Namibias grüner Wasserstoff
Sprung in die Zukunft: Das Land im Südwesten Afrikas möchte sich vom Rohstoffexporteur zu einem nachhaltigen Industriestaat entwickeln.
Namibia braucht mehr Energie: Bis 2030 soll der Anteil der Wirtschaftsleistung aus der weiterverarbeitenden Industrie von heute 15 auf 42 Prozent wachsen. Bislang werde Energie größtenteils aus den Nachbarländern importiert, sagt James Mnyupe, Namibias Kommissar für grünen Wasserstoff. „Energie ist der Schlüssel zur Industrialisierung. Sie muss preiswert und heutzutage auch sauber sein. Und wir haben hier ja großartige erneuerbare Energiequellen.“
Das enorme Potenzial für Sonnen- und Windenergie hat sich auch international herumgesprochen: Investoren umgarnen Namibia, um dort grünen Wasserstoff herzustellen. Nie zuvor habe er ein solches Interesse von außen erlebt, sagt der Ökonom Salomo Hei. „Ich verstehe die Dynamik und den Enthusiasmus, aber ich rate dazu, vorsichtig vorzugehen.“ Seine Heimat dürfe sich nicht von Interessen aus dem Ausland vorantreiben lassen und in die „Falle des Öko-Kolonialismus“ tappen. Die Ausbeutung neuer Ressourcen müsse, anders als in der Vergangenheit, auch dem Gros der lokalen Bevölkerung zugutekommen.
In der kleinen Hafenstadt Lüderitz soll eines von drei neuen Energiezentren an der namibischen Atlantikküste entstehen, für die Produktion und den Export von grünem Wasserstoff. Hier plant Hyphen Hydrogen Energy das mit Abstand größte Projekt des Landes. An dem Unternehmen sind die namibische Regierung, die Investmentfirma Nicholas Holding und die auf alternative Energien spezialisierte deutsche Firma Enertrag beteiligt. Das Investitionsvolumen entspricht nahezu dem Bruttoinlandsprodukt Namibias.
Das Büro ist im alten Elektrizitätswerk von Lüderitz untergebracht – einem Bau aus der deutschen Kolonialzeit, als die Diamantenindustrie in der Region Energie brauchte. Im zweiten Stockwerk, mit Blick auf den Atlantischen Ozean, präsentiert Projektentwickler Jan-Barend Scheepers die ehrgeizigen Pläne. Entsalzungsanlagen sollen das Wasser für die Elektrolyse liefern, riesige Solar- und Windfarmen die Energie. Ab 2029 will Hyphen grünen Ammoniak nach Deutschland und in andere Länder verschiffen. Es sei eine einmalige Chance, sagt Scheepers. Weil Namibia nur drei Millionen Einwohner habe, könne ein Projekt wie Hyphen einen neuen Weg für die Zukunft des Landes ebnen. Natürlich sei man noch nicht am Ziel, aber alle Probleme könnten gelöst werden.
Draußen, im Stadtzentrum blättert der Putz von den Fassaden, etliche noch aus der Kolonialzeit. Lüderitz sei ein kolonialer Name, sagt Sima Luipert von der Nama Traditional Leaders Association. „Der Ort heißt !Nami+Nûs. Es ist das angestammte Land der !Aman.“ Lüderitz war nicht nur der Ort des Diamantenbooms, sondern auch ein Tatort im Genozid an den OvaHerero und Nama. Zwischen 1905 und 1907 hatte die deutsche Schutztruppe auf der Halbinsel Shark Island ein Todeslager eingerichtet. Ihre Vorfahren hätten ihr Land und ihr gesamtes Eigentum verloren, sagt Luipert. „Sie wurden in Camps eingesperrt und als Sklaven ausgeliehen.“ Dadurch, sagt Luipert, sei eine strukturelle Ungerechtigkeit entstanden, die nie beseitigt wurde. „Das Land bleibt im Besitz der Nachkommen der damaligen Siedler, während unsere Generationen nur Armut geerbt haben.“
Am Stadtrand prägen kleine Häuser, teils auch Blechhütten ein Viertel, das sich New Development nennt, aber schon Jahrzehnte alt ist. Wasser gibt es nur draußen an Gemeinschaftshähnen, nicht alle haben Strom. Vor einem dieser Häuser sitzt ein Mann, der lieber anonym bleiben will. Die meisten in der Nachbarschaft hätten schon von grünem Wasserstoff gehört, sagt er. Aber auch von den Öl- und Gasvorkommen vor der Küste. „Wir wollen einfach einen Job. In Lüderitz ist es schwer, Arbeit zu finden, und alle hoffen, dass sich das ändert – dass viel gebaut wird und die meisten Leute von hier angestellt werden.“ Lüderitz hat rund 30 000 Einwohner, etwa die Hälfte ist arbeitslos. Und 15 000 Jobs will der Hyphen-Konzern während der Bauphase schaffen.
