01. September 2020

Experimentierfeld der Europäisierung

Zankapfel, Kraftzentrum, Schmelztiegel, Reallabor der Reindustrialisierung:  Was das Ruhrgebiet war, ist und werden könnte. Ein Rück- und Ausblick mit zahlreichen persönlichen Anmerkungen.

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Bild: sich drehendes Kettenkarussel in einem stillgelegten Kühlturm
Ganz oben: Kettenkarussell im ehemaligen Schnellen Brüter, Freizeitpark Wunderland Kalkar.
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In meiner Geburtsstadt Wanne-Eickel war bis 2008 an einer Unterführung nahe dem Hauptbahnhof eine Bronzetafel zum Gedenken an einen Lokomotivführer namens Fritz von der Höh angebracht. Enthüllt wurde sie 1934 von den Nazis, und ob der Eisenbahner im April 1923 tatsächlich durch Schüsse „französischer Erbfeinde“ zu Tode gekommen ist, haben Heimatforscher bis heute nicht eruieren können.

Der „Ruhrkampf“, wie der Widerstand der auch von Arbeitern getragenen Erhebung gegen die Besetzung des Ruhrgebiets 1923–1925 genannt wurde, war in meiner westfälischen Familie stets ein Thema, gepfeffert mit einer gehörigen Portion Franzosenverachtung. Nach zwei Kriegen (1870/71 und 1914–1918) war die Ruhrbesetzung ein weiterer Höhepunkt des Konflikts der europäischen Kernländer Frankreich und Deutschland, beiderseits getrieben von nationalistischen Rechten (und Linken).

Das war weit entfernt von der europäischen Idee, wie sie mit der Beendigung des Ruhrkonflikts durch Verständigungspolitiker wie den Franzosen Aristide Briand oder den Deutschen Gustav Stresemann vorangebracht wurde – ohne dass diese Idee einen dritten Krieg zwischen den beiden Ländern verhindern konnte.
Mein Vater, Jahrgang 1910 und im (gleichfalls französisch kontrollierten) Rheinland aufgewachsen, behielt seine Reserviertheit gegenüber den „Franzmännern“ ein Leben lang, und meine Mutter, 1913 in Wanne-Eickel geboren, erinnerte oft an die schwere Zeit der 1920er, als ihre Mutter, eine Kriegerwitwe, zusammen mit ihrer Schwester einen „Klümpchenladen“ (magasin des bonbons hätten ihn die Franzosen eleganter genannt) am Laufen hielt und in der Inflationszeit drei Kinder durchbrachte.

Das Ladenlokal lag an der Hauptstraße Nummer 1 in Eickel, wo ich im März 1950 zur Welt kam. Auch wenn ich, da mein Vater wenig später als Schuldirektor ins Rheinland wechselte, meine Kindheit und Jugend in Köln verbracht habe, blieb mir das Ruhrgebiet durch häufige Besuche in ausgedehnten familiären Netzwerken vertraut; die mütterliche Familie Frie nimmt einen beachtlichen Teil des Eickeler Friedhofs ein.


Was vom Gründerzeithaus übrigblieb

Dann saß man bei Kaffee und Kuchen in meinem „Geburtshaus“ zusammen – oder dem, was davon übriggeblieben war. Der gegenüberliegende Turm der Johannis-Kirche war in einer Bombennacht auf die vordere Hälfte des Gründerzeitgebäudes gestürzt. Anfangs hatten wir einen Hühnerstall im Garten des Hauses, in dem meine Tante als Kriegerwitwe im Rest des Klümpchenverkaufs einen Tabakladen führte und hustende Bergleute, in den 1950ern noch unbestrittene Arbeiteraristokratie, mit Stumpen versorgte. Im obersten Stockwerk lag Opa Kiesendahl, einer von ihnen, im weißen Riffelunterhemd im Fenster und schaute zu, wie Tanten und Kusinen im Schatten einer hohen Brandmauer dick mit Gelatine belegte Erdbeertorte genossen.

In meiner Kindheitserinnerung sind Eickel und der Weg ins benachbarte Bochum vor allem eines: Trümmerlandschaft. Die dann im Wirtschaftswunder, dem der Bergbau die Energie verlieh, auf Touren kam. Als Wanne-Eickel noch nicht Herne war, lag der berüchtigte millimeterdicke Staub auf Fensterbänken und wurden weiße Hemdkragen rasch dreckig. Nun, das ging schon in den 1970ern zu Ende.

