Buchkritik

31. Aug. 2026

Mitstreiter gesucht

Fluten, Dürren, Waldbrände: Es scheint, als könne die Natur alles tun, um die Notwendigkeit beherzter Klimapolitik aufzuzeigen – das Thema hat dennoch keine Konjunktur. Doch da die Erderwärmung sich hartnäckig weigert, Pause zu machen, muss über Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung diskutiert werden. Vier Versuche. 

Tim Hofmann
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Bild: Illustration eines Buches auf einem Seziertisch
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Über Klimapolitik ließe sich im Jahr 2026 vortrefflich streiten. Anlässe gibt es schließlich genug: Während auch in diesem Sommer beliebte Urlaubsregionen Südeuropas in Flammen stehen und in Deutschland Rekordtemperaturen gemessen werden, will die EU-Kommission ihr mächtigstes Klimaschutzinstrument, den Emissionshandel, abschwächen. 

Doch die öffentliche Debatte über Zustand und Zukunft des Planeten wirkt merkwürdig gehemmt. Das liegt zum einen an vermeintlich wichtigeren Themen wie Sicherheit und Wohlstand – die in Wahrheit zur Klimakrise gehören, aber zu selten mit ihr zusammen verhandelt werden. Zum anderen wächst der Einfluss populistischer Kräfte, die grüne Politik zum Feindbild erklären und mit Desinformation gegen wirksamen Klimaschutz mobilisieren.

 
Wider Polemik und Parolen

Die gute Nachricht: Zwischen denen, die den Diskurs meiden, und denen, die ihn sabotieren, bleibt immer noch viel Raum. Genug jedenfalls für einen konstruktiven und lustvollen Streit über Klimapolitik. Davon sind fünf Philosophinnen und Philosophen überzeugt. Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Dominic Roser und Christian Seidel bürsten 20 Thesen gegen den Strich, die die Klimadebatte prägen – mit dem selbsterklärten Ziel, der Vernunft in der Politik auf die Sprünge zu helfen. 

Präzise und zugewandt prüft das Quintett beides: die Parolen der Aktivisten („System Change, not Climate Change: Der Kapitalismus ist das Problem“) und die Polemik ihrer Kritiker („Man wird sich ja wohl noch was gönnen dürfen“). Seine Stärken hat das Buch an den Stellen, wo Kategorien wie Freiheit, Moral oder Gerechtigkeit im Kontext der Klimakrise philosophisch eingeordnet werden. Ja, moralische Bewertungen von privaten Lebensweisen, die dem Klima potenziell schaden, können irritieren oder nerven. Aber nein, pauschal unangebracht ist die Kritik deshalb noch nicht. Und überhaupt: Bei genauerem Hinsehen, so die Autorinnen und Autoren, würden Glück und Moral viel seltener kollidieren, als es scheinen mag. Man dürfe sich also sehr wohl noch „was gönnen“, auch mit Klimaschutz. Dabei müsse man eben nur die Freiheit aller im Blick behalten. 

Eines aber fehlt dem Buch übers bessere Streiten: der Streit. Im Schlusswort verraten die Autorinnen und Autoren, dass auch sie sich beim Schreiben nicht immer einig waren. Das geschliffene Ergebnis lässt sich in 20 Kapiteln nachlesen; den Weg dorthin kann man zwischen den Zeilen nur erahnen. Den Dissens auch mal sichtbar zu machen, wäre lohnend gewesen. Nichtsdestotrotz: Das argumentative Rüstzeug für einen besseren Streit liefert dieses Buch allemal. 

 
Die Natur verhandelt nicht

Aus einer anderen Fachrichtung nehmen sich Harald Lesch und Axel Kleidon der Klimadebatte an. Die Physiker sind genervt: Zu viele Verantwortliche in der Politik täten so, als wären die Gesetze der Natur verhandelbar, als richte sich der Klimawandel nach parteipolitischen Präferenzen. Auf nicht einmal 100 Seiten liefern sie mit „Die Natur ist kein Parteimitglied“ ein scharfes, faktenreiches Plädoyer dafür, physikalische Realitäten in der Politik ernster zu nehmen. 

