Für einen zugewandten Realismus in der deutschen Indien-Politik
Ein Kommentar
Mit dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ist der Europäischen Kommission ein Erfolg gelungen, den ihr lange kaum jemand zugetraut hätte. Fast zwei Jahrzehnte lang wurde mit Unterbrechungen verhandelt; in Brüssel entwickelte sich der Prozess zeitweise zum Running Gag. Dass der Deal Anfang dieses Jahres unterzeichnet wurde, ist ein symbolischer Erfolg für Ursula von der Leyens „geopolitische Kommission“ – auch wenn besonders sensible Agrar- und Milchprodukte weitgehend von der Liberalisierung ausgenommen blieben und die Ratifizierung nach Abschluss der Verhandlungen noch aussteht.
Erklären lässt sich der Durchbruch nicht nur mit europäischer Überzeugungskraft, sondern auch mit geopolitischen Verschiebungen: Eine vertiefte Kooperation mit den USA – lange eine Priorität Neu-Delhis – wurde unter anderem wegen der neuen Unberechenbarkeit der amerikanischen Pakistan-Politik politisch schwerer kalkulierbar. Europa nutzte die Chance. Zusammen mit der ebenfalls angekündigten Verteidigungspartnerschaft markiert das Abkommen eine neue, weniger ideologische, stärker interessengeleitete Qualität der Beziehungen zwischen der EU, einem der größten Wirtschaftsräume der Welt, und dem aufstrebenden Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt mit erstarkender Mittelschicht und soliden Wachstumsraten. Angenähert haben sich beide Seiten auch in ihrem Blick auf die USA und China.
Das hierzulande lange vorherrschende Gefühl der strategischen Apathie gegenüber Indien ist bisweilen einem regelrechten Indien-Hype gewichen. In Teilen von Politik und Wirtschaft scheint es, dass allein Indien als Absatzmarkt die deutsche Industrie oder gleich die europäische Außenpolitik aus der Krise holen kann.
Tatsächlich bietet die Partnerschaft große Chancen. Doch der Enthusiasmus sollte nicht über eine zentrale Wahrheit hinwegtäuschen: Indien ist für Deutschland und Europa kein einfacher Partner und wird es auch nicht werden. Neu-Delhi meidet traditionell formelle Bündnisse, pflegt multiple Partnerschaften, verfolgt knallhart die eigenen Interessen und vertritt etwa mit Blick auf Russland andere außenpolitische Positionen als Europa. Auch wirtschaftlich ist Indien herausfordernd: bürokratisch, reflexhaft protektionistisch und selbstbewusst auf den eigenen Vorteil sowie die Stärkung nationaler Industriekapazitäten bedacht. Das hat historische Gründe: Kolonialismus und die westlich dominierte industrielle Revolution haben Indien aus einer Position großer Stärke – Experten schätzen, dass der indische Subkontinent um 1700 noch über 20 Prozent der Weltwirtschaft ausmachte – in ein Entwicklungsland verwandelt.
Jetzt, wo die nächste technologische Revolution – angetrieben durch KI & Co. – Fahrt aufnimmt, soll sich dieses Trauma nicht wiederholen. Technische Exzellenz und der Ausbau digitaler und physischer Infrastruktur sollen, gestützt auf eine junge und wachsende Bevölkerung, Indien in den kommenden Jahrzehnten zu seinem selbstbeanspruchten Platz als Zivilisations- und globales Machtzentrum zurückführen. Im Stanford AI Index steht Indien bei der Gesamtbewertung der KI-Leistungsfähigkeit heute weit vor Deutschland und anderen europäischen Ländern.
Trotzdem – oder gerade deshalb – brauchen wir Indien. Und Indien braucht uns mehr, als der öffentliche Ton oft suggeriert: als Gegengewicht zur politisch heiklen, immer einseitigeren wirtschaftlichen Abhängigkeit von China, bei Rüstungskooperation, grüner Technologie, Rohstoffen, globalen Standards und maritimer Sicherheit. Die Last der Demografie ist für Indien Fluch und Segen zugleich. Sollte KI künftig insbesondere in den für das Land wichtigen dienstleistungsintensiven Branchen Beschäftigung verdrängen, dürfte das Interesse Indiens an Migrations- und Mobilitätspartnerschaften weiter steigen. Bei der digitalen Staatsreform wiederum kann Deutschland einiges von Indien lernen.
