01. März 2019

Ölreichtum für alle

Kostenpflichtig

Auf der Webseite der Norwegischen Bank Norges Bank saust eine 13-stellige Zahl rauf und runter. Für den Bruchteil einer Sekunde zeigt sie 8 375 000 000 000 Kronen an. 8,375 Billionen Kronen – das ist der Wert des norwegischen Ölfonds. Umgerechnet 854 Milliarden Euro oder rund 164 000 Euro für jeden der 5,3 Millionen Norweger.

Der Staatliche Pensionsfonds Ausland, wie der Fonds offiziell hißt, wird mit den Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung gefüttert und soll eine Rücklage für die Zeiten bilden, wenn das Öl in der norwegischen See versiegt. Dieser Zeitpunkt liegt vielleicht näher, als den Norwegern lieb ist. Nicht nur, weil die Ressourcen bald erschöpft sein könnten. Die internationalen Bestrebungen, die CO2-Emissionen zu verringern, lassen die Ölförderung nicht gerade im besten Licht dastehen. Dennoch wird der Ausstieg nur zögerlich diskutiert.

„Norwegen geht es einfach zu gut“, meint Halvor Mehlum vom Ökonomischen Institut an der Universität Oslo. Es sei schwierig, sich zu einem Szenario zu verhalten, in dem man weniger vermögend wäre. Öl und Gas stehen für die Hälfte des Exports Norwegens; sie sind das Fundament des Wohlstands. „Verdens rikeste land“ – das reichste Land der Welt, nennen sich die Norweger leicht ironisch.


Mehr Spielraum für Sozialreformen

Dass die Norweger reich geworden sind, haben sie nicht nur dem Zufall zu verdanken. Denn nach dem Fund des ersten Ölfelds Ekofisk 1969 vor der Westküste haben die Politiker wichtige Entscheidungen für die Zukunft getroffen: Der Staat behielt die Kontrolle über die Rohstoffe auf dem norwegischen Kontinentalsockel, die Erdölförderung sollte dem gesamten Land zugutekommen, und im Zuge der Erdölgewinnung sollten weitere Betriebe ins Leben gerufen werden.

Während das Schwarze Gold in vielen anderen Staaten nur einige wenige reich gemacht hat, wollten die norwegischen Politiker die Einnahmen in die Entwicklung des Wohlfahrtstaats stecken. „Der Ölreichtum sollte so verwendet werden, dass sich eine qualitativ bessere Gesellschaft entwickelt“, sagt Helge Ryggvik vom Zentrum für Technologie, Innovation und Kultur an der Universität Oslo. Dennoch wollte man verhindern, zu sehr von den Einnahmen abhängig zu werden. Deshalb beschloss das Parlament 1974, der Abbau der Petroleumsressourcen solle „in einem moderaten Tempo“ geschehen – auch wenn man sich über die Definition von „moderat“ später streiten sollte.

Die Einnahmen boten dem Staat mehr Handlungsspielraum, um die bereits vorher beschlossenen Sozialreformen umzusetzen. Zudem wurde die Ölindustrie ein wichtiger Arbeitgeber: Die Werften, die einst Schiffe für die Fischerei gebaut hatten, bauten nun Plattformen und Versorgungsschiffe. Der „Ölarbeiter“ wurde eine neue Berufsgruppe. Vor allem an der Westküste rund um Stavanger boomte es. 1972 wurde dort die Staatliche Ölgesellschaft Statoil gegründet.

Auch wenn es ohne die Kompetenz der ausländischen Produktionsfirmen nicht ging, stellte Norwegen sicher, dass die technologische Entwicklung im Land geschah, wodurch sich eine Zulieferindustrie entwickelte, die bis heute marktführend ist. Doch die Entwicklung hatte auch ihre Schattenseiten. Die Ölindustrie wurde ein dominierender Arbeitgeber, anderen Industriezweigen liefen die Arbeitskräfte davon. Außerdem wurde die Wirtschaft trotz aller guten Vorsätze mehr und mehr abhängig vom Öl.

Der Bauchklatscher kam Ende der achtziger Jahre. Mit dem Ölpreis ging auch Norwegens Wirtschaft in den Keller. Die Folge: Arbeitslosigkeit und der Kollaps der Banken. Um der Berg- und Talfahrt des Ölpreises nicht schutzlos ausgeliefert zu sein, beschloss die Politik 1990 die Einrichtung des Staatlichen Pensionsfonds Ausland, der zukünftigen Generationen den Wohlstand sichern sollte. Dieser Pensionsfonds investiert ausnahmslos in ausländische Geschäfte, um nicht von der Entwicklung im Land abhängig zu sein. Unbegrenzt kann sich der Staat aber nicht aus dem Geldtopf bedienen. Maximal 4 Prozent der Fondseinnahmen dürfen in den jährlichen Haushalt fließen. Das ist nicht wenig: 2018 kam rund jede sechste Krone des Staatsbudgets aus dem Fonds.