Das Gründerzeithaus wurde abgerissen und wich einem gesichtslosen Neubau. Gleichzeitig verschwand auch die kleinste deutsche Großstadt mit dem ulkigen Namen (Kennzeichen: WAN) von der Landkarte, weil sie im Zuge einer Gebietsreform in die (kleinere!) Nachbarstadt Herne eingemeindet wurde. Doch weiter trällern ältere Deutsche „Nichts ist so schön wie der Mond von Wanne-Eickel“ von Friedel Hensch und den Cyprys, einen Hit des Jahres 1962. Heute fahren auch Jüngere wieder mit WAN-Kennzeichen herum.


Mitten in Europa

Wie kam man von dort nach Europa, in dessen Mitte das Ruhrgebiet mit seinen über fünf Millionen Einwohnern doch lag – 600 Kilometer nach Paris, 1000 nach Warschau, 2200 nach Lissabon, 2500 nach Athen, 3000 nach Hammerfest? In meinem Fall über Köln und die dortige Offenheit gegenüber (erstmal nur) den westlichen Nachbarn.

Als Angehöriger des Jahrgangs 1950 habe ich die „europäische Idee“ sozusagen von Beginn an gelebt, und das Ruhrgebiet war ein unbewusstes Experimentierfeld der Europäisierung. Dort schlug man nach der Phase einschneidender Reparationen den Weg einer Montanunion und damit zur arbeitsteilig-kooperativen Produktion von Kohle, Stahl und Eisen ein, und der dortige Menschenschlag war durch Einwanderung aus dem östlichen Europa geprägt – für einen späteren Multikulti-Forscher eine wunderbare Primärerfahrung.

Von Eickel aus betrachtet war Essen, wo ich 2007 meine beruflichen Zelte aufschlug, eine vornehme Stadt. Dort lag die Villa Hügel der Familie Krupp, deren hohe, holzgetäfelte Hallen ich als Kind andachtsvoll durchschritten hatte. Dort schlug das industrielle Herz Westdeutschlands – mit Krupp, RWE und der Ruhrkohle. Doch dem Glanz des Wiederaufbaus folgte die Herausforderung des Strukturwandels, und heute muss sich die Metropole Ruhr, wie man das Revier mittlerweile nennt, ohne Kohle und Stahl noch einmal neu erfinden. Die Kohle muss im Boden bleiben – eine Revolution für die Kohlereviere der Welt!

Übrigens ist das prächtige Backsteinhaus, in dem das Kulturwissenschaftliche Institut (KWI) residiert, das ehemalige Vorstandsgebäude der Steinkohlen-Elektrizität AG (STEAG), heute noch der fünftgrößte deutsche Stromerzeuger. Eine hübsche Volte der Geschichte: Das KWI-Team dachte im einstigen Dienstzimmer der Ruhrbarone über Klimawandel und Klimawende nach.

Leider war der Blick aus dem Fenster nicht immer erfreulich. Während die deutsche Wirtschaft nach 2010 wieder zu Kräften kam, brachen die Unternehmen an der Ruhr ein. Die einst so mächtige RWE musste ebenso bluten wie Thyssen-Krupp nach blamablen Fehlinvestitionen in Nord- und Südamerika und teuren Korruptionsfällen. Zuvor war Karstadt, ruiniert von Thomas Middelhoff, in die Knie gegangen. Das Presseimperium der Westdeutschen Allgemeinen, lange im Besitz zweier zerstrittener Familien, ist schwer angeschlagen; Opel in Bochum wurde Ende 2014 dicht gemacht.  

Auch was den Entlassenen und der gut ausgebildeten Jugend im Ruhrgebiet als Alternative angeboten wurde – Nokia in Bochum und Outokumpu für den Edelstahlzweig in Duisburg – verschwand rasch von der Bildfläche. Und wo eine Branche blüht, wie die Logistik im Duisburger Hafen, wirft das für die pleitegegangene Stadt wenig ab. Verwunderlich ist (anders als damals im „Ruhrkampf“) die unendliche Geduld der Belegschaften, verdankt sich ihre aussichtslose Lage doch kapitalen Fehlern des Managements: Die Stahlbranche hatte sich nicht auf Weltmarktdruck und Ressourcenknappheit eingestellt, das Druckereiwesen nicht aufs Internet, der Einzelhandel nicht auf den Online-Versand, die Stromproduzenten nicht auf die Energiewende.


