Internationale Presse

01. September 2020

Der schwedische Weg

Internationale Presse Schweden

Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie geht Stockholm anders vor als die meisten anderen europäischen Länder. Der Preis: eine relativ hohe Zahl an Todesopfern. Vor allem internationale Medien stellen kritische Fragen. Die WHO jedoch lobt Schweden, weil es sich quasi als Versuchslabor zur Verfügung stellte. Und für die Menschen im Land steht vor allem ihre Freiheit im Vordergrund.

Kostenpflichtig

Die schwedische Stadt Haparanda und die finnische Stadt Torneå an der nördlichen Spitze des Bottnischen Meerbusens sind wie unzertrennliche Geschwister. Seit den 1960er Jahren arbeiten die Behörden und die Menschen zusammen. Sie teilen sich eine Kläranlage und den Rettungsdienst, betreiben eine zweisprachige Schule und verfolgen eine gemeinsame Tourismusstrategie.

Viele leben in Schweden und areiten in Finnland oder umgekehrt. Zum Einkaufen auf die andere Seite zu fahren oder Freunde zu besuchen, gehört zum Alltag.

Gehörte. Denn seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat die jahrelange Freundschaft einen Knacks bekommen. Weil die Zahlen der mit dem Coronavirus Infizierten in Schweden höher sind als in Finnland, dürfen Schweden seit März nicht mehr nach Finnland reisen, während die Finnen weiter in Schweden willkommen sind. Auf dem Victoriamarkt vor dem Einkaufszentrum På steht nun ein halbhoher Zaun, der die Grenze markiert. Wer hier rüberwill, muss plötzlich seinen Pass vorzeigen und einen guten Grund haben.

Eine Frau berichtete dem schwedischen Fernsehen SVT von einer Kollegin, die mit ihrem Auto mit schwedischem Nummernschild nach Finnland zum Einkaufen fuhr. „Als sie in ihr Auto stieg, kam ein finnischer Mann und kippte eine Coladose über ihrem Wagen aus. Solche kleinen provozierenden Dinge passieren ständig.“
Auf beiden Seiten fürchtet man nun, dass die neue Grenze dem Verhältnis der beiden Nationen nachhaltig schaden kann. „Wenn die Pandemie vorbei ist, wird der Zaun, der jetzt die Stadt teilt, entfernt. Aber was in den Köpfen der Menschen sitzt, der Hass und der Nationalismus, die werden wir nicht so leicht wieder los“, sagte der schwedische Politiker Sven-Erik Bucht.


Wunden, die schwer heilen

Dass Schweden in der Bekämpfung der Corona-Pandemie einen Sonderweg gegangen ist, kann weitreichende Folgen haben – nicht nur, dass Tausende Menschen starben. Als Europa Mitte Juni begann, langsam die Grenzen zu den Nachbarn wieder zu öffnen, blieb Schweden außen vor, fühlte sich gemobbt und isoliert. Erst nach und nach öffneten sich im Juli die skandinavischen Nachbarländer für einzelne Regionen in Schweden; Ende Juli hob Dänemark schließlich die Reisebeschränkungen für den Nachbarn ganz auf. Das schmerzt. Außenministerin Ann Linde sprach in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CNBC von Wunden, die möglicherweise nur schwer wieder heilen.

Schwedens Sonderweg hat international für Schlagzeilen gesorgt. Noch nie wurde im Ausland so viel über Schweden geschrieben wie in diesem Frühjahr, hat das Schwedische Institut (SI) ermittelt. „Das Interesse an Schweden und unser Umgang mit der Pandemie wecken weltweit Interesse“, erklärte Sofia Bard, Leiterin der Abteilung für Schwedenanalyse, der Nachrichtenagentur TT. Die meisten Berichte handelten von den offenen Schulen, Schwedens Reaktion auf die Weltgesundheitsorganisation, als das Land auf der Liste der Risikoländer der WHO landete, sowie von einem negativen Artikel in der New York Times über die schwedische Wirtschaft und die Auswirkungen der Corona-Pandemie. „Schweden ist zum Vorbild für einen anderen Umgang mit der Pandemie geworden“, so Bard.

Ob Schweden den richtigen Weg gegangen ist, bleibt die Eine-Million-Dollar-Frage. „Wir können die Menschen nicht zwingen, sich zu isolieren. Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen“, war das Argument der Gesundheitsbehörden und der Regierung. Also blieben die Restaurants und Geschäfte geöffnet, Sportveranstaltungen, Kinovorstellungen und Hochzeiten fanden weiter statt, erst Mitte April führte man eine Versammlungsgrenze von maximal 50 Personen ein. Da waren bereits 2000 Menschen in Schweden an Covid-19 gestorben.

