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01. Sep 2012

Neue Wege für Chinas Wirtschaft

Ein anderes Wachstumsmodell, finanzielle Öffnung und globale Mitsprache

Auch nach dem Crash von 2008 blieb Chinas Wirtschaft auf Erfolgskurs und trieb die Weltökonomie an. Nun aber steuert das Land in ein schwierigeres Umfeld – eine Folge der Finanzkrise, aber auch des wachsenden inneren Drucks. China muss sich von seiner rein exportorientierten Wirtschaftspolitik verabschieden und aktiver werden.

China1 hat seine nationale Wirtschaftsstruktur seit Beginn des 21. Jahrhunderts angepasst, um das Land auf dem Weltmarkt noch konkurrenzfähiger zu machen und die Vorteile der globalen industriellen Arbeitsteilung auszunutzen, besonders in der Fertigungsindustrie. Die Finanz- und Staatsschuldenkrise spornte China nur noch weiter an, sich in allen Institutionen ökonomischer „Global Governance“ um einen gleichwertigen Mitgliedsstatus zu bemühen, neue, vorteilhafte Bedingungen für seine nationale Entwicklung zu schaffen und seine rechtmäßigen nationalen Interessen effektiver zu schützen und zu fördern.

Multi- und bilateral hat sich China zu internationaler Zusammenarbeit wie in der APEC verpflichtet, seine wirtschaftliche Kooperation mit der Shanghai Cooperation Organisation ausgeweitet und Freihandelsabkommen mit über 40 Ländern sowie den ASEAN-Mitgliedstaaten unterschrieben. Mit Japan und Südkorea erkundet China zudem Möglichkeiten einer „Ostasiatischen Gemeinschaft“. Im gleichen Geist hat sich China an seine Wirtschafts- und Handelspartner in Europa, Lateinamerika und Afrika gewandt. Noch wichtiger ist, dass es China gelungen ist, seine Handels- und Investitionsbeziehungen mit den Entwicklungsländern auszuweiten, was die Handelsprobleme mit den Industriestaaten weitgehend ausgeglichen hat.

Auf nationaler Ebene muss China erst noch profitieren: von wirtschaftlichen Strukturanpassungen, fortgesetzter Urbanisierung, einer wachsenden Mittelschicht, größerem Spielraum im Dienstleistungssektor und boomenden Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. In der Vergangenheit waren ausländische Direktinvestitionen der wichtigste externe Faktor für Chinas wirtschaftliche Entwicklung. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts aber stößt nun auch chinesisches Kapital in andere Länder und Ökonomien vor und treibt deren Wachstum an. Deshalb unterschrieb China bereits mit über 40 Ländern Investitionsschutzabkommen. Ende 2011 beliefen sich die chinesischen Auslandsinvestitionen in über 100 Ländern zusammengenommen auf über 400 Milliarden Dollar. Außerdem setzt China seine Wettbewerbsvorteile ein und baut industrielle Produktionsketten sowie Infrastrukturnetze mit den Nachbarstaaten aus, um die Grundlagen für Handels- und Investitionsströme in beide Richtungen zu festigen.

Herausforderungen für die wirtschaftliche Zukunft

In der internationalen Arbeitsteilung, dem Wachstumsmodell, in Fragen wirtschaftlicher Governance und Öffnung seines Finanzmarkts dürften nun die größten Herausforderungen für Chinas Wirtschaftspolitik liegen.

In der globalen Produktions-, Kapital- und Güterkette war China die längste Zeit ein Empfängerland. Seit 1978 haben über 700 000 ausländische Unternehmen den Markt in China mit Direktinvestitionen überflutet. Weil sie über hochwertigere Technologie, Kapital, unternehmerisches Know-how und besseres Marketing verfügten, wiesen sie China in der Wertschöpfungskette eine untergeordnete Position zu, derweil viele chinesische Firmen und Markenprodukte nicht konkurrenzfähig wurden. Sie machten China gewissermaßen zur Werkbank ausländischer Patentrechte- und Markenproduktinhaber. Diese transnationalen Unternehmen steuerten ihre Produktionskosten hauptsächlich durch die Kontrolle der Kapitalströme, durch Forschung und Entwicklung und durch die Bereitstellung der wesentlichen Technologie. Weil sie auch den Vertrieb in heimischen und ausländischen Märkten organisierten, bestimmten sie die Gewinnspanne. Es ist eine traurige Tatsache, dass über 70 Prozent des chinesischen Außenhandels in den Händen ausländischer Investoren und Importeure liegen und China nur eingeschränkt von seinem blühenden Handel profitiert. Obwohl China die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ist, muss es sich das Recht, die Güterpreise zu bestimmen, erst noch erkämpfen. Das hat es dem Land erschwert, einen entsprechenden wirtschaftlichen und sozialen Nutzen aus seiner Entwicklung zu ziehen. Sicher: Chinas Wirtschaft hat sowohl an Umfang als auch an Dynamik stetig zugelegt. Aber es fehlt noch an Systemen für international wettbewerbsfähige Technologieentwicklung und Outsourcing am unteren Ende der Wertschöpfungskette. Außerdem leidet China an den unsichtbaren Kosten seiner wirtschaftlichen Entwicklung und genießt noch kein angemessenes Mitspracherecht in der internationalen Finanzwelt.