Der Feudalismus der Ruhrbarone

2007 waren wir vom KWI noch als Klimaspinner verschrien, doch mittlerweile hat sich geklärt, wer die Realisten waren. Die Fehlkalkulationen auf der Villa Hügel und in anderen Nobelhäusern sind Beispiele oligarchischer Selbsttäuschung; Vorstände, die auch privat nur mit ihresgleichen verkehrten und von einer Armada von Ja-Sagern umgeben waren, hatten den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Im Fall des Scheiterns war ihnen stets der goldene Handschlag sicher oder eine Wiedergeburt in neuer Funktion. So etwas nennt man Feudalismus.

Wo bleibt da die Empörung, fragte Stéphane Hessel bei einem Besuch in Essen. Er hatte recht: Verlangt werden darf, dass die Wirtschaft sich vom Kommandositz entfernt und wieder ins gesellschaftliche Gesamtgefüge einbettet. Wir mögen in einer kapitalistischen Wirtschaft arbeiten, wollen aber nicht in einer kapitalistischen Gesellschaft leben. Und die Ruhrbarone stehen dem Ruhrgebiet nicht länger in der Sonne.

Auf der politischen Seite sieht es nicht viel günstiger aus. Der Strukturkonservatismus im Ruhrgebiet ist zählebig, das Kirchturmdenken von 53 rivalisierenden Städten und Gemeinden nervtötend, die politische Machtlosigkeit der selbsternannten Metropole ein Unding. Verwaltet wird sie aus den Regierungspräsidien Arnsberg, Münster und Düsseldorf – und von der Landesregierung gegenüber der vermeintlich dynamischeren „Rheinschiene“ benachteiligt.

Einst mächtige Oberbürgermeister stehen heute überwiegend Nothaushaltskommunen vor, und das übriggebliebene Bürgertum erwartet das Heil von staatlichen Zuschüssen, die lange Zeit von altindustriellen Hinterzimmer-Klüngeln verteilt wurden. Versuche, eine Ruhrstadt mit Gewicht zu gründen, sind an diesem alten Denken gescheitert; der in einigen Großstädten vollzogene Machtwechsel von rot zu schwarz(-grün) hat wenig verändert.

Und als der damalige Vorstandsvorsitzende des Evonik-Konzerns Klaus Engel Ende der 2000er Jahre vorsichtig zu erkennen gab, die grünen Zeichen der Zeit erkannt zu haben, musste er mit reichlich Ressentiments kämpfen.

Essen und die Metropole Ruhr wurden 2010 als Europäische Kulturhauptstadt auserkoren. Wenn man aus supranationaler Perspektive auf das schaut, was für die einen das Ruhrgebiet, für die anderen das Revier und für wieder andere die Metropole Ruhr ist (schon wie man das „Objekt der Begierde“ nennt, hat eine Bedeutung!), dann hilft für das Abstecken des Erwartungshorizonts zunächst die Rückversicherung im historischen Erfahrungsraum: Als Naturlandschaft mit Fluss und erheblicher landwirtschaftlicher Nutzfläche, als industrielles Kraftzentrum, als polyzentrische, aus Dörfern gewachsene Stadt. Und: Als Arena eines tiefgreifenden Strukturwandels, der den Abschied von den prometheischen Technologien der Kohlenschächte, Hochöfen und Walzwerke bedeutet, die aber das Bild des „Reviers“ weiter bestimmen.


Reallabor der Reindustrialisierung

Die genannten Elemente tragen nicht alle ein EU-Label. Aber sie drücken in einem ganz emphatischen Sinne etwas aus, das man, wenn das Kunstwort erlaubt ist: Europäizität nennen kann. Menschen aus verschiedenen Regionen Europas sind in den Schmelztiegel gezogen, in dem die meiste Zeit eine akzeptable Betriebstemperatur tolerierter Diversität herrschte.