Besonders wertvoll ist die Lektüre vor dem Hintergrund immer neuer Energiekrisen. So zeigen die Autoren etwa, warum Verbrennungstechnologien nicht nur klimaschädlich, sondern auch hochgradig ineffizient sind. Denn von der Herstellung bis zur Verbrennung von fossilen Brennstoffen wie Kohle oder Erdöl wird ein Großteil der ursprünglichen Energie des Sonnenlichts entwertet. (Kenner wissen, dass es sich hier um den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik handelt.) Es ginge auch effizienter: „Viel einfacher wäre es, wir würden die Energie direkt von der Sonne ohne Umwege zu dem bringen, wofür wir sie benötigen“, fassen es Lesch und Kleidon auch für Physikmuffel verständlich zusammen. „Eigentlich offensichtlich, dass dies von Vorteil ist.“ 

Und so ergänzen sich beide Bücher: Während das Philosophie-Quintett den Raum des Streitbaren ausleuchtet, markiert das Physiker-Duo dessen Grenze: „Empirisch gewonnene physikalische Tatsachen können nicht debattiert werden.“ Worüber sich auf diesem geteilten Fundament streiten lässt, zeigen zwei weitere Neuerscheinungen. Auf also in die Debatte. 


Ein Liberalismus, der schafft

Kaum eine Frage spaltet Befürworter des Klimaschutzes so sehr wie die nach dem Wachstum. Die einen sehen im Streben nach Mehr die Ursache für das Klimaproblem und fordern einen Wachstumsverzicht für reiche Länder; die anderen halten diesen Vorschlag für unrealistisch oder gar gefährlich und plädieren für grünes Wachstum. 

Die US-Journalisten Ezra Klein und Derek Thompson gehören dem zweiten Lager an. Ihre Vision für eine bessere Zukunft, die sie in „Der neue Wohlstand“ präsentieren, lässt sich so zusammenfassen: Mehr von dem schaffen, was wirklich zählt. Im Kontext der Klimakrise – es geht ihnen auch um andere Probleme wie Wohnungsnot und das Gesundheitssystem – sind damit saubere Energie und grüne Infrastruktur gemeint. 

Wie das Leben (in den USA) im Jahr 2050 aussehen könnte, skizzieren die Autoren zu Beginn ihres Bestsellers: ein angenehmes Leben ohne Knappheit, angetrieben mit Energie, „die fast gar keinen CO2-Fußabdruck hinterlässt, und so billig, dass die Kosten kaum ins Gewicht fallen“. Dass sich ihr Land derzeit in die konträre Richtung bewegt, ist Klein und Thompson nicht entgangen. Bei Erscheinen des Buches war die zweite Trump-Regierung wenige Wochen im Amt; das Des­truktive, das folgen sollte, ließ sich da bereits erahnen. 

Doch von den Republikanern erhoffen sich die beiden Links­liberalen bei der Umsetzung ihres Vorhabens ohnehin keine Unterstützung. Und überhaupt: Auf dem falschen Weg sehen Klein und Thompson die USA nicht erst seit Trump. Über Jahrzehnte, so ihr Vorwurf, habe sich progressives Regieren auf eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik konzentriert und dabei Produktion und Innovation vernachlässigt. Das würde den Demokraten heute auf die Füße fallen.

Hinzu komme ein weiteres Hindernis: Die strengen Umweltgesetze der 1970er Jahre hätten zwar die Luft sauberer gemacht und das Recht des Einzelnen gestärkt, zugleich aber auch ein Dickicht aus Vorschriften und Verfahren geschaffen, in dem heute ausgerechnet der Bau grüner Infrastruktur steckenbleibe. Als Beispiel führen Klein und Thompson den gescheiterten Versuch an, im demokratisch regierten Kalifornien eine Hochgeschwindigkeitstrasse für den Zugverkehr zwischen Los Angeles und San Francisco zu bauen, ausgebremst nicht zuletzt von zahllosen Umweltverträglichkeitsprüfungen. 

