01. November 2008

Öl-Scheich wird Öko-Scheich

Die Golf-Staaten investieren in Umweltschutz – und sei es nur zum Machterhalt

Wird der Klimasünder sauber? Die Vereinigten Arabischen Emirate verbrauchen mehr Energieressourcen als jeder andere Staat der Welt: Geländewagen sind ein Muss, Klimaanlagen kühlen sogar Bushaltestellen, das Vertrauen ins Öl ist bei der Bevölkerung ungebrochen. Doch die Herrschenden denken um – und bauen auf spektakuläre Öko-Projekte.

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Kein Staat ist so schnell aus dem Nichts entstanden wie Dubai. Von Beginn an haben es seine Regierungen verstanden, die aus dem Ölexport fließenden Gewinne in wirtschaftliche Entwicklung zu investieren. Als globaler Financier und Dienstleister bietet das zweitgrößte Land der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) heute modernste Krankenhäuser, günstige Standorte für Medienkonzerne, Großhandel, Logistik, riesige Häfen und Flugplätze. Der Tourismus boomt. Dienstleistungen statt Waren – theoretisch müsste das einen vergleichsweise niedrigen Ressourcenverbrauch und eine gute Energiebilanz garantieren. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

In Dubai gibt es die höchsten Wolkenkratzer, die größten künstlichen Inseln, die verrücktesten Einkaufszentren und die kühnsten Freizeitanlagen. Der Lebensstandard der Einheimischen ist sehr hoch, der private Verbrauch einer der höchsten der Welt. Das liegt nicht nur an der billigen Energie, die auf dem Ölreichtum der Region beruht, sondern auch am Heer extrem billiger Arbeitskräfte aus Asien. Das schlechteste Zeugnis in Sachen Ökologie hat der World Wildlife Fund (WWF) den VAE im vergangenen Jahr ausgestellt. Laut seinem Bericht ist der „ecological footprint“ der Emirate der größte der Welt. Er misst den menschlichen Verbrauch der ökologischen Ressourcen der Erde.

Dabei berücksichtigt die Studie nicht einmal die Emissionen des stetig wachsenden Flugverkehrs. Dennoch misst der „ökologische Fußabdruck“ der VAE 11,9 Hektar pro Person (happ), gefolgt von den USA mit 9,6 happ, während der globale Durchschnitt bei 2,2 happ liegt. Die USA und die Emirate ähneln sich, was den Lebensstil der Bevölkerung angeht: In beiden Staaten wohnen viele Familien in Einfamilienhäusern mit Schwimmbad und fahren Autos mit hohem Benzinverbrauch. Das Ergebnis des WWF erstaunte daher kaum jemanden. Sprit ist billig, und in Dubai und Abu Dhabi tuckern Geländewagen stundenlang im Stau vor sich hin. Für Wasser bezahlen Einheimische in den Emiraten nichts und für Strom wenig. „Jetzt sind wir wohlhabend, doch bis in die 1960er Jahre waren wir bettelarm. Nun wollen wir unseren Wohlstand genießen“, erklärt Habiba Marashi, die Vorsitzende des Umweltschutzprogramms der VAE, die Gedanken vieler Emirati.

Machterhalt durch Ökologie

Doch während Bewohner und Regierungen in Nordafrika und im Maschrek schlicht nicht die Mittel haben, um eine effiziente Umweltpolitik zu betreiben, kündigt sich im Golf-Kooperationsrat (GCC), zu dem neben den Emiraten auch Kuwait, Bahrain, Katar, Saudi-Arabien und Oman gehören, ein Wandel an.

Die Impulse kommen von ganz oben. Nach der WWF-Veröffentlichung beschloss der Herrscher von Dubai und Premierminister der VAE, Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum, die Emirate innerhalb des GCC zum Vorreiter der Ökologie zu machen. Dabei baut „Scheich Mo“ auf die Vereinbarkeit von Umweltschutz und Wirtschaftswachstum. Er will die Emirate zur neuen Drehscheibe zwischen dem Westen, Afrika und dem Fernen Osten machen und seinem Land eine ökonomische Vormachtstellung verschaffen – nicht nur in der arabischen, sondern in der gesamten Welt.

Al Maktoum hat verstanden, dass er für diesen Plan den Umweltschutz braucht. Inzwischen ist ökologisches Handeln nicht mehr nur in der westlichen Welt hoch angesehen. Und er weiß, dass Dubai gerade wegen seiner Spezialisierung auf qualitativ hochwertige, aber verhältnismäßig günstige Dienstleistungen einen Ruf zu verlieren hat.

Da die Emirate autokratisch regierte Scheichtümer sind, gibt es keine Zivilgesellschaft, welche die Herrschenden zur Rechenschaft ziehen oder ein Umdenken einfordern könnte. Dennoch wollen die Scheichs der Bevölkerung durch ihre Öffnung hin zum Umweltschutz beweisen, dass sie modern -denken. Als Demonstration, dass sie Ökologie und wirtschaftlichen Aufschwung verbinden und eine Strategie für die Zeit nach dem Öl entwickeln. So soll umweltbewusste Politik vor allem eins: ihre Macht festigen.

