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01. Nov. 2004

Herausforderung Kosovo

Die Europäer müssen sich noch stärker engagieren

Der ungeklärte Status Kosovos steht nicht zuletzt seit den blutigen Unruhen vom März 2004 weit
oben auf der politischen Agenda des Westens. Marie-Janine Calic, die südosteuropäische Geschichte
an der Universität München lehrt, plädiert für ein noch stärkeres Engagement der Europäischen
Union in der seit 1999 international verwalteten Provinz, um den Prozess der Stabilisierung und „Europäisierung“ zu begleiten und zu unterstützen.

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Die blutigen Unruhen in Kosovo im März 2004 haben bei der Staatengemeinschaft als Weckruf gewirkt. Unter dem Druck immer neuer sicherheitspolitischer Aufgaben war die Lage in der seit Mitte 1999 international verwalteten Provinz monatelang schön geredet worden, die Personalstärke der KFOR wurde voreilig reduziert.

Auf die zwei Tage dauernden Pogrome gegen Nichtalbaner, bei denen Tausende Serbenund Roma vertrieben, Häuser und orthodoxe Kulturdenkmäler in Brand gesteckt wurden, waren die zivilen und militärischen Kräfte nicht vorbereitet, angemessene Einsatzpläne gab es nicht. Durch die Ereignisse hat nicht nur das internationale Wiederaufbauprojekt, sondern auch das Ansehen von UN und NATO schweren Schaden genommen.

Seit den Gewaltausbrüchen steht der ungeklärte Status Kosovos nun wieder weit oben auf der politischen Agenda des Westens. Mitte nächsten Jahres soll evaluiert werden, inwieweit die Provinz den vom UN-Sicherheitsrat verordneten Standards näher gekommen ist, die als Voraussetzung für den Beginn von Statusgesprächen gelten. Allerdings muss die am 23. Oktober 2004 neu gewählte politische Vertretung der Kosovaren erst noch substanzielle Verbesserungen bei Minderheitenschutz und Rechtsstaatlichkeit erzielen, bevor über die endgültige völkerrechtliche Stellung ihres Landes entschieden wird.

Die Staatengemeinschaft hat in Kosovo ein extrem anspruchsvolles und bislang einmaliges Projekt begonnen. Die ehemals serbische Provinz wurde im Sommer 1999 durch UN-Sicherheitsratsresolution 1244 unter Protektoratsverwaltung der Vereinten Nationen gestellt. Die UNMIK erhielt das Mandat, die staatlichen Institutionen der Provinz aufzubauen sowie das Wirtschafts-, Sozial- und Rechtssystem von Grund auf zu erneuern. Der völkerrechtliche Status der Zwei-Millionen-Einwohner-Provinz blieb vorerst offen.

Mit der Kosovo-Mission machten die Vereinten Nationen einen qualitativen Sprung von traditioneller militärischer Friedenssicherung zu einer hochkomplexen Nation-building- Mission. Die UNMIK soll in der Provinz ein völlig neues institutionelles Gerüst aufbauen, darunter Parlament und Ministerien, Polizei und Sicherheitsapparat sowie wirtschaftliche Behörden. Nach den Wahlen vom 17. November 2001 wurden im März 2002 die Provisorischen Institutionen (Provisional Institutions of Self-Government – PISG) geschaffen, nämlich Parlament, Präsidentschaft und Lokalverwaltungen. Aus dem erneuten Urnengang im Oktober 2004 ging erwartungsgemäß die Partei von Präsident Ibrahim Rugova als klare Gewinnerin hervor.

Dank UNMIK hat sich die Lebenssituation in vieler Hinsicht klar verbessert. Dennoch blieben viele Erwartungen unerfüllt: die albanischen Kosovaren beklagen, dass ihre Provinz weder die staatliche Souveränität erreicht hat noch dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse substanziell verbessert haben. Rasch ansteigende Frustrationen haben das Ansehen der internationalen Verwaltung untergraben, der man Arroganz, Unfähigkeit und koloniales Gebaren vorwirft.1

Die serbische und andere Minderheiten wiederum beklagen, dass die internationale Verwaltung und die Sicherheitspräsenz gegen ethnische Diskriminierung und Verfolgung nicht entschieden genug vorgehen. Seit Ende der NATO-Intervention Mitte 1999 wurden rund 240 000 Serben, Roma und andere Minderheiten aus der Provinz vertrieben. Die in Kosovo verbliebenen Nichtalbaner leben in ständiger Angst vor Übergriffen. Nach den März-Unruhen haben sich die Serben aus den Provisorischen Institutionen zurückgezogen, ferner riefen sie erfolgreich zum Boykott der Parlamentswahlen am 23. Oktober 2004 auf.

