Im Schatten der Schlagzeile
Sie organisieren Zugang, übersetzen, vermitteln Vertrauen: Fixer in Gaza und Israel – die unsichtbaren Helfer, ohne die internationale Berichterstattung nicht möglich wäre.
Zwei Monate bleibt der Bildschirm schwarz. Der Kontakt zu Emad Abu Shawiesh reißt immer wieder ab, Verabredungen platzen. Anfang September 2025 gelingt die Verbindung endlich. Im Gazastreifen ist es 23 Uhr. Abu Shawiesh, 39, ein hagerer Mann mit müden Augen, erscheint im schwarzen Videofenster. Er entschuldigt sich für die späte Stunde: „Ich kann mein Telefon erst nach Sonnenuntergang mit der Powerbank laden – klappt nicht immer.“
Seit dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 bleibt die Stromzufuhr nach Gaza weitgehend unterbrochen – viele leben seither mit Generatoren und Solarpaneelen, auch Abu Shawiesh. Sein wichtigstes Werkzeug ist das Smartphone. Er filmt, fotografiert, vermittelt Kontakte, spricht mit Redaktionen. Abu Shawiesh ist Journalist. Und Fixer – einer jener Helfer, ohne die Berichterstattung aus Kriegsgebieten kaum möglich ist. Nicht alle Auslandskorrespondenten arbeiten mit Fixern. Gleichzeitig sind sie dort unverzichtbar, wo Grenzen, Sprachen und Gefahren den Weg versperren.
Ohne sie bleibt Auslandsberichterstattung unglaubwürdig – sie selbst unsichtbar. Ihr Beitrag ist entscheidend, ihre Anerkennung bleibt gering. Wer verstehen will, wie Weltbilder entstehen, muss auf jene schauen, die sie möglich machen.
Fixer arbeiten im Schatten der Reporter: Sie übersetzen, organisieren, recherchieren, beraten in Sicherheitsfragen und vermitteln zwischen Kulturen. Ihre Entscheidungen – welchen Ort sie empfehlen, welche Stimme sie weitergeben, welches Wort sie wählen – prägen den Rahmen internationaler Berichterstattung.
Die amerikanische Medienwissenschaftlerin Lindsay Palmer hat dem Beruf des Fixers ein ganzes Buch gewidmet: „The Fixers“ (Oxford University Press, 2019). Sie beschreibt, wie stark internationale Berichterstattung von diesen Helfern abhängt, und wie wenig man sie wahrnimmt. Palmer unterscheidet fünf Aufgabenfelder: Fixer konzipieren Geschichten, organisieren Wege, verhandeln Kontakte, übersetzen Sprache und Kultur – und schützen Reporter im Feld. Diese fünf Felder bilden den roten Faden dieses Essays – als Geschichten über Vertrauen, Verantwortung und darüber, wie das Bild der Welt überhaupt entsteht.
Zugang als Wagnis
Mit dem Kriegsausbruch am 7. Oktober schließt Israel die Grenzen zum Gazastreifen. Seitdem darf kein ausländischer Journalist mehr unabhängig einreisen. Für Fixer wie Mohamad Abu Saif ändert sich damit alles. Statt Korrespondenten durch Gaza zu führen, halten sie nun selbst das Mikrofon und schicken ihre Aufnahmen an die Redaktionen draußen.
Mohamad Abu Saif, 33, arbeitet seit 2021 als freiberuflicher Fixer aus Gaza für das ARD-Korrespondentenbüro in Tel Aviv und berichtet seit dem ersten Kriegstag für den Sender. Täglich sendet er Updates, schlägt Themen vor, filmt mit dem Handy.
Abu Saif weiß, was möglich ist und was nicht: „Du kannst mich nicht beauftragen. Du musst mich fragen: Mohamad, kannst du das machen? Denn ich bin derjenige, der vor Ort arbeitet, nicht du.“ Am 7. Oktober bleibt er zu Hause. Er entscheidet sich bewusst dagegen, zu den zerstörten Grenzzäunen zu fahren, über die Hamas-Kämpfer nach Israel gelangten. „Ich hätte viel Geld verdienen können“, sagt er. „Aber wenn ich dem Geld hinterherjage, bin ich tot.“
Auch in Israel zieht das Geschäft der Fixer an. Der Süden ist militärisches Sperrgebiet. Journalisten aus aller Welt reisen an. Noam Shalev führt seit über 25 Jahren eine Produktionsfirma in Tel Aviv. Er beschäftigt drei Fixer in Israel, zwei in der Westbank. Mit freien Fixern arbeitet er auch in Gaza. „Wir haben nie viel News gemacht“, sagt er. „Mit dem 7. Oktober hat sich das geändert.“ Binnen drei Monaten betreut Shalevs Team statt fünf plötzlich 20 TV-Crews.
