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01. Apr. 2005

Frühling in Beirut

Die „Zedern-Revolution“ schweißt ein zerrissenes Volk zusammen

Überrascht entdecken die Studenten, die sich jede Nacht auf Beiruts „Platz der Märtyrer“ versammeln, dass die Religionszugehörigkeit sie viel weniger trennt als früher: Im Zorn über den Mord an Rafik Hariri scheint sich ein neues Nationalgefühl herauszukristallisieren. Hat es Bestand, könnte der Libanon zum Modell für den Nahen Osten werden.

Es herrscht ein ungewöhnliches Schweigen in der hektischen, dynamischen Stadt Beirut. Autofahrer hupen nicht unablässig wie sonst. Das Geschäftsviertel der Stadt wirkt wie leer gefegt. Nur der hämmernde Baulärm in „Downtown Beirut“ ist zu hören. Seit Jahren wird dort das vom Bürgerkrieg fast völlig zerstörte ehemalige Herz der Stadt wieder aufgebaut.

„Downtown Beirut“ war das Projekt des ermordeten ehemaligen Premiers Rafik Hariri. Der Bauunternehmer, Medienmogul und Milliardär wollte seine Stadt wieder so aufbauen wie sie vor dem Bürgerkrieg war. Es ist ihm fast gelungen: Wie vor 30 Jahren mischen sich wieder osmanische Steinhäuser mit Bauhausarchitektur, luxuriöse Geschäfte und Restaurants locken Touristen an. „Er war sehr stolz darauf, wie gut ihm der Wiederaufbau gelungen ist,“ erzählt Marie, die in einem Souvenir-Shop am „Place de l’Etoile“ im Zentrum Beiruts arbeitet. Wie überall hängt auch in Maries Geschäft ein Hariri-Porträt mit schwarzem Trauerflor. „Wir haben einen Schatz verloren“, sagt Marie, „und die Tragödie ist, dass niemand ihn ersetzen kann. Es gibt keine echten politischen Führungskräfte in unserem Land. Aber sein Tod hat uns zusammengeschweißt.“

Ruhe, in die nur Baulärm dringt, charakterisiert die Stimmung in der Stadt. Trotzig wollen die Beiruter das Aufbauwerk des Ex-Premiers fortsetzen, um sich selbst und der Welt zu beweisen, dass man nicht wieder in den alten Bruderzwist zurückfallen will. Die Stille erinnert an die Tage nach der Ermordung des israelischen Premiers Itzchak Rabin in Tel Aviv vor zehn Jahren. Israel, das an Lautstärke gewöhnlich seinem nördlichen Nachbarn in nichts nachsteht, versank damals ebenfalls in ein Schweigen, das etwas Tieferes als Trauer ausdrückte: den Schock der ganzen Nation über ein politisches Verbrechen – und die Erkenntnis, dass diese Tat Israel unwiederbringlich verändert hatte. Mit Rabin starb die Illusion, eine schnelle Beendigung des Konflikts mit den Palästinensern sei möglich – und damit die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Im Libanon wurde diese Hoffnung nach dem Tod Hariris erst geboren. Jetzt wollen sich die Libanesen erkämpfen, was ihnen lange vorenthalten wurde: ihre nationale Würde, das Ende der syrischen Besatzung und all der negativen Erscheinungen, die sie mit sich bringt: Kollaboration, Verrat und Feigheit.

Die Zukunft trifft sich auf dem Sahat Al-Shuhada, dem Platz der Märtyrer, der nur ein paar Meter entfernt liegt vom Grab Hariris. Hier entwickelt sich täglich mehr ein Volksaufstand, den die Libanesen noch mit dem geborgten Begriff „Intifada der Unabhängigkeit“ bezeichnen und der vielleicht als „Beiruter Frühling“ in die Geschichte eingehen wird.

Zahi, ein 22-jähriger Student der Politikwissenschaften, sitzt noch verschlafen vor seinem Zelt und schlürft Kaffee. Seit dem „Verbrechen“ oder dem „Massaker“, wie Libanesen die Ermordung Hariris wahlweise nennen, verbringen er und seine Freunde die Nächte auf dem „Platz der Märtyrer“. Muslime und Christen treffen sich selten in dieser Stadt, in der die meisten Wohnviertel noch immer konfessionell geprägt sind. Doch hier haben sie sich nach Hariris Tod spontan versammelt. Sie diskutieren, demonstrieren, machen Zukunftspläne, bis sie erschöpft in ihrer provisorischen Zeltstadt einschlafen. Niemand will nach Hause gehen, bis die wahre Identität der Mörder gefunden ist, die Besatzungstruppen abgezogen und die syrischen Agenten samt ihren Zuträgern aus dem Land gejagt sind.

„Am Anfang waren wir nur wenige,“ erzählt Zahi. „Wir schliefen unter freiem Himmel. Dann begann es zu regnen, und einige Leute brachten uns Zelte. Schließlich identifizierten sich immer mehr mit unserer Aktion. Lange wollte nur eine kleine Minderheit die politische Situation im Libanon ändern. Jetzt wachen viele aus einem langen Schlaf auf.“

Wenn die „Nachtschicht“ nach Hause geht, kommt die „Tagschicht“: Weitere Studenten oder Schüler, die in Bussen aus ihren Schulen herbei gekarrt werden. „Hier ist die wahre Schule“, findet Walid, 21 Jahre alt, „Die Schule der Freiheit. Wir wollen einen Libanon haben, wie ihn sich unsere Großeltern gewünscht hatten: frei und demokratisch, voll von gegenseitigem Respekt.“ Niemand, heißt es hier, wolle so weiter leben wie bisher. Man habe die Nase voll von der Angst und den Demütigungen der Besatzung. Vor 15 Jahren beteiligte sich Damaskus am ersten Irak-Krieg gegen Saddam Hussein. Dafür akzeptierte die Welt stillschweigend die syrische Besatzung des Libanons. Die palästinensische Gewalt im Namen der Freiheit wurde als legitim erachtet. Für die Freiheit des Libanons interessierte sich niemand.

