Titelthema

02. Jan. 2024

„Indien als Gegenpart zu China? Das halte ich für naiv“

Ein Gespräch über hochfliegende Hoffnungen, 
enttäuschte Erwartungen und die Bedeutung des 
Wirtschaftsfaktors Humankapital.

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Bild: Porträt von Prof. Dr. Ashoka Mody.
Prof. Dr. Ashoka Mody ist Gastprofessor und Dozent an der Princeton University/USA. Zuvor war der in Indien geborene Ökonom unter anderem stellvertretender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Mody hat Regierungen weltweit in Entwicklungs-, Finanz- und politischen Fragen beraten.
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IP: Herr Mody, aus Sicht der EU ist Indien nicht nur ein wichtiger geostrategischer Partner, sondern auch ein Gegengewicht zu China. Worauf beruht diese Einschätzung und wie realistisch ist sie?
Ashoka Mody: Ehrlich gesagt: Das halte ich für sehr naiv. Natürlich, die chinesische Wirtschaft steckt in Schwierigkeiten, während Indiens Ökonomie zurzeit einen guten Eindruck macht. Aber ein geostrategisches Kalkül, wonach Chinas Bedeutung für die Weltwirtschaft sinken und Indien einige seiner Funktionen übernehmen wird – das ist aus meiner Sicht völliger Unsinn. Am Ende ist und bleibt China eine ausgesprochen wichtige Volkswirtschaft, mindestens noch für die kommenden zwei Jahrzehnte. Es ist ein Vorreiter bei der Energiewende, ein maßgeblicher Player in Sachen Künstliche Intelligenz und künftig vielleicht der führende Hersteller von Elektrofahrzeugen – um nur eine Auswahl zu nennen. Und: China hat in den vergangenen Jahrzehnten einiges in sein Humankapital investiert; ein Faktor, den wir in Indien vernachlässigt haben.

Indiens Bruttoinlandsprodukt wächst kräftig …
Ja, aber die BIP-Wachstumsrate ist nur ein bedingt aussagekräftiger Indikator und im Falle Indiens besonders irreführend, weil die aktuelle Rate mit der Corona-Zeit verglichen wird, in der Indiens Wirtschaft extrem schlecht abgeschnitten hat. Den Effekt, den wir hier erleben, nennen Ökonomen „Dead Cat Bounce“ – auch eine tote Katze wird noch einmal aufspringen, wenn man sie nur aus ausreichend großer Höhe fallen lässt. Es handelt sich also lediglich um eine Erholung; Indiens Durchschnittswachstum ist schwächer als das chinesische, selbst wenn man die derzeitigen Probleme Pekings in Rechnung stellt.

Und Indiens Reservoir an gut ausgebildeten ­Arbeitskräften?
Das ist weitaus kleiner, als man oft glaubt. Im Grunde kommt Indien bei der Schaffung von Arbeitsplätzen seit Jahrzehnten nicht so recht voran. Bildungs- und Gesundheitssystem sind in einem beklagenswerten Zustand, Indiens Kommunen wetteifern miteinander, welche die am stärksten verschmutzte Stadt der Welt ist. An der Oberfläche erstrahlt das Land in einem gewissen Glanz, der durch die internationalen Medien noch verstärkt wird, aber die Lebensrealität von 70 bis 80 Prozent der Inderinnen und Inder sieht wenig erfreulich aus. Nur einer kleinen Oberschicht geht es wirklich gut. Wer jetzt aus einer aktuellen Wirtschaftsentwicklung geostrategische Hoffnungen ableitet, handelt kurzsichtig. Ich bin kein Militär­experte, aber die Erwartung, dass Indien im Falle eines Konflikts in der Region dem Westen zur Hilfe kommen würde, wird durch die Daten nicht gestützt. Indiens Wirtschaft ist seit Langem viel schwächer als die Chinas, und daher hat Peking auch militäisch deutlich mehr Möglichkeiten.