Verteilen statt erschaffen, regulieren statt wachsen: Das Ergebnis dieser „Politik der Knappheit“ zeige sich heute im Unvermögen des Staates, seine Ziele zu erreichen. Was also tun? Liberale müssten aufhören, „einzelne Projekte mit allzu vielen Zielen zu überfrachten“– Klein und Thompson nennen das frei übersetzt den All-inclusive-Liberalismus. Stattdessen sollten sie die Handlungsfähigkeit des Staates stärken. Ein solcher „Liberalismus, der schafft“ zeichne sich aus durch großzügige Subventionen für grüne Technologien und Infrastruktur, den Abbau von Verfahrenshürden und mehr Kompromissbereitschaft. Was der Allgemeinheit nütze, dürfe nicht länger an Partikularinteressen scheitern. Die Autoren zitieren zustimmend Brink Lindsey: Die amerikanische Linke müsse „die Vetomacht aktivistischer Gruppen verringern“, damit der Staat wieder effektiv handeln könne.

Verfechter partizipativer Demokratie dürften spätestens hier hellhörig werden. Wer bestimmt, was die richtigen Ziele sind und wie sie am besten erreicht werden können? Auf wen muss ein Staat Rücksicht nehmen, der sich durch Ergebnisse legitimiert und nicht durch Verfahren? Und auf welcher materiellen Basis ruht der Überfluss, den „Der neue Wohlstand“ verheißt? So überzeugend Klein und Thompson für einen zupackenderen Umgang mit der Klimakrise werben: Die sozialen und ökologischen Konflikte, die sich daraus ergeben, blendet ihr Entwurf einer besseren Zukunft größtenteils aus.   


Grenzen des Öko-Kapitalismus

Genau diesen Konflikten geht Thea Riofrancos in „Extraktion“ nach. Auf der Suche nach den Nebenwirkungen einer klimaneu­tralen Zukunft reist die amerikanische Politikwissenschaftlerin an die „Eroberungsgrenzen des grünen Kapitalismus“: Orte, an denen Bergbaustätten entstehen, um die für die Energiewende notwendigen Rohstoffe abzubauen. Im Mittelpunkt steht dabei Lithium – das Metall, das für die Batterien jener Elektroautos unerlässlich ist, die in der Utopie von Klein und Thompson im Jahr 2050 auf den Straßen gleiten. 

Den Preis für die Elektrifizierung der Weltwirtschaft, so eine zentrale Erkenntnis, die Rio­francos aus ihren Recherchereisen zieht, zahlten vor allem die Menschen, die auf dem Gebiet der Lagerstätten oder in ihrer ­direkten Nähe leben. In der Atacama-Wüste im Norden Chiles etwa liegen Dutzende Salzebenen, unter denen große Lithiumvorkommen schlummern. Multinationale Bergbaukonzerne pumpen dort lithiumhaltige Salzsole an die Erdoberfläche, wo sie verdunstet – ein Verfahren, das große Wassermengen verbraucht, auf die Ökosysteme und Gemeinden in der trockensten Wüste der Welt angewiesen sind. 

Am spannendsten wird es immer dann, wenn Riofrancos von ihren Begegnungen mit indigenen Aktivistinnen, Wirtschaftsvertretern und Staatsbediensteten berichtet, aus denen sich ein komplexes, oft widersprüchliches Bild ergibt: Über Jahrzehnte hinweg haben chilenische Regierungen – mal mehr, mal weniger entschlossen – versucht, die Kontrolle über ihre Lithiumvorkommen zurückzugewinnen, sind dabei aber regelmäßig an der Verhandlungsmacht der Bergbaukonzerne und an eigenen Zwängen gescheitert. 