Während die Kosovaren die unbedingte Unabhängigkeit ihrer Provinz fordern, verlangt der UN-Sicherheitsrat, erst bestimmte Standards durchzusetzen, bevor über den endgültigen Status der Provinz entschieden wird. Das Prinzip „Standards für Kosovo“ verlangt den Aufbau funktionierender staatlicher Institutionen, Rechtsstaatlichkeit, Bewegungsfreiheit, Flüchtlingsrückkehr, wirtschaftliche und eigentumsrechtliche Voraussetzungen, Dialog mit Belgrad und Reform des paramilitärischen „Kosovo Protection Corps“.2 Die meisten Kosovaren betrachten diese Politik jedoch als künstliche Verlängerung des Status quo, der die tief greifenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme ihres Landes einfrieren und auf lange Sicht noch weiter verschärfen wird.

Besondere Erbitterung weckt die Tatsache, dass die Kompetenzen der Provisorischen Institutionen, also der Regierung Kosovos, beschnitten sind und wahrscheinlich auch auf längere Sicht bleiben werden. 2003 begann UNMIK gemäß §11 von Resolution 1244, legislative und exekutive Machtbefugnisse an diese Institutionen zu übertragen. Grundlage ist der im Mai 2001 verabschiedete Verfassungsrahmen für die Provinz.3 Nach Kapitel 8 sollen alle Kompetenzen mit Ausnahme der „reserved powers“ an die lokalen Autoritäten übergeben werden. Kernbefugnisse wie Außenpolitik, Minderheitenschutz, Flüchtlingsrückkehr sowie die Aufsicht über Justiz und Sicherheitskräfte bleiben „exklusiv“ in der Hand des UN-Verwalters – aus Sicht der Kosovaren eine unerträgliche Beschränkung ihrer Souveränitätsrechte.4

Verwaltungsreform

Durch die März-Unruhen ist der politische Ansatz der Staatengemeinschaft gegenüber Kosovo ins Zwielicht geraten. In Reaktion auf die Ereignisse im März 2004 wurde der norwegische Diplomat Kai Eide als Sondergesandter des UN-Generalsekretärs beauftragt, einen Bericht über die Lage in Kosovo zu verfassen.5 Dieser spricht klare Worte über die „langsame und verwirrte Reaktion“ ziviler und militärischer Stellen vor Ort: „Die internationale Gemeinschaft war nicht in der Lage, die Stimmungslage in der Mehrheitsbevölkerung richtig einzuschätzen, ihre Frustration und Ungeduld. Ebenso hat sie das extremistische Potenzial zur Mobilisierung von ethnischer Gewalt nicht richtig begriffen“. Eide beschreibt die Aktivitäten in Kosovo als „statische, nach innen gerichtete … Routineübung“, ohne politisch-strategische Führung und inhaltliche Kohärenz.6 Er empfiehlt eine „dynamischere“ Politik in Bezug auf die Standards und einen beschleunigten Transfer von Kompetenzen auf die lokalen Autoritäten sowie den Beginn von Statusverhandlungen.7

Der neue Leiter der UN-Mission, Soren Jessen-Petersen, hat signalisiert, er wolle den Vorschlägen im Kern folgen. Am 28. September 2004 begannen in Wien direkte Gespräche zwischen der serbischen und der kosovarischen Regierung über eine mögliche Dezentralisierung der Provinz; allerdings ist zu bezweifeln, dass hierin der Schlüssel zur Überwindung fundamentaler Interessengegensätze zwischen Belgrad und Prishtina liegen könnte.

Immer mehr Akteure glauben inzwischen, dass der Ansatz „Standards vor Status“ unhaltbar ist und dass nicht alle Konditionen erfüllt sein werden, wenn mit den Verhandlungen über die Souveränität Kosovos begonnen wird. Allerdings wird noch nach einer gesichtswahrenden Formel für einen pragmatischen Neuansatz gesucht.

