenzübergang Bab Al Hawa bemühen sich FSA-Kämpfer um einen geordneten Grenzverkehr zwischen Syrien und der Türkei, in Azaz spricht ein Lehrer als geschäftsführender Bürgermeister von einem Beispiel, das die Einwohner des Ortes dem Rest des Landes geben wollen, in Stadtteilen von Aleppo räumen FSA-Mitglieder den Müll weg und in Dabik diskutieren Vertreter aus neun Ortschaften die Zukunft des Landes und fordern einhellig eine zivile Verfassung.

Die Parallelstruktur der Revolution verdient folglich Unterstützung, um den von außen ins Land kommenden radikalen Kräften entgegentreten zu können. Mit finanzieller und logistischer Hilfe sollten Aktivisten und Kämpfer in die Lage versetzt werden, sich um die Bedürfnisse ihrer Landsleute zu kümmern, zerstörte Straßen, Häuser und Infrastruktur wieder aufzubauen und allen Syrern unabhängig von ihrer konfessionellen und ethnischen Zugehörigkeit Sicherheit und Stabilität zu garantieren. Offiziell bekennt sich die Führung der FSA zur Einheit und Vielfalt Syriens, und auch wenn einzelne Brigaden bewusst islamisch auftreten, ist die FSA keine Ansammlung von Dschihadisten, sondern eine syrische Kampftruppe mit vielen erfahrenen Soldaten.

Konfessionelle Spaltung

Trotzdem muss für die Zeit nach Assad mit Racheaktionen gerechnet werden. Vor allem in den Provinzen Homs und Hama wird ein Prozess der Befriedung und Aussöhnung schwierig. Dort lebten Sunniten und Alawiten vor Ausbruch der Gewalt miteinander oder problemlos nebeneinander; der vom Regime geschürte konfessionelle Hass hat aber tiefe Spuren hinterlassen. Massaker der überwiegend alawitischen Schabiha-Milizen des Assad-Clans an sunnitischen Familien wecken den Wunsch nach Vergeltung, beide Konfessionsgruppen gehen sich in den ländlichen Gebieten der beiden Provinzen aus dem Weg.

Homs selbst ist eine geteilte Stadt: Während die eine Hälfte in Ruinen liegt, pulsiert das Leben in der anderen umso mehr. Sunniten und Alawiten wohnen aus Angst vor Angriffen und Racheakten inzwischen nach Vierteln getrennt. Die Armee hat eine Art Schutzring um die alawitischen Stadtteile errichtet, die dadurch zugleich militärisches Aufmarschgebiet und Heimat der Schabiha-Milizen geworden sind. Angesichts dieser von außen herbeigeführten Zweiteilung von Homs können Alawiten inzwischen gar nicht anders, als sich hinter das Regime zu stellen. Diese Realität ist im schlimmsten Fall ein Vorgeschmack auf Syriens Zukunft. Als Hauptstadt der Revolution und Schmelztiegel der Religionsgruppen könnte die Entwicklung in Homs das abbilden, was auch andernorts droht: der Zerfall des Landes entlang konfessioneller Linien.

Um das zu verhindern, muss die Opposition eine überzeugende politische und militärische Führung hervorbringen, die in der Lage ist, nach Assads Abgang das Land zusammenzuhalten und zu stabilisieren. Nur wenn der zivile und der bewaffnete Widerstand zusammenarbeiten und die nötige Unterstützung aus dem Ausland erhalten, lassen sich Chaos, Bürgerkrieg und Staatszerfall kontrollieren.

KRISTIN HELBERG ist Journalistin und Nahost-Expertin; von 2001 bis 2008 berichtete sie aus Syrien. Soeben ist ihr Buch „Brennpunkt Syrien“ erschienen.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/ Oktober 2012, S. 70-75

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