01. Juli 2019

Unternehmerische Überflieger

Die Movers and Shakers der südafrikanischen Ökonomie

Wenn es in den vergangenen Jahren nicht so recht rund gelaufen ist in Südafrikas Wirtschaft, dann hat das viel mit schlechter Politik zu tun, weniger mit unfähigen Unternehmern. An den hier Versammelten jedenfalls dürfte es kaum gelegen haben. Und auch der einzige Politiker in der Runde gehört zu den Hoffnungsträgern für eine bessere Zukunft am Kap.

Kostenpflichtig

Patrice Tlhopane Motsepe

Gründer und Vorstandsvorsitzender von African Rainbow Minerals
geboren 1962 in Soweto
Ausbildung: Jura-Studium an der Universität von Swasiland und an der Witwatersrand Universität
Stationen: Anwaltskanzlei Bowman Gilfillan, seit 1997 African Rainbow Minerals

Patrice Motsepe ist ein Pionier: Er war der erste schwarze Partner einer renommierten Anwaltskanzlei in Johannesburg und der erste schwarze Milliardär Südafrikas. Als erster Afrikaner schloss er sich der „Giving Pledge“-Initative von Bill Gates und Warren Buffett an und versprach, mindestens die Hälfte seines Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Er gilt als Milliardär ohne Allüren, als Unternehmer mit ausgeprägtem Instinkt für den richtigen Zeitpunkt. Nach der demokratischen Wende in seiner Heimat 1994 witterte der Anwalt für Bergbaurecht seine Chance als Unternehmer. Er kaufte verlustreiche Bergwerke und machte in Rekordzeit wieder Profit. Das gelang ihm unter anderem dadurch, dass er den Lohn der Bergleute umstrukturierte: Zu einem geringen Grundgehalt kam ein profitbasierter Bonus. Im Südafrika der späten 1990er Jahre war das ein Novum und der Grundstein für African Rainbow Minerals. Motsepes Bergbaukonzern war der erste im Besitz eines schwarzen Südafrikaners und gehört heute zu den führenden des Kontinents. Mittlerweile hat der 57-Jährige auch im Banken- und Energiesektor erfolgreiche Unternehmen gegründet: „African Rainbow Energy & Power“ und „African Rainbow Capital“. Der Vater von drei Söhnen ist Präsident eines Fußballvereins und sitzt in diversen Aufsichtsräten und Vorständen.

Kritiker werfen Motsepe vor, sein Erfolg fuße auf den umstrittenen Black- Economic-Empowerment-Gesetzen und seinen guten Verbindungen zur Regierungspartei ANC; der im Mai wiedergewählte Präsident Cyril Ramaphosa ist sein Schwager. Motsepe jedoch weist beide Kritikpunkte zurück. Seinen Erfolg verdanke er vor allem seinen Eltern. Im kleinen Geschäft seines Vaters habe er das Rüstzeug für eine Unternehmerkarriere erhalten und gelernt, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Große Afrikaner würden nicht danach beurteilt, wieviel Geld sie hätten, sondern was sie für die Menschen geleistet hätten, sagte Motsepe in einem seiner seltenen Interviews. Mit der Stiftung, die er gemeinsam mit seiner Frau Precious führt, will er seinen Teil zur Armutsbekämpfung beitragen.

Suzanne Ackerman-Berman

Direktorin für Transformation‚ Pick n Pay Stores Limited
geboren 1963 in Kapstadt
Ausbildung: Politik- und Französisch-Studium an der Universität Kapstadt, Fellowship Aspen Business Institute
Stationen: Restaurantgründerin, mehrere Positionen in der Pick n Pay-Gruppe, seit 2007 Direktorin für Transformation

Privilegien bedeuten Verantwortung. Große Unternehmen sollten kleinere fördern. Nur durch ein freies Unternehmertum kann in Südafrika nach der errungenen politischen auch wirtschaftliche Freiheit erreicht werden: Diese Überzeugungen treiben Suzanne Ackerman-Berman an. Sie ist die Tochter des berühmten Raymond Ackerman, der mit „Pick n Pay“ eine der größten Supermarktketten Afrikas gegründet hat. Doch es wäre falsch, in ihr nur die Tochter eines berühmten Vaters zu sehen. Nach dem Studium ging sie zunächst für ein Jahrzehnt nach Europa und gründete dort erfolgreich Restaurants. Zurück in ihrer Heimat begann sie im Familienunternehmen zunächst als Trainee-Managerin. Heute gehört sie zum Kreis der Direktoren, ist für den Sektor Transformation und die gemeinnützige Stiftung des Konzerns zuständig.

