01. September 2008

Jäger, Bauer, Banker

Ein Blick zurück und nach vorn

Die Jäger und Sammler kamen und gingen, ebenso die Land- und Industriearbeiter. Die Zukunft der Arbeit liegt in freier Lohnarbeit auf städtischen Arbeitsmärkten des Dienstleistungssektors. Und eines steht bereits fest: Deren soziale Probleme werden sich nicht mit den Institutionen und Ideologien der westlichen Industriegesellschaften lösen lassen.

Noch nie in der Geschichte hat es so viele arbeitende Menschen gegeben wie heute. Vor 1000 Jahren haben weltweit vielleicht 250 Millionen Menschen gelebt, vor 100 Jahren etwas mehr als eineinhalb Milliarden, heute sind es rund sechseinhalb, 2050 werden es neun Milliarden sein. Die große Mehrheit von ihnen leistet in irgendeiner Weise Arbeit. Dabei zeichnet sich die globale Arbeitswelt von heute durch eine „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ aus. Arbeitsverhältnisse und Praktiken, die an frühere Epochen der Menschheitsgeschichte erinnern, existieren neben solchen, die vermutlich die Zukunft vorwegnehmen. Was meinen wir, wenn wir von Arbeit sprechen? Schon die großen Wörterbücher des 18. Jahrhunderts haben sich um Definitionen bemüht. In der „Encyclopédie“ von Diderot und d’Alembert heißt es, Arbeit sei die „tägliche Verrichtung, zu welcher der Mensch durch seine Bedürftigkeit verurteilt ist und der er gleichzeitig seine Gesundheit, seinen Unterhalt, seine Heiterkeit, seinen gesunden Verstand und vielleicht seine Tugend verdankt“. Ähnliche, wenn auch deutlich prosaischere Formulierungen finden wir im 20. Jahrhundert. Der „Brockhaus“ von 1966 definiert Arbeit als „das bewusste Handeln zur Befriedigung von Bedürfnissen, darüber hinaus als Teil der Daseinserfüllung“.

Das ist ein weites Verständnis von Arbeit, das plausibel klingt und attraktiv erscheint. Aber geht es tatsächlich darum, wenn wir von „Arbeit“ sprechen, von „Arbeitsplätzen“ oder von „Arbeitslosigkeit“? Offensichtlich nicht. Seit dem späten Mittelalter hat eine begriffliche Verengung des Arbeitsbegriffs stattgefunden, die in der modernen Gesellschaft zur Gleichsetzung von Arbeit mit Erwerbsarbeit führt. Wenn heute im Alltag, im politischen Diskurs und nicht zuletzt in der Sozialstatistik von Arbeit die Rede ist, geht es nicht um alle „täglichen Verrichtungen, zu welcher der Mensch durch seine Bedürftigkeit verurteilt ist“, sondern nur um jene „Verrichtungen“, die zu Einkommen führen, die bezahlt werden, die Waren produzieren oder Dienstleistungen darstellen. In den Lehrbüchern der Ökonomen gilt Arbeit als „für einen anderen gegen Entgelt geleistete Tätigkeit“. Allgemeiner formuliert, ist Arbeit „unter den Bedingungen der modernen Erwerbswirtschaft jede Tätigkeit, die ein anderer durch Zahlung eines Geldbetrags herbeiführt und damit zugleich (als in irgendeinem Sinne für ihn nützlich) anerkennt“ (Heiner Ganßmann).