Einer seiner Mitarbeiter, der heute freiberuflich arbeitet und anonym bleiben möchte, bringt zwei Tage nach Kriegsbeginn ein japanisches Fernsehteam in die zerstörten Kibbuzim. Er verschafft ihnen eine Sondererlaubnis und erwartet, dass sie sich an seine Anweisungen halten. „Es waren noch Hamas-Kämpfer dort“, sagt er. „Und dann will das Team plötzlich in Richtung des Grenzzauns gehen. Ich habe gesagt: auf gar keinen Fall!“ Solche Entscheidungen – in Gaza wie im Süden Israels – bedeuten mehr als Vorsicht: Sie bedeuten Verantwortung.
Abu Saif aus Gaza entscheidet, ob eine Geschichte entsteht oder nicht. Der Fixer aus Israel legt fest, wie weit ein Team gehen darf. Beide lenken, was sichtbar ist. Fixer entscheiden mit, welche Geschichten überhaupt in die Öffentlichkeit gelangen. Was journalistisch als Idee beginnt, entsteht oft aus ihrer Einschätzung: Was ist erreichbar, was zu gefährlich? In dieser Phase formt sich der Rahmen der Berichterstattung – bevor eine Kamera läuft, bevor ein Wort geschrieben steht.
Zugang ist in Kriegszeiten kein Formular, sondern ein Wagnis. Wer ihn ermöglicht, prägt die Wahrnehmung der Welt. Allein der Zugang genügt aber nicht. In einem Krieg, in dem Misstrauen zur Währung geworden ist, zählt nicht nur, wohin man gelangt – sondern wem man begegnet. Fixer handeln mit Vertrauen. Sie öffnen nicht nur Türen, sie öffnen Menschen.
Der israelische Fixer erinnert sich an eine Szene, die ihn bis heute verfolgt. Kurz nach Kriegsbeginn organisiert er für ein Fernsehteam ein Interview mit einem Überlebenden aus einem zerstörten Kibbuz. Später fahren sie gemeinsam dorthin, stehen vor dem Haus des Mannes. Der Reporter ruft ihn an – die Nummer hatte der Fixer vermittelt – und fragt: „Wie fühlen Sie sich jetzt?“ Am anderen Ende herrscht Schweigen.
Der Fixer ruft den Mann später an, entschuldigt sich – und bereut es bis heute. Nicht, weil es eine Geschichte kostete, sondern weil er Vertrauen verletzt hat. Fixer leben vom Vertrauen – und verlieren es schneller, als eine Geschichte gedruckt ist.
Fixer in Gaza wissen, dass ihre Arbeit unter Beobachtung steht und dass Kritik Folgen haben kann. Wie Kriegsreporter prüfen sie, vergleichen, rufen Quellen mehrfach an. So entsteht ein Bild, so verlässlich wie möglich.
Ameera Harouda, 42, kennt diesen Zwischenraum gut. Sie arbeitet seit 2005 als eine der ersten weiblichen Fixerinnen in Gaza, seit 2023 aus dem Exil in Katar. Von dort koordiniert sie internationale Anfragen und bildet junge Fixerinnen aus. „Sie müssen lernen, die wichtigen Linien einer Geschichte zu erkennen“, sagt sie. „Nie nur eine Quelle, immer mehrere. Alles prüfen.“
Doch Fakten bilden nur die halbe Wahrheit. „Wenn du in ein Haus kommst und die Familie sitzt auf dem Boden – setz dich zu ihnen“, sagt sie. „Wenn sie dich zum Essen einladen, sag nicht nein.“ Nähe ist für Harouda keine Gefahr, sondern Voraussetzung. „Wenn du eine Mutter filmst, die ihr Kind verloren hat, fühl ihren Schmerz. Nur dann weißt du, welche Frage du stellen darfst.“
Die Macht der Übersetzung
Dennoch stößt Vertrauen an Grenzen. Worte tragen nicht immer, was gemeint ist. Zwischen Sprachen und Kriegsrealitäten beginnt die dritte Arbeit der Fixer: das Übersetzen.
