Interview

01. November 2020

„Resilienz ist eine Zukunftsfrage“

Fake News, Desinformation, Desorientierung: Ist es um die Zukunft der Medien wirklich so schlecht bestellt? Was muss geschehen, um ihre zentrale Rolle für den demokratischen Prozess zu stärken?

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Bild: Porträt Leonard Novy
Dr. Leonard Novy ist Direktor des Instituts für Medien- und 
Kommunikationspolitik, eines Think-Tanks mit 
Sitz in Köln, und publiziert regelmäßig zu 
den Themen Öffentlichkeit und internationale Politik.

IP: Beginnen wir mit einer Definition: Was verstehen Sie unter Fake News, und welche Entwicklung hat dieses Phänomen genommen? Wie würden Sie beschreiben, was Fake News in der Gesellschaft verursachen oder auslösen?
Leonard Novy: Begriffe wie Fake News, post-truth oder postfaktisch haben ja in den letzten Jahren Konjunktur, im Grunde seit der Wahl Donald Trumps und dem Brexit. Ohne sich in philosophischen Grundsatzfragen zu ergehen: Ihr Nutzen ist zumindest zweifelhaft. Falschmeldungen per se sind zunächst einmal auch nichts Neues – weder in ihrer Form als populäre Verschwörungstheorien noch als strategisch lancierte Instrumente von innenpolitischer Propaganda oder Desinformation ausländischer Akteure zur Verzerrung des öffentlichen Diskurses. Ohne Zweifel hat all das jedoch mit der Digitalisierung einen mächtigen Katalysator und mithin eine neue Qualität bekommen. Was der Begriff „postfaktische Gesellschaft“ zu beschreiben versucht, lässt sich nicht alleine technisch erklären – also jener Zustand, in dem Fakten keine Rolle mehr zu spielen scheinen, weil Menschen ihrer gefühlten Wahrheit den Vorrang gegenüber den vermeintlichen Manipulationen der „Mainstream-Medien“ oder der Politik geben.
 

Digitalisierung und soziale Medien im Besonderen machen eine virale Verbreitung entsprechender Inhalte erst möglich.
Bis zu einem gewissen Grad begünstigen sie diese eben auch. Die Geschäftsmodelle der Plattformen sind auf Emotion und Interaktion optimiert, nicht auf Aufklärung und Demokratie. Fake News sind somit sichtbarer, wirkungsvoller, auch weil sie durchaus vom publizistischen System aufgegriffen werden – entgegen des häufig aus dem Lager der Corona-Skeptiker, Rechtspopulisten und Reichsbürger geäußerten Vorwurfs einer abweichende Stimmen totschweigenden „Meinungsdiktatur“. Warum sprechen postfaktische Politik und Fake News so viele Menschen an?

Hinter all dem steht weniger Uninformiertheit als eine populistische Distanz zu den Institutionen der Demokratie – zu Parlament und Regierung, aber auch zu journalistischen Medien. Eine Ursache scheint die Verunsicherung wachsender Bevölkerungsteile darüber zu sein, dass die technisch-ökonomischen, aber auch die gesellschaftlichen Fundamente des industriellen Zeitalters im Zuge von Globalisierung und Digitalisierung erodieren.

 

Hat die Akzeptanz von Fake News auch etwas mit der Sehnsucht nach Verstehen und Eindeutigkeit zu tun, dem vermeintlich bequemen Reduzieren von Komplexität?
Davon bin ich überzeugt, wir erleben das aktuell in der Corona-Krise ja ganz konkret – die WHO spricht von einer „Infodemie“. Covid-19 bedeutet permanente Unsicherheit und Ambiguität. Ursachen, Kausalitäten und Entwicklungen sind kaum ergründbar. Aber schon vor der Pandemie ist das permanente Krisen-Empfinden gewissermaßen zum Signum unserer hochkomplexen, industrialisierten, globalisierten und digitalisierten Welt geworden. Daraus und aus den häufig als „alternativlos“ präsentierten Krisenmaßnahmen der Politik entstand, das ist durch Studien nachgewiesen, bis weit in die Mittelschichten hinein ein Empfinden von Kontrollverlust; das Gefühl, ohnehin „keinen Einfluss auf die da oben“ zu haben, und die Sehnsucht, wenigstens in der unmittelbaren Lebensumwelt wieder so etwas wie Selbstbestimmung herzustellen – und sei es, indem man den „etablierten“ Akteuren in Politik und Medien den Mittelfinger zeigt. Eine Art „negative Selbstaffirmation“, so hat es Didier Eribon formuliert, weil es an einer positiven mangelt.