Der Begriff der Arbeit, der sich in der Neuzeit durchsetzte, ist also eingeschränkt. Er umfasst weder vormoderne Formen einer primär für den Eigen-bedarf produzierenden Subsistenzökonomie noch die – auch heute noch in großen Teilen der Welt vorherrschenden – Mischungsverhältnisse aus agrarischer Subsistenzwirtschaft und Erwerbstätigkeit. Die vielen reproduktiven Tätigkeiten in Familie, Haushalt und sozialen Beziehungen werden von unserem Arbeitsbegriff ebenfalls nicht erfasst, mit allen Konsequenzen für die Geschlechterbeziehungen. „Der Mann arbeitet im Schweiße seines Angesichts und bedarf erschöpft der tiefen Ruhe; das Weib ist geschäftig immerdar, in nimmer ruhender Betriebsamkeit“, wusste schon der „Brockhaus“ von 1815. Auch ehrenamtliche zivilgesellschaftliche Aktivitäten, die in modernen Gesellschaften zunehmende Bedeutung erlangen, werden nicht als Arbeit gewertet. Skepsis gegenüber dem heute vorherrschenden Arbeitsbegriff ist also durchaus am Platz. Er ist historisch bedingt und daher veränderbar.

Eintrittsbillet ins Bürgertum

Die Beschränkung des Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit ist nicht zufällig. Sie ist verbunden mit der Durchsetzung von Marktwirtschaft und Kapitalismus, zunächst in Europa und später weltweit. Erwerbsarbeit wurde zur vorrangigen Existenzgrundlage der gesamten Gesellschaften wie der einzelnen Familien und Individuen. Das veränderte die Einstellung zur Arbeit und führte zu Bewertungen, die man als „bürgerliche Arbeitsethik“ bezeichnen kann. Hannah Arendt hat diesen Prozess in einem vielzitierten Satz komprimiert: „Die Neuzeit hat im 17. Jahrhundert damit begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen, und sie hat zu Beginn unseres (des 20., J.E.) Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln.“

Die kulturelle Aufwertung der Erwerbsarbeit in der frühen Neuzeit umfasst viele Facetten. Max Weber hat darauf aufmerksam gemacht, dass es der „protestantischen Ethik“ nicht um Arbeit schlechthin ging, sondern um rationale, systematische, stetige und rastlose Arbeit, in strenger zeitlicher und räumlicher Ordnung. Arbeit dieser Art erscheint als Grundlage einer „planmäßigen Reglementierung des eigenen Lebens“, einer „konstanten Selbstkontrolle“ und „rationalen Gestaltung des ganzen Daseins“. Viele Denker der Neuzeit betrachteten Arbeit darüber hinaus als Pflicht gegenüber der Gesellschaft und dem Staat.

Im Zuge eines langen historischen Prozesses wurde Erwerbsarbeit – weit über die Existenzsicherung hinaus – zu einem in der Gesellschaft tief verankerten Wertkomplex, zu einer „Eintrittskarte in die bürgerliche Gesellschaft“, in der Selbstbewusstsein, Lebenssinn und Identität zu einem guten Teil auf Arbeit beruhen. Wie es scheint, hat sich diese Aufwertung der Arbeit in der gesamten Welt durchgesetzt, wenn auch mit Variationen. In den entwickelten Gesellschaften des Westens wurde Unbehagen an der „totalen Arbeitsgesellschaft“ (Ulrich Beck) von kulturkritischen Intellektuellen schon vom späten 19. Jahrhundert an ausgedrückt. Friedrich Nietzsche sprach 1882 kritisch-ironisch über die „atemlose Hast der Arbeit“, die – von Amerika ausgehend – auch das „alte Europa“ anstecken würde: „Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite:

Der Hang zur Freude nennt sich bereits ‚Bedürfnis der Erholung‘ und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. ‚Man ist es seiner Gesundheit schuldig‘ – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald soweit kommen, dass man einem Hang zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe.“

In den entwickelten Industriestaaten war das 20. Jahrhundert auch das Jahrhundert der Arbeitszeitverkürzung. In gewerkschaftlichen Bewegungen wurde ein Slogan populär, der auf Transparenten und in Flugblättern aufschien: „Nicht für die Arbeit leben wir, für das Leben arbeiten wir.“ Sozialwissenschaftliche Umfragen in vielen europäischen Ländern zeigen ein verbreitetes Bedürfnis, einige Stunden in der Woche weniger zu arbeiten. Die Ausdehnung der Schul- und Ausbildungszeiten und der immer frühere Übertritt in den Ruhestand haben die Zahl der Arbeitsjahre verkürzt, und die steigende Lebenserwartung hat den Anteil der Erwerbsphase am Lebenslauf drastisch verringert. Seit den 1970er Jahren entstand ein neues, positives Bild des Ruhestands. Er erscheint immer mehr als wohlerworbenes Recht, als erwünschte von Arbeit befreite und mit vielfältigen Aktivitäten gestaltbare Lebensphase.

