01. November 2020

Mehrheit 
und Minderheiten

Plurale Gesellschaften wie Israel, die USA und Deutschland sind zwar sehr unterschiedlich, gründen jedoch alle auf der Vielfalt, die Minderheiten mitbringen

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Bild: Zeichnung der Tür der Synagoge in Halle
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Die Frage nach dem Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zu Minderheiten rückt immer weiter ins Zentrum politischer Prozesse: spätestens seit der sogenannten Flüchtlingskrise und den diversen Debatten um Integration (oder Desintegration), die sich daran anschlossen. Anfang 2016 formulierte der griechische Migrationsminister Ioannis Mouzalas diese Frage so: „Wir können zwei Wege wählen. Entweder gehen wir in die Zukunft als ein Europa der Toleranz und der Menschenrechte – oder wir zerfallen in ein von Xenophobie und Angst bestimmtes Europa.“


Die politischen Entwicklungen der Folgejahre zeigten, dass sich diese Frage in weiten Teilen in die zweite Richtung entwickelt hat. Gemeint sind etwa die US-Präsidentschaftswahl Donald Trumps oder der Zuwachs rechtspopulistischer Kräfte in Deutschland und Israel.


Im Jahr 2020 markierte die Corona-Pandemie eine zweite Zäsur. Sie verschärfte bestehende Ungleichheiten und rief die Frage nach dem Verhältnis von Mehrheit und Minderheiten erneut auf den Plan. In der Beantwortung schließen sich grundlegende Fragen an: nach Staatsbürgerschaft, Partizipation und politischer Sprache.


Ungleichbehandlung in der Corona-Krise

Anfang August 2020 interviewte ich die israelische Soziologin Eva Illouz zu den Protesten, die wenige Wochen zuvor in Israel ausgebrochen waren. Illouz hatte sich seit Ausbruch der Pandemie als scharfe Kritikerin der israelischen Corona-Politik hervorgetan. Sie begründete die Protestwelle vorwiegend mit einem Vertrauensverlust der Israelis in die Führung der Netanjahu-Regierung. In unserem Gespräch machte sie zudem auf eine Konfliktlinie aufmerksam, die überraschenderweise nicht in der Diskriminierung, sondern in der Bevorteilung einer Minderheit bestand. In Israel herrsche – dies sei durch die Pandemie immer deutlicher geworden – eine „ungeheuerliche Ungleichbehandlung“ zwischen Säkularen und Religiösen: „Als säkulare Schulen noch geschlossen und selbst Yogastunden im Freien noch verboten waren“, erzählte sie, „wurde es orthodoxen Gemeinden erlaubt, Yeshivas wieder zu öffnen.“


Der Grund dieser Diskrepanz, die Illouz auch in anderen Gesellschaftsbereichen ausmacht, sei in der Asymmetrie des Verhältnisses des israelischen Staates zu den säkularen Bürgern zu suchen. Anders als Religiöse müssen Säkulare den – Zeit und Einkommen schluckenden – Wehrdienst absolvieren. Ein Bruch mit dieser Asymmetrie, so Illouz, sei in der derzeitigen, „für Israel beispiellosen“ Situation, wo ein wegen Korruption angeklagter Premierminister die Gerichte angreift, sehr unwahrscheinlich.


Antagonismen der Staatsbürgerschaft

Wie der Politikwissenschaftler Vyacheslav Konstantinov in der Zeitschrift Osteuropa (9–11/2019)in seinem Aufsatz „Wahlort Israel – Die politische Stimme der Einwanderer“ zeigte, erkennen insbesondere israelische Einwanderer aus früheren Sowjetstaaten in ultraorthodoxen Haredim oftmals „Schmarotzer“, die angeblich nichts zur Gesellschaft beitragen – eine Sichtweise, die fraglos anfällig ist für antisemitische Denkmuster. Zudem, das sei nur am Rande gesagt, stellt der Aufschub des Militärdiensts nicht für alle Ultraorthodoxen ein Privileg dar: Oft führt er zu noch stärkeren Abhängigkeiten junger Männer von den jeweiligen religiösen Autoritäten.