In Ihrem Buch „India’s broken“ üben Sie heftige Kritik an Indiens Wachstums­modell. Was ist daran falsch?
Ein grundlegender Fehler ist die mangelnde Fähigkeit des Systems, in ausreichendem Maße Arbeitsplätze zu schaffen. In einer funktionierenden Ökonomie besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen BIP- und Beschäftigungswachstum. In Indien ist diese Verbindung gekappt. Dazu kommen die Probleme, die ich beschrieben habe. Dieser Mix aus einer ungenügenden Schaffung von Arbeitsplätzen und der schlechten Versorgung mit öffentlichen Gütern wirkt sich besonders stark auf die Schwachen und Verletzlichen aus. Es gibt in Indien 700 bis 800 Millionen Menschen oder sogar noch mehr, deren Leben ein ständiger Kampf ist.

Was bedeutet das für Indiens Platz in der Weltwirtschaft und die Hoffnungen auf den indischen Verbrauchermarkt?
Die internationalen Unternehmen, die in Indien einen Markt suchen, weil das Land 1,4 Milliarden Einwohner hat, muss ich unendlich enttäuschen. Konzerne wie Apple versuchen, in Indien eine Alternative zu China zu schaffen, Netflix strebt auf den indischen Markt. Das Ergebnis? Sechs Millionen Netflix-Abonnenten und vielleicht zehn Millionen iPhone-Besitzer. In Indien gibt es wie in China rund eine Milliarde Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64. In China aber haben etwa 800 Millionen von ihnen einen Arbeitsplatz, in Indien sind es 500 Millionen. Und selbst von diesen 500 Millionen erhalten nur 10 Prozent ein regelmäßiges Gehalt mit einem Mindestmaß an Sozialversicherungsleistungen. Zwar hat Indien zu Corona-Zeiten einen kleinen Start-up-Boom erlebt. Aber die Szene implodiert gerade, was viel mit den genannten Schwächen des Landes zu tun hat. Und damit, dass der indische Markt in Wahrheit winzig ist – der chinesische ist unendlich viel größer.

Indien ist ein Partner im Quadrilateralen Sicherheitsdialog mit Australien, Japan und den USA; es soll eine wichtige Rolle in der indopazifischen Sicherheitsarchitektur spielen. Ist das Land dazu angesichts seiner wirtschaftlichen Schwäche in der Lage?
Die Frage ist doch: Was genau bringt Indien in diesen Foren mit an den Tisch? Zweifellos verfügt es über eine große Militärmacht und eine Menge nuklearer Fähigkeiten. Aber die Frage ist auch hier: im Verhältnis zu wem? Wenn ich das vergleiche, sehe ich Indien nicht als Gegengewicht zu irgendjemandem.

Die Verhandlungen zwischen der EU und Indien über ein Handelsabkommen gestalten sich nicht einfach. Wäre ein solches Abkommen sinnvoll?
Diese Frage würde ich indirekt beantworten. Nehmen Sie das südostasiatische Freihandelsabkommen RCEP, das 2022 in Kraft getreten ist …

… und China einschließt.
Ja, das ist der springende Punkt. Indien hat sich bewusst aus dem RCEP herausgehalten. Warum? Weil man schon die bescheidenen Vorteile, die China dank der Mitgliedschaft genießen könnte, fürchtet, und weil man davon ausgeht, dass Indien als Mitglied verpflichtet wäre, die Zölle für China zu senken. Indien ist nicht dazu bereit, weil es weiß, dass seine ohnehin überschaubare Industrie dadurch ausgelöscht würde. Indien wird kein Handelsabkommen unterzeichnen, in dem es zu Zugeständnissen genötigt wird, die sich auf die eigene Wirtschaft auswirken. Das Land hat nicht das Selbstvertrauen dafür.