Im reichen Norden der Welt hat Freizeit den Charakter eines Privilegs der „leisure class“ verloren und ist zu einem Bestandteil der modernen Lebensweise geworden. Geht der globale Trend in dieselbe Richtung? In einer 1995 weltweit durchgeführten Umfrage zur Arbeitsethik wurde den interviewten Personen aus 40 Ländern die Frage gestellt, ob Arbeit die wichtigste Sache sei und Freizeit nur der Wiederherstellung der Arbeitskraft diene, oder ob Freizeit das Wichtigste sei und die Bedeutung der Arbeit nur darin bestehe, Freizeit zu ermöglichen. Das Ergebnis zeigt erstaunliche Unterschiede: In Ländern wie Brasilien, den Philippinen oder Saudi-Arabien sahen zwei Drittel der Befragten Arbeit als das Wichtigste an, in Ländern wie Australien, Tschechien, Dänemark oder Großbritannien dagegen votierte mehr als die Hälfte für die Freizeit. In Ländern mit einem geringen Beschäftigungsgrad, mit hoher Arbeitslosigkeit, unstabilen -Arbeitsverhältnissen und niedrigen Löhnen wurde Arbeit am höchsten geschätzt; in Ländern mit hohem Beschäftigungsgrad, hohem Einkommen, starker arbeitsrechtlicher Regulierung und sozialstaatlicher Sicherung, vor allem in Europa, dagegen die Freizeit. „Je mehr die Menschen Arbeit einen Wert an sich zusprechen, desto weniger arbeiten sie; je mehr sie arbeiten, desto geringere Bedeutung schreiben sie der Arbeit zu“, folgerten Chris und Charles Tilly. Auch in den westlichen Gesellschaften kann man aber nicht von einem völligen Bedeutungsverlust der Arbeit ausgehen, sondern eher von der Suche nach einer neuen Balance zwischen Erwerbsarbeit und frei verfügbarer Zeit.

Von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft

Wie aber sah und sieht die Praxis der Arbeit aus? Global betrachtet, befinden wir uns noch immer in der Transformation der Arbeitswelt, die in Europa in der frühen Neuzeit begann und im 20. Jahrhundert die gesamte Welt erfasste. Ihr Kern liegt im Übergang von der Landwirtschaft als wichtigster Grundlage menschlicher Existenz zu einer Wirtschaftsweise, die von Dienstleistungen geprägt ist. Seit dem vielbeschworenen „Beginn der Geschichte der Arbeit“ – dem Übergang von Jäger- und Sammlergesellschaften zu agrarischen Gesellschaften, der sich vor rund 10 000 Jahren zunächst im südlichen Anatolien, in Mesopotamien und im Jordantal vollzogen hatte – war die Landwirtschaft dominierend. In der frühen Neuzeit begann in einzelnen Regionen Nordwesteuropas eine Gewichtsverschiebung in Richtung Gewerbe und Industrie, die in der „industriellen Revolution“ des 18. und 19. Jahrhunderts eine ungeheure Beschleunigung erfuhr. In England, dem Mutterland der industriellen Entwicklung, war schon um 1800 nur mehr ein Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, in Deutschland überstieg kurz nach 1900 die Zahl der gewerblich-industriell Erwerbstätigen jene in der Landwirtschaft. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem in der Boomperiode der fünfziger und sechziger Jahre, wurde in den meisten ökonomisch entwickelten Staaten Industrie und Gewerbe zum vorherrschenden Arbeitsort.