Ein großes Unternehmen steht ihrer Ansicht nach in der Pflicht, Aufstiegsmöglichkeiten für Südafrikaner zu schaffen, die in der Vergangenheit ­diskriminiert wurden. Ihr Vater setzte bereits während der Apartheid gegen massive Widerstände durch, dass schwarze Beschäftigte befördert wurden. Seine Tochter führt diesen Weg nun fort. Die heute 56-Jährige fördert mit großer Leidenschaft lokale Kleinunternehmerinnen. Indem sie deren Produkte in das Sortiment der Supermarktkette aufnimmt und intensiv bewirbt, schafft sie einen Zugang zum Markt und einen etablierten Kundenstamm. Mentoren- und Ausbildungsprogramme gehören ebenso zu ihrer Strategie. Newcomer können mit dem großen Partner an der Seite dringend notwendige Arbeitsplätze schaffen, langfristig zu einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung und einer gerechteren Gesellschaft beitragen. Ein Unternehmen ohne Seele habe keine Existenzberechtigung, hat Ackerman-Berman einmal gesagt. Es sind Worte, denen sie entschlossene Taten folgen lässt.

Adrian Gore

Gründer und Generaldirektor von Discovery Holdings Limited
geboren 1964 in Johannesburg
Ausbildung: Studium des Versicherungswesens an der Witwatersrand Universität
Stationen: Liberty Life, seit 1992 Discovery Limited

Seine Fitness ist ebenso legendär wie sein Erfolg. Regelmäßig joggt Adrian Gore ins Büro, die zehn Kilometer legt der Marathonläufer spielend zurück. Zwischen Geschäftsterminen trainiert er auch gern mal auf den Feuertreppen des von ihm gegründeten Versicherungsimperiums. Anreize für seine eigene Gesundheit braucht der 55-Jährige offenbar nicht, aber er schafft sie für die Kunden seiner Krankenversicherungen. „Vitality“ heißt das von ihm entwickelte, patentierte Programm: Versicherte bekommen Punkte gutgeschrieben, wenn sie Sport treiben, sich gesund ernähren und zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Diese Punkte können in Rabatte umgewandelt werden, etwa für Flüge, Einkäufe oder Mitgliedsbeiträge von Fitnessstudios.

Dieser Ansatz ist bis heute der Kern des 1992 von Gore gegründeten Versicherungskonzerns Discovery Limited, der inzwischen auch über die Grenzen Südafrikas hinaus erfolgreich ist. Damals, als sich die demokratische Wende in Südafrika abzeichnete, erkannte Gore eine Marktlücke: Krankenversicherungen für die bis dato auch in diesem Sektor benachteiligte schwarze Bevölkerungsmehrheit und neue private Hospitäler. Heute ist Discovery Health mit über drei Millionen Kunden der größte Krankenversicherer in Südafrika. Die Konzerngruppe bietet mittlerweile auch andere Versicherungen und Finanzprodukte an. Mit der erst kürzlich gegründeten Discovery Bank, die als „erste verhaltensorientierte Bank der Welt“ beworben wird, verspricht Gore seinen Kunden „finanzielle Gesundheit“. Wer etwa für schlechte Zeiten, unvorher­gesehene Ausgaben oder das Alter spart, wird mit höheren Zinsen belohnt. ­Innovationen wie diese treiben Adrian Gore an, seine Kraftquelle scheint seine Familie zu sein. Samstags begeht der orthodoxe Jude mit seiner Frau, seinen drei Kindern und Freunden den Sabbat. Dann bleiben auch die Lauf­schuhe im Schrank.

Basani Maluleke

Generaldirektorin der African Bank Limited
geboren 1978 in Shoshanguve
Ausbildung: Kaufmännisches und Jura-Studium an der Universität von Kapstadt, Studium der Betriebswirtschaft an der Kellogg School of Management
Stationen: Rand Merchand Bank, First National Bank, Trancent Capital, seit 2015 African Bank, seit 2018 als CEO

Basani Maluleke ist ein Vorbild für viele Frauen in Afrika. Nur 5 Prozent der großen Unternehmen des Kontinents haben eine Frau an der Spitze. Maluleke gehört seit rund einem Jahr dazu – als erste schwarze Frau, die mit der „African Bank“ eine südafrikanische Bank führt. Es ist ein Sieg über die Herausforderung, die die jetzt 41-Jährige einmal als größte in ihrer Karriere bezeichnet hat: rassistische und sexistische Ungerechtigkeit, Benachteiligung im Berufsleben trotz Qualifikation.