Die Strategie der Gesundheitsbehörden, allen voran vom Staatsepidemiologen Anders Tegnell, war es, die Zahl der Infizierten und Erkrankten so niedrig zu halten, dass die Krankenhäuser nicht überlastet würden. Während man in Norwegen und Dänemark darauf setzte, das Virus zu stoppen, bis ein Impfstoff gefunden ist, ließen die Schweden zu, dass sich das Virus weiter verbreitete. „Schweden wird für einen Zeitraum mehr Fälle haben, aber langfristig gesehen haben wir die Pandemie hoffentlich besser unter Kontrolle“, so Tegnell. Wenn Europa im Herbst von einer zweiten Welle getroffen werden sollte, sei zu erwarten, dass ein großer Teil der Schweden immun sei. Mitte August waren mehr als 80 000 Fälle von Covid-19 registriert, knapp 5800 Menschen waren gestorben.

Die hohen Todeszahlen sorgen für Reaktionen. Bei den regelmäßigen Pressekonferenzen, die in der Regel von Anders Tegnell geleitet werden, fragen die Journalisten immer wieder, ob Schweden den richtigen Weg gewählt hat. Doch Tegnell hat darauf keine Antwort. Erst wenn die Pandemie überstanden ist, könne man bewerten, welche Strategie die klügere war. „Ich denke, wir hatten eine Corona-Strategie, die in vielerlei Hinsicht sehr gut funktioniert hat“, wiederholte der Virusexperte. Nur einen Fehler räumte der 64-jährige Arzt bisher ein: dass man die Älteren in den Senioreneinrichtungen besser hätte schützen müssen. „Wir dachten vermutlich, dass wir eine Situation wie in Italien vermeiden können, wo häufiger mehrere Generationen zusammenleben. Aber das erwies sich als falsch“, sagte er im „Sommar“-Programm des schwedischen Radios.


Kritik aus dem Ausland

Während sich die meisten schwedischen Journalisten mit diesen Antworten zufriedengeben, lassen sich ausländische Pressevertreter nicht so schnell abspeisen. Christian Stichler, ARD-Korrespondent in Stockholm, sorgte für Schlagzeilen, weil er bei den Pressekonferenzen Tegnell immer wieder die Frage stellte, wie er sich zu den hohen Todeszahlen verhalte.

„Als deutscher Journalist stelle ich sehr kritische Fragen, weil ich das verstehen will, aber gleichzeitig ist es klar, dass ich die Daumen drücke, dass Schweden den richtigen Weg gewählt hat“, so Stichler im Interview mit der Zeitung Expressen. Ihm reichen die vagen Antworten Tegnells nicht aus.

Im Juni nahm die Deutsche Welle Außenministerin Linde in die Zange. „Wie können Sie angesichts der hohen Todeszahlen sagen, dass Ihre Strategie funktioniert?“, fragte die Reporterin, und Ann Linde antwortete: „Es ist uns gelungen, dass die Kurve abflacht.“ Die Krankenhäuser seien zu keiner Zeit überlastet gewesen und 80 Prozent der Schweden würden den Empfehlungen der Behörden folgen und Abstand halten. Vergleiche mit anderen Ländern wies sie zurück.

Das Interview der Außenministerin kam auch bei den heimischen Medien nicht gut an. Die liberale Tageszeitung Dagens Nyheter warf Linde in einem Leitartikel vor, Halbwahrheiten mit Selbstlob und unverschämten Ausfällen gemischt zu haben. „Die Erklärung für unsere weltweit einzigartige Corona-Strategie scheint zu sein: Wir sind die Besten, weil wir Schweden sind“, hieß es in dem Kommentar. „Das Coronavirus lässt sich weder von Arroganz noch von Selbstzufriedenheit abschrecken. Es breitet sich trotzdem aus. Und früher oder später muss sich Schweden darauf beziehen.“

Auch die Fachwelt reagierte. In einem offenen Brief bezeichneten 23 Ärzte und Forscher die Corona-Strategie von Tegnell als Irrweg. „Die Anzahl der Toten zu begrenzen, ist Deine Aufgabe, Tegnell“, schrieben sie in einem Debattenbeitrag in Expressen. Sie empörten sich über die Einschätzung des Staatsepidemiologen, dass seine Corona-Strategie in vielen Aspekten gut funktioniert habe. „Gibt es etwas, das wichtiger ist in einer Pandemie, als dass die Menschen überleben?“, fragten sie. „Und wie kann man beurteilen, dass eine Strategie funktioniert hat?“

Die Wissenschaftler forderten, dass Schweden seine Strategie entsprechend den neuesten Erkenntnissen und Erfahrungen in anderen Ländern anpasst. Dazu zählt, Personen unter Quarantäne zu stellen, wenn sie engen Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Außerdem verlangten sie das Tragen von Mundschutz, wie es in vielen Ländern bereits obligatorisch ist. Doch gerade diese Forderung wies Tegnell zurück: Die Menschen würden sich in falscher Sicherheit wiegen, wenn sie einen Mundschutz trügen.