Die Kontaktgruppe betont vorerst, dass es „wesentliche Fortschritte“ und eine „neue Dynamik“ bei der Implementierung der Standards geben muss. Nur wenn ethnische und religiöse Verfolgung aufhören, könne eine politische Statuslösung gefunden werden. Ende September 2004 erklärte sie erstmalig, dass „Kosovo nicht zu der Situation vor März 1999 zurückkehren würde“ – eine Wiedereingliederung in den serbischen Staatsverband ist folglich ausgeschlossen. Wenn Mitte 2005 erstmals die Standardimplementierung bewertet wird, kann ein positives Ergebnis zur unmittelbaren Eröffnung von Statusverhandlungen führen. Ein negatives Urteil würde den Prozess dagegen auf unbestimmte Zeit verschieben.8 Absehbar ist allerdings, dass es in den mit nationalen Interessen verbundenen Fragen, etwa bei Flüchtlingsrückkehr und Minderheitenschutz, nur wenig Fortschritte geben wird und die Führung der Kosovaren dennoch auf dem Beginn des Statusprozesses beharren wird.

Sicherheitspolitik

Die UNMIK und NATO müssen sich vorwerfen lassen, die prekäre Sicherheitslage falsch analysiert und Menschenrechtsverletzungen nicht verhindert zu haben.9 Verschiedene Evaluierungen kommen zu dem Schluss, dass die Pogrome zum Teil organisiert waren, zum Teil durch spontan eskalierende Gewaltdynamik erklärt werden müssen. Nach offiziellen Angaben kamen 19 Menschen zu Tode, mehr als 800 wurden verletzt. Jeder einzelne Stützpunkt der UNMIK wurde angegriffen.

Unter Druck der Staatengemeinschaft hat die politische Führung der Kosovaren die Ereignisse verurteilt und rund 18 Millionen Euro für den Wiederaufbau zerstörter Häuser und Kirchen bereitgestellt. Aber ihre Reaktion blieb halbherzig. UNMIK hatte von den Provisorischen Institutionen verlangt, Maßnahmen zur Sanktionierung der Gewalt zu ergreifen. Aber die Regierung sah sich nicht in der Lage, staatliche und kommunale Funktionsträger zu bestrafen, die durch öffentliche Äußerungen oder Taten die Übergriffe aktiv unterstützten. Zudem weigerte sie sich, Medienberichte öffentlich zu verurteilen, die zu ethnischer Gewalt anstachelten.10 Bis heute müssen Minderheitenangehörige durch Militär oder Polizei eskortiert werden, wenn sie ihre Häuser verlassen.

Durch die Unruhen ist auch das 3200 Mann starke Kontingent der Bundeswehr in die Kritik geraten. Offenbar waren die deutschen Soldaten von dem Aufruhr überrascht worden. In der Provinzstadt Prizren standen sie dem anstürmenden Mob hilflos gegenüber; die Presse schimpfte gegen die „Hasen vom Amselfeld.“11 Interne Evaluierungen erbrachten, dass es gravierende Defizite im Bereich von nachrichtendienstlicher Aufklärung und Kommunikation mit anderen Akteuren gab, vor allem der Polizei.

Die Bundeswehr hat nach monatelanger Prüfung der Ereignisse mit Änderungen an Ausbildung, Ausrüstung und Einsatzregeln bei Auslandseinsätzen reagiert. Die militärisch Verantwortlichen spielen den Ball aber auch zurück an die Politik: wie kann die Bundeswehr ihren Stabilisierungsauftrag erfüllen, wenn noch nicht einmal das strategische Ziel ihrer Mission klar ist?

Allerdings müssen sich gerade auch die sicherheitspolitischen Akteure Versäumnisse vorwerfen lassen. Dass es seit Sommer 2003 zu vermehrter ethnischer und krimineller Gewalt gegen Minderheiten und Polizeikräfte gekommen war, wollten weder UN-Polizei noch KFOR anerkennen. UN und NATO standen angesichts neuer außenpolitischer Prioritäten unter Erfolgsdruck: Im vergangenen Jahr wurde die KFOR auf zuletzt 17 500 Mann reduziert, Checkpoints und Wachposten zum Schutz serbischer Siedlungen und Kirchen entfielen trotz der Warnungen von Minderheitenvertretern. Wer die Berichte des UN-Generalsekretärs mit ihren zahlreichen Schilderungen gewaltsamer Übergriffe liest, gewinnt den Eindruck, die politischen Entscheidungsträger hätten sich die Sicherheitslage wider besseres Wissen schön geredet.12

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass nicht entschieden gegen Schmuggel, Menschenhandel, Waffenschieberei und Geldwäsche vorgegangen wurde. Politische Führer, denen man Verstrickungen in kriminelle Machenschaften nachsagt, blieben bis auf wenige Ausnahmen unbehelligt. Unter anderem blieben die Untergrundstrukturen der formell aufgelösten UÇK unangetastet, und die „Albanische Nationalarmee“, die in Kosovo, Mazedonien und Südserbien mit Anschlägen für ein Großalbanien kämpft und zudem Beziehungen zum international beaufsichtigten Kosovo-Schutzkorps unterhält, wurde erst im letzten Jahr zur „terroristischen Organisation“ erklärt.