 

„In Wirklichkeit ist der indische Markt winzig; der chinesische Markt ist unendlich viel größer“

 

Seit Russlands Überfall auf die Ukraine sind Deutschland und Europa vorsichtig geworden, wenn es um die Beziehungen zu und Abhängigkeiten von Autokratien geht. Müsste das auch für Indien gelten?
Wenn ich gefragt werde, ob Indien eine Demokratie ist, dann verweise ich gerne auf die Demokratie-Indizes des schwedischen Thinktanks V-Dem. Indien wird von V-Dem als „Wahlautokratie“ geführt, wie beispielsweise Ungarn. Narendra Modis Hindu-Ideologie ist sehr weit von dem Hinduismus entfernt, wie ich ihn sehe. Sie beruht auf dem, was der Rechtsphilosoph (und „Kronjurist“ Adolf Hitlers, die Red.) Carl ­Schmitt als „Freund-Feind-Unterscheidung“ in der Politik bezeichnet hat – wir gegen die. Schmitt zufolge ­würden so Identitäten geklärt und politische Stärke geschaffen. Nun, freie Medien und Andersdenkende gibt es in Indien praktisch nicht mehr. Und doch spricht man im Westen immer wieder von Indien als Gegengewicht zu einem ­autoritären China.

Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock hat Indien bei ihrem Besuch in Neu-Delhi vor gut einem Jahr als Wertepartner bezeichnet ...
Ich glaube, das ist eine Form der Selbsttäuschung. Dass China viel autoritärer ist als Indien: geschenkt. Aber Indien als demokratisches Gegengewicht? Wenn Joe Biden, den ich sehr bewundere, Indien „die größte Demokratie der Welt“ nennt, weiß ich nicht, was er meint. Genau so würde ich auf die Einschätzung Ihrer Außenministerin reagieren.

Wie sieht denn die indische Regierung selbst die Welt, welches sind ihre bevorzugten geostrategischen Partner?
Indien betrachtet die internationalen Beziehungen im Wesentlichen aus dem Blickwinkel seiner politischen und wirtschaftlichen Interessen. Inhaltlich gibt es keine klare Linie. Ein geopolitischer Partner ist für Neu-Delhi schlicht einer, der den eigenen Interessen gerade am besten dient.

Und welche globale Rolle sieht Premierminister Modi für sein Land?
Modi bezeichnet sich und sein Land als „Vishvaguru“, als Lehrer der Welt. Derzeit fördert er die digitale Infrastruktur; den Aussagen der Regierungsvertreter zufolge sieht man sich bei der vierten Industriellen Revolution an vorderster Front. Gleichzeitig treibt die Not in der Landwirtschaft die indischen Bauern in den Selbstmord, und junge Inder versuchen, nach Amerika oder Europa auszuwandern, ob legal oder illegal. Von der Vision einer indischen Vorreiterrolle in Sachen Technologie sind wir noch weit entfernt.

Wenn wir einerseits Indien nicht ignorieren können, es aber andererseits kein bevorzugter Partner für Deutschland oder Europa sein kann: Welche Alternativen würden Sie der EU empfehlen?
Ich werde mich jetzt bestimmt nicht in die Lage der europäischen Staats- und Regierungschefs versetzen und ihnen sagen, wer ihr Partner sein sollte! (lacht). Im Ernst: Ich verstehe natürlich, dass man Indien nicht ignorieren kann. Aber die Frage ist doch, was Deutschlands und Europas Rolle hier ist. Ein Vorschlag: Der Westen ist ja im Allgemeinen nicht gerade zurückhaltend, wenn es darum geht, anderen Ländern zu erklären, was sie wie zu tun haben. Anstatt einem Traumbild Indiens zu applaudieren, könnten die Europäer Indien dabei helfen, einen nachhaltigen Wachstumsprozess zu gestalten und ein ganzheitliches demokratisches System zu entwickeln.

Also gibt es keine Alternativen zu China?
Ich zumindest sehe keine. Manche glauben, dass China über kurz oder lang implodieren wird. Aber es ist ebenso wahrscheinlich, dass das Land seinen Weg fortsetzt und in ganz neue technologische Sphären vordringt. Darin liegt die eigentliche Spannung zwischen dem Westen und China: Die westlichen Mächte haben Angst davor, dass China den Rest der Welt technologisch abhängt. Aber die Frage ist: Wie reagiert man darauf? Sicher nicht, indem man einen Partner in Indien oder anderswo sucht. Denn, noch einmal: Ich bezweifle, dass es eine Alternative zu China gibt.

Das Interview führten Martin Bialecki, Henning Hoff, Tim Hofmann und Joachim Staron.

Aus dem Englischen von Joachim Staron

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2024, S. 44-47

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