Riofrancos bestreitet die Notwendigkeit der Elektrifizierung nicht, stellt anders als Klein und Thompson aber infrage, ob der Zweck die Mittel heiligt. Während diese sich mehr Kompromissbereitschaft der Umweltbewegung und Schnellverfahren für Saubere-Energie-Projekte wünschen, betont Riofrancos die Korrektivfunktion von Umweltschützern, die oft „Kapazitätslücken des Staates“ füllten. Zwar dauere es heute länger, bis ein Abbauprojekt genehmigt werde, doch verkleinert habe das den Fußabdruck der Industrie nicht. Riofrancos verweist auf die Gesamtproduktion der weltweiten Bergwerke, die in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gestiegen ist. Eine hilfreiche Einordnung, die das bei Klein und Thompson mitschwingende Buhmann-Image von Umweltschützern wieder ein wenig aufpoliert.

Verschärft werde das Problem durch das Bestreben westlicher Mächte, Lithium im Namen der Versorgungssicherheit auch auf heimischem Boden abzubauen. Durch diesen neuen Fokus auf Onshoring entstünden immer weitere „bewegliche Grenzen des Extraktivismus“, etwa in Portugal oder in Nevada, wo Riofrancos ebenfalls recherchiert hat.

„Extraktion“ kritisiert die Vorstellung einer Energiewende, die Klimaneutralität vor allem über ein größeres Angebot sauberer Technologien erreichen will. So überrascht es nicht, dass Riofrancos abschließend für eine andere grüne Zukunft wirbt, als Klein und Thompson sie in ihrer Utopie entwerfen. Wie viel Lithium ein klimaneutraler Verkehr braucht, hänge zuallererst davon ab, wie wir uns fortbewegen. Statt jeden Verbrenner durch ein Elektroauto zu ersetzen und den Rohstoffhunger damit nur umzulenken, plädiert Riofrancos unter anderem für mehr E-Busse und eine Stadtplanung, die das Auto verzichtbarer macht. Unterm Strich ließe sich der Lithiumbedarf so maßgeblich reduzieren – und mit ihm die sozialen und ökologischen Folgen der Extraktion.  

So einleuchtend das klingt: Wie eine solche Transformation politisch durchzusetzen wäre, bleibt bei Riofrancos so vage wie bei Klein und Thompson der Umgang mit den Verlierern einer Elektrifizierung im Eiltempo. Beide Bücher sind stark in der Analyse, offenbaren aber entscheidende Leerstellen in der Umsetzung ihrer Zukunftsvision. 


Argument schlägt Apathie

Der Kampf gegen die Klimakrise bleibt widrig und widersprüchlich. Zielkonflikte lassen sich nie ganz auflösen; der Gegenwind wird absehbar nicht abflauen. Und doch sind alle vier Bücher eine Ermutigung, Komplexität und Populismus nicht mit Apathie, sondern mit Argumenten entgegenzutreten. Das Philosophie-Quintett um Barbara Bleisch gibt seinen Lesern zum Schluss mit auf den Weg: „Mit mehr Differenzierung und Sorgfalt lässt sich eine sachliche Diskussion über sinnvolle Maßnahmen führen – und dann lösen sich auch Blockaden in der festgefahrenen Debatte. Es ist möglich.“

Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Dominic Roser und Christian Seidel: Besser um die Zukunft streiten. München: Hanser Verlag 2026.  136 Seiten, 16,00 Euro

Harald Lesch und Axel Kleidon: Die Natur ist kein Parteimitglied. Mit den Gesetzen der Physik gegen politische Ignoranz. München: C. Bertelsmann 2026.  96 Seiten, 14,00 Euro

Ezra Klein und Derek Thompson: Der neue Wohlstand. Was wir für eine bessere Zukunft tun müssen. München: Hoffmann und Campe 2025.  368 Seiten, 28,00 Euro

Thea Riofrancos: Extraktion. Über  die Grenzen des grünen Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp 2026. 320 Seiten,  28,00 Euro

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 120-123

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Tim Hofmann ist Redakteur bei der IP. Er hat einen Masterabschluss in Umweltpolitik und Regulierung von der London School of Economics.