Schleppender Wiederaufbau

Eine zentrale Erkenntnis ist, dass der wirtschaftlichen Entwicklung künftig größeres Augenmerk zukommen muss. Kriminelle Machenschaften und ethnischer Hass blühen, weil vielen Menschen eine berufliche Perspektive fehlt.

Rund zwei Milliarden Euro hat die Staatengemeinschaft seit 1999 in die kleine Provinz gepumpt.13 Die internationalen Hilfen haben Wiederaufbau und Wirtschaft Kosovos belebt, jedoch die strukturellen Entwicklungsprobleme nicht effektiv bekämpfen können. Das größte Problem Kosovos sind das geringe Wirtschaftswachstum und die schlechte Arbeitsmarktlage. 2003 lag das Bruttosozialprodukt bei nur 700 Euro pro Kopf; die Arbeitslosenrate beträgt nach offiziellen Angaben 49 Prozent, bei den 16- bis 24-Jährigen über 70 Prozent.14 Aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums müssten in den nächsten fünf Jahren mehr als 50 Prozent zusätzliche Jobs geschaffen werden, um allein den jugendlichen Erwerbsuchenden eine Perspektive zu geben.

Die Volkswirtschaft Kosovos befindet sich jedoch in einer gefährlichen Schieflage, ein Rezept zur Stimulierung selbsttragenden Wachstums in der seit eh und je rückständigen Provinz gibt es nicht. Die Haupteinnahmequellen Kosovos sind heute internationale Wiederaufbaumittel, private Transfers von Gastarbeitern sowie die Gehälter von 50 000 bis 60000 Mitarbeitern ausländischer Streitkräfte und ziviler Organisationen. Produktive wirtschaftliche Aktivitäten gibt es dagegen kaum. Durch die immer größer werdenden internationalen Verpflichtungen schrumpfen aber die zur Verfügung stehenden Ressourcen der Staatengemeinschaft. Im vergangenen Jahr gingen die Wiederaufbaumittel für Kosovo um ein Viertel gegenüber 1999–2002 zurück, das BIP sank folgerichtig um mehrere Prozentpunkte.15 Und mit dem Abbau ausländischen Personals fließen immer weniger internationale Gehälter in den Wirtschaftskreislauf. Das durch die ausländischen Hilfen ausgelöste Scheinwachstum wird früher oder später in sich zusammenfallen und für zusätzlichen sozialen Zündstoff sorgen.

Konzertierte Maßnahmen zur gezielten Förderung der Wirtschaft Kosovos sind überfällig.16 Angesichts der tief greifenden sozioökonomischen Strukturdefizite ist es allerdings nicht einfach, eine Erfolg versprechende Entwicklungsstrategie zu entwerfen. Modernisierungsrückstände, hohes demographisches Wachstum, Kapitalmangel, Energiekrise und unklare Eigentumsrechte stehen dem ökonomischen Aufschwung im Weg, und nur wenige Betriebe dürften nach der Privatisierung wirtschaftlich überleben.17 Es ist offensichtlich, dass daran auch die Klärung des politischen Status so lange nichts ändern dürfte, wie es keine Rechtssicherheit gibt. Da Erfolg versprechende Entwicklungskonzepte fehlen, ertönt immer lauter der Ruf nach einer „Europäisierung“ Kosovos.

Europäisierung?

Seit der ehemalige Chef der UN-Verwaltung Michael Steiner mehr europäische Verantwortung in Kosovo forderte, haben viele Beobachter eine stärkere Rolle der Europäischen Union in Kosovo angemahnt.18 Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Vorschlag, die Provinz zu einem europäischen Treuhandgebiet zu machen.19 Eine sorgfältige Analyse der Probleme vor Ort einerseits und der Fähigkeiten der Union andererseits lassen allerdings vor zu hohen Erwartungen warnen.