Mehr Ehrlichkeit in der Euphorie
Laut einer Studie des Kiel Instituts für Weltwirtschaft könnte das Abkommen den jährlichen wirtschaftlichen Output der EU um rund 22 Milliarden Euro erhöhen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Deutschland in den vergangenen Jahren relative Marktanteile in Indien verloren hat. Der Automobilsektor zeigt die Herausforderungen: Europäische Hersteller kommen bislang auf unter 3 Prozent Marktanteil, während Maruti Suzuki, Hyundai, Tata und Mahindra den Markt dominieren. Auch sinkende Zölle werden das nicht über Nacht ändern – der Markt ist kostensensibel, aber zugleich technikaffin; Premiumpreise für die Technik von vorgestern sind kaum erfolgversprechend.
Die Aufgabe liegt nun darin, die neugewonnene Begeisterung für Indien nicht zu dämpfen, sondern mit Ehrlichkeit zu unterfüttern – vor allem bei den wirtschaftlichen Erwartungen, wo zu oft mit dem Wunschbild statt der Wirklichkeit des indischen Marktes geplant wird. Genau deshalb braucht Europas Indien-Politik einen neuen Kompass, ausgerichtet auf einen zugewandten Realismus. Konkret bedeutet das: ehrliches Interessenmanagement statt Wunschdenken, gepaart mit dem Willen, langfristig und verlässlich in die Partnerschaft zu investieren.
Ehrlicher machen heißt auch: Deutschland wird in weiten Teilen des indischen Marktes strukturell nicht wettbewerbsfähig sein. Es sollte daher Ressourcen gezielter auf Bereiche lenken, in denen Potenzial besteht: Spezialmaschinenbau, Verteidigungstechnik, Ausbildungskooperation, grüne Technologien.
Diese Bereiche sollten stets zusammengedacht werden, denn Wirtschaft, Sicherheit und Klimawende hängen enger zusammen, als es auf den ersten Blick scheint. Passierbare Handelswege sind eine Sicherheitsfrage, und der Ausbau erneuerbarer Energien ist nicht ausschließlich klimapolitisch relevant, sondern auch mit Blick auf die nationale Souveränität, die wiederum geoökonomische Fragen berührt.
Da geht doch noch mehr!
Für alle Kooperationsfelder gilt: Langfristiges Denken und die Bereitschaft, sich auf lokale Gegebenheiten einzulassen, müssen bis in die Bundesstaaten hineinreichen, wo möglicherweise noch größere Potenziale schlummern – statt eine Delegation nach der anderen durch dieselben Tech-Hotspots in Bengaluru, Gurugram und Hyderabad zu schicken.
Eine unterschätzte Dimension ist die Diaspora. Innerhalb weniger Jahre ist die indische Community in Deutschland auf knapp 300 000 Menschen angewachsen. Inderinnen und Inder gehören inzwischen zu den am schnellsten wachsenden Zuwanderungsgruppen – im Schnitt hochqualifiziert und unter Vollzeitbeschäftigten mit überdurchschnittlichen Einkommen. Zugleich gibt es Schattenseiten: Manche geraten auf der Suche nach einem besseren Leben in die Fänge krimineller Strukturen; selbst im Tech-Sektor beklagen viele eine gläserne Decke bei den Karrierechancen. Außerdem wächst die Sorge vor einer migrationsskeptischen politischen Stimmung, begünstigt durch den weiteren Aufstieg der AfD. Eine echte Willkommenskultur zu schaffen und Talente langfristig zu binden, bleibt eine unerfüllte Aufgabe.
Das entlässt deutsche Sicherheitsbehörden aber nicht aus der Pflicht, politische Entwicklungen innerhalb der Diaspora aufmerksam zu verfolgen – Kanada und Großbritannien zeigen, wie schnell politische Konfliktlinien aus Indien, etwa Separatistenbewegungen oder religiöser Nationalismus, in den Diskurs der neuen Heimat hineinwirken können.