Langfristig gesehen blieb die Dominanz der industriellen Arbeitswelt aber eine kurze Episode. Im 20. Jahrhundert war es der Dienstleistungsbereich, in dem die Anzahl der Beschäftigten am schnellsten wuchs. In den USA arbeitete schon um 1950 mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen in diesem Sektor, in den westeuropäischen Industriestaaten und in Japan vollzog sich der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft in den siebziger Jahren. Gegenwärtig sind in den wirtschaftlich entwickelten Ländern der Welt, einschließlich der EU, rund vier Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig, rund 24 Prozent in der Industrie und rund 72 Prozent – fast drei Viertel – im Dienstleistungsbereich. Weltweit arbeiten 36 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, 22 Prozent in der Industrie und – schon oder erst – 42 Prozent im Dienstleistungssektor. In Süd-asien ist noch immer fast die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, in Afrika südlich der Sahara sind es sogar zwei Drittel. Der Trend geht jedoch überall in dieselbe Richtung, wobei in vielen sich spät entwickelnden Volkswirtschaften die in der europäischen Geschichte so wichtige Industriephase übersprungen wird und ein direkter Übergang von der Landwirtschaft zu den Dienstleistungen erfolgt. Allein zwischen 1996 und 2006 ist der weltweite Anteil der agrarisch Beschäftigten um fünf Prozent gefallen, jener der Dienstleistenden im selben Maße gestiegen.

Diese Daten zeigen einen grundlegenden Wandel der Arbeitswelt an. Menschliche Arbeit dient heute nur zu einem kleinen, und tendenziell weiter schwindenden Teil der Herstellung von Gütern, seien sie agrarischer oder gewerblich-industrieller Art – kurz all dem, was über Jahrtausende hinweg der Inbegriff von Arbeit war. Arbeit ist heute mit dem Transport und dem Austausch von Gütern befasst (Handel, Verkehr, Marketing, Werbung), mit Kommunikation und Mobilität, mit Kultur und Unterhaltung, mit Bildung und Wissenschaft, mit öffentlicher Verwaltung, mit dem Sozial- und Gesundheitswesen, nicht zuletzt mit Geld (Banken, Versicherungen etc.). Alle diese höchst unterschiedlichen Tätigkeiten werden in der Statistik unter dem Begriff der Dienstleistungen subsumiert. Die Gegenwart und Zukunft der Arbeit liegen zweifellos in diesem weit gefächerten Bereich.

Drei Thesen zur Zukunft der Arbeit

Die epochale Transformation von der Landwirtschaft zu den Dienstleistungen hat gravierende Auswirkungen auf die Arbeitsverhältnisse. Erstens kommt es zu einer weiteren Zunahme unselbständiger Arbeit. Weltweit befindet sich heute fast die Hälfte aller Erwerbstätigen in dieser sozialen Position, in den entwickelten Staaten sind es rund 85 Prozent. Arbeitgeber, alleinarbeitende Selbständige und mithelfende Familienangehörige verlieren zahlenmäßig weiter an Gewicht. Die Gegenwart und Zukunft der Arbeit bestehen – wesentlich stärker als jemals zuvor in der Geschichte – in Lohnarbeit. Historisch gesehen war die Entwicklung der Lohnarbeit mit Individualisierung verknüpft. Arbeit wurde aus familialen, kommunalen oder genossenschaftlichen Bindungen gelöst. Lohnarbeit ist allerdings eine abhängige und besonders verwundbare Form von Arbeit.

Die Abhängigkeit von Arbeitsmärkten und Arbeitgebern war stets ein gravierendes Problem und hat mit der Globalisierung des 21. Jahrhunderts eine neue Dimension erhalten. In den europäischen Industriegesellschaften des 20. Jahrhunderts wurde versucht, die Unwägbarkeiten der Lohnarbeiterexistenz durch kollektive Zusammenschlüsse der Arbeitenden, durch rechtliche Regelung von Arbeitsverhältnissen und durch sozialstaatliche Sicherungen zu mildern. In der westlichen Welt scheinen diese Sicherungsformen ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Die weltweite Zunahme der Lohnarbeit lässt sie aber weiterhin als unverzichtbar erscheinen.