Dennoch geben Illouz’ Überlegungen Einblick in die komplexen Antagonismen, in die Minderheiten in Israel verstrickt sind. Sie verweisen zudem auf den Aspekt der jüdischen Selbstdefinition Israels. Als jüdischer Staat steht Israel bekanntlich auf ethno-religiösem Fundament. Jüdische Ethnizität ist Kennzeichen der Mehrheit. Das sogenannte Nationalstaatsgesetz aus dem Jahr 2018 verankerte dies legislativ. Der jüdischen Bevölkerung steht demnach der alleinige Rechtsanspruch auf Israel zu. Arabisch – die, wie Tsafrir Cohen, Leiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv, es mir gegenüber nannte, „Lingua Franca der Region“ – entfiel als zweite Amtssprache. Kritiker wie der Staatsrechtler Mordechai Kremnitzer und selbst Israels Staatspräsident Reuven Rivlin warnten, das Gesetz gefährde die israelische Demokratie.


Der arabisch-israelische Schriftsteller Sayed Kashua kritisierte, Israel versuche durch das Gesetz „per definitionem jedes Mitglied einer Minderheit abzulehnen, das Teil dieses Staates sein will, selbst wenn es, wie ich, Literatur in seiner Sprache schreibt“. Das Gesetz, schrieb Kashua in der New York Times, verhindere letztlich die Möglichkeit des Multikulturalismus in Israel.


Multikulturalismus als Vorbild?

Hier fragt sich, ob Multikulturalismus in Israel überhaupt je eine angestrebte – oder tragfähige – Vision war. Ist der singuläre Zweck dieses Staates nicht vielmehr, Refugium zu sein für die vom Antisemitismus Verfolgten? Welche Rechte können nichtjüdische Minderheiten vor diesem komplexen, historisch-politischen Hintergrund einfordern?


Die Politikprofessoren Yoav Peled und José Brunner machten sich dazu bereits im Jahr 2000 Gedanken. In dem Aufsatz „Culture is not Enough: A Democratic Critique of Liberal Multiculturalism“ erkannten sie vier für Israel bestimmende Minderheitengruppen: palästinensisch-arabische Israelis (heute ein Fünftel der israelischen Bevölkerung), Mizrahim (Juden aus arabischen Ländern), ultraorthodoxe Haredim und national-religiöse Siedler. Ergänzend müsste man heute wohl auch Einwanderer aus afrikanischen Ländern hinzuzählen. Laut Zahlen des UNHCR vom August 2020 stellten in Israel in den vergangenen 15 Jahren knapp 80 000 Geflüchtete Asylanträge, insbesondere aus Eritrea und Sudan – knapp unter 1 Prozent wurde der Flüchtlingsstatus gewährt.


Die Idee eines „liberalen Multikulturalismus“, so Peled und Brunner, der auf negativer Freiheit beruht, in Form abstrakter Rechte, sei zu kurz gedacht. Erstrebenswert sei vielmehr ein „demokratischer Multikulturalismus“, der auf sozialen Praktiken fußt. Das Ergebnis sollte nicht Assimilation sein oder Integration, sondern die Entwicklung einer pluralistischen Kultur. Insofern Israel sich in seinem Demokratieverständnis an westlichen Ländern orientiere, müssten diese Parameter auch hier gelten.


Ofer Waldman, Journalist und ehemaliger Vorsitzender des New Israel Fund (NIF) Deutschland, erklärte mir, er halte den Aspekt der ethnischen Begründung von Staatsbürgerschaft in Israel nicht für besonders außergewöhnlich: „Diese Diskussion ist gar nicht so anders gelagert wie die Frage, was in Berlin über dem Reichstag stehen soll: ‚Dem deutschen Volke‘ oder ‚Der deutschen Bevölkerung‘?“ Tsafrir Cohen von der Rosa-Luxemburg-Stiftung betonte ebenfalls, eine ethnische Begründung von Staatsbürgerschaft sei noch bis zur rot-grünen Koalition auch im deutschen Mainstream stark verankert gewesen. Ein Umdenken – eine Orientierung an einem pluralistischen Bürgerschaftsmodell nach französischem Vorbild – habe auch in Deutschland erst Anfang der 2000er Jahre stattgefunden.


