Fluch der Geografie
Eingepfercht zwischen historischen Gegnern und ohne den Rückhalt der einstiegen Schutzmacht Moskau muss Armenien sich neu orientieren: ein Balanceakt der anspruchsvolleren Art. Das am 8. August 2025 in Washington unterzeichnete Abkommen mit Aserbaidschan weckt Hoffnung – doch endgültig beigelegt ist der Konflikt damit noch nicht.
Margara, 40 Kilometer westlich der Hauptstadt Jerewan. Wie ausgestorben liegt der Checkpoint an der Grenze zur Türkei Ende Juni in der Mittagshitze, nur ein paar Soldaten freuen sich über Besuch. Seit mehr als 30 Jahren ist der Übergang geschlossen. Dabei hatten sich Armenien und die Türkei 2022 auf eine schrittweise Öffnung geeinigt. Hier, auf der armenischen Seite, ist alles bereit: Auf den Monitoren klebt noch die Schutzfolie, es riecht nach Farbe und frisch ausgepacktem Kunststoff. Doch statt Grenzverkehr herrscht Stillstand.
Schwenk nach Südosten, an die Grenze zu Aserbaidschan. Auch sie ist dicht, doch die Ruhe ist trügerisch. Zum Beispiel in Khnatsakh, einem 450-Seelen-Dorf in der Provinz Sjunik. Eigentlich herrscht zwischen den beiden Ländern eine Waffenruhe. Doch seit Monaten, klagen die Bewohner, werde das Dorf nachts beschossen. Einschusslöcher in Hauswänden zeugen davon. Verletzt wurde bisher niemand. Doch Khnatsakh liegt exponiert; nur wenige hundert Meter entfernt weht auf einem Gipfel die blau-rot-grüne Flagge – dort stehen aserbaidschanische Soldaten. „Wir fühlen uns nicht sicher“, sagt eine Frau, die an der Dorfschule unterrichtet. „Wir haben Angst um unsere Kinder.“
Zwei Szenen, ein Dilemma: Eingepfercht zwischen historischen Gegnern, nach zwei verlorenen Kriegen gegen Aserbaidschan und ohne den Rückhalt der traditionellen Schutzmacht Russland, ist die Regierung in Jerewan gezwungen, die Annäherung zu suchen. Nichts braucht Armenien so sehr wie Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung. Dazu muss es seine Isolation überwinden. Zwar ist das Land nicht ganz abgeschottet – die Grenzen zu Georgien und zum befreundeten Iran sind geöffnet. Doch auch diese Lebensader ist gefährdet, wie die schwelende Staatskrise in Tiflis und der Zwölf-Tage-Krieg zwischen Israel und dem Iran gezeigt haben.
Dilemma mit drei Ecken
Armenien ist so groß wie Brandenburg und hat weniger als drei Millionen Einwohner. Seit je lag es an der Schnittstelle der großen Imperien, die über Jahrhunderte Besitzansprüche auf den Südkaukasus erhoben. Der Direktor des Jerewaner Kaukasus-Instituts, Alexander Iskandarjan, bringt es auf die hübsche Formel: „Armenien ist Teil eines kleinen Dreiecks, das in einem größeren liegt“ – Armenien, Georgien und Aserbaidschan sowie die Türkei, Russland und der Iran. Hinzu kommen heute noch die EU, die USA und Mächte wie Indien, die Interessen in der Region haben. Armenien muss in schwierigem Terrain navigieren – zu einer Zeit, da sich die Gewichte in der Region so stark verschieben wie seit dem Zerfall der Sowjetunion nicht mehr.
Armeniens Geografie ist ein Fluch, dabei könnte sie auch Segen sein. Im Außenministerium verteilen sie Broschüren, die unter dem Schlagwort „Crossroads of Peace“ eine Vision des Landes skizzieren: als fehlendes Puzzlestück zwischen den großen Weltregionen. Auf einer Karte sind offene Grenzen eingezeichnet, Straßen- und Bahnverbindungen – ein verheißungsvolles Geflecht, das allen Seiten nützen würde. Ziel ist es, historische Transitverbindungen wiederzubeleben und aus der Isolation auszubrechen. Armenien würde so endlich Teil des „Mittleren Korridors“, der Asien und Europa verbindet.