Da die EU beschlossen hat, allen Balkan-Ländern die Perspektive der EU-Mitgliedschaft zu eröffnen, wächst der Union kontinuierlich eine immer prominentere Rolle in Kosovo zu. Noch ist man in Brüssel aber skeptisch, sich tragende Verantwortung für die schwierige Mission in Kosovo aufhalsen zu lassen. Im bosnischen Mostar war die EU Mitte der neunziger Jahre mit dem Projekt gescheitert, in der zwischen Bosniaken und Kroaten geteilten Stadt „eine einheitliche, sich selbst tragende volksgruppenübergreifende Verwaltung“ zu errichten. Zwar war der Wiederaufbau im Großen und Ganzen erfolgreich; die politische und ethnische Vereinigung der Stadt gelang jedoch nicht. Daraus wurde die Lehre gezogen, sich bei Peacebuilding-Aufgaben künftig stärker auf die wirtschaftlichen Kernkompetenzen der EU zu beschränken, etwa die Wirtschafts- und Finanzreform sowie den Wiederaufbau. Schon gar nicht will die Union Kosovo als „Treuhandgebiet“ übernehmen, da das Konzept Assoziationen an koloniale Vergangenheit weckt und in Kosovo abgelehnt wird; dort will man sich lieber selbst regieren. Zudem wird betont, dass es eine rein europäische Antwort auf die großen territorialen und verfassungspolitischen Fragen wie den Status Kosovos nicht geben kann. Dieser Prozess liegt letztlich in der Verantwortung des UN-Sicherheitsrats.

So verspricht Brüssel vorerst nicht mehr, als größere Kohärenz zwischen den europäischen Akteuren herzustellen: zwischen dem EU-geleiteten Pfeiler IV der UNMIK-Verwaltung, der Europäischen Wiederaufbauagentur, die die Hilfen verwaltet, der Europäischen Kommission, die den politischen Strategiedialog (Stabilisation and Association Process Tracking Mechanism) anleitet, dem Kosovo-Beauftragten aus dem Stab des Hohen Repräsentanten Javier Solana in Brüssel sowie den Vertretern der EU-Mitgliedsländer vor Ort. Ein Allheilmittel für die vielzähligen inneren, regionalen und internationalen Probleme Kosovos ist in der Europäisierung in jedem Fall nicht zu erblicken.

Die anfängliche Euphorie über die Potenziale internationaler Verwaltung in ehemaligen Krisengebieten ist angesichts der schweren Rückschlägen in Kosovo erheblicher Ernüchterung gewichen. Nation-building erscheint heute als ein überambitioniertes Ziel, das erhebliche politische und wirtschaftliche Investitionen erfordert, jedoch in der Regel nur bescheidene Transformationserfolge bewirken kann. Es verlangt strukturellen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandel, der – wenn überhaupt – nur in sehr langen Zeiträumen vonstatten geht. Dieser impliziert derart fundamentale Eingriffe in bestehende (informelle) Machtstrukturen und soziokulturelle Systeme, dass die Bevölkerung häufig mit Unverständnis, Resistenz, wenn nicht offenem Widerstand auf externe Interventionsmaßnahmen reagiert.

In Kosovo kommen zu den Schwierigkeiten des inneren Strukturwandels auch noch die internationale Dimension des ungeklärten Status sowie die regionale Problematik des Fortbestands von Serbien-Montenegro hinzu. Die beiden Republiken haben verfassungsgemäß 2006 die Möglichkeit, per Referendum über den Erhalt ihrer Staatenunion zu entscheiden. Sollte sich eine der beiden für unabhängig erklären, käme eine ganz neue Dynamik in den Statusprozess. Bei der weiteren Suche nach einem geeigneten politischen Prozess zur Lösung der Kosovo-Frage gibt es nach wie vor zahlreiche Unwägbarkeiten.

Viele Beobachter fürchten, dass der Staatengemeinschaft die Zeit davon laufen könnte und es zu erneuten Gewaltausbrüchen kommt. Dass möglichst bald über den völkerrechtlichen Status der Provinz verhandelt werden muss, erscheint schon daher unausweichlich. Ein wahrscheinliches Ergebnis wäre die konditionierte Unabhängigkeit, d.h. Selbstregierung Kosovos bei beschränkter Souveränität in sicherheitspolitisch relevanten Bereichen wie Minderheitenschutz und Außenpolitik.

Im politischen Prozess liegt der Schlüssel zur Entschärfung der Kosovo-Frage. Er müsste folgende Grundelemente berücksichtigen:

1. Interessenausgleich: Lösungen müssen auf dem Verhandlungswege zwischen den Kontrahenten Belgrad und Prishtina gefunden werden. Nur wenn es zu einem Ausgleich legitimer Interessen kommt, kann sich der politische Prozess selbst tragen. Eine konsensuale Lösung wäre zudem die Voraussetzung dafür, dass Russland und China im Sicherheitsrat ihren Widerstand gegen die (konditionierte) staatliche Unabhängigkeit Kosovos aufgeben.