Aufbau einer sauberen Produktion
Die Regierungsziele sind noch ehrgeiziger. Wasserstoff-Kommissar Mnyupe lehnt sich an eine Art Bistrotisch in seinem verglasten Büro am Stadtrand der Hauptstadt Windhoek. Als wirtschaftlicher Berater des im Februar 2024 verstorbenen Präsidenten Hage Geingob hat er Namibias Wasserstoffstrategie mitentwickelt. Sie soll ein Schlüssel zur angestrebten grünen Industrialisierung sein. Laut dem „Blueprint for Namibia’s Green Industrialisation“ sollen soziale Ungleichheit und Arbeitslosigkeit drastisch gesenkt werden, letztere von über 33 auf 2,3 Prozent im Jahr 2030. Es sei ein Ziel, das „wahrscheinlich nicht erreicht“ werde, räumt Mnyupe ein, aber der Anspruch bleibe bestehen.
Die Produktion grünen Wasserstoffs soll ein Fundament für den Aufbau weiterer Industrien sein, wie die Herstellung von Elektrolyseuren, von Solarmodulen, grünem Stahl oder direktreduziertem Eisen. „Wir haben keine großen Industriekomplexe, die erst dekarbonisiert werden müssen“, betont Mnyupe. Namibia habe die Chance, von Grund auf eine saubere Produktion aufzubauen und damit auch zu einem regional bedeutenden Wirtschaftsstandort im Süden Afrikas zu werden. „Alle Rohstoffe, die für die Energiewende gebraucht werden, sind in dieser Region vorhanden. Namibia könnte sie mit der eigenen grünen Energie weiterverarbeiten und exportieren.“
Ökonom Salomo Hei ist skeptisch. Vor dem Griff nach den Sternen müssten erstmal die Grundlagen geschaffen werden. Und damit meint er nicht nur den notwendigen Ausbau der Infrastruktur oder die Tatsache, dass noch viele Haushalte überhaupt erst an die Strom- und Wasserversorgung angeschlossen werden müssen. Namibias Wirtschaft sei in den letzten Jahren zwar gewachsen, sagt Hei, aber: „Dieses Wachstum war nicht inklusiv. Für die meisten Namibier ist es eine Illusion geblieben.“ Es brauche ein breites Wachstum, eine Orientierung an den vorhandenen Fachkräften, Branchen, die viele Jobs schaffen. Bevor Namibia zum großen Sprung ansetze, so der Ökonom, müssten die Risiken und Alternativen sorgfältig abgewogen werden. Doch Investoren und Regierung drücken beim grünen Wasserstoff aufs Tempo, sie möchten den Vorteil als „First Mover“, also Pioniere des neuen Industriezweigs, nicht verpassen.
„Namibia ist nicht bereit für Projekte dieser Größenordnung“, meint Ronny Dempers, Direktor des Namibia Development Trust. Zivilgesellschaftliche Organisationen warnen vor einer möglichen Schuldenfalle, einem Nährboden für Korruption. „Die Transparenz lässt zu wünschen übrig“, sagt Dempers. Das sei kein guter Start für eine neue Branche. Und auch im Hinblick auf den politischen und rechtlichen Rahmen sei Namibia noch nicht bereit. „Wir befürchten, dass Richtlinien und Gesetze im Parlament einfach durchgewunken werden, ohne dass die Zivilgesellschaft oder Bürger beteiligt werden.“
Auch die Frage, ob die vorgeschriebenen Umweltstudien unter diesem Zeit- und Investitionsdruck mit der nötigen Unabhängigkeit und Sorgfalt durchgeführt werden, steht im Raum. Vor allem mit Blick auf das Hyphen-Projekt. An der Küste sollen eine Ammoniakfabrik, Entsalzungsanlagen und ein Tiefseehafen gebaut werden. In unmittelbarer Nähe liegt das erste Meeres- und Inselschutzgebiet Namibias.