Lange war die vielbeschworene Konnektivität Wunschdenken. Das lag vor allem am Verhältnis zu Aserbaidschan. Der Konflikt mit der Öl-Autokratie am Kaspischen Meer reicht zurück in die Zeit des Zerfalls der Sowjetunion. Jerewan erhob Ansprüche auf das vorwiegend armenisch besiedelte Gebiet Berg-Karabach, das völkerrechtlich jedoch zu Aserbaidschan gehörte. Armenische Kräfte besetzten die Gebiete um Berg-Karabach, aserbaidschanische Bewohner wurden vertrieben. Danach blieb der Konflikt über viele Jahre eingefroren. 2020 hatten sich die Gewichte verschoben: Mit türkischer Unterstützung eroberte Aserbaidschan die besetzten Gebiete zurück. Im Herbst 2023 brachte es auch Berg-Karabach in einer Blitzoffensive unter seine Kontrolle. Fast alle der rund 120 000 Karabach-Armenier flohen ins Mutterland.
Echter Frieden oder inszenierter Deal?
Die Niederlagen waren für Armenien ein Schock – und ein Weckruf. Unter Zugzwang begann Regierungschef Nikol Paschinjan, die Außenpolitik des Landes zu rekalibrieren. Höchste Priorität hatte fortan der Friedensprozess mit Aserbaidschan; es folgten zahlreiche Treffen und bilaterale Verhandlungen. Im März schien der Durchbruch nah, ein unterschriftsreifer Entwurf lag wohl vor. Doch trotz reger diplomatischer Aktivitäten blieben Fortschritte zunächst aus. Jerewan drängte auf Unterzeichnung, aber Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew stellte neue Bedingungen. In Jerewan gab es Zweifel an Bakus gutem Willen, doch man handelte nach der Devise: Was bleibt uns anderes übrig? Ein direktes Treffen zwischen Alijew und Paschinjan im Juli in Abu Dhabi blieb ohne greifbare Ergebnisse.
Die Wende brachte nun ausgerechnet US-Präsident Donald Trump. Mehrmals reisten amerikanische Regierungsvertreter in den vergangenen Monaten in die Region. Am 8. August traten Paschinjan, Alijew und Trump in Washington vor die Kameras und erklärten feierlich ihre Absicht zum Frieden. Trump sagte, beide Staaten wollten ihre Kämpfe „für immer“ beenden, ihre Grenzen achten und diplomatische Beziehungen aufnehmen; nach 35 Jahren der Kämpfe seien sie nun „Freunde“. Paschinjan und Alijew wiederum versprachen, Trump für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.
Im Zentrum des „Friedens-Deals“ steht eine von Aserbaidschan geforderte Landverbindung in dessen Exklave Nachitschewan – von Baku als „Sangesur-Korridor“ bezeichnet. Die etwa 40 Kilometer lange Verbindung würde quer durch armenisches Territorium führen und Aserbaidschan mit der Türkei verbinden. Baku sperrte sich bislang gegen armenische Zoll- und Grenzkontrollen, Jerewan fürchtete um seine territoriale Souveränität und eine Störung seiner Iran-Handelsroute. Nun soll die Verbindung von privaten US-Firmen betrieben werden und „Trump Route for International Peace and Prosperity" heißen, kurz TRIPP. Damit sichern sich die USA Zugang zu dieser energie- und geopolitisch bedeutsamen Region – und positionieren sich als entscheidende Macht neben Russland und der Türkei.
Endgültig beigelegt ist der Konflikt damit nicht. Der Trump-Deal ist eine Absichtserklärung, das finale Friedensabkommen muss noch unterschrieben und ratifiziert werden. Wann es dazu kommt, ist unklar. Notwendig wäre wohl eine Änderung der armenischen Verfassung, da sich darin nach Ansicht Bakus Passagen finden, aus denen sich territoriale Ansprüche ableiten lassen. Beobachter schätzen, dass ein Referendum in frühestens zwei Jahren stattfinden könnte. Und es ist keineswegs sicher, dass die Bevölkerung mitzieht: In einer Umfrage der armenischen Arar Foundation vom Juni gaben fast 70 Prozent der Armenier an, eine Normalisierung mit Aserbaidschan sei unmöglich. „Die Menschen wollen Frieden, aber sie glauben nicht daran“ – dieser Satz fällt hier oft.
