Online-Veröffentlichung

22. Mai 2025

Keine Atommacht über Nacht

In der Debatte um nukleare Abschreckung gilt „nukleare Latenz“ als ein Mittelweg – die Möglichkeit, die Bundeswehr gegebenenfalls rasch mit Atomwaffen ausrüsten zu können. Diese Fähigkeit hat Deutschland aber nicht mehr: eine Erwiderung auf Thorsten Benner.

Joachim Krause
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Bild: Blick in den Endkontrollraum der stillgelegten Plutoniumfabrik in Hanau
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Das erratische Verhalten von US-Präsident Donald Trump hat zu einer Debatte darüber geführt, welche Konsequenzen dies für Deutschland hat. Primär geht es um die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Nukleargarantie vor russischen Bedrohungen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die vom Fortbestehen des US-„Nuklearschirms“ für Europa und der nuklearen Teilhabe ausgehen. Auf der anderen Seite finden sich diejenigen, die eine deutsche Atombombe fordern oder für ein europäisches Projekt zur nuklearen Abschreckung plädieren.

Dazwischen gibt es jene, die für pragmatische Mittelösungen eintreten. Dazu gehören Autoren, die fordern, dass Deutschland eine „nukleare Latenz“ herstellen soll. Damit ist die Fähigkeit beschrieben, die Bundeswehr innerhalb eines recht kurzen Zeitraums mit Kernwaffen ausrüsten zu können. Thorsten Benner hat diesen Vorschlag, der von Fabian Hoffmann stammt, in der aktuellen Ausgabe von Internationale Politik (IP 3/Mai-Juni 2025) aufgegriffen. Hoffmann hat völlig zu Recht festgestellt, dass der Bau einer Atomwaffe durch europäische Nichtkernwaffenstaaten mit technischen und politischen Problemen verbunden sein dürfte, die derzeit unüberwindbar sind. Kann nukleare Latenz helfen, einen gewissen Abschreckungseffekt herzustellen?
 

Beinahe-Atommacht

„Nukleare Latenz“ ist in der internationalen Diskussion zur nuklearen Proliferationsthematik ein fester Begriff. Er bedeutet, dass ein Land, welches umfangreich und intensiv die zivile Nutzung der Atomenergie betreibt und möglichst den ganzen Brennstoffkreislauf abdeckt, in der Lage ist, binnen relativ kurzer Zeit zu einer Atomwaffenmacht zu werden. Ein typisches Beispiel dafür war und ist Japan. Die Bundesrepublik Deutschland war in den 1970er und 1980er Jahren ebenfalls eine latente Atomwaffenmacht. Es hätte im Notfall weniger Monate bedurft, um deutsche Plutoniumwaffen herzustellen. Und die Bundeswehr besaß Raketen (Pershing 1), die Ziele in der Sowjetunion hätten treffen können.

Diese Option war politisch hilfreich in den schwierigen Diskussionen mit den USA, Frankreich und Großbritannien über die Glaubwürdigkeit der US-Nukleargarantie angesichts des Aufbaus sogenannter eurostrategischer Nuklearwaffen der Sowjetunion (SS-20). Aber mit dem Rückbau der Plutonium-Anlagen in Hanau unter der rot-grünen Landesregierung in den 1990er Jahren und mit dem im Jahr 2000 gesetzlich festgelegtem Ausstieg aus der zivilen Kernenergie hat sich Deutschland von dieser Option nachhaltig verabschiedet. 

Was machte die frühere nukleare Latenz der Bundesrepublik aus? Es war in erster Linie die Verfügbarkeit von aufgearbeitetem Plutonium aus den Kernreaktoren, die der zivilen Nutzung der Kernenergie dienten. Derartiges Plutonium ist, so Studien der US-Regierung aus den 1970er Jahren, geeignet als Stoff für eine nukleare Spaltbombe. Plutonium wurde – unter Aufsicht der europäischen Atomenergiebehörde EURATOM – in Hanau zur Fertigung von MOX-Brennstäben genutzt. Zeitweilig lagerten größere Mengen Plutonium in Hanau und hätten theoretisch jederzeit beschlagnahmt und militarisiert werden können. 


Alte Plutonium-Bestände

Zwar gibt es noch aufgearbeitetes Plutonium aus dieser Zeit (über 30 Tonnen), die sich in Frankreich und Großbritannien befinden und eigentlich in Deutschland endgültig gelagert werden sollen. Aber da es kein Endlager für Atomabfall in Deutschland gibt, bleiben diese Bestände erst einmal da, wo sie sind. Juristisch sind sie Eigentum von EURATOM, faktisch liegt die Verantwortung für ihren Verbleib auf deutscher Seite. Ein Transfer in Zwischenlager ist seither nicht einmal versucht worden, nicht zuletzt wegen der zu erwartenden Proteste und Blockaden. Die Vorstellung, dass eine Bundesregierung Plutonium in größeren Mengen anfordert, um damit Atomwaffen zu bauen, dürfte sich von allein verbieten.

