01. September 2010
Brief aus

Im Schatten jenes Krieges

Brief aus … Kuwait

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Mittagsstunde auf der Insel Failaka, am nordwestlichen Ende des Persischen Golfs. Ein Sandsturm, der den Himmel orange färbt, bildet einen natürlichen Schutz, ohne den Temperaturen von knapp 50 Grad gar nicht mehr auszuhalten wären. „Ikaros“ nannten die alten Griechen die Insel. Man kann sich gut vorstellen, wie dem Jungen die Wachsflügel unter der heißen Sonne schmolzen und wie er unter den Augen des Vaters aus dem Himmel stürzte. Alexander der Große ließ hier Siedlungen und Tempel errichten. Failaka ist Kuwaits Ursprung, Archäologen entdeckten im letzten Jahrhundert wahre Schätze. Ausflügler aus Kuwait City liebten das kleine Paradies mit den herrschaftlichen Villen entlang der Küsten.

Bis zur Invasion des Irak vor 20 Jahren. Die Armee vertrieb die Bewohner, verminte die Strände und machte aus den Villen Kasernen. Seither ist die Zeit stehen geblieben. In der Nähe des kleinen Hafens liegen noch immer zerdrückte und zertrümmerte Autoskelette. Die Villen sind leer, ihre Fassaden tragen die Pockennarben des Krieges. Die Ausgrabungen wurden zwar gerettet, weil die Kuwaiter sie rechtzeitig unter einer dicken Sandschicht begraben haben. Aber aus Angst vor Plünderungen sind sie noch immer geschlossen.

Als das Regime Saddam Husseins 2003 gestürzt wurde und die Gefahr durch den Nachbarn gebannt war, wagte die Regierung Kuwaits an einen Wiederaufbau zu denken und versprach über drei Milliarden Dollar für Failaka. Die Insel sollte ein internationales Touristenzentrum werden. Aber eröffnet hat nur bescheidenes Hotel. Meist kommen die Gastarbeiter aus Kuwait City, um sich für ein paar Stunden an den Stränden zu erholen.

Einst war Kuwait das reichste und fortschrittlichste Land des Mittleren Ostens. Jetzt hinkt es den anderen Golf-Staaten hinterher. Die Flughäfen der Region blenden mit Pomp. Der Airport Kuwait City sieht aus wie eine schlechte Kulisse aus einem Film der achtziger Jahre. Die drei Kuwait-Towers mit den Panorama-Restaurants wurden renoviert; doch hatten sie früher mit Glamour geglänzt, findet der Besucher heute eine leicht pathetische Ausstellung über die „irakischen Barbareien“. Die von den Irakern fast vollständig geplünderten Schätze des Nationalmuseums mussten zurückgegeben werden. Trotzdem möchte die Familie des Emirs Al-Sabah ihre berühmte islamische Kunstsammlung nicht mehr dort ausstellen. Die Hallen sind fast leer und abgedunkelt, nicht einmal die Toiletten funktionieren.

Im erneuerten Geschäftsviertel der Hauptstadt ist der Anfang eines Aufschwungs zu bemerken. Banken und Unternehmen aus dem In- und Ausland bauen moderne Wolkenkratzer, die das Gesicht der Stadt dem der anderen Glitzermetropolen am Golf ähneln lassen. Und doch wirkt Kuwait wie ein Gewaltopfer, das das Fürchten gelernt hat: Es fürchtete den unberechenbaren Saddam Hussein – und die Amerikaner, die ihn 2003 schließlich vertrieben. Es fürchtet die Instabilität im nördlichen Nachbarland und was wohl werden wird, wenn die Amerikaner erst abziehen. Es fürchtet den Iran, der unbeirrbar nach der Bombe greift. Und die Möglichkeit eines weiteren Militärschlags in der Region, um den Iran vom Bau der Bombe abzuhalten.

Kuwait wurde mit dem Versprechen befreit, aus dem Emirat eine Vorzeigedemokratie zu machen. Aber in Kuwait scheint man auch die Demokratie zu fürchten. Es gibt ein Parlament, aber es gilt als ineffektiv. Die Verfassung garantiert Pressefreiheit, aber der Zensur entschlüpfen pfiffige Kuwaiter nur per Internet. Frauen sitzen in der Regierung, aber neuerdings achtet eine nur aus Frauen bestehende Polizeieinheit laut eigener Beschreibung darauf, „Frauen, die sich in der Öffentlichkeit wie Männer verhalten, Männer, die als Frauen posieren, flirtende Jugendliche und Bettler in Einkaufszentren und an den Stränden zur Verantwortung zu ziehen“.

Und die Jüngeren? „Sind nicht an Politik interessiert“, sagt einer der Vorsitzenden des gerade einmal 150 Mitglieder zählenden „Vereins der demokratischen nationalen Jugend“. „Sie hängen lieber in den Einkaufszentren ab.“ Oder feiern Partys.

Freitagnacht in einem der Luxuswohntürme Kuwait Citys: Alles ist still, die Wohnungen sind hier gut isoliert. Nur als sich die Eingangstür öffnet, ist laute arabische Tanzmusik zu hören. Manche Mädchen tragen fast verboten kurze Röcke. Jeder hat mindestens eine Flasche Alkohol mitgebracht, der in diesem Land so verboten ist wie öffentliche Konzerte oder Sex vor der Ehe.

Eine der reichsten Familien im Emirat organisiert den Alkoholschmuggel, eine Flasche Whisky kostet auf dem Schwarzmarkt etwa 60 Euro, vor Silvester steigt der Preis auf das Doppelte. Der Aufbruch zur nächsten Party gegen fünf Uhr morgens verzögert sich.

Unten patrouilliert ein Polizeiwagen auf der Suche nach betrunkenen Jugendlichen. Einheimische können auf die Bestechlichkeit der Polizei hoffen. Ausländer werden sofort ausgewiesen.

In einem Land, in dem so viel verboten ist, gilt schon eine Party als Mutter aller Widerborstigkeit.

ELDAD BECK ist Journalist in Berlin. Er hat Islamwissenschaften an der Sorbonne studiert.

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2010, S. 122 - 123

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