Auch wenn der Fonds ein wirkungsvoller Puffer ist, bekommt die norwegische Wirtschaft durch die Schwankungen des Ölpreises immer wieder mal einen heftigen Stoß. Zuletzt 2014, als Zehntausende ihre Arbeit verloren und der ganze Wohnungsmarkt an der Westküste zusammenbrach. Die Regierung steuerte mit einem Infrastrukturprogramm gegen und ließ die arbeitslosen Ingenieure Straßen und Krankenhäuser bauen. Die Forderung, Norwegen müsse sich auf neue Beine stellen und andere Industriezweige ausbauen, wurde immer lauter.
Doch in der Regierung hat man es nicht eilig. „Diejenigen, die glauben, dass man die Arbeitsplätze und Staatseinnahmen ersetzen kann, ohne den Wohlstand der norwegischen Bevölkerung zu beeinträchtigen, die brauchen möglicherweise einen kleinen sozioökonomischen Crash-Kurs“, sagte der ehemalige Ölminister Terje Søviknes vor einem Jahr.

Der Schock von 2014 scheint vergessen. Für 2019 hat die norwegische Regierung 83 Produktionslizenzen vergeben. So viele wie noch nie. Mehr als 170 000 Arbeitsplätze hängen heute von der Ölbranche ab. Jüngsten Umfragen zufolge wollen sechs von zehn Norwegern, dass ihr Land weiter nach Öl und Gas sucht.
 

Abenteuer oder Albtraum

Aus der Wirtschaft selbst kommen widersprüchliche Signale. Karl Erik Schjøtt-Pedersen, Direktor der Arbeitgeberorganisation Norsk Olje & Gass, blickt optimistisch in die Zukunft – vorausgesetzt, die Regierung ändere die Rahmenbedingungen nicht. 2018 wurden rund 160 Milliarden Kronen (rund 16 Milliarden Euro) in die norwegische Ölproduktion investiert. Für 2019 erwartet Norsk Olje & Gass 184 Milliarden. „Das sind unglaublich gute Nachrichten für die Norweger“, sagt Schjøtt-Pedersen. „Der Staat wird voraussichtlich 286 Milliarden Kronen verdienen, denn die Einnahmen aus dem Ölgeschäft sind mit 78 Prozent besteuert.“ Nach der letzten Krise habe die Branche die Kosten enorm reduziert, wodurch sich nun mehr Projekte lohnen würden.

Bei Equinor, wie sich Statoil heute nennt, erwartet man, dass sich die Branche sehr verändern wird. „Wir werden eine andere Zukunft vor uns haben“, sagte Equinor-Chef Eldar Sætre der Zeitung Dagens Næringsliv. Das derzeitige Wachstum habe damit zu tun, dass viele große Ölfelder ausgebaut würden. „2022 werden wir den Anfang vom Ende vieler großer Projekte auf dem norwegischen Sockel sehen.“ Künftig würden die Projekte kleiner und ertragsärmer.

Auch der Wissenschaftler Helge Ryggvik glaubt nicht, dass der neue Boom lange anhalten wird. „Wenn das Johann Svederup-Feld in ein paar Jahren ausgebaut ist, wird die Zulieferindustrie Druck machen“, fürchtet er. Geschützte Seegebiete wie rund um die Lofoten und in der Arktis könnten wieder in den Fokus rücken, wenn Norwegen bis dahin keine neuen Industrien entwickele.

„Wir haben viele Wirtschaftszweige mit potenziell alternativen Entwicklungsmöglichkeiten“, so Ryggvik. Die Zulieferbetriebe für die Ölindustrie hätten auch die Kompetenz, für andere Branchen zu arbeiten, etwa mit Offshore-Windanlagen. „Das Problem ist, dass jedes Mal, wenn der Ölpreis hochgeht, auch kleine Ölfelder lohnenswert werden und die Ölgesellschaften alles aufsaugen, was an produktiver Industrie da ist.“ Wenn der Ölpreis niedrig sei, konkurriere er besser mit alternativer Energie. „So wie ich das sehe, ist es nicht möglich, sich von den etablierten Strukturen zu lösen, ohne dass der Staat stärker eingreift. Aber das tut er nicht.“

Diese Befürchtung teilt auch der Journalist Geir Ramnefjell von der Zeitung Dagbladet. Ramnefjell sieht die wichtigste Aufgabe der norwegischen Regierung heute darin, angesichts einer eifrigen und ressourcenintensiven Industrie dafür zu sorgen, dass das norwegische Ölabenteuer nicht in einem Albtraum ende. „In diesem Albtraum sind wir die letzten auf dem Markt, die eine Ware anbieten, die keiner mehr haben will. In diesem Albtraum sind wir eine öl- und gasabhängige Wirtschaft auf dem Weg ins Jahr 2050, in dem die Emissionen der Welt halbiert sein sollten.“


Sigrid Harms lebt seit 2012 in Norwegen und arbeitet als freie Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (dpa) und das ZDF.

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Bibliografische Angaben

IP Wirtschaft 01, März - Juni 2019, S. 15-18

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