Aber jetzt wollen die jungen Libanesen sich nicht länger von der Welt vergessen fühlen. „Christen und Muslime brachten sich im Bürgerkrieg gegenseitig um,“ doziert der Wirtschaftstudent Dani. „Jetzt sitzen wir zusammen und diskutieren. Es ist erstaunlich zu sehen, wie ähnlich unsere Gedanken sind. Die Syrer haben bis jetzt alles getan, um uns zu trennen. Sie finanzieren bewaffnete Milizen, und sie sind an einem zerrissenen Libanon interessiert. Nur so können sie sich weiter als Ordnungsmacht aufspielen. Aber diese Zeiten sind vorbei!“

„Eine großartige, wunderbare Sache geschieht hier auf dem Platz!“ schwärmt der Druse Ala’a al-Din, „Bis jetzt lebten wir unter syrischem Druck. Wir haben nichts gegen die Syrer. Aber sie müssen weg von hier. Die Regierung in Damaskus hat Angst, dass unsere Proteste sich auch auf das syrische Volk auswirken. Etwas geschieht im Nahen Osten! Beirut ist nur der Beginn.“

Naivität jugendlicher Hitzköpfe? Vielleicht. Aber dieser Geist hat in den letzten Jahren auch andere Revolutionen zum Erfolg geführt. „Warum sollte Libanon anders sein?“, fragt Nabil. „Nach Belgrad, Tbilisi, Kiew kommt  jetzt Beirut.“ „Im Libanon bestehen die besten Möglichkeiten für die Entwicklung einer Demokratie“, meint der Student Adnan.

Die Revolte in Kiew war orange. Der Beiruter Frühling trägt die Farbe blau, denn dies war die Farbe, die Hariri als Erkennungszeichen für seine Partei „Zukunft“ und sein Medienimperium gewählt hatte. Hariris Einfluss machte ihn zeit seines Lebens zu einer umstrittenen Person. Im Tode wurde er zum Symbol der Einheit. Tausende Libanesen tragen jetzt blaue Bänder an ihrer Kleidung, die an die roten Aids-Schleifen erinnern. Nur dass die Libanesen eine andere Krankheit bekämpfen wollen: die Krankheit der Demütigung durch die Besatzung. „Hunde, die sich an Syrien verkauft haben“, sagt der 19-jährige  Samer zornig über die allgegenwärtigen Spitzel. „Die müssen auch verschwinden!“

Wie Samer wurden viele der Demonstranten erst nach dem Bürgerkrieg geboren. Doch die Erinnerungen der „Generation Hariri“ sind deshalb nicht weniger traumatisch. Sie wuchs mit den Geschichten über den Krieg auf und in ein Land hinein, das sich mühte, die Ruinen zu beseitigen und die Wunden zu heilen. Diese Generation teilt eine Überzeugung: In die hässliche, gewalttätige Vergangenheit des Libanons wollen weder Christen noch Muslime zurück.

Abends besuchen die Politiker den Platz der Märtyrer. Man singt „Heimatlieder“ der populären Sängerinnen Fairuz und Magda Rumi. Ein Meer libanesischer Fahnen wogt über dem Platz, während die Politiker die Jungen bitten, nicht aufzugeben. „Eure Anwesenheit hier ist nur ein erster Schritt“, erklären sie, „der Weg bis zur Freiheit ist lang“.

Doch bei aller konfessionsübergreifenden Euphorie: Beirut ist nicht Kiew oder Belgrad. Die von Syrien finanzierte schiitische Fundamentalistenmiliz Hisbollah hat eine große Gegendemonstration organisiert. Auch diese Revolte muss im Zusammenhang mit der fragilen Balance zwischen den religiösen und ethnischen Gruppierungen gesehen werden. Christen, Sunniten, Drusen und andere Minderheiten beobachten den wachsenden Einfluss der Schiiten mit Sorge. Bislang war der Anteil der großen Minderheiten an der Macht per Quotensystem gesichert. Sollte dieses System einer völlig demokratischen Ordnung weichen, könnten die schiitischen Gruppen an Macht gewinnen. Sie stellen die Mehrheit.

Die einzige Lösung wäre die Entwicklung einer überkonfessionellen Identität. Während der Blütezeit des arabischen Nationalismus in den sechziger Jahren begeisterten sich viele Libanesen für diese Idee. Doch sie zerschellte in den Kämpfen des Bürgerkriegs. Dass die jungen Demonstranten diesen alten Traum von neuem reklamieren, symbolisiert eine Hoffnung nicht nur für den Libanon, sondern für die ganze Region. Sollte die „Generation“ eine nationale Identität jenseits der konfessionellen Bindungen entwickeln, kann das kleine Land zum Modell für einen Nahen Osten werden, in dem der Staat all seine kulturellen Minderheiten, aber alle Gruppierungen auch ihren Staat respektieren.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, April 2005, S. 101 - 103.

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