Für die Skepsis der Menschen gibt es gute Gründe. Sjunik, der „Pfannengriff“ Armeniens, ist die verwundbarste Stelle des Landes, das hier besonders schmal und von zwei Seiten von Aserbaidschan umgeben ist. Für Baku wäre es militärisch ein Leichtes, das Land zu durchschneiden. Mehrmals sind seit 2020 Truppen auf armenisches Gebiet vorgerückt. 2022 krachten in dem Heilwasser-Kurort Dschermuk Artilleriegeschosse in die Seilbahn. Noch heute steckt Schrapnell in den Bäumen neben der Talstation. Erst wenige Tage vor dem Treffen in Washington beschoss nach armenischen Angaben Aserbaidschans Militär einen Bagger nahe dem Grenzdorf Werischen. Die Demarkation der Grenze ist ein Streitpunkt, der auch durch Trumps „Friedens-Deal“ vorerst nicht beigelegt wird.
Zwischen Moskau und Brüssel
Für den Iran ist die geplante Präsenz der Amerikaner im Süden Armeniens unangenehm. Viel dagegen tun kann Teheran jedoch wohl nicht, zu geschwächt ist das Regime nach dem Krieg gegen Israel. Die ersten Reaktionen aus dem Kreml fielen vergleichsweise moderat aus. Doch es ist unwahrscheinlich, dass Moskau die Ausweitung der US-Einflusszone im Südkaukasus klaglos hinnehmen wird.
Zumal sich das Verhältnis zwischen Moskau und Jerewan schon vorher stark abgekühlt hatte. In Armenien sitzt die Enttäuschung tief. Jahrzehntelang hatte man auf Moskaus Schutz vertraut. Mit den Niederlagen gegen Aserbaidschan zerplatzte diese Illusion. Sarkastisch sprechen die Menschen von den russischen „Friedenstruppen“, die nach 2020 an der Grenze zu Aserbaidschan stationiert wurden, um die Bevölkerung Berg-Karabachs zu schützen – und die dann nicht eingriffen, als Baku 2023 die Region nach neunmonatiger Hungerblockade einnahm.
Zwischen 2019 und 2023 ist laut einer Umfrage des International Republican Institute (IRI) die Zahl der Armenier, die die Beziehungen zu Russland als „gut“ bezeichnen, drastisch gefallen, von 93 auf 31 Prozent. Als befreundete Staaten werden stattdessen Frankreich und die USA genannt, was aber mehr eine Sehnsucht ausdrückt, als dass sich daraus Garantien ableiten ließen – auch wenn Jerewan und Washington eine strategische Partnerschaft verbindet und mit Trumps TRIPP-Plänen das wirtschaftliche Interesse der Amerikaner in der Region manifester geworden ist.
Der Bruch mit Moskau hat Armeniens Koordinatensystem gehörig durcheinandergewirbelt. „Bis vor Kurzem war Armenien ein Vasall Russlands“, sagt Maria Titizian, Chefredakteurin des unabhängigen Online-Magazins EVN Report. Viel zu lange habe man alles auf die russische Karte gesetzt. „Nun versuchen wir herauszufinden, wo unser Platz ist, aber das ist ein schmerzhafter Prozess.“ Bisher habe Armenien kein eigenes sicherheitspolitisches Vokabular gehabt, keine Security Studies an den Unis. „Bis vor zwei Jahren hatten wir nicht mal einen eigenen Auslandsnachrichtendienst!“
Dass Armeniens Sicherheit in Moskaus Hand lag, ist ein Relikt aus Sowjetzeiten. Der FSB sicherte hier die Außengrenzen der UdSSR. Nach deren Zerfall blieben die Russen einfach da – teils bis heute. Noch immer sind sie an der Grenze zum Iran und zur Türkei stationiert. Doch ihre Präsenz nimmt ab. 2024 zogen russische Grenzschützer vom Flughafen Swartnotz ab. Auch an der Grenze zu Aserbaidschan finden sich heute keine russischen Truppen mehr. Stattdessen patrouillieren dort die zivilen Beobachter der europäischen EUMA-Mission, laut aktuellem Mandat noch bis 2027.
