Perspektiven

18. Aug. 2025

Resilienz von unten

Von den baltischen und nordischen Staaten lässt sich viel über gesellschaftliche Widerstandskraft lernen. Deutschland sollte auf seine erfahrenen Nachbarn zugehen.

Almut Möller
Nora Müller
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Bild: Mitglieder der Litauischen Schützenunion sichern die Grenze zu Belarus mit Stacheldraht
Was bringt Menschen dazu, sich für die Verteidigung 
zu engagieren? Mitglieder der litauischen Schützen
union sichern im August 2023 die Grenze zu Belarus, das Migration instrumentalisiert.
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Fast zwei Jahre ist es her, seit Verteidigungsminister Boris Pistorius öffentlichkeitswirksam – und in für deutsche Politiker ungewöhnlich drastischen Worten – anmahnte, Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden. Genau für diesen Zweck gelte es, „die Bundeswehr und die Gesellschaft … aufzustellen“. 

Seitdem hat sich Europas Sicherheitslage weiter verschlechtert. Auf die Zeitenwende, die Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine markiert, folgte eine weitere Zäsur: die von der Trump-II-­Administration forcierte Abkehr der USA von Europa. Auch wenn sich Präsident Trump beim NATO-Gipfel in Den Haag zur Beistandsverpflichtung nach Artikel 5 bekannt hat: Die Verlässlichkeit der USA steht infrage. Sollte ein weiter aufrüstendes Russland sich angesichts wachsender Zweifel an der Bündnistreue der USA dazu entschließen, die Allianz in absehbarer Zeit mit einem begrenzten Angriff auf ­NATO-Territorium zu „testen“, wären die Europäer schlimmstenfalls auf sich gestellt. 

Viel wird daher über den Zustand der Bundeswehr debattiert und in die Ver­teidigungsfähigkeit der deutschen Streitkräfte investiert. Das ist gut und richtig. Zu kurz kommt dabei jedoch die zweite von Pistorius genannte Dimension: die Stärkung gesellschaftlicher Resilienz in einer prekären sicherheitspolitischen ­Situation, die sich im Hinblick auf die Zunahme ­hybrider Angriffe mit russischer Handschrift irgendwo in der Grauzone zwischen Frieden und High-Intensity-Warfare, also offen ausgetragenen Kampfhandlungen, bewegt. 

Trotz gezielter Sabotageakte gegen kritische Infrastruktur und breit angelegter Desinformationskampagnen sieht eine Mehrheit der Deutschen in Russland nach wie vor keine oder nur eine geringe militärische Bedrohung. Wo kein Gefahrenbewusstsein herrscht, ist es schwer, Resilienz aufzubauen – zumal, wenn die Parteien der Mitte das Thema ob seiner Brisanz weiträumig umschiffen. 

Dass ein anderer Umgang mit der gesellschaftlichen Dimension von Resilienz möglich ist, zeigen die baltischen Staaten. Aufgrund ihrer geografischen Lage, ihrer historischen Erfahrungen und der ­ständigen Konfrontation mit hybriden Operationen ist die Bedrohungswahrnehmung der Bevölkerungen deutlich ausgeprägter als in Deutschland. Wehrhaftigkeit und Widerstandskraft werden als gesamtgesellschaftliches Projekt begriffen, nicht als unliebsame Aufgabe, die sich im besten Fall an „den Staat“ wegdelegieren lässt. Das Konzept der „zivilen Verteidigung“ genießt hohe Akzeptanz.

„Die gesellschaftliche Resilienz der baltischen Staaten rührt von einem tiefen Verständnis davon, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist und immer wieder verteidigt werden muss – eine Erfahrung, die geprägt ist durch die sowjetische Besatzung und eine klare Bedrohungswahrnehmung durch Russland weit vor der vollumfänglichen Invasion der Ukraine im Jahr 2022“, sagte Linas Kojala, Direktor des Geopolitics and Security Studies Center (GSSC) beim Bergedorfer Gesprächskreis im April 2025 in Vilnius. „Dieses historische Bewusstsein hat eine wachsame Gesellschaft geformt, die demokratische Institutionen wertschätzt und Sicherheit als Grundlage von Selbstbestimmung Priorität beimisst.“

Litauen hat einen eigenen Umgang mit dem Thema Resilienz gefunden. Strategische Kommunikation, gezielte Desinformationsabwehr und Cybersicherheit haben oberste Priorität im staatlichen Handeln und im Miteinander von Staat und (organisierter) Gesellschaft. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und robuste demokratische Strukturen gelten als wichtige Sicherheitsfaktoren. So steht die paramilitärische litauische Schützenunion mit einer hundertjährigen Geschichte als Freiwilligenorganisation an der Schnittstelle von Zivilgesellschaft und staatlicher Verteidigung. Angegliedert an das Verteidigungsministerium, hat sie in jüngster Zeit deutlich an Zulauf gewonnen.