Zweitens hat Lohnarbeit im Dienstleistungsbereich eine lange historische Tendenz zur freien Arbeit verstärkt. Landwirtschaftliche Arbeit, die nicht nur der eigenen Subsistenz dient, basierte in vielen historischen Gesellschaften auf Zwang, sei es Sklaverei oder feudale Abhängigkeit. Industrielle Zwangsarbeit findet man in den totalitären europäischen Staaten des 20. Jahrhunderts, in den nationalsozialistischen Lagern wie im sowjetischen Gulag. Auch die moderne Ökonomie ist allerdings nicht automatisch frei von Zwangsarbeit. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass gegenwärtig mehr als zwölf Millionen Menschen mit Gewalt zur Arbeit gezwungen werden, darunter viele Frauen und Mädchen als Opfer des globalen Sex-Business.

Drittens ist Arbeit mehr als je zuvor städtische Arbeit geworden. Der Rückgang der landwirtschaftlichen Beschäftigung wird begleitet vom Wachstum der städtischen Bevölkerung. Im Jahr 2007 lebten zum ersten Mal in der Geschichte mehr Menschen in Städten als in ländlichen Gebieten. Global gesehen, liegen Gegenwart und Zukunft der Arbeit in freier Lohnarbeit auf städtischen Arbeitsmärkten des Dienstleistungssektors: vom Rikschafahrer der indischen Metropolen bis zum klimatisierten Finanzbüro der Londoner City, von der in Italien illegal arbeitenden moldawischen Altenpflegerin bis zum Software-Entwickler im Silicon Valley.

Die europäischen Arbeiterbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts wurden von Handwerkern geschaffen und später von der Industriearbeiterschaft getragen. Ihren Höhepunkt erreichten sie in einer Phase, in der Gewerbe und Industrie den vorherrschenden Arbeitsort verkörperten und Erwerbsarbeit relativ gleichförmige Züge aufwies. Diese Einheitlichkeit förderte soziale Absicherung, Regulierung und Verrechtlichung der Lohnarbeit, die rückwirkend wiederum eine Vereinheitlichung der Arbeitsverhältnisse vorantrieben. Das – in der Realität wie auch immer begrenzte – Modell der „Normalarbeit“ und soziale Sicherung waren eng miteinander verknüpft.

Die gegenwärtigen Arbeitsverhältnisse im globalen Dienstleistungssektor weisen dagegen eine enorme Bandbreite auf. Darüber hinaus haben viele seiner Beschäftigten gerade erst die Landwirtschaft verlassen oder stehen mit einem Bein in agrarischer Subsistenzökonomie und dörflicher Lebenswelt, mit dem anderen auf dem großstädtischen Arbeitsmarkt. Auch diese neue Vielfalt und Unübersichtlichkeit weist allerdings gemeinsame Grundlagen auf. Dazu gehören der Bedarf an Erwerbsarbeit als Lebensgrundlage der großen Mehrheit der Menschen, die Dominanz der Lohn- und damit abhängigen Arbeit und das Angewiesensein auf Formen sozialer Sicherheit, um die Risiken der Arbeitsmärkte abzufedern. Dazu gehören aber auch formell freie Arbeit mit ihrem Potenzial für politisches Handeln und eine überwiegend städtische Arbeiterschaft mit ihren Möglichkeiten dichter Kommunikation und Organisation. Nicht zuletzt gehören dazu die Wertschätzung der und Identifizierung mit Erwerbsarbeit. Es wäre überraschend, wenn die sozialen Probleme einer globalen Dienstleistungsökonomie auf ähnliche Weise und mit denselben Institutionen und Ideologien bewältigt werden könnten, mit denen die westlichen Industriegesellschaften ihre Arbeitsbeziehungen regelten. Es wäre aber ebenfalls überraschend, wenn Milliarden von Lohnabhängigen in aller Welt nicht nach neuen Wegen zur Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen suchen würden.

Prof. Dr. JOSEF EHMER lehrt Wirtschafts- und Sozialgeschichte  an der Universität Wien.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 9, September 2008, S. 48 - 54

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