Der Bruch mit Russland hat Armeniens Koordinatensystem gehörig durcheinandergewirbelt
Die einseitige Abhängigkeit von Russland war ein strategischer Fehler, das geben Regierungsbeamte in Jerewan unumwunden zu. Nun hat es Armenien eilig, ihn zu korrigieren. Kamen bis 2022 fast 95 Prozent der Waffenimporte aus Russland, sind es heute Schätzungen zufolge unter 5 Prozent. Stattdessen hat sich Indien zum wichtigsten Waffenlieferanten entwickelt. Paschinjan hat auch die Mitgliedschaft in dem von Russland geführten Sicherheitsbündnis OVKS eingefroren.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Wirtschaftlich bleibt Armenien zutiefst abhängig. Große Teile der strategischen Infrastruktur sind in russischem Besitz. Mit einem Anteil von fast 90 Prozent ist Moskau wichtigster Gaslieferant des Landes, das von Russland betriebene Kernkraftwerk Mezamor deckt 40 Prozent des armenischen Strombedarfs. Wird die „Trump Route for International Peace and Prosperity“ wie geplant umgesetzt, würde das Armenien Zugang zu kaspischem Öl und Gas verschaffen – ein wichtiger Schritt aus der Abhängigkeit.
Ebenso ausgeprägt ist die Verflechtung beim Handel. 2024 war Russland mit einem Umsatz von 12,4 Milliarden US-Dollar Armeniens wichtigster Handelspartner, ein Anstieg von 56,5 Prozent gegenüber 2023. Ein Teil dieses massiven Anstiegs lässt sich mit Reexporten erklären, da Moskaus direkter Handel mit den westlichen Ländern wegen der Sanktionen erschwert ist. Doch auch ohne diesen Effekt ist Russland als Partner kaum zu ersetzen.
Für Moskau ist das ein mächtiger Hebel. In Zeiten politischer Spannungen stecken armenische Laster gerne mal an der georgisch-russischen Grenze fest. Häufig gehe es dabei um angebliche Hygieneverstöße, sagt Narek Sukiasyan vom Südkaukasus-Büro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. „Die Laster müssen oft tagelang auf Kontrollen warten, manchmal so lange, bis die Ware verdirbt.“ Diesen Sommer traf es die Blumenexporteure. Unter Verweis auf den Seuchenschutz verhängte Russland ein Einfuhrverbot und legte damit eine Industrie lahm, die laut armenischen Medien noch im Vorjahr Blumen im Wert von 32 Millionen Dollar nach Russland verkauft hatte.
Europa wiederum ist ein wichtiger Geldgeber, der Handel aber entwickelt sich enttäuschend. 2024 betrug der Umsatz mit den EU-Ländern gut 2,3 Milliarden Dollar, ein Rückgang von 12 Prozent gegenüber 2023. Häufig scheitern armenische Produzenten an den hohen EU-Standards, hinzu kommen finanzielle und logistische Hürden. Hier sollen die kürzlich angekündigten EU-Hilfspakete ansetzen; doch sie werden bei Weitem nicht ausreichen, um Russland seinen Spitzenplatz streitig zu machen.
Früher verfolgten armenische Regierungen aus Angst vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen Russlands eine Strategie der „stillen Europäisierung“, beschreibt Sukiasyan. „Sie übernahmen EU-Reformen, hielten sich dabei jedoch geopolitisch und rhetorisch zurück.“ Inzwischen sei das Bekenntnis zur EU vernehmbarer geworden.
Der Feind von nebenan
Die Stimmung in der Bevölkerung ist entschieden proeuropäisch. Laut der IRI-Umfrage sehen 80 Prozent der Armenier die EU positiv, fast 60 Prozent würden für einen EU-Beitritt stimmen. Dank einer Volksinitiative hat das Ziel des EU-Beitritts seit diesem März sogar Gesetzesrang.