Eretz Israel versus Medinat Israel

Die Frage, wie sich Staatsangehörigkeit nun in Israel pluralistischer gestalten könnte, so Ofer Waldman, sei auch deshalb ein Balanceakt, weil der Bürgerschaftsbegriffs so eng mit territorialer Souveränität verflochten sei. Auf meine Frage, ob in Israel eine inklusivere Zukunft denkbar wäre, hat er eine ungewöhnliche Antwort: „Hier würde ich meinen Finger auf die Unterscheidung von Erez Israel versus Medinat Israel legen.“


Die hebräischen Begriffe „Erez“ und „Medinat“ scheinen bedeutungsgleich (beide bedeuten „Land“). Doch ihnen wohnen unterschiedliche Valenzen inne: Wo „Erez“ eine kanaanitisch-ideelle Vorstellung Israels meint („vom Nil bis zum Euphrat“), bedeutet „Medinat“ das faktische Staatsgebiet. Aus dieser Unterscheidung leitet sich für Waldman die Frage ab: „Kann Israel ein demokratischer Staat sein mit gleichen Bürgerrechten für alle, mit anerkannten Grenzen und konsensbasierter Migrationspolitik? Oder bewegen wir uns auf eine jüdische Ethnokratie zu?“
Der derzeitige Regierungskurs, sagt er, habe für Minderheiten verheerende Folgen: Die Rhetorik, die in den vergangenen Jahrzehnten Palästinensern entgegenschlug, treffe inzwischen auch die anderen Minderheiten. Ofer Waldman glaubt dennoch fest an die demokratischen Strukturen im Land. Ein Beispiel, wo Israels demokratische Tradition besonders hell aufleuchte, sei die israelische Zivilgesellschaft: „Da funkelt so eine Vision einer egalitären, wahrlich zivilen Zukunft Israels.“


Die „Trump-Verschiebung“ in den USA

„Wir sagen vielleicht, dass Menschenrechte uns allen zustehen, weil wir Menschen sind“, schreibt die*der US-Journalist*in Masha Gessen im Essayband „Leben mit Exil“, „doch in Wahrheit können nur Menschen ihre Rechte einfordern, die auch Bürger sind. Wenn Menschenrechte Attribut des Menschseins sind, dann müssen wir uns der Tatsache stellen, dass Millionen Heimatlosen ihr Menschsein aberkannt worden ist.“


Der Kontext, aus dem heraus Gessen diesen Gedanken entwickelt, ist klar: Es ist die Ära Trump, es sind die Bilder getrennter Familien an der Südgrenze der USA. Es ist das, was Masha Gessen als „Trump-Verschiebung“ bezeichnet: eine Verlagerung des Sprechens über Migration – wo ein „illegaler Grenzübertritt“ synonym für die Asylsuche wird und eine „Karawane“ eine normale Bezeichnung für Geflüchtete. Auch wenn Gessen den US-Sprachraum behandelt, haben diese Beobachtungen darüber hinaus Gültigkeit: Wörter wie „Flüchtlingswellen“ oder „Asylbetrüger“ sind frappierende Beispiele, wie die Rhetorik der Entmenschlichung auch in Deutschland das Sprechen über Migration geprägt hat.


Doch im amerikanischen Kontext zeigt sich in den vergangenen Jahren besonders plastisch, wie Sprache politisches Handeln prägt. Ein Beispiel waren Trumps Kommentare zu den Demonstrationen in Charlottesville im August 2017. Rechtsradikale hatten gegen die Beseitigung einer Reiterstatue des Konföderierten-Generals Robert F. Lee aus dem Jahr 1861 demonstriert. Sie trafen auf Gegendemonstranten, es kam zu Ausschreitungen. Inmitten der Proteste raste ein rechter Demonstrant mit seinem Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten und tötete die 32-jährige Heather Heyer. Präsident Trump erklärte: „Wir verurteilen in aller Deutlichkeit diesen unerhörten Ausbruch von Hass, Engstirnigkeit und Gewalt auf vielen Seiten. Auf vielen Seiten.“


Dass er die Protestierenden, von denen viele Ku-Klux-Klan-Abzeichen trugen, auf eine Stufe mit Antirassisten stellte, empörte sogar Republikaner. Doch diese Aussagen schienen sich bald neben anderen rhetorischen Provokationen einzureihen, an die man sich gewöhnt hatte.


Die Dialektik von Sprache und Gewalt, die in derartigen Aussagen genauso aufleuchtet wie in den Debatten um Kolonialdenkmäler oder TV-Programmänderungen 2020, ist beachtenswert. In den meisten Fällen entsprangen letztere Debatten einem geschärften Verständnis für historische oder aktuelle Diskriminierung von Minderheiten.