China hat lange auf sein exportorientiertes Wachstumsmodell gesetzt. Dies war aber bei drastischen Fluktuationen auf Seiten seiner Haupthandelspartner stets anfällig. Die Stagnation in den Industriestaaten hat heute Rückwirkungen auf China und zuletzt auch Spannungen und Dispute geschürt. Um die eigenen Märkte zu schützen und ihren hochwertigen Fertigungssektoren eine Erholung zu ermöglichen, praktizieren wichtige Industriestaaten Wirtschaftspatriotismus. Dies hemmt die normale Entwicklung des internationalen Handels und der Auslandsinvestitionen und ist besonders für China eine neue Bedrohung, denn so wird es noch länger dauern, sein veraltetes Wachstumsmodell zu überholen und weitere industrielle Strukturanpassungen vorzunehmen. Leider haben zuletzt immer mehr Länder ihre Handelsbeschränkungen gegenüber China verstärkt.

Obwohl das Land in den vergangenen 30 Jahren beispiellose Anstrengungen unternommen hat, um Reformen durchzuführen, befindet sich Chinas Marktwirtschaft noch immer in der Lernphase, wobei der Finanzsektor der wunde Punkt ist. Um vom Angebot an billigen Arbeitskräften und dem Marktpoten­zial zu profitieren, haben transnationale Unternehmen ihre Produktion, Ver­arbeitung und Montage nach China ausgelagert, was die Volksrepublik wiederum zum Land mit dem größten Handelsbilanzüberschuss gemacht hat – und zur Hauptzielscheibe für Forderungen nach einer „Ausbalancierung“ der Weltwirtschaft. Zu allem Übel musste es, da seine Währung noch nicht völlig konvertibel ist, in der Vergangenheit den Großteil seiner Devisenreserven, die sich auf mehr als drei Billionen Dollar belaufen, für den Aufkauf amerikanischer oder europäischer Staatsanleihen einsetzen. Seit der Finanzkrise haben die USA und andere Länder mit Maßnahmen wie einer Niedrigzinspolitik und der Ausweitung der Geldmenge Chinas Vermögenswerte gemindert.

In der Vergangenheit hat Chinas Bruttoinlandsprodukt meist zweistellig zugelegt, bei wachsendem Inflationsdruck, der den Ertrag nicht nur für die Regierung, sondern auch für die Privatwirtschaft und die Menschen quer durch die Gesellschaft gemindert hat. Bis heute ringt China mit hartnäckigen Problemen wie niedriger Effizienz, einer zu hohen Sparquote, einer älter werdenden Bevölkerung, einem rückläufigen Angebot an Arbeitskräften und überschüssigen Produktionskapazitäten als Konsequenz des wiederholten, von den lokalen Regierungen im ganzen Land initiierten Aufbaus stets derselben Unternehmen in denselben Industrien. Darüber hinaus ist die Zurückhaltung der Menschen beim Konsum das größte Hindernis für die Erneuerung des Wachstumsmodells. Chinas nationale Mechanismen für soziale Leistungen müssen erst noch das Vertrauen der breiten Massen gewinnen – eine Aufgabe, die auf allen Regierungsebenen erhebliche Mühe bereitet.

Strategien für eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung

Für Chinas zukünftige Wirtschaftsentwicklung ergeben sich folgende Punkte: Erstens sollte China seine Entwicklungsstrategie weiter dem sich verändernden internationalen und nationalen Umfeld anpassen; seine Wirtschafts- und Handelspolitik aktiv koordinieren und dabei auf alle existierenden Kommunikationsmechanismen zurückgreifen; die bereits existierenden regionalen Kooperations­mechanismen weiter stärken, um ein kollektives ökonomisches Sicherheitsnetz zu schaffen; und sich schließlich stärker in bilateralen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen engagieren. Dabei sollte China den Zukunfts­trend einer kohlenstoffarmen Wirtschaft aufgreifen und in grüne Technologieforschung, -entwicklung und -vermarktung investieren, um von Anfang an bei dieser Entwicklung dabei zu sein. Noch wichtiger ist es allerdings, dass China den Prozess der industriellen Arbeitsteilung vorantreibt und weitere industrielle Anpassungen und die Transformation seines Wachstumsmodells ermöglicht, um so seine eigene Position in den Wertschöpfungsketten zu verbessern und selbst industrielle Outsourcing-Kapazitäten aufzubauen.