Umweltbewusste Kühlung

Die konkreten Maßnahmen klingen vielversprechend: Al Maktoum führte in Dubai im Januar das amerikanische Zertifizierungssystem LEED (Leadership in Energy and Environmental -Design) ein. Wer ein Gebäude plant, das höher als vier Stockwerke werden soll, muss die Checkliste von LEED durchgehen. „Nur wenn der Energieverbrauch geringer als üblich, die Freiflächen groß und die Räume genügend durchlüftet sind, erhält man das ‚Zertifikat‘, ohne das mit dem Bau nicht begonnen werden kann“, erklärt Till Stoll, ein Schweizer Ökologe.

Stoll ist Vorsitzender der Dubaier Firma Green Destinations. Sie hilft Bauherren, ihren Stromverbrauch zu drosseln. „Die Basis ist die Isolierung der Gebäude“, sagt er. Sie habe in Dubai bis jetzt weitgehend gefehlt; -Infrarotbilder zeigten, dass Häuser dort nur über geringe Wärmedämmung verfügten. Seine Bauten er-hielten deshalb eine Kunststoffver-kleidung.

Wie man sich im Norden vor der Kälte schütze, müsse man in Dubai verhindern, dass Hitze in die Häuser dringe.

Auch die Öko-Stadt Masdar soll ökologisch kühl bleiben. Der Bau der Null-Emissions-Stadt, ein Projekt von Al Maktoum und dem Staatsoberhaupt der VAE, Scheich Khalifa bin Zayed Al Nahyan, begann im April dieses Jahres. Die Schlagzeile in der emiratischen Presse lautete: „Als erste Stadt der Welt wird in Masdar-City weder Kohlendioxid noch Abfall entstehen.“ Masdar-City wird ausschließlich erneuerbare Energie verbrauchen, womit sich die Herrscher der Emirate energiepolitisch an die Spitze gesetzt haben. Der Bau der Öko-Stadt (Kostenvoranschlag 15 Milliarden Euro) wird aus den Erdölverkäufen von Abu Dhabi und der boomenden Wirtschaft Dubais finanziert; ihre Technologie kommt zu großen Teilen aus dem westlichen Ausland. Neben dem Massachusetts Institute of Technology sind unter anderen BP, Shell, Mitsubishi und Conergy im Boot. Die architekto-nische Planung liegt in den Händen des -britischen Architektenbüros Foster&Partners. Ideologische Klammer der Initiative ist das arabische Wort -„masdar“ – Ursprung, Quelle.

In Masdar-City werden keine gasbetriebenen, sondern solarthermischeKraftwerke die 50 000 Einwohner mit Licht versorgen. Windanlagen sollen wiederum Pumpen antreiben, um Kühle aus tieferen Erdschichten in die Häuser zu befördern. Die sollen – im Gegensatz zu bisherigen Neubauten – an schmalen überdachten Straßen stehen. Das war früher in der arabischen Welt üblich; mit sich gegenseitig beschattenden Lehmbauten, Windtürmen und Springbrunnen wurden damals hohe Temperaturen erträglich gemacht.

Das Projekt Masdar-City scheint zukunftsweisend. Durch die Ökostadt haben die Vereinigten Arabischen Emirate ihren Platz in der internationalen Umweltpolitik gefunden – in ihrer typischen, gigantischen Art. Dabei symbolisiert das Projekt auch das nahende Ende des Ölbooms. Doch wirft Masdar auch Fragen auf. Werden die verwöhnten Emirati an einem solchen Ort wohnen wollen? Die kleinen Häuser an engen Gässchen ohne Garagen (Autos müssen draußen bleiben) sind für die bis jetzt in Saus und Braus lebenden Golf-Araber gewöhnungsbedürftig. Und: Bleiben Hausangestellte weiterhin in primitiven, billigen Massenunterkünften oder dürfen sie in der Öko-Stadt leben? Letzteres würde einen Einbruch der Klassenschranken bedeuten.

Während den Herrschern in den VAE offenbar bewusst ist, dass sich der Ölreichtum im Golf-Kooperationsrat zu Ende neigt, denken die dortigen Bewohner, dass die weltweit drohende Verknappung des Erdöls sie zuletzt treffen wird. Rohöl wird in allen arabischen Ländern vergleichsweise günstig gefördert. Mit zunehmendem Mangel werden die westlichen Industrieländer gezwungen, teurere Energiequellen zu erschließen, seien es tiefer liegende Erdölreserven oder alternative Energien. Damit werden die Preise für Öl am Weltmarkt real steigen, aber auch die Ölprofite des GCC. Die drohende Erdölknappheit macht die Staaten des GCC bis jetzt eher reicher und unabhängiger. Und auch wenn Öl am Weltmarkt kaum noch zu haben sein wird, werden sie selbst noch darüber verfügen. Deshalb ist es höchst unsicher, ob sie bald ernsthaft Verfahren entwickeln werden, ihre im Überfluss vorhandene Sonnen- und Windenergie effizient zu nutzen – oder sie gar in den Norden zu exportieren.


KRISTINA BERGMANN ist Nahost-Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung.
 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 11, November 2008, S. 84 - 87

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