Welche Möglichkeiten gibt es, Fake News zu bekämpfen oder bedeutungslos werden zu lassen; was müsste geschehen?
Hier gilt: Regulierung ist nicht alles, aber ohne Regulierung ist alles nichts. Die Herausforderung besteht darin, die großen Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen, andererseits zu verhindern, dass es zu negativen Effekten führt, konkret etwa zu dem als „Overblocking“ bekannt gewordenen präventiven Löschen von Inhalten. YouTube, Facebook, Twitter und andere haben ja als Reaktion auf den doch massiven Druck zuletzt Maßnahmen eingeführt, die bis vor Kurzem undenkbar erschienen. Doch zum einen sind damit die Probleme nicht gelöst – hochgradig manipulative, nur bestimmten Wählergruppen zugespielte Wahlkampfwerbung bei Facebook, Fake News, all das gibt es weiterhin. Zum anderen ist die Meinungsfreiheit zu wichtig, als dass wir bezahlte Faktenchecker oder Algorithmen quasimonopolistischer Unternehmen nach intransparenten Kriterien im Sinne der Privatisierung der Rechtsdurchsetzung darüber entscheiden lassen könnten. Immer wichtiger wird stattdessen die Vermittlung von News Literacy, also die Fähigkeit, glaubwürdige Nachrichten als solche zu identifizieren und von Propaganda zu unterscheiden.
 

Sehen Sie den Kampf um ein Öffnen der diversen Echokammern schon verloren? Bleibt die medial erzeugte Wahrnehmung zu fragmentiert, um sich noch orientieren zu können?
Die Frage ist, was hier die historische Referenz ist. Ja, das Fernsehen hat seine identitätsstiftende Rolle als Lagerfeuer, vor dem sich allabendlich die Nation versammelt, verloren. Ja, das Quasimonopol der Zeitung als zentraler Quelle von Nachrichten und Information für moderne Gesellschaften ist passé. Doch die Idee der einen, homogenen Öffentlichkeit war ohnehin nur ein Mythos. Eine Chiffre für eine Vielzahl von Teilöffentlichkeiten. Denken Sie an die Parteienpresse der Weimarer Republik – wenn das keine Echokammern waren, dann weiß ich es auch nicht.
 

Wo liegen die Unterschiede zu heutigen Entwicklungen?
Alleine technisch-strukturell ist das gewaltig, schließlich ermöglichen Algorithmen heute eine vorher nicht mögliche Personalisierung von Inhalten, die auf kurz oder lang bedeuten könnte, dass Sie und ich nicht nur unterschiedliche Artikel in unserem persönlichen News Feed finden, sondern dass sich journalistische Inhalte automatisch auch ganz unterschiedlich zusammensetzen, je nach Vorkenntnissen, ideologischen Präferenzen, aktueller Stimmung und so weiter. Das muss nicht schlecht sein, zunächst einmal ist es wahnsinnig komfortabel und effizient. Problematisch wird es, wenn uns als Gesellschaft die gemeinsame Wissensbasis abhanden kommt – und vor allem die Fähigkeit, diese zu verhandeln – und wenn Gruppen gegeneinander in Stellung gebracht werden und der Einzelne sich gar nicht im Klaren darüber ist, dass er andere Inhalte angezeigt bekommt als sein Gegenüber. Wir haben zuletzt in den USA gesehen, wohin das führt. Die USA zeigen auch, dass die vielzitierte „Faktendämmerung“ und die Vertrauenskrise des Journalismus zwei Seiten derselben Medaille sind. Die gezielte Delegitimierung der freien Presse durch autoritäre Politiker wie Donald Trump tut ihr Übriges.