Christian Vooren, Reporter der ZEIT, erzählt von einem Fixer in Ramallah, das war kurz nach dem 7. Oktober. Der Mann weigert sich, den Angriff der Hamas als „Terroranschlag“ zu übersetzen. „Das war schwierig“, sagt Vooren. „Aber man muss darauf vertrauen, dass wir trotzdem ordentlich arbeiten.“ Er lässt kritische Passagen zusätzlich von arabischsprachigen Kollegen prüfen. „Ich überprüfe vieles doppelt und halte mich fern von der Versuchung, dass mir jemand etwas zu schön übersetzt“, sagt er. Auch umgekehrt übersetzen Fixer: aus der Sprache der Redaktion in die Realität von Gaza. Es geht nicht immer um Worte, sondern darum, ob eine Frage überhaupt eine Antwort zulässt.
Bevor Ameera Harouda Fragen internationaler Redaktionen an ihre Fixerinnen in Gaza weiterleitet, prüft sie diese. Manche seien zu hart, zu direkt. „Ich formuliere sie um, damit sie nicht verletzend wirken“, sagt sie. So schützt sie die Menschen, über die sie berichtet – und zugleich die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung.
Übersetzen ist im Krieg kein technischer Akt, sondern Deutung. Wer übersetzt, greift ein. Fixer fungieren als Co-Autoren
Übersetzen ist im Krieg kein technischer Akt, sondern Deutung. Fixer fungieren als Co-Autoren der Geschichte, die sie übersetzen. Gerade in einem Krieg, in dem jedes Wort verdächtig erscheint, wird Übersetzen politisches Handeln. Wer übersetzt, greift ein. Fixer übersetzen nicht nur, sie schützen.
Noam Shalev erinnert sich an den Krieg zwischen Israel und Iran. Ein ausländisches TV-Team ist im Juni mit seinem Fixer unterwegs von der libanesischen Grenze nach Tel Aviv. „Ich wusste, dass um halb acht Angriffe kommen würden“, erzählt Shalev. Also sagt er ihnen, wo sie sicher halten können. Schließlich liegen sie in einer Senke neben der Straße, Kameras nach oben gerichtet, als die Raketen über sie hinwegziehen. „Sie bekommen die besten Bilder – und bleiben unversehrt. „Zugang“, sagt Shalev, „bedeutet Verantwortung: Reporter dorthin zu bringen, wo die Geschichte passiert – und sie heil zurückzubringen.“
Emad Abu Shawiesh kennt dieses Gefühl. In seinem Haus in Gaza leben 75 Verwandte, zusammengepfercht auf drei Stockwerken. Während des Videointerviews sitzt er auf dem Dach und flüstert. „Ich will nicht, dass jemand mich sieht oder hört“, sagt er. Sein Vater bittet ihn, im Krankenhaus zu übernachten – seiner vier Kinder zuliebe. „Er hat Angst, weil Journalisten gezielt angegriffen wurden“, sagt Abu Shawiesh. Sicherheit ist für Fixer längst kein Zustand mehr, sondern tägliche Verhandlung.
Auch deutsche Journalisten spüren, wie eng Sicherheit und Vertrauen verwoben sind. Thore Schröder, Spiegel-Korrespondent, arbeitet seit Beginn des Krieges mit einer Fixerin aus Gaza. Sie begegnen sich nie persönlich, schreiben jedoch fast täglich. „Manchmal bricht der Kontakt ab“, erzählt er. „Dann weiß man nicht, ob sie einfach keinen Empfang hat – oder ob etwas passiert ist.“ Aus professioneller Zusammenarbeit entstehe eine Art Freundschaft. „Man sorgt sich. Und versucht trotzdem, Distanz zu wahren, Grenzen zu ziehen zwischen Privatem und Beruflichem, was nicht immer gelingt.“
Wer Reporter begleitet, trägt Verantwortung für ihre Wahrnehmung – und oft auch für ihr Überleben. Auch das gehört zur Wahrheit der Fixer: Sie sichern, was sichtbar bleibt. Sobald der Krieg Alltag ist, zeigt sich die unsichtbare Seite journalistischer Arbeit: die Logistik. Wer im Ausnahmezustand berichtet, organisiert nicht nur den Zugang zur Geschichte, sondern ihr bloßes Zustandekommen.