Die Dialektik von Sprache und Gewalt

„Es wird jetzt so viel davon geredet, die Gesinnung des Faschismus auszurotten“, schrieb der Philologe Victor Klemperer 1947 in seiner Abhandlung zur Sprache des Dritten Reiches „LTI“, „es wird auch viel dafür getan. Kriegsverbrecher werden gerichtet, Hitlerplätze und Göringstraßen umbenannt, Hitler-Eichen gefällt.“ Die Sprache des Dritten Reiches aber, so lautete die Kernthese seiner „LTI“, überlebte letztlich nicht in Form von Straßennamen oder Symbolen, sondern in unbewusst und wie mechanisch übernommenen, scheinbar unmerklichen Ausdrücken. Diese Ausdrücke, so Klemperer, waren das eigentlich stärkere Propagandamittel der Nazis. Sprache lässt sich aber bekanntlich nicht leicht „stürzen“. Sie war den Deutschen in der Nazizeit in Fleisch und Blut übergegangen.


Was, könnte man fragen, wäre also die Klemperer’sche Alternative? Eine grundlegende Neubewertung der Begrifflichkeiten, mit denen wir über Rassismus oder die Diskriminierung von Minderheiten sprechen? Eine Strukturreform des Weltzugangs? Zwar befinden wir uns – weder in den USA noch anderswo – derzeit nicht am Ende oder inmitten einer Diktatur. Dennoch erscheint der Prozess, den man als „Spracharbeit“ bezeichnen könnte, überfällig. Die Forderung danach – von rechts wie von links oft vorschnell als „politische Korrektheit“ abgetan – ist nicht neu. Sie wird nur seit diesem Jahr mit neuer Vehemenz vorgetragen.


Black Lives Matter

Infolge der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten im Mai 2020 kam es in den USA zu den massivsten Protesten seit der Bürgerrechtsbewegung in den 1950er und 1960er Jahren. Damals stellte ein Bericht der sogenannten Kerner-Kommission fest, die USA bewegten sich „auf zwei Gesellschaften zu – eine schwarze und eine weiße, getrennt und ungleich“. Obwohl sich in den Folgejahrzehnten viel verändert hatte, war die Einschätzung auch nicht ganz falsch: „Race“, wenngleich dies keine sozial kohärente – und sicher keine biologisch valide – Kategorie darstellt, schlägt sich in den USA als benachteiligender Faktor in der Krankheits- und Kindersterblichkeitsrate genauso nieder wie in Statistiken zu Armut und Arbeitslosigkeit.


Der US-Journalist Jelani Cobb bezeichnete die Black-Lives-Matter-Proteste im Juni dieses Jahres als eine Art „Amerikanischer Frühling“: George Floyds Name war zur Metapher für den über Jahrzehnte, wenn nicht noch viel länger angestauten Rassismus geworden. Wie Cobb bemerkte, stellte der „Offenbarungsschock“ der weißen Öffentlichkeit rund um das Video von Floyds Tod an sich eine Art Ungleichheit dar: Er war Barometer dafür, dass weiße US-Amerikaner von der Last des Wissens um die Alltäglichkeit von Rassismus bis dato unberührt waren.


Worin lag der plötzliche Erfolg der Bewegung im Jahr 2020? Glaubt man Deva Woodly, einer Politikprofessorin der New School, muss man hier vor allem die Art in den Blick nehmen, wie sie soziale Medien nutzte. Insbesondere Memes, sagte sie der New York Times, halfen den Protesten, ihre Botschaft neuartig zu kodifizieren und dadurch – auch offline – Debatten zum Thema Alltagsrassismus und institutionalisierte Gewalt anzustoßen.


Die Proteste hatten sich letztlich aber nicht ausschließlich an der Ermordung George Floyds entzündet. Sie lassen sich schwer außerhalb des Kontexts der Pandemie verstehen, an der Schwarze in den USA überproportional häufiger sterben als Weiße. Die Proteste zeigten, dass sich Menschenrechte – um Gessens Gedanken hier aufzugreifen – außerhalb ihrer theoretischen Verbriefung nicht nur an der Grenze zwischen Staatsbürgerschaft und Heimatlosigkeit entscheiden: Wenngleich Bürgerrechte wie das Wahlrecht und die Rechtsgleichheit in den Vereinigten Staaten längst auch für Schwarze gelten, bleiben sie doch abstrakte Formen von Freiheit. In der konkreten Auseinandersetzung – insbesondere mit exekutiver Gewalt – ist Hautfarbe in den USA noch immer ein bestimmender Faktor, um jemanden eines Menschenrechts, wie etwa dem Recht auf körperliche Unversehrtheit, zu berauben.  