Fake News gehören zur Realität des medialen Alltags; sehen Sie unsere Medienlandschaft dennoch so intakt, dass sie ihre demokratische Funktion erfüllen kann? Anders gefragt: Ist unsere Demokratie ausreichend resilient?
Das ist für mich tatsächlich eine der zentralen Zukunftsfragen. Es kommt natürlich darauf an, wohin man schaut. Auch wenn wir in Deutschland, nicht zuletzt mit unserem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, vergleichsweise gut dastehen: Davon können wir uns auch nichts kaufen, wenn um uns herum demokratische Öffentlichkeiten wegbrechen. Ich glaube, wir stehen wirklich an einem Wendepunkt. Wenn sich die aktuellen Entwicklungen fortsetzen, droht unseren Informationsökosystemen der Kollaps. Denn obwohl wir Qualitätsjournalismus gemeinhin als Kernvoraussetzung funktionsfähiger Öffentlichkeiten erachten, kann sein Fortbestand in seinem heutigen Ausmaß nicht als gegeben betrachtet werden. Covid-19 hat die schwierige ökonomische Situation des Journalismus, gerade in wichtigen Bereichen wie dem Lokaljournalismus, nochmal deutlich verschärft. Währenddessen wachsen die Gewinne der großen Plattformen, letztlich die größten Gatekeeper oder Verleger der Menschheitsgeschichte, in den Himmel. Ich glaube, es ist höchste Zeit, darüber auch eine gesellschaftliche Debatte zu führen.



Herr Novy, Sie bezeichnen Mediengiganten wie Google oder Facebook als Verleger, die durch das Filtern von Informationen einen enormen Einfluss auf das Denken der Menschen ausüben; ihre Funktionsmechanismen – kontinuierlich veränderte Algorithmen – entzögen sich dabei allerdings jeglicher Kontrolle. Plädieren Sie dafür, Algorithmen zu kontrollieren? Wenn ja, von wem?
Aus Nutzerperspektive ist „das Internet“ für die meisten Menschen fast gleichbedeutend mit den großen Plattformen. Der überwiegende Teil der Internetnutzung entfällt inzwischen auf ihre Angebote. Und gerade für Jugendliche sind sie die zentralen Nachrichtenquellen. Wir wissen aus der Forschung, dass Facebook und Google, das ja in Deutschland mit über 90 Prozent Marktanteil der Inbegriff der Internetsuche ist, Einstellungen prägen. Entgegen ihrer Eigen-PR sind sie eben nicht neutral, sondern haben durchaus eine redaktionelle Funktion. Zudem sind sie intransparent. Das heißt, die Prämissen unserer Welterfahrung bleiben im Dunkeln, auf den Servern profitorientierter Unternehmen.


Werden die Plattformen ihrer Verantwortung gerecht?
Hinsichtlich Inhaltemoderation, Datenschutz und anderer Fragen, die aus ihrer enormen Macht erwachsen, bislang nur sehr bedingt. Deswegen braucht es einen Regulierungsrahmen, der Manipulation effektiv entgegenwirkt, Meinungsfreiheit sichert und vor allem Transparenz herstellt. Natürlich ist letzteres kein Selbstläufer, zu viel Information kann auch überfordern. Aber Stand heute hat der Nutzer weder einen verständlichen Überblick darüber, was mit seinen persönlichen Daten passiert, noch legen die Unternehmen die Nutzerprofile und Algorithmen offen, die letztlich entscheiden, was Menschen angezeigt bekommen. All das kann nur und muss auf europäischer Ebene geregelt werden. Wir brauchen digitale Souveränität, nicht im Sinne von Autarkie oder Isolation, sondern im Sinne von Handlungsfähigkeit und von Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, Werten wie Informations- und Medienfreiheit und Datenschutz auch in Zukunft Geltung zu verschaffen.


Nie zuvor hatten Menschen so leichten Zugang zu Fakten und Informationen. Aber wollen sie das überhaupt? Was sind sie bereit, dafür zu tun? Würden sie dafür bezahlen?
Keine Frage, wir haben Zugang zu mehr Informationen denn je. In gewisser Weise erleben wir eine Krise öffentlicher Kommunikation, die nicht aus mangelnder Information resultiert, sondern aus dem „kommunikativen Überfluss“, wie es John Keane formuliert hat. Und der Gleichzeitigkeit von Transparenz und Verwirrung, von riesigen Mengen von Fakten und Manipulation. Ich glaube, in gewisser Weise bedingen sich die Konjunktur von Fake News und die Krise des Journalismus auf beiden Seiten des Atlantiks wechselseitig. Mit einer ausschließlich auf Reichweite im Netz ausgerichteten Berichterstattung und Einsparungen haben viele Medienhäuser selbst die Entwertung von Fakten vorangetrieben, statt frühzeitig Antworten auf die Frage zu suchen, wie ein bestimmter, professionellen wie ethischen Standards verpflichteter Journalismus seinen Funktionen für die Demokratie auch unter digitalen Vorzeichen gerecht werden kann. Nicht die Rolle und zentrale gesellschaftliche Funktion von professionellem, redaktionell organisiertem Journalismus ändern sich, aber die Art und Weise, wie er sie wahrnimmt.