Sollte die Bundesregierung dennoch vielleicht nur 100 oder 200 Kilogramm aufgearbeitetes Plutonium nach Deutschland transferieren wollen, würde ein technisches Problem auftreten, für das es hierzulande keine Lösung mehr gibt. Plutonium ist ein radioaktives Element, das in andere Elemente zerfällt. Kernwaffenstaaten müssen in regelmäßigen Abständen die Sprengkerne („Pits“) ihrer Plutoniumbomben öffnen und das dortige Material mit frischem Plutonium auffüllen, ansonsten steht die Explosivwirkung in Frage. Das in Frankreich und Großbritannien lagernden Plutonium dürfte daher schon lange nicht mehr waffenfähig sein. Apparate zur Plutonium-Reinigung gibt es in Deutschland nicht und sind auch nicht auf dem Markt zu erwerben.


Die Uran-235-Alternative

Ähnlich sieht es mit den Möglichkeiten zum Bau einer Bombe aus, die auf hochangereichertem Uran (Uran-235) basiert. Auf deutschem Bodem findet sich eine Urananreicherungsanlage: in Gronau, nahe an der niederländischen Grenze. Diese wird von der britischen Firma Urenco betrieben, an der deutsche Firmen zu einem Sechstel beteiligt sind. URENCO reichert an mehreren Standorten Uran nach dem Zentrifugenverfahren für Kernkraftwerke an (in der Regel 3 Prozent Uran-235). 

Die Urenco-Anlage in Deutschland hatte lange Zeit eine Anreicherungskapazität von 1000 Tonnen UTA (steht für Urantrennarbeit) pro Jahr; mittlerweile ist diese auf 3500 Tonnen UTA gestiegen. Die dort befindlichen Anreicherungsanlagen könnten theoretisch auch dazu verwendet werden, höhere Anreicherungsgrade zu erzielen. Nur bedürfte dies einer vorherigen Übernahme der Firma durch den Bund sowie einer technischen Umstellung. 

Selbst wenn es zu einer derartigen Übernahme käme, dauerte es einige Zeit, bis genügend Mengen an hochangereichertem Uran für die Bombenproduktion verfügbar wären. Die ganzen damit verbundenen juristischen und politischen Probleme würden den Prozess ohnehin enorm hinauszögern. Ein rascher Aufstieg zum Kernwaffenmacht sieht anders aus.

Fabian Hoffmann hat angeregt, dass die in deutschen Forschungsreaktoren befindlichen Mengen an hochangereichertem Uran (etwa 350 Kilogramm) geeignet seien, um aus Deutschland eine latente Atommacht zu machen. Diese Mengen würden theoretisch ausreichen, um eine Handvoll Waffen herzustellen. Aber auch diese Rechnung geht nicht auf. Die meisten Forschungsreaktoren arbeiten mit Uran, das zu 20 Prozent mit dem Isotop Uran-235 angereichert ist – was für die Herstellung einer Atomwaffe nicht ausreichend ist. Lediglich ein Forschungsreaktor verwendet in kleinen Mengen Uran mit einem Anreicherungsgrad von über 90 Prozent, das waffenfähig ist. Aber da sich dieses Material zumeist in Brennstäben befindet, die bestrahlt werden, ist kaum davon auszugehen, dass hier wirklich Material für eine oder mehrere Kernwaffen verfügbar wäre.


Keine Option

Zusammengenommen ist die Forderung nach Herstellung einer gewissen nuklearen Latenz für Deutschland keine Option. Latenz im Sinne einer Möglichkeit des relativ schnellen Umstiegs von ziviler zu militärischer Kernenergienutzung ist nur denkbar unter Bedingungen eines geschlossenen zivilen Brennstoffkreislaufs. Diese Fähigkeit hatte die Bundesrepublik bis in die 1990er Jahre. Sie ist bewusst abgebaut worden, auch unter Hinweis auf die mögliche militärische Nutzung. Es ist nicht absehbar, dass es zu einer Wiederherstellung der zivilen Nuklearenergienutzung kommt, die Deutschland wieder eine Latenz ermöglichen würde. Deshalb bleibt Deutschland auf andere Mächte angewiesen, wenn es Schutz vor nuklearer Bedrohung sucht.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 22. Mai 2025

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Prof. Dr. Joachim Krause ist Direktor emeritus des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel.

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