Zweitens sollte China seine Industriepolitik neu aufstellen und aktiv Einfluss im Rahmen regionaler und bilateraler Kooperation ausüben, um wirtschaftliche Risiken zu mindern. Ein effektives Frühwarnsystem würde dabei helfen, wirtschaftliche Entwicklungstrends in den jeweils betroffenen Ländern rechtzeitig zu erkennen und mit diesen umzugehen.

Drittens sollte China auf seine systemischen Stärken setzen und Anstrengungen in Richtung technologischer Durchbrüche intensivieren, vor allem in den wichtigsten wirtschaftlichen Sektoren, in denen es Wettbewerbsvorteile hat. So kann es seine Position verbessern und eine wichtigere Rolle beim globalen Transfer spielen. Es sollte seine Staatsunternehmen ermutigen, die Wirtschaftszyklen genau im Auge zu behalten, insbesondere die unter lokalen Bedingungen nützlichen industriellen Technologien zu erforschen und zu entwickeln, ebenso wie Produkte, die sich leicht lokal vermarkten lassen. Wenn China weiter von seiner günstigen Kapitallage profitiert und hochwertige Technologie importiert, kann es den Prozess der Industrietechnologieerneuerung beschleunigen und seinen Anspruch festigen, am internationalen Wettbewerb nach der Finanzkrise als gleichwertiger Akteur teilzunehmen.

Viertens sollte China aktiv Handelsbeziehungen zum beiderseitigen Nutzen ausbauen. Im Einklang mit den Richtlinien des 12. Fünfjahresplans sollte es sich stark bei Investitionsströmen einbringen, insbesondere bei auswärtigen Direktinvestitionen. Es sollte keine Mühen bei der Werbung für seine eigenen Markenprodukte und Leistungen scheuen und fähige Unternehmen dazu ermutigen, in anderen Ländern Vermarktungsketten aufzubauen, um mehr Nutzen aus seiner industriellen Fertigung zu ziehen. Es sollte die Qualität und Beliebtheit chinesischer Güter fördern, insbesondere der Hightech-Güter. Außerdem sollte China seine Handelsstrukturen verbessern und den Exportanteil chinesischer Marken und technologischer Produkte drastisch vergrößern.

Fünftens sollte China konsequent für industrielle Zusammenarbeit werben und die Abkommen umsetzen, die es mit seinen wichtigsten Partnern und den regionalen Organisationen unterschrieben hat. Entsprechend der Leitlinien seiner industriellen Strukturanpassungen sollte China einheimische Unternehmen ermutigen, ihre überschüssige Produktionskapazität im Einklang mit den internationalen Spielregeln in andere Länder auszulagern, um ihre Produktionsfläche und die Laufdauer relevanter Technologien und Produktionszweige zu vergrößern, den makroökonomischen Ertrag ihrer Wirtschaftsentwicklung zu maximieren und Chinas Position und Rolle in der internationalen Wirtschaftsteilung und -kooperation zu verbessern. Außerdem wäre es nötig, die Mittel für die Subventionierung der Zusammenarbeit zwischen China und seinen Handelspartnern aufzustocken, um die chinesischen Unternehmen bei ihrem Vorstoß in die Nachbarländer und später in die ganze Welt finanziell zu unterstützen. Auch sollte es die bestehenden wirtschaftlichen Kooperationsmechanismen voll ausnutzen, die Vorteile der industriellen und Ressourcenausstattung der jeweiligen Länder erschließen und seine industriellen Kooperationsketten in Landwirtschaft, Energie, Transport, Kommunikation und Information ausweiten und verbessern.

Sechstens schließlich sollte China die Initiative ergreifen und für den Ausbau internationaler Formen von Wirtschaftsregierung werben. Auch sollte es alle bereits vorhandenen regionalen und globalen Wirtschaftsgipfel und Kooperationsmechanismen für das Setzen von Themen und für Entscheidungsprozesse nutzen. China sollte seine Politik im Bereich der internationalen Wirtschaftskooperation neu ausrichten und den Prozess der regionalen Wirtschafts- und Handelskooperation vorantreiben. So könnte China die rechtlichen Kooperationsmechanismen stärken, die Verhandlungen über Freihandelszonen mit den jeweiligen Ländern beschleunigen, um zu dynamischeren Wirtschafts- und Handelsvereinbarungen zu kommen und die gemeinsame Entwicklung anzukurbeln. Zusätzlich sollte es seine eigenen Frühwarnsysteme für Sicherheit schaffen, regelmäßig Informationen austauschen, erfolgreiche Erfahrungen teilen, Pläne für zukünftige Zusammenarbeit ausarbeiten und nachjustieren und die Ergebnisse ökonomischer Sicherheitskooperation weiter verbessern.

Dr. LIU YOUFA ist Vizepräsident des China Institute for International Studies.

  • 1Dieser Text ist der Vorabdruck eines Beitrags für die Foresight-China-Konferenz, die im November 2012 von der Alfred Herrhausen Gesellschaft und dem China Institute for International Studies in Peking veranstaltet wird.
Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/ Oktober 2012, S. 31-37

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