Auf eine gute Ausbildung hat die Tochter eines Juristen immer Wert gelegt. Sie ist auf eine Privatschule gegangen und hat drei Universitätsabschlüsse. Die von ihr gegründete gemeinnützige Organisation „Get me to Graduation“ bietet heute weniger privilegierten Studenten finanzielle Förderung. Denn auch 25 Jahre nach Ende der Apartheid können viele junge Südafrikaner nicht aus Mangel an Begabung, sondern wegen fehlenden Geldes nicht studieren.

Der Zugang zu Kapital für Geringverdiener ist auch einer der Schwerpunkte Malulekes an der Spitze der „African Bank“. Unter ihrer Führung bietet die Bank bessere Konditionen für Kleinsparer und Kreditnehmer. Auch wer wenig verdient, hat aus ihrer Sicht ein Recht auf gute Zinsen und Investmentmöglichkeiten, die einen Weg aus der Armut bedeuten können. Digitalisierung, Diversifizierung und ein Umbau der Bank sind weitere Maßnahmen, mit denen Maluleke nicht nur ihre Kunden, sondern auch das Kreditinstitut auf einen Erfolgskurs führen will. Noch 2014 stand die Bank vor dem Kollaps, erst 2016 erhielt sie eine neue Lizenz, seitdem verbessern sich die Bilanzen wieder. Zuletzt stieg der Betriebsgewinn um 29 Prozent, die Bank gehört wieder zu den Top 10 in Südafrika. Maluleke freut sich über die Unterstützung, die sie als erste Bankdirektorin bekommt, betont aber auch, dies sei erst der Anfang. Südafrika brauche mehr weibliche Führungskräfte.

Pravin Jamnadas Gordhan

Minister für Staatsbetriebe
geboren 1949 in Durban
Ausbildung: Pharmaziestudium an der Universität von Durban Westville
Stationen: Apotheker & Freiheitskämpfer, Steuerbehörde SARS, Finanzminister, seit 2018 Minister für Staatsbetriebe

Kaum ein Minister wird in Südafrika so verehrt wie Pravin Gordhan. Denn er ist sich immer treu geblieben. Der 70-Jährige gilt als charakterstark, mutig und prinzipientreu, als überzeugter Demokrat und aus Investorensicht als Garant für wirtschaftliche Stabilität – obwohl er früher nicht nur Mitglied des ANC, sondern auch der Kommunistischen Partei war. Als junger Apotheker hat Gordhan seine Karriere für den Freiheitskampf geopfert. Er verbrachte Jahre im Untergrund und war später einer der Architekten des demokratischen Südafrika. Die Steuerbehörde SARS wurde unter seiner zehnjährigen Führung zu einer weltweit angesehenen Institution. Als er 2009 zum Finanzminister ernannt wurde, versuchte Gordhan gegen alle Widerstände, einen schwierigen Balanceakt zu vollführen – zwischen Investitionen für einen Wirtschaftsaufschwung sowie zur Armuts­bekämpfung und einem dringend notwendigen Sparkurs.

Wie kaum ein anderer Minister wehrte sich Gordhan gegen die ausufernde Korruption unter Ex-Präsident Zuma, was ihn schließlich den Posten kostete. Die verheerenden Konsequenzen der sogenannten „state capture“, des gekaperten Staates, beschäftigen ihn seit 2018 als Minister für Staatsbetriebe. Diese Firmen waren unter Zuma ausgenommen worden wie Weihnachtsgänse: Budgets wurden heillos überzogen, Posten und Aufträge nach den Prinzipien der Vetternwirtschaft vergeben. Heute sind Staatskonzerne wie der Stromversorger Eskom für eine hohe Staatsverschuldung verantwortlich, bedrohen die sozio­ökonomische Stabilität und den Fortschritt am Kap.

Scheinbar unbeeindruckt von dieser Herausforderung und konstanten ­Anfeindungen hat Gordhan vom ersten Arbeitstag an seine Ärmel hochgekrempelt. Er hat inkompetente, korrupte Vorstände entlassen, übt effektives Krisenmanagement und schafft, so gut wie möglich, wieder Vertrauen in der Bevölkerung. Wenn jemand diese gewaltige Aufgabe meistern kann, meinen viele Südafrikaner, dann ist es Pravin Gordhan.

Leonie March lebt und arbeitet seit 2009 als freie Korrespondentin u.a. für Deutschlandfunk und Frankfurter Rundschau in Durban, Südafrika.

Autoren

Bibliografische Angaben

IP Wirtschaft 02, Juli - Oktober 2019, S. 16-20

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