Auch wenn Geografie, Größe und Geschichte ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen setzen und die Stärkung von gesellschaftlicher Resilienz nicht so einfach im Sinne eines „one size fits all“ auf andere Staaten und Gesellschaften zu übertragen ist: In der aktuellen Sicherheitslage kann, ja muss Deutschland vom Umgang der baltischen Staaten mit der gesellschaftlichen Dimension von ­Resilienz lernen.

Dabei geht es im Kern um die Aufgabe, ein gemeinsames Verständnis in unserer Gesellschaft davon zu entwickeln, was auf dem Spiel steht: der Verlust von Freiheit, Demokratie und einem guten Leben in Frieden und Selbstbestimmung. All das sind große Worte, aber sie beschreiben die Dimension der bevorstehenden Aufgabe.

Für viele Menschen ist die Beschäftigung mit diesem Thema – durchaus nachvollziehbar – eine Zumutung. Warnende Stimmen scheinen mit den Realitäten ihres Lebensumfelds, ihren Wünschen und ihren persönlichen Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte nicht vereinbar. Eine Pandemie oder eine Naturkatastrophe sind für viele Menschen in Deutschland vermutlich deutlich greifbarerer; hier bietet sich eine Brücke, denn auch diese Ereignisse erfordern ein hohes Maß an gesellschaftlicher Resilienz. 


Keine Militarisierung der Gesellschaft

Das Themenfeld löst bisher vielerorts allerdings Verunsicherung und Ablehnung aus. Dabei geht es ja gerade nicht um eine irgendwie geartete Militarisierung der Gesellschaft. Es geht vielmehr darum, sich als Land und Gesellschaft gemeinsam den neuen Realitäten der Gegenwart zu stellen. Wir sollten nicht übersehen, dass auf diese Weise auch neue Kräfte mobilisiert werden können, die uns als Gesellschaft zusammenbringen, Innovationen und Veränderungen anstoßen und uns wieder zuversichtlicher in die Zukunft schauen lassen könnten. 

Stichwort „Mobilisierung neuer ­Kräfte“: Auch hier lohnt ein Blick ins Baltikum. Im Gefolge einer Welle von Cyberattacken auf estnische Einrichtungen 2007 wurden nicht nur die staatlichen Cyberabwehrmechanismen verstärkt. Parallel entwickelten sich zivilgesellschaftliche Strukturen, getragen von engagierten IT-Expertinnen, Studierenden und anderen Freiwilligen, die zivile Cyberabwehrgruppen und Plattformen zur digitalen Selbstverteidigung einrichteten.

Auch dieses Beispiel zeigt: Politik und staatliche Institutionen, selbst wenn sie auf allen Ebenen zusammenarbeiten (was im deutschen Föderalismus seine eigenen Herausforderungen hat), können nicht allein eine Stärkung von Resilienz bewirken; sie kann nur durch die Freisetzung gemeinsamer gesellschaftlicher Kräfte wachsen. Sie erfordert ein Verständnis von Resilienz als „erste Bürgerpflicht“ und ein partnerschaftliches Miteinander von Staat und Zivilgesellschaft. 

Hier ist die Erfahrung der litauischen Schützenunion relevant, auch wenn diese Form der „Bürgerwehr“ aufgrund unserer Geschichte sicherlich nicht einfach auf Deutschland zu übertragen wäre. Die auch für uns relevante Frage aber ist: Was bringt Menschen dazu, sich um die Verteidigung ihres Landes zu kümmern? Was treibt sie an und was können wir aus diesen Wirkmechanismen lernen?

Gesetze und anderes staatliches Handeln können die Resilienz unserer wehrhaften Demokratie stärken. Das allein ist anspruchsvoll. Sie braucht aber noch viel mehr vernetzte Initiativen zur gesellschaftlichen Bildung: Initiativen jenseits der bestehenden staatlichen Organisationen, die Menschen über mögliche Bedrohungsszenarien in der realen und digitalen Welt informieren – die einordnen, sachlich über nötige Vorkehrungen informieren und Verhaltensempfehlungen geben, auch für die Möglichkeit eines bewaffneten Angriffs. 