Ein neues „Wir-Gefühl“ in Deutschland

„Jedes Wir ist falsch“, schrieb die Publizistin Carolin Emcke im April 2020, wenige Wochen nach Angela Merkels Corona-Ansprache, in ihrem wöchentlichen Corona-Journal: „Jedes Wir klingt im besten Fall naiv, im schlimmsten Fall ignorant. Als ob es die sozialen, ökonomischen, politischen Ungleichheiten nicht gäbe. Wer soll das sein, dieses Wir, wenn die Lasten, die Privilegien, der Status so ungleich verteilt sind?“ Der Gedanke ist natürlich im Lichte eines neuen „Wir“ zu verstehen, das sich in der Corona-Krise grell abzeichnete: eine Art krisenhafter Vergemeinschaftung. Dieses „Wir“ war kein „Wir“ als sinnstiftende Idee, sondern vordergründig aus einem plötzlichen Mangel geboren – ein Mangel an Kontakt, Konsum, Alltäglichkeit.
Anfangs stand ein Gefühl im Raum, aus jenem „Wir“ könnten sich eine globale Humanität, ein solidarischer Universalismus ableiten. Immerhin betraf Corona, wie sich herausstellte, tatsächlich die Welt als Ganzes. Doch an den Außenrändern jener vermeintlich globalen Empathie zeichnete sich in Deutschland in den Folgemonaten eine gegensätzliche und leider viel lautere Stimme ab: die Proteste der selbsternannten „Querdenker“, der Corona-Skeptiker, der AfD-Anhänger und der Verschwörungstheoretiker – bis hin zu ökobewegten Impfgegnern und offenen Antisemiten.


Die Inflation dieses neuen „Wir“-Gefühls, das zeigt der Autor Max Czollek anschaulich in seinem jüngsten Essayband „Gegenwartsbewältigung“, ging staatlicherseits mit einem „Schutz der Bevölkerung“ einher, dessen Kehrseite in der nationalen Abschottung nach außen sowie im Entzug von Solidarität nach innen bestand. Teile der deutschen Bevölkerung, argumentiert Czollek, die nicht gleichwertig an ihr teilhaben – insbesondere Ärmere und migrantische Minderheiten – traf die Pandemie stärker. Er begründet dies unter anderem mit Rekurs auf den Soziologen Rainer Geißler, demzufolge migrantische Minderheiten in Deutschland „in den unteren Schichten häufiger und in den höheren Schichten seltener platziert sind als Einheimische“.


Die Tatsache, dass die Pandemie Ärmere und weniger Privilegierte in Deutschland härter traf, zeigte sich, vielleicht am deutlichsten, an Schulschließungen. „Die Corona-Situation trifft Kinder und Jugendliche sehr unterschiedlich“, bestätigte mir die Sprecherin der Grünen für Bildungspolitik, Margit Stumpp, im Gespräch. „Wer in engen Wohnungen, ohne Garten, ohne Internetanschluss und ohne einen ruhigen Platz für die Hausaufgaben lebt, wer keine Eltern hat, die beim Lesen, bei Physik und Englisch helfen können, den treffen geschlossene Bildungseinrichtungen härter.“


Einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge besitzen zwar fast 90 Prozent der Familien in Deutschland digitale Endgeräte; aber Geringverdiener und Familien mit Migrationshintergrund stehen im Vergleich sehr viel schlechter da. Der Bildungszugang durch Homeschooling und Lernen über Zoom wurde somit für Minderheiten erheblich erschwert.
Halle und Hanau als Wegmarken


Wenige Wochen, bevor die epidemiologische Wucht der Corona-Pandemie in Deutschland ihr volles Ausmaß erreichte, hatte ein rechter Terrorist in der hessischen Kleinstadt Hanau zehn Menschen erschossen. Nur vier Monate zuvor hatte lediglich eine dicke Holztür einen schwer bewaffneten Nazi davor bewahrt, an Yom Kippur ein Attentat in einer Synagoge in Halle zu verüben.