Indien ist längst ein relevanter Akteur in Weltregionen, die auch für Europa strategisch wichtig sind. Vor allem im Nahen Osten eröffnen sich Chancen für eine vertiefte Zusammenarbeit, die Europa aber kaum nutzt: Fast zehn Millionen Inder leben auf der Arabischen Halbinsel, die Golfstaaten zählen zu Delhis wichtigsten Handelspartnern; gleichzeitig baut Indien seine strategische Partnerschaft gerade mit Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) aus. Eine deutsche Indo-Pazifik-Strategie, die konkrete Partnerschaften und gemeinsame Interessen im westlichen Indischen Ozean stärker in den Blick nimmt, wäre naheliegender und womöglich wirkungsvoller als die rituelle Entsendung einzelner Schiffe nach Fernost. Große Würfe wie der noch in der Biden-Ära erdachte IMEC-Korridor oder gar eine gemeinsame Initiative zur diplomatischen Lösung des Nahost-Konflikts brauchen Vorarbeit. Aber ein Anfang wäre bereits damit gemacht, Indien konsequent als möglichen Partner für Europa im Nahen Osten zu verstehen.
Dasselbe gilt für Afrika, wo die durchaus vorhandene gemeinsame EU-indische Entwicklungskooperation noch Potenziale bietet. Auch im Südkaukasus, wo Indien neben Frankreich zu den wichtigsten neuen Verteidigungspartnern Armeniens gehört, ist der Spielraum für Kooperationen längst noch nicht ausgeschöpft.
Es stimmt: Indien ist innerhalb internationaler Organisationen – ob Welthandelsorganisation oder Weltklimakonferenz – aus deutscher Sicht nicht immer ein einfacher Partner. Doch kluge Politik sollte auch hier nicht nur das Trennende im Blick haben, sondern Gemeinsamkeiten identifizieren: Eine Dedollarisierung, die vor allem Chinas finanzielle und geopolitische Stellung stärkt, liegt ebenso wenig im gemeinsamen Interesse Indiens und Europas wie der globale Vormarsch unregulierter Kryptowährungen, der aus Sicht Delhis und europäischer Regierungen Fragen staatlicher Geld- und Finanzsouveränität verschärfen kann.
Mit und zu Indien arbeiten
Die Formel für ein neues zwischenstaatliches Miteinander muss noch gefunden werden. Sie dürfte sich an zwei Leitmotiven orientieren: der Wahrung des westfälischen Prinzips gegenseitiger Nichteinmischung und dem grundsätzlichen Festhalten am universellen Menschenrechtsanspruch, wie ihn die Schlussakte von Helsinki formuliert. Das Interesse an Nichteinmischung ist dabei beidseitig: Indien reagiert aufgrund seiner kolonialen Erfahrung empfindlich auf alles, was als äußere Einmischung wahrgenommen wird; und auch in Deutschland hat der Schutz nationaler Souveränität angesichts hybrider russischer Bedrohungen höchste Priorität.
Indien will ein eigenes Machtzentrum sein und betrachtet feste Allianzen mit Argwohn. So erklärt sich auch der scheinbare Widerspruch, dass Delhis Rohölimporte aus Russland steigen, während die Rüstungsabhängigkeit von Moskau sinkt. Indien nutzt und schätzt flexible, minilaterale Formate – warum also nicht aktivere und sektorspezifischere Formate unter Einbeziehung von Partnern wie Japan, Australien, Korea oder den VAE ins Leben rufen?
Eine bessere deutsche Indien-Politik setzt wissenschaftliche Expertise voraus. Doch das Grundlagenwissen über Indien und Südasien ist in deutscher Politik, Verwaltung und Thinktanks bisweilen noch dünn. Anders als beim Mercator Institute for China Studies fehlt eine vergleichbar große, politiknahe Institution, die sich institutionell auf Indien und Südasien konzentriert. Zwar wird vermehrt in Indien-Forschung investiert, doch bislang vor allem im Bereich Vernetzung. Australien zeigt, was möglich ist: Das Land hat aus einer lange von Desinteresse geprägten Beziehung gelernt und gilt heute dank massiver Investitionen in Expertise als Vorbild. Das neugeschaffene Indien-Zentrum der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik kann hierzulande eine wichtige Kompetenzlücke schließen.
Nur wenn wir die ideengeschichtlichen und gesellschaftlichen Kontexte, diplomatischen Nuancen und politischen Systeme gegenseitig besser verstehen und übersetzen können und somit Räume für politisches Handeln öffnen, kann die Partnerschaft mit Indien mehr werden als eine weitere verpasste Chance.
Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 64-66