Mohamad Abu Saif lebt heute in München und arbeitet für den Bayerischen Rundfunk. Im Februar 2024 gelingt ihm mit Hilfe der ARD die Ausreise aus Gaza über Kairo – ein monatelanger Prozess. Während der Angriffe organisiert der Sender Fahrzeug und Unterkunft – Abu Saif schläft im Auto. Mit dem ersten Kriegstag beginnt die Evakuierung seines Viertels Rimal in Gaza-Stadt. „Sie waren verantwortlich für mich – großzügig, aber auch klar: Du arbeitest, wir schützen dich.“
Auch Geld gehört zur Logistik. Fixer in Gaza arbeiten freiberuflich und verdienen zwischen 150 und 700 Dollar pro Tag, je nach Auftrag und Medium. Bei Fernsehproduktionen liegen die Preise höher als bei Textrecherchen. In Noam Shalevs Produktionsfirma in Tel Aviv kostet ein Tag mit Fixer rund 500 Dollar.
Geld nach Gaza zu überweisen, ist kompliziert. „Wir mussten ein Konto in Großbritannien eröffnen, um das Honorar auf die Bank of Palestine zu überweisen. Aber auch das hat zuletzt nicht geklappt, sodass wir nun versuchen, die Honorare über Familienmitglieder im Ausland an sie zu schicken“, sagt Schröder vom Spiegel. Sicherheitsbedenken verhindern Direktüberweisungen.
Logistik bedeutet Verantwortung
Logistik bedeutet mehr als Organisation. Sie ist Ausdruck von Verantwortung – für Sicherheit, Bezahlung und das Überleben journalistischer Arbeit. Fixer halten im Chaos die Strukturen zusammen, an denen Berichterstattung hängt. Journalismus entsteht nicht nur durch Worte, sondern durch Wege, Strom, Treibstoff – durch alles, was ihn überhaupt möglich macht. Das Arbeitsfeld der Fixer ist vielschichtig – und der Krieg macht es noch komplizierter. Ohne sie ist Auslandsjournalismus in Krisengebieten kaum möglich. Wer sie als Hilfskräfte sieht, greift zu kurz.
Alle Fixer, mit denen ich sprach, haben studiert: Film, Journalismus, Kommunikation. Sie verstehen sich als Profis, nicht als Zuarbeiter. Mit dem Begriff „Fixer“ können sich viele arrangieren, doch „lokale Produzenten“ klingt für sie nach Verantwortung, nicht nach Befehlskette.
Fixer sind mehr als Hilfskräfte. Ohne sie ist Auslandsjournalismus in Krisengebieten kaum möglich
Meist entstehen Fixer-Kontakte durch Empfehlungen oder frühere Zusammenarbeit. Schröder und Vooren sagen, ein Fixer müsse kein Journalist sein; entscheidend sind Vertrauen, Zuverlässigkeit und Netzwerke. „Wenn ein Fixer denkt, er ist der Chef im Ring, wird es schwierig“, sagt Schröder. „Am Ende bin ich der Redakteur, ich zeichne verantwortlich für das Produkt. Womit ich überhaupt nicht sagen will, dass Beratungen auf Augenhöhe nicht sinnvoll sind, das sind sie unbedingt.“ Vooren achtet auf Haltung und Distanz. „Ich will wissen, wie jemand politisch denkt – nicht, ob links oder rechts, sondern wie aktivistisch. Wie sehr kann jemand von der eigenen Betroffenheit zurücktreten?“
Fixer verändern Berichterstattung nicht vollständig, aber sie prägen sie. Sie liefern die Bausteine für ein Bild der Welt. Abu Shawiesh sitzt auf dem Dach seines Hauses, über ihm summen Drohnen. Manchmal schreckt er auf, wenn eine näherkommt. Der Strom seiner Solarpaneele reicht noch. Und solange er Licht hat, arbeitet er weiter. Vielleicht ist das die einfachste Beschreibung ihrer Arbeit: Fixer lassen das Licht an, damit andere sehen können.
Internationale Politik Special 2, Januar 2026, S. 28-32