Diese beiden Ereignisse müssen als Wegmarken eines wachsenden Rassismus und Antisemitismus in Deutschland verstanden werden. Der Autor und Journalist Mohamed Amjahid betonte mir gegenüber im Gespräch, wie wichtig es sei, diese Wegmarken ernst zu nehmen. „Es gibt derzeit eine Partei im Bundestag, die ganz offen rassistische Politik betreibt, und auch andere Parteien, die mit derartiger Rhetorik liebäugeln. Jeden Tag werden in Deutschland PoC [people of color] angegriffen. Nur wird darüber leider auch in progressiven Kreisen in Deutschland weniger gern gesprochen als etwa über Black Lives Matter in Amerika. Das eigene Problem wird gern weggeschoben.“


Überhaupt, sagt Amjahid, seien die Unterschiede zwischen dem deutschen Minderheitendiskurs und dem der USA aufschlussreich. Der entscheidende Unterschied sei, dass sich Aktivismus in den USA tatsächlich aus Sicht der Minderheiten entwickelt habe. Das Prinzip der sogenannten Federalist Papers – eines der Fundamente der amerikanischen Demokratie, wonach jede Gruppe für individuelle Belange werben kann – spiegele sich dort im Diskurs um ethnische Communities.


In Deutschland dagegen sei es regelrecht verpönt, für die Rechte einer Minderheit einzustehen. „Politische Diskussionen“, sagt Amjahid, „müssen sich in Deutschland immer am Konsens der Mehrheit orientieren. Es besteht da eine Art Gleichmacherei. Dahinter steht ein krudes Konzept von Integration als geteiltem Ideal, an das sich alle zu halten haben. Das macht es natürlich sehr schwierig für rassifizierte Minderheiten, beispielsweise zu sagen: ‚Wir haben ein Problem mit Polizeigewalt.‘“


In den USA, ergänzt Amjahid, seien Diskussionen um die Emanzipation von Minderheiten auch deshalb so viel weiter, weil es akzeptierter sei, dass es Strukturen gibt, die manche Gruppen privilegieren – und andere nicht. „Hier in Deutschland gucken mich viele Leute immer noch komisch an, wenn ich in Diskussionen um Rassismus das Wort „weiß“ als Gruppenbezeichnung verwende. Da heißt es dann oft: ‚Wir sehen ja keine Hautfarbe‘.“ Zudem zeige sich im deutschen Kontext, dass Debatten um koloniale Kontinuitäten und Rassismus regelmäßig Backlashs provozieren: „Man muss das intersektional sehen. Ich verlange nicht von der Kassiererin, sich nach acht Stunden Arbeit noch mit Antirassismus auseinanderzusetzen. Doch ich beobachte schon eine Tendenz in der deutschen Gesellschaft, insbesondere auf der Seite der Entscheidungsträger in Medien, Politik und Zivilgesellschaft, den Status quo irgendwie retten zu wollen.“


Die Hoffnung in der Zivilgesellschaft

In der Vorbereitung dieses Artikels habe ich mit zahlreichen Menschen gesprochen – Journalisten, Autoren, Politikern. Darunter waren, vereinzelt, auch hoffnungsvolle Stimmen. Etwa die der Vertreterin der israelischen Zivilgesellschaft Maisam Jaljuli, Vorsitzende der Frauenorganisation Na’amat und Aktivistin in Organisationen wie Standing Together und Sikkuy. „Historisch gesehen, wenn wir unsere Leistungen als Minderheit betrachten, haben wir extrem viel erreicht“, sagt Jaljuli, „und das trotz der offenkundigen Diskriminierung. Der Fortschritt geht nicht auf die Regierung zurück, sondern weil wir gemeinsam, als arabisch-jüdische Bewegung, versucht haben, die Politik zu beeinflussen. Heute haben wir 20 Prozent arabische Studierende an israelischen Universitäten, 60 Prozent davon Frauen. Das ist eine gewaltige Verbesserung.“


Minderheiten bringen Vielfalt

Wenngleich die Kontexte Deutschland, USA und Israel natürlich sehr unterschiedlich sind, scheint sich doch eine Gemeinsamkeit deutlich abzuzeichnen: Als in ihrem Kern plurale Gesellschaften basieren sie gewissermaßen auf der Vielfalt, die Minderheiten mitbringen. Dies nicht anzuerkennen, wäre ein fatales Signal.

 

Hanno Hauenstein ist ein in Berlin lebender Autor und Journalist. Er ist Gründer und Herausgeber der deutsch-hebräischen Kunstzeitschrift aviv Magazine.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 2, November 2020, S. 14-21

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