Das Ruhrgebiet birgt von seinen Bewohnern und seinem Wissensschatz her genügend Potenzial, um nicht als ein kulturell abgefundenes Krisengebiet (oder der „neue Osten“) dazustehen, aber nur, wenn es sich als ein Reallabor nachhaltiger Reindustrialisierung beweisen kann.

Das war der Sinn des Slogans „Von der Kulturhauptstadt zur Klimametropole“, den wir 2007 am KWI formuliert haben. Damals (und es ist noch nicht so lange her) klang das utopisch, doch in der Polyzentrik („Ruhrbanität“) dieser einzigartigen Metropole liegt der Schlüssel einer Urbanität, die dem Schicksal „abgehängter“ Regionen entgehen kann. Dies ist auch ein passabler Urbanisierungspfad im europäischen und globalen Vergleich. Es fragt sich allerdings, ob und wann die überwiegend strukturkonservativen politischen und wirtschaftlichen Eliten aus diesen Möglichkeiten Wirklichkeiten machen.

Mut machen Initiativen, wo die meisten sie wohl am wenigsten erwartet hätten. Bottrop etwa, die Kernstadt von „Innovation City Ruhr“, hat sich dem Klimaschutz verschrieben, ein guter Teil der bis Ende des Jahrzehnts anvisierten Verringerung des Ausstoßes an Treibhausgasen soll bereits geschafft sein.

Das ist vor allem der energetischen Sanierung des Wohnungsbestands zu verdanken, für die man die Bevölkerung mit einem kompetenten Beratungsangebot „mitnahm“. Ich denke gerne zurück an Gespräche mit Bürgern aller Altersgruppen, bei denen noch die Skepsis überwog, aber schon die Lust am Mit- und Selbermachen und die Vorfreude auf eine partizipativ gestaltete Energiewende durchkamen.

Der Ausstrahlung solcher Pilotprojekte auf das Revier als Ganzes steht das zu Recht beklagte Kirchturmdenken entgegen, also mentale Reserven und verwaltungstechnische Eigenbrötlerei der Kommunen. Weiterhin vermisst man ein übergreifendes Verkehrskonzept, das eine Stadtlandschaft mit fünf Millionen Menschen von der „Autogerechtigkeit“ befreit, die nach dem Zweiten Weltkrieg verordnet wurde. Der öffentliche Nahverkehr ist im Grunde gut ausgebaut, aber es fehlen wichtige Anschlusspunkte, und trotz eines erfreulich wachsenden, kreuzungsfreien Radruhrschnellwegs steckt der Übergang von der S-Bahn auf Rad- und Fußwege noch in den Anfängen. Nichtsdestotrotz wurden die erreichten Fortschritte mit der 2017 erfolgten Ernennung der Stadt Essen zur Grünen Hauptstadt Europas honoriert.


Klimahauptstadt Europas

Da war sie wieder, die kühne Vision: von der Kultur- zur Klimahauptstadt Europas. Viele Akteure haben das Zeug dazu. Die kulturindustrielle Verkleidung, die Simulation eines grünen Naturparks und die Anbindung an die „neue Seidenstraße“ reichen nicht, um eine Metropole zur Entfaltung zu bringen.

Der Schlüssel zum Wiederaufstieg liegt in einer nachhaltigen, so umwelt- wie milieufreundlichen Reindustrialisierung, unterstützt durch wissenschaftliche Projekte zur „KlimaKultur“ und entsprechende Reallabore, wie sie das benachbarte Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie erdacht und erprobt hat.

Das kann nicht aus Bordmitteln geleistet werden, auch wenn ich die mentale Unverwüstlichkeit der „Ruhris“ und ihre immer noch beeindruckende technisch-wissenschaftliche Intelligenz dazu zählen würde.

Der, Pardon: Kampf ums Ruhrgebiet muss von vornherein im europäischen Rahmen gedacht und geführt werden. Für den Green New Deal, den die EU nach der Corona-Krise umso mehr benötigt, kann das Revier eines der zentralen Experimentierfelder europäischer Zusammenarbeit werden. Man muss es aber wollen.

 

Prof. Claus Leggewie hat die Ludwig Börne-Professur an der Justus-Liebig-Universität Gießen inne. Von 2007 bis 2017 war Leggewie Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.

Bibliografische Angaben

IP Special 01, September 2020, S. 4-10

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