Online-Veröffentlichung

04. März 2026

Für eine China-Strategie der klugen Autonomie

Mit Mut und Härte aus dem Würgegriff Pekings? Nein. In einer multipolaren Welt gewinnt nicht der, der am härtesten zuschlägt, sondern der, der am schlausten navigiert. Eine Erwiderung auf Thorsten Benner, Jakob Hensing und Florian Klumpp.

Benjamin Creutzfeldt
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Bild: Grafische Illustration eines Schwertes dessen Spitze in einen Stift übergeht
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Thorsten Benner hat mit seinen Mitautoren in ihrem Beitrag „Der China-Schock“ (IP 2/2026) eine ebenso prägnante wie alarmierende Diagnose der deutschen China-Politik gestellt. Ihr Befund eines „kollektiven Elitenversagens“ und die daraus resultierende Forderung nach „Mut und Härte“ treffen einen Nerv. 

Doch so richtig die Beschreibung der Herausforderungen ist, so gefährlich kurz greift die konfrontative Schlussfolgerung. Sie basiert auf einer selektiven Wahrnehmung, die Entscheidendes ausblendet und uns in eine strategische Sackgasse führt. Eine fast 2000 Jahre alte Episode aus der chinesischen Geschichte – das Yizhou-Dilemma – bietet einen besseren Ansatz, um Deutschlands Rolle in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts zu bestimmen.
 

Zwischen den Blöcken

Im China des 3. Jahrhunderts, nach dem Fall der Han-Dynastie, kämpften zwei Giganten um die Vorherrschaft: das etablierte Königreich Wei im Norden, regiert vom brillanten Kanzler Cao Cao, und das aufstrebende Königreich Shu im Westen, geführt von Liu Bei, einem entfernten Verwandten der gefallenen Kaiserfamilie. Zwischen ihnen lag das strategisch wertvolle, aber militärisch schwächere Territorium Yizhou. Diese Konstellation schuf ein Dilemma für alle Beteiligten.

Für die aufstrebende Macht Shu war die Lage vertrackt: Yizhou mit Gewalt zu erobern, hätte den eigenen Ruf als tugendhafter Wiederhersteller der alten Ordnung beschädigt, immense Ressourcen verschlungen und eine gefährliche Zweifrontenlage gegen den Hegemon Wei geschaffen. Den Status quo beizubehalten, hätte jedoch bedeutet, auf Dauer schwach und verwundbar zu bleiben. Für den Hegemon Wei war ein direkter Angriff auf Yizhou ebenfalls kostspielig und riskant, da er Ressourcen gebunden und anderen Rivalen Chancen eröffnet hätte.

Die Lösung, die Liu Bei auf Anraten seines legendären Strategen Zhuge Liang wählte, wurde zu einem Lehrwerk der indirekten Strategie. Durch eine meisterhafte Mischung aus militärischem Druck, Diplomatie, psychologischer Kriegsführung und dem Ausnutzen interner Schwächen des Yizhou-Regimes gelang eine „friedliche“ Übernahme. In einer tripolaren Konstellation verändern sich die strategischen Kalküle: Weder blinde Konfrontation noch abwartende Untätigkeit sind optimale Strategien für den schwächeren Akteur.

Die Essenz des Yizhou-Dilemmas lässt sich so zusammenfassen: Eine aufstrebende Macht wird geschwächt, wenn sie ihre militärische Stärke zur gewaltsamen Expansion einsetzt, bleibt aber schwach, wenn sie passiv bleibt. Die Existenz des „dritten Spielers“ Yizhou zwingt die beiden Großmächte zu einer komplexeren Kalkulation als in einer rein bipolaren Konfrontation.
Übertragen auf die heutige Weltordnung befinden sich Deutschland und Europa in einer Position, die der von Yizhou verblüffend ähnelt. Damit bildet die Episode einen erfrischenden Kontrapunkt zur vielbeschworenen Thukydides-Falle, wonach der Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta aufgrund der Furcht Spartas vor der wachsenden Macht Athens unvermeidlich gewesen sei.

Eingeklemmt zwischen dem Hegemon USA und der aufstrebenden Macht China stehen wir vor einem Dilemma, das Parallelen zur chinesischen Geschichte aufweist. Sich bedingungslos an Washington anzulehnen, bedeutet den Verlust strategischer Autonomie. Eine konfrontative Abgrenzung von China, wie sie Benner fordert, isoliert uns von einem unverzichtbaren Wirtschafts- und Kooperationspartner und treibt uns noch stärker in die Arme des amerikanischen Hegemons. Die Antwort kann daher nur in der Entwicklung einer klugen, aktiven Autonomie bestehen. 
 