„Es ist die mangelnde Flexibilität, die das Gesundheitsamt an den Tag legt, die dazu geführt hat, dass die Sterblichkeitsrate in Schweden heute über 5000 liegt und im Verhältnis zur Bevölkerung zu den höchsten der Welt zählt“, beklagten die 23 Forscher und Ärzte. „Und es ist unsere hohe Infektionsrate, die viele Länder dazu veranlasst hat, ihre Grenzen für uns zu schließen.“


Lob von der WHO

Doch es gibt auch Anerkennung: Der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, lobte in einem Interview mit dem Svenska Dagbladet, dass sich Schweden als Versuchslabor zur Verfügung stellt. „Schweden hat etwas sehr Wichtiges getan, indem es eine Untersuchung eingeleitet hat, um zu verstehen, wie die Strategie funktioniert.“ Ministerpräsident Stefan Löfven hatte zuvor angekündigt, dass eine Kommission eingesetzt werden solle, die die schwedische Corona-Arbeit auswertet.

„Die WHO schätzt diese Initiative, von der auch andere Länder lernen sollten, sehr“, sagte Ghebreyesus. Die schwedische Regierung habe „ihr Bestes gegeben“ in einer Situation, in der kein Land der Welt sicher war, wie es angesichts einer Pandemie mit einem völlig neuen Virus vorgehen sollte. Es gebe keine universelle Lösung für das „richtige“ Virenmanagement, betonte er. Beindruckt ist der WHO-Chef vor allem davon, dass Schweden Entscheidungen auf der Grundlage wissenschaftlicher und nicht politischer Interpretationen von Fakten treffe.

In anderen Ländern wurde hingegen erstaunt zur Kenntnis genommen, dass bei den regelmäßigen Pressekonferenzen nur selten ein Minister oder Premier Löfven zur Stelle ist. Das Vertrauen in die Kompetenz der Gesundheitsbehörden ist unangefochten und die Politik folgt ihren Empfehlungen. Das ist nicht überall so. In Norwegen räumte Ministerpräsidentin Erna Solberg ein, dass die Schließung der Schulen, zum Beispiel, eine politische Entscheidung gewesen sei. Die norwegischen Gesundheitsbehörden hatten das nicht für notwendig gehalten.

Am 7. Juli machte das schwedische „Open-Air-Experiment“ Schlagzeilen in der New York Times. Der London-Korrespondent der Zeitung bezeichnete Schweden als warnendes Beispiel: „Die Entscheidung, angesichts der Pandemie weiterzumachen, hat zu einer Flut von Todesfällen geführt, ohne die Wirtschaft vor Schaden zu bewahren.“ In dem Artikel wird der Regierung in Stockholm vorgeworfen, aus wirtschaftlichen Gründen auf einen Lockdown verzichtet zu haben. Zu einem hohen Preis. „Trotz der Entscheidung der Regierung, die Binnenwirtschaft am Leben zu erhalten, sind schwedische Unternehmen mit denselben Bedingungen konfrontiert, die überall zu einer Rezession geführt haben. Und die Schweden reagierten auf die Angst vor dem Virus, indem sie ihre Einkäufe einschränkten.“


Das hohe Gut der Freiheit

Der Artikel stieß in Schweden auf Empörung. Außenhandelsministerin Anna Hallberg sagte den Dagens Nyheter, die Kritik der New York Times beruhe auf falschen Prämissen. „Ich denke, es ist wichtig festzustellen, dass Schweden Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit ergriffen hat, und aus diesem Grund haben wir sie ergriffen, nicht zum Schutz unserer Wirtschaft.“ Außerdem erwähne die NYT nicht, dass die Regierung kaum mehr Befugnisse habe, als Empfehlungen zu geben. Die schwedische Verfassung erlaubt in Friedenszeiten keine Anordnungen, die die persönliche Freiheit einschränken.

Eben dies, die persönliche Freiheit, ist ein Gut, das in Schweden hoch geschätzt wird. Wohl auch deshalb steht der große Teil der Bevölkerung hinter der Strategie der Regierung. „Die meisten Menschen mögen einfach keine verstärkte staatliche Kontrolle, Ausgangssperren und autoritäre Behörden“, resümierte Anders Lindberg in einem Leitartikel im Aftonbladet.

„Wir wollen uns selbst retten, wir wollen ausgehen können und wir wollen wie Erwachsene behandelt werden.“ Schweden wollte keinen Lockdown, weil die Schweden keine geschlossene Gesellschaft sein wollen. „Es mag nicht so rational klingen angesichts einer Bedrohung, die keiner von uns versteht“, räumte Lindberg ein. „Aber ich denke, diese Instinkte haben eine größere Rolle gespielt, als wir es uns eingestehen wollen. Wir wollen nicht unter einer Decke hocken, wir wollen unsere Freiheit bewahren. Aber hatten wir recht? Ich weiß es nicht.“

 

Sigrid Harms berichtet als freie Korrespondentin für die Deutsche Presse- Agentur (dpa) und das ZDF mit Sitz in Oslo aus Skandinavien.

Für Vollzugriff bitte einloggen.
Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2020, S. 116-119

Themen und Regionen

Teilen

Mehr von den Autoren

0

Artikel können Sie noch kostenlos lesen.

Mehr Zugriff? Kein Problem. Für nur 9,80 Euro pro Monat können Sie auf sämtliche Artikel der Internationalen Politik jederzeit und bequem zugreifen – Online, im Print und per App. Studierende zahlen nur 73,00 Euro im Jahr.