Namibia will ein Gleichgewicht zwischen wirtschaft licher Entwicklung und ökologischer Erhaltung
Die von Entwicklern gern als leere Leinwand bezeichnete Wüstenlandschaft, das ehemalige Diamanten-Sperrgebiet, der heutige Tsau-IIKhaeb-Nationalpark, ist ein international anerkannter Biodiversitäts-Hotspot. Dort gebe es mehr Arten als irgendwo sonst in Namibia, sagt Chris Brown von der namibischen Umweltkammer. Erst vor vier Jahren war ein neuer Managementplan für den Nationalpark veröffentlicht worden. „Über die heutigen Pläne wäre man damals entsetzt gewesen“, sagt Brown. Ökotourismus-Konzessionen seien ausgeschrieben und teils schon vergeben worden, „bis aus dem Nichts die Pläne für grünen Wasserstoff aufpoppten und von ganz oben durchgesetzt wurden“.
Die Regierung hat das gesamte Gebiet des Nationalparks in mehrere Konzessionen für erneuerbare Energien und die Produktion grünen Wasserstoffs aufgeteilt. Die Ausschreibung für die ersten beiden hat Hyphen gewonnen. Kritik am Verfahren und Standort seien nicht gerechtfertigt, sagt James Mnyupe. Er verweist auf die Diamantenförderung und eine Verordnung, die in Schutzgebieten auch Projekte für erneuerbare Energien und den Klimaschutz erlaubt. „Der Nationalpark wurde von der Regierung stets als strategisches Rückgrat der namibischen Wirtschaft angesehen. Er wurde schon immer auf unterschiedliche Weise genutzt.“ Bereits 2017 sei das große Potenzial für Windkraft erkannt und die Entwicklung von erneuerbaren Energien in bestimmten Gegenden erlaubt worden. „Das Hyphen-Projekt kam erst viel später“, sagt Mnyupe.
Hyphen plant sechs bis acht Gigawatt Wind- und Solarenergie. Im alten Kohlekraftwerk klickt sich Projektentwickler Scheepers durch die Power-Point-Präsentation: Zahlen, Flowcharts, Diagramme. Auf Karten sind farbige Flächen markiert, die den angenommenen Grad der Biodiversität und Bedeutung für das Ökosystem darstellen. Die Infrastruktur – Solar- und Windkraftanlagen, Stromtrassen, Pipelines, Fabriken – soll besonders sensitive und wichtige Flächen einfach umgehen. Um eine natürliche Wasserquelle in der Wüste soll eine fünf Kilometer weite No-go-Area eingerichtet werden. Die Zufahrtsstraßen und Pipelines sollen um Biodiversitäts-Hotspots herumgeführt werden. So stellt es sich der Ingenieur vor. Aus Sicht des Ökologen Chris Brown ist das jedoch unmöglich. „In trockenen Gegenden sind zusammenhängende offene Landschaften besonders wichtig. Nimmt man ihnen die Verbindung, dann schadet ihnen das erheblich oder zerstört sogar einen Teil.“
„Naturschutz ist eine Pflicht“
Bevor Ende 2026 die endgültige Investitionsentscheidung fallen soll, sind rund zwei Jahre für Umweltstudien eingeplant. Und die nehme Namibia ernst, betonte Staatspräsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah bei einem Wasserstoff-Gipfel in Windhoek. „Der Naturschutz ist keine Kür, sondern eine Pflicht, die in unserer Verfassung festgeschrieben ist.“ Namibia sei entschlossen, ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und ökologischer Erhaltung herzustellen.
Das will auch Umweltschützer Brown. Er sei nicht gegen die Entwicklung grünen Wasserstoffs, betont er. Dafür gebe es in Namibia durchaus geeignete Standorte, aber der Tsau-IIKhaeb-Nationalpark müsse tabu bleiben. Wasserstoff-Kommissar Mnyupe sieht dafür keinen Anlass: „Wir wollen diese Projekte so bauen, dass sie die Biodiversität respektieren. Sie helfen auch dabei, die Fauna und Flora besser vor den Folgen des Klimawandels zu schützen.“ Der Klimawandel treffe Namibia schon jetzt hart, obwohl es mehr Treibhausgase absorbiert, als es ausstößt. „Wenn wir den Industriestaaten bei der Dekarbonisierung helfen, werden wir auch weniger unter ihren Emissionen leiden“, sagt Mnyupe, bereit, den großen Sprung zu wagen.
Internationale Politik Special 2, Mai 2025, S. 56-59
Teilen
Themen und Regionen
Artikel können Sie noch kostenlos lesen.
Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.