2. Transatlantische Kooperation: Den Statusprozess müssen EU und USA gemeinsam steuern: Nur Washington hat genug Einfluss, um die Kosovaren zu Zugeständnissen zu bewegen; Brüssel dagegen hält mit dem Stabilisierungs- und Assoziierungsprozess die stärkeren Instrumente gegenüber Belgrad in der Hand.

3. Regionale Dimension: Jede Lösung muss die legitimen Interessen der Nachbarn, vor allem des ethnisch zerrissenen Mazedoniens, berücksichtigen. Die Regionalstaaten müssen frühzeitig in den Prozess einbezogen werden, um möglicher Destabilisierung entgegenzuwirken. Konfliktprävention muss ein Kernelement des Prozesses darstellen.

4. Europäisierung: Die EU muss ihr politisches und wirtschaftliches Gewicht künftig stärker einsetzen, um die inneren Reformen in Kosovo anzuleiten und zu beschleunigen. Dazu ist es erforderlich, mehr Kohärenz in die Aktivitäten der diversen institutionellen Stränge zu bringen und mehr Gewicht auf die ökonomische Entwicklung Kosovos zu legen.

Gleichgültig wie eine Statuslösung am Ende aussehen wird: Kosovo wird auf lange Zeit eine Region bleiben, in der die EU mit verschiedenen Instrumenten, und wahrscheinlich in langer zeitlicher Perspektive, die Prozesse von Stabilisierung und „Europäisierung“ begleiten und unterstützen muss.

Anmerkungen

1 Vgl. ausführlicher Calic, Kosovo 2004, in: Südosteuropa, Nr. 7–9/2003, S. 341–354.
2 Siehe <http://www.unmikonline.org/pub/focuskos/ apr02/benchmarks_tablefinal.pdf>.
3 Vgl. Constitutional Framework for Provisional Self-Government, UNMIK/REG/2001/9 , 15.5.2001.
4 Vgl. UNMIK Regulation 2001/9; Kapitel V beschreibt die Kompetenzen der Provisorischen Institutionen sowie die „reserved powers and responsibilities“, die in der Verantwortung des Special Representative of the Secretary-General (SRSG) bleiben.
5 Vgl. The Situation in Kosovo. Report to the Secretary-General of the United Nations, 17.8.2004.
6 Ebenda, para. 10.
7 Vgl. Working Group on Local Government, Framework for the Reform of Local Self-Government in Kosovo, 19.7.2004.
8 Vgl. <http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/aussenpolitik/ regionalkonzepte/westlicher_balkan/kosovo/ kontaktgruppe0409_html>.
9 Vgl. Human Rights Watch: Failure to protect: Anti-Minority Violence in Kosovo, March 2004, in: Human Rights Watch (Juli 2004), <http://hrw.org/reports/2004/kosovo0704/>.
10 Vgl. Report of the Secretary-General on the United Nations Interim Administration Mission in Kosovo, 30.7.2004, S. 2.
11 Vgl. Der Spiegel, 3.5.2004, S. 24 ff.
12 Vgl. Report of the Secretary-General on the United Nations Interim Administration Mission in Kosovo. 26.1.2004. S/2004/71; unter: <http://www.unmikonline.org>.
13 Vgl. Report on Activities of the European Commission/World Bank Office for South East Europe 2002. Brüssel, Juni 2003, S. 9.
14 Vgl. Kosovo Early Warning Report, Report 3, Januar–April 2003, S. 1.
15 European Commission/Directorate-General for Economic and Financial Affairs: European Economy. The Western Balkans in Transition, Brüssel 2002, S. 46 f.
16 Vgl. European Stability Initiative, Towards a Kosovo Development Plan and The State of the Kosovo Economy, August 2004.
17 Vgl. International Monetary Fund (IMF): Kosovo. Institutions and Policies for Reconstruction and Growth. Washington, DC, 2002, S. 19.
18 Vgl. Michael Steiner, Drei Mal Kosovo, Humboldt-Universität zu Berlin, 12. November 2002.
19 Vgl. Deutscher Bundestag, Antrag der Fraktion der FDP, Status des Kosovo als EU-Treuhandgebiet, 30.3.2004.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 11-12, November/Dezember 2004, S. 95‑102

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