Die blinden Flecken der Schock-Diagnose

Die Analyse von Benner und Kollegen ist nicht nur unnötig konfrontativ, sie leidet darüber hinaus unter drei wesentlichen Verzerrungen. Da ist zum einen die geheuchelte Subventionskritik. Der Vorwurf gegenüber China, unfaire Überkapazitäten zu schaffen, klingt besonders schrill, wenn man die deutsche Industriepolitik betrachtet. Massive staatliche Hilfen für Schlüsselindustrien sind seit Jahrzehnten gängige Praxis – wenn auch nicht vollständig mit chinesischen Praktiken vergleichbar. Die Automobilindustrie hat von Kaufprämien und Steuererleichterungen in Milliardenhöhe profitiert. Die Landwirtschaft wird jährlich mit Milliarden aus dem EU-Haushalt gestützt; der Kohleausstieg wird mit staatlichen Zahlungen subventioniert, ebenfalls im Milliardenbereich. Kurzarbeitergeld ist nicht viel anderes als eine massive Subvention zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes. Die Kritik an China ist nur dann glaubwürdig, wenn wir unsere eigene Industriepolitik ehrlich reflektieren.

Zweitens leidet die Analyse unter einem blinden Fleck bei Abhängigkeiten. Die Fixierung auf die „China-Falle“ verstellt den Blick auf andere, ebenso wirkmächtige Verflechtungen, die Deutschlands Souveränität einschränken. Unsere Abhängigkeit von den USA, deren Zuverlässigkeit in Handels- und Sicherheitsfragen täglich abnimmt, wird als gegeben hingenommen. Sich bedingungslos an Washington anzulehnen, bedeutet den Verlust strategischer Autonomie und das Risiko, in Konflikte hineingezogen zu werden, die nicht unsere sind. 

Es ist auch moralisch fragwürdig, eine kleptokratische Regierung mit autoritären Tendenzen (wie sie Alexander Cooley und Daniel Nexon in Foreign Affairs treffend beschreiben) ohne Weiteres als Partner zu akzeptieren. Und dann ist da noch unsere außenpolitische Fesselung in Nahost, die uns daran hindert, Völkerrechtsverletzungen wie in Gaza klar zu benennen und illegale Angriffe auf souveräne Staaten schärfer zu verurteilen. 

Drittens ist da die vergessene Verantwortung des Westens: Die Schockdiagnose von Benner et al. ignoriert, dass das westlich dominierte Finanzsystem den Globalen Süden seit Jahrzehnten systematisch benachteiligt. Zahlen von UN Trade and Development (UNCTAD) belegen einen Netto-Kapitalabfluss von fast 700 Milliarden Euro aus Entwicklungsländern allein zwischen 2022 und 2024. „Wir“ im Westen haben 30 Jahre lang das Hohelied der Globalisierung gesungen und damit erst die Bedingungen für Chinas Aufstieg geschaffen. Das auszublenden, ist intellektuell unredlich.
 

Proaktiv und pragmatisch

Doch wie kann eine historisch informierte Theorie wie das Yizhou-Dilemma in der Praxis umgesetzt werden? Hier hilft das Konzept des „Active Non-Alignment“ des Diplomaten und Politikwissenschaftlers Jorge Heine: keine passive Neutralität, sondern eine proaktive, pragmatische Strategie zur Maximierung nationaler Interessen durch die bewusste Diversifizierung von Partnerschaften. Die Kernprinzipien des Active Non-Alignment bieten einen konkreten Handlungsrahmen für eine deutsche „Yizhou-Strategie“: strategische Autonomie als oberstes Ziel, ökonomischer Pragmatismus statt ideologischer Konfrontation, bewusste Diversifizierung der Partnerschaften und die Stärkung multilateraler Foren. 

Entscheidend ist die Entwicklung „unersetzlicher Verhandlungschips“: technologische Exzellenz, eine robuste Demokratie und eine glaubwürdige Diplomatie.
 

Klugheit statt Härte

Thorsten Benners „China-Schock“ ist ein wichtiger Weckruf. Doch die Antwort darf nicht in einer reflexartigen Rückkehr zur Blockkonfrontation bestehen. Das Yizhou-Dilemma lehrt uns: In einer multipolaren Welt gewinnt nicht der, der am härtesten zuschlägt, sondern der, der am klügsten navigiert. Für Deutschland bedeutet das, die eigene Position als „Yizhou“ anzunehmen – nicht als passives Objekt, sondern als aktiver Gestalter, der seine Unabhängigkeit zu wahren sucht. Es ist an der Zeit, die Komfortzone der transatlantischen Anlehnung zu verlassen und eine souveräne europäische Zukunft zu gestalten. 

Kaiser Wilhelm II. beschwor vor 120 Jahren die „Gelbe Gefahr“ herauf, mit China als zivilisationsgefährdenden Widersacher. Solche Vereinfachungen sind der Geopolitik unserer Tage nicht angemessen: Wir brauchen Dialogbereitschaft und Offenheit. Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei seinem Antrittsbesuch in Peking einen wichtigen Schritt in diese Richtung getan. 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 04. März 2026

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Benjamin Creutzfeldt, PhD, Sinologe und promovierter Politikwissenschaftler, ist Geschäftsführer des Konfuzius-Instituts Leipzig e.V..

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