Der Politologe Alexander Iskandarjan hält das Gefühl, zu Europa zu gehören, für sehr ausgeprägt, doch stehe das im Widerspruch zur geopolitischen Realität. „Die mentale und die geografische Landkarte sind in Armenien zwei verschiedene Dinge.“ Viele junge Menschen, vor allem jene, die im Ausland studieren, dächten, die EU werde sie schützen. „Ich sage ihnen: Leute, bei der EU geht es nicht um Schutz. Die Europäer sind keine Geber von Sicherheit, sie sind Konsumenten von Sicherheit“ – gemeint sind die USA, die NATO. Aber die NATO, sagt Iskandarjan und lacht dröhnend, das sei eben auch: die Türkei – der Feind von nebenan.
Hier immerhin tut sich etwas. Traditionell sind die Beziehungen zur Türkei schlecht, weil Ankara sich weigert, die Massaker an Armeniern im Ersten Weltkrieg als Genozid anzuerkennen. Zudem ist die Türkei ein enger militärischer und wirtschaftlicher Verbündeter Aserbaidschans. Doch seit einigen Jahren wirbt Paschinjan um den Nachbarn.
Im Juni reiste er als erster armenischer Regierungschef offiziell in die Türkei. In Istanbul sprach er mit Präsident Recep Tayyip Erdoğan über den Handel und eine Grenzöffnung. Armenien würde von einer Normalisierung enorm profitieren: Nicht nur würde der Warenverkehr erleichtert, der zurzeit den Umweg über Georgien nehmen muss. Auch hoffte man, dass die Nähe zur Türkei Schutz vor aserbaidschanischen Aggressionen bieten würde. Ankara fordert allerdings, Jerewan müsse erst den Konflikt mit Baku beilegen. Der nun geschlossene Trump-Deal kann dazu beitragen, diesen Knoten zu zerschlagen. Für Ankara ist das Abkommen in jedem Fall eine gute Nachricht: Mit der Trump-Route öffnet sich für die Türkei ein attraktiver neuer Handelsweg nach Zentral- und Ostasien.
80 Prozent der Armenier sehen die EU positiv, fast 60 Prozent würden für einen Beitritt stimmen
Ausgespart hatte man in Istanbul offenbar ein besonders explosives Thema: die Anerkennung des Völkermords. Paschinjan hatte zuvor signalisiert, dass er in dieser Frage kompromissbereit sei. Seine Haltung ist Ausdruck eines größeren politischen Schwenks, den er im Februar unter dem Stichwort „Real Armenia“ im Fernsehen als neue Staatsdoktrin vorstellte. Armenien solle die territorialen Gegebenheiten akzeptieren, anstatt sich auf vergangene Größe zu versteifen und den Verlust von symbolträchtigen Orten zu beklagen, erklärte er da. Anstelle des Berges Ararat, der auf dem Gebiet der heutigen Türkei liegt, will Paschinjan den Aragaz als neues Nationalsymbol etablieren – den schneebedeckten kleinen Bruder.
Der neue Kurs bedeutet auch, Berg-Karabach nicht mehr zurückzufordern, was viele Armenier als Verrat empfinden. Anders als seine Vorgänger stammt Paschinjan nicht aus Berg-Karabach. 2018 wurde der Ex-Journalist zum Hoffnungsträger der Samtenen Revolution, zum Kämpfer für Demokratie und gegen Korruption. Noch bis 2020 genoss er große Popularität. Heute ist von diesem Glanz kaum etwas übrig. Laut der IRI-Studie unterstützen ihn nur noch 17 Prozent. Allerdings ist die Opposition, die vorwiegend aus der alten, postsowjetisch geprägten Garde besteht, noch unbeliebter.