Welchen Journalismus brauchen wir in der digitalen Moderne?
Mit Business as usual, das zeigen die letzten Jahre, lässt sich digital kaum Geld verdienen.
 

Nachrichten in Echtzeit, Krisenticker und Horse-Race-Journalismus gibt es für lau an jeder Ecke im Internet.
Umso wichtiger wird es, einen wirklich geldwerten Mehrwert zu leisten, unterschiedliche Perspektiven auf Themen aufzuzeigen, Hintergründe transparent zu machen und so wie der sogenannte „konstruktive Journalismus“ Lösungen aufzuzeigen. Die Entwicklungen bei Digitalabos sind bei einzelnen Verlagen durchaus erfreulich. Eine Medienlandschaft in dem von uns gewohntem Umfang wird sich so aber nicht finanzieren lassen.
 

Wo sehen Sie Chancen?
Ich glaube an eine inklusive, vielfältigere, resilientere Öffentlichkeit, in der unabhängige journalistische Angebote – technologisch auf Höhe der Zeit und mit belastbaren Geschäftsmodellen ausgestattet – Information, Dialog und Debatte zu lokalen, nationalen und europäischen Sachverhalten ermöglichen, in der Medienkompetenz und News Literacy weit verbreitet sind und in der Künstliche Intelligenz und Algorithmen dem Gemeinwohl dienen. Das mag aus heutiger Sicht utopisch erscheinen und sicher gibt es keine einfachen Lösungen, keine länder- und branchenübergreifend anwendbaren Patentrezepte. Auch wird es der kommerzielle Journalismus alleine nicht lösen können. Finanzierungsmodelle und Geschäftsmodelle dürften vielfältiger werden. Stiftungen werden eine größere Rolle spielen, aber auch staatliche Instrumente wie die Mehrwertsteuer oder die Anerkennung des Journalismus als gemeinnützig, was wiederum Raum schaffen würde für mehr Förderung aus der Zivilgesellschaft. Und irgendwann wird man sich auch nochmal grundsätzlich mit der Neudefinition des Auftrags der öffentlich-rechtlichen Medien beschäftigen müssen – und zwar losgelöst von der bestehenden Rundfunkordnung und idealerweise europäisch.
 

Aber wie soll das funktionieren?
Die Voraussetzung ist, dass wir uns als Gesellschaft vom Hier und Jetzt und von aktuellen Krisenbeschreibungen lösen und uns stattdessen mit der Frage beschäftigen, worauf das alles, eingedenk zukünftiger technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen, hinausläuft und hinauslaufen soll. Mit welcher Informationsarchitektur wollen wir leben? Dazu gehört auch, sich zu überlegen, „wie viel“ und welche Art Journalismus wir uns leisten wollen – und wie wir das finanzieren! Es geht um Daseinsvorsorge für die Demokratie. Das ist zu wichtig, um es den Fachdebatten von Medienpolitik, Wissenschaft und Lobbyismus zu überlassen. Darüber muss auch öffentlich, gesamtgesellschaftlich diskutiert werden.
 

Braucht eine Gesellschaft so etwas wie Anti-Propaganda-Institutionen? Oder ist das die Rolle von Medien?
Das ist die Kernaufgabe des unabhängigen Journalismus. Ansonsten: Die Meinungs- und Pressefreiheit hat dort ihre Grenzen, wo in die Rechte anderer eingegriffen oder sonstige Strafgesetze verletzt werden. Dafür sind die Behörden zuständig. Alles, was darüber hinausgeht, ist heikel. Hier halte ich es mit dem ehemaligen Vizepräsidenten der EU-Kommission Andrus Ansip: „Fake News sind schlimm, aber ein Wahrheitsministerium ist schlimmer.“
 

Die Fragen stellte Martin Bialecki.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Special, Digitales Europa, November 2020, S. 62-67

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