Der Informationsraum, in dem Nichtregierungsorganisationen und Medien einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen Desinformation leisten, verdient hierbei besondere Aufmerksamkeit. Einmal mehr können Beispiele aus den baltischen Ländern den Weg weisen, etwa das von der litauischen ­Nichtregierungsorganisation Meno Avilys entwickelte Projekt „Big Small Screens“. Es zielt darauf, die Medienkompetenz an litauischen Schulen zu stärken. Oder das lettische ManaBalss.lv („Meine Stimme“), eine von Engagierten gegründete Plattform, mittels derer Bürgerinnen Petitionen initiieren und ins Parlament einbringen können. Initiativen wie diese zielen darauf ab, das Vertrauen in demokratische Prozesse zu stärken. Sie ermutigen zu politischer Eigenverantwortung und machen die politische Kultur so widerstandsfähiger.


Nicht über Nacht

Resilienz lässt sich nicht verordnen und nicht über Nacht herstellen. Vielmehr ist sie ein gesellschaftlicher Prozess. Wir haben in Deutschland bereits ein erstes Stück der Wegstrecke zurückgelegt. Und auf europäischer Ebene hat der ehemalige finnische Präsident Sauli Niinistö kürzlich einen Bericht mit Vorschlägen zur Stärkung von Resilienz und Vorsorge vorgelegt und damit eine Debatte darüber angestoßen, welche Beiträge die EU in diesem Prozess leisten kann. Dabei geht es nicht um einen vereinheitlichten Ansatz, sondern um eine kluge Verzahnung der europäischen, nationalen, regionalen und lokalen Ebenen.

Es lohnt sich für Deutschland, jetzt den Blick in unsere Nachbarschaft zu werfen und den Austausch mit gesellschaftlichen Kräften zu suchen, die bereits deutlich mehr Erfahrung mit Wegen und Instrumenten zur Stärkung gesellschaftlicher Resilienz haben. Deutschland konnte sich bisher in einem „freundlichen“ regionalen und internationalen Umfeld im Rahmen einer starken EU entwickeln. Dies muss in Zukunft auch unter deutlich erschwerten Bedingungen gelingen. Wir sollten dabei nicht noch einmal den Fehler machen, nicht auf die Stimmen unserer Partner in Europa zu hören, die schon vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine vor der nahenden Bedrohung gewarnt hatten. Umgekehrt dürfen wir heute dennoch auf die Solidarität unserer Partner in den baltischen, aber auch in den nordischen Ländern hoffen.

Vertrauen in demokratische Prozesse zu stärken, macht die politische Kultur widerstandsfähiger

Am wirksamsten wäre es, wenn dieser Erfahrungsaustausch vor Ort in Deutschland stattfindet. Resilienz muss dort verankert sein, wo Menschen leben, damit sie im Ernstfall wirken kann, also in Städten und Gemeinden. Hier sollten staatliche und gesellschaftliche Kräfte Hand in Hand arbeiten: Wie wäre es zum Beispiel mit einem baltisch-nordisch-deutschen Austausch von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern mit den jeweiligen Fachleuten aus Zivil- und Katastrophenschutz, privaten Hilfsorganisationen, Bildungseinrichtungen und Vereinen vor Ort?

Vorbereitet zu sein ist eine Frage der ­inneren Haltung und des Mindsets. Während in Deutschland die Beschäftigung mit einer möglichen direkten militärischen Bedrohung und Maßnahmen zur Stärkung von Resilienz Ängste auslöst, ist es im Baltikum, aber auch in nordischen Ländern wie Finnland und Schweden genau umgekehrt: Wer vorbereitet ist, muss sich nicht fürchten. In diese Lage müssen wir auch kommen, denn die Kosten von „Nichtvorbereitung“ sind hoch: Wir wirken derzeit in den Augen des Aggressors auch deshalb schwach, weil unsere Gesellschaft zu wenig wachsam ist. Im Ernstfall kann eingeübtes und vorbereitetes menschliches Verhalten nicht nur Leben retten, sondern auch die Wehrhaftigkeit unseres Landes stärken.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 68-71

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Almut Möller ist Director for European and Global Affairs beim European Policy Centre (EPC) in Brüssel und Mitglied im 16. Beirat für Fragen der Inneren Führung des Bundesministers der Verteidigung.

Nora Müller leitet den Bereich Internationale ­Politik der Körber-Stiftung. 

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