Schwer auflösbare Widersprüche
Der Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenplattform CivilNet, Karen Harutyunyan, hält Paschinjan für gescheitert. „In den ersten Jahren gab es für die Regierung eine Schonfrist, doch die ist jetzt vorbei“, konstatiert er. „Die Leute werden kritischer.“ Bei zentralen Reformen habe die Regierung versagt, etwa im Militär, in der Bildung oder im öffentlichen Dienst. „Eingestellt wird, wer loyal ist.“
Für verfehlt hält Harutjunjan vor allem Paschinjans Außenpolitik. Die Abkehr von Russland sei ein Spiel mit dem Feuer. „Niemand versorgt uns mit billigem Gas, wenn Moskau den Hahn zudreht“, warnt er. Vor allem wirft er Paschinjan vor, nichts zur Rettung Berg-Karabachs unternommen zu haben. Allerdings: Viele der Probleme reichen weit zurück. Frühere Regierungen ließen Gelegenheiten zur Lösung verstreichen – bis Aserbaidschan militärisch so stark war, dass es Tatsachen schaffen konnte. Paschinjans Real-Armenia-Doktrin ist auch der Versuch, mit dieser bitteren Realität umzugehen.
2026 wird gewählt, und die Armenier bekommen einen Vorgeschmack auf einen heißen Wahlkampf. Denn Paschinjan hat nicht nur die Opposition im Nacken, sondern auch die einflussreiche Apostolische Kirche. Schon voriges Jahr hatte es Proteste gegeben, die sich an Paschinjans Entscheidung entzündeten, vier bis in die Kriegswirren der neunziger Jahre von Aserbaidschanern bewohnte, aber inzwischen verwaiste Dörfer an Aserbaidschan zurückzugeben. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei.
Eine schwache Opposition, die eine schwache Regierung vor sich hertreibt: Armenien vor dem Wahljahr
Diesen Juni wurde dann ein russisch-armenischer Oligarch verhaftet, wegen angeblicher Putschaufrufe; im Juli folgten landesweite Razzien gegen Geistliche und die Festnahme des Erzbischofs, der die Proteste 2024 angeführt hatte. Inwieweit es wirklich seriöse Putschabsichten gab, ist umstritten. Die Opposition spricht von einem politischen Manöver, der Regierungschef wolle Kritiker mundtot machen.
Paschinjan muss das Friedensabkommen mit Aserbaidschan nun daheim als Erfolg verkaufen. Seine Kritiker werfen ihm vor, Armeniens Interessen nicht hinreichend verteidigt zu haben. Tatsächlich wurden die Freilassung armenischer Kriegsgefangener und das Rückkehrrecht der Karabach-Vertriebenen in dem Deal ausgeklammert. Für Unmut sorgt auch, dass beide Staaten mit dem Abkommen rechtliche Schritte gegeneinander ausschließen. Damit wird es wohl keine Aufarbeitung der in den Kriegen 2020 und 2023 begangenen Verbrechen geben.
Eine schwache Opposition, die eine schwache Regierung vor sich hertreibt – so geht Armenien Richtung Wahljahr. Viele halten eine Einmischung Moskaus in den Wahlkampf für wahrscheinlich, Moldau wird als Szenario genannt. „Russland ist sehr gut in hybrider Kriegsführung“, sagt Titizian, „und sie begeben sich mit viel Geld auf den Medienmarkt.“ Schon jetzt seien massenhaft Fake News in Umlauf.
Außenpolitisch muss Armenien bis auf Weiteres mit schwer auflösbaren Widersprüchen leben: Es sucht Abstand zu Moskau – und bleibt wirtschaftlich zutiefst abhängig. Es braucht die Aussöhnung mit Aserbaidschan, doch der Weg dorthin ist trotz des jüngsten Durchbruchs voller Fallstricke. Und es will näher heranrücken an die EU, obwohl daraus keine echte Sicherheit erwächst. In Jerewan wissen sie: Im Ernstfall schickt kein EU-Land Soldaten. Man müsse sich auf sich selbst verlassen, sagen Beobachter wie Iskandarjan. „Die Welt um uns herum verändert sich.“ Es sei an der Zeit, die mentale Landkarte anzupassen.
Transparenzhinweis: Teile der Recherche fanden auf einer Medienreise der Friedrich-Ebert-Stiftung statt.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist eine aktualisierte Online-Fassung. Der ursprüngliche Beitrag erschien in der September/Oktober-Ausgabe, deren Produktionsschluss vor der Unterzeichnung der Absichtserklärung zwischen Armenien und Aserbaidschan am 8. August 2025 lag.
Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 96-101
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