Perspektiven

31. Aug. 2026

Europas Flaute auf See

Explodierende Kosten, gescheiterte Auktionen, Chinas wachsende Marktmacht: Leicht hat es die europäische Offshore-Windbranche nicht. Doch noch gibt es Gründe zur Hoffnung.

Claudia Behrend
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Bild: Windrad in der Nordsee
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Namensnennung CC BY

Fast scheint das Solar-Debakel vergessen. Zur Erinnerung:  Nachdem Anfang des Jahrtausends Deutschlands Erneuerbare-Energien-Gesetz den europäischen Photovoltaik-Boom befeuert hatte, profitierten von der industriellen Fertigung vor allem chinesische Anbieter, gestützt auf staatlich finanzierte Überkapazitäten. Zwischen 2011 und 2014 brach der Umsatz der deutschen Solarbranche um 74,2 Prozent ein, ein Minus von 10,6 Milliarden Euro in drei Jahren. Heute kontrolliert China rund 80 Prozent der globalen Solar-Wertschöpfungskette.

Dass sich diese Geschichte bei der Windkraft wiederholen könnte, hat Brüssel erkannt. Als die EU-Kommission im April 2024 eine Prüfung chinesischer Windturbinenlieferanten einleitete, beschrieb die damalige Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager bei einem Vortrag in Princeton das Schema, mit dem China die Solarbranche erobert habe: erst ausländische Investoren über Joint Ventures anlocken, dann die Technologie übernehmen, „nicht immer auf lauterem Weg“, anschließend die heimischen Anbieter subventionieren und den eigenen Markt abschotten, schließlich „die Überkapazitäten zu niedrigen Preisen in den Rest der Welt exportieren“. Europa könne es sich nicht leisten, dass sich das bei Elektroautos, Windkraft oder Chips wiederhole.


Ausschreibungen ohne Gebote

Alles auf China zu schieben, greift jedoch zu kurz. So blieb etwa im Herbst 2023 die fünfte britische Ausschreibungsrunde für Offshore-Wind deshalb ohne Gebot, weil der staatlich festgelegte Höchstpreis die explodierten Kapital- und Materialkosten nicht mehr abbildete. Die Regierung korrigierte rasch. Sie hob den Höchstpreis in ihrem System der Differenzverträge an, die den Betreibern einen garantierten Strompreis sichern, und Anfang 2026 vergab sie mit 8,4 Gigawatt die größte Offshore-
Auktion der europäischen Geschichte. 

Dänemark und Norwegen gestalteten ihre Ausschreibungen ebenfalls nach alten Kosten-Annahmen und erhielten keine oder kaum Gebote. 2025 folgte Deutschland: Die Auktion im August blieb ohne Gebote, die Ausschreibungen für 2026 wurden ausgesetzt, die nächste Runde soll laut Bundeswirtschaftsministerium erst 2027 und auf Grundlage eines neuen Investitionsrahmens stattfinden.

Ein Grund dafür war hier ebenfalls das Ausschreibungsdesign. „Die aktuelle Krise und der dadurch entstandene Druck auf das gesamte Offshore-Wind-Ökosystem sind auch hausgemacht“, erklärt Andreas Mummert, Leiter Politik der Stiftung Offshore-Windenergie. „Der Bund wollte mit der Ausgestaltung der Ausschreibungen möglichst hohe Erlöse erzielen und hat damit risikofreudige, teils zu optimistische Gebote begünstigt, die sich unter den heutigen Kosten nicht mehr rechnen.“ 

Die Branche warte seit der Marktkonsultation Ende 2025 auf einen Referentenentwurf zur Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes. „Die anhaltende Unsicherheit ist Gift für Investitionen in einer Schlüsselbranche der Energiewende“, unterstreicht Mummert. „Nahezu alle Projekte – rund 16 Gigawatt, die seit 2023 ausgeschrieben wurden – stehen in unterschiedlichem Ausmaß unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Bei einigen Projekten wird eine Realisierung zunehmend unwahrscheinlich.“ 


Vergebliche Warnungen

Indessen baut China seine Position auf dem Weltmarkt weiter aus. Das jedoch sei keine neue Entwicklung: „Schon 2016 hat Merics mit der Studie ‚Made in China 2025‘ davor gewarnt, dass China die Marktführerschaft in Kernindustrien anstrebt und westliche Industriestaaten unter Druck geraten“, erinnert Nis Grünberg, Lead Analyst am Mercator Institute for China Studies (Merics). „Passiert ist nichts. Und nun herrscht eine gewisse Opferrhetorik mit dem Begriff China-Schock 2.0.“

Die Zahlen geben den Warnern von damals recht. Nach Angaben von Thomas Grjebine, Ökonom am Centre d’études prospectives et d’informations internationales in Paris (CEPII), stehen chinesische Hersteller inzwischen für mehr als die Hälfte der weltweit neu installierten Windturbinen. 2017 war es noch weniger als ein Viertel. Laut einem Bericht der China Daily im Juli legten Chinas Exporte von Windkraftanlagen allein im ersten Halbjahr 2026 um 35,6 Prozent zu. 

Im März zuvor war Ming Yang, einer der größten chinesischen Turbinenbauer, Mitglied im Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) geworden. „Das Unternehmen gibt an, in Europa für den europäischen Markt produzieren zu wollen“, sagt BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm.

„Passiert ist nichts. Und nun herrscht eine gewisse Opferrhetorik mit dem ­Begriff China-Schock 2.0“

Wie eine solche Mitgliedschaft zu bewerten ist, hängt für Michal Meidan, Leiterin des China-Energieprogramms am Oxford Institute for Energy Studies, von einer politischen Vorentscheidung ab. „Wenn Ming Yang auf dem deutschen Markt willkommen ist, sollte das Unternehmen als Marktteilnehmer in die politische Diskussion einbezogen werden. Wenn man aber zu dem Schluss kommt, dass Ming Yang oder andere chinesische Firmen industrie- oder sicherheitspolitisch ein Risiko darstellen, könnte die Möglichkeit, den heimischen Regulierungsrahmen mitzugestalten, als eine Form strategischen Zugangs und Wettbewerbsvorteil gelten“, sagt Meidan. „Über den Marktzugang einzelner Unternehmen oder Technologien entscheiden die zuständigen staatlichen Stellen auf Grundlage des geltenden Rechts“, unterstreicht BWO-Geschäftsführer Thimm.

Eine geplante Ming-Yang-Turbinenfabrik in Schottland im Umfang von 1,5 Milliarden Pfund wurde indes von der britischen Regierung blockiert, aus Sorge vor zu großer Abhängigkeit von China in der Wind-Lieferkette, heißt es im Bericht „Dependence: The National Security Risks of China’s Role in Europe’s Energy Transition“ des Strategiezentrums Loom.

Die noch geringe Marktpräsenz dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, „wie schnell ein Markt kippen kann, wenn ein Akteur von Kostenvorteilen, erheblichen Industriekapazitäten und günstigen Finanzierungsbedingungen profitiert“, sagt Grjebine, Mitautor der Studie „The Chinese Steamroller“ des Planungsstabs der französischen Regierung. Er sieht ähnliche Mechanismen am Werk wie in der Photovoltaik.


Nahezu vollständige Abhängigkeiten  

Fest steht: Bis zu einem Viertel der Fertigungsstandorte für Schlüsselkomponenten westlicher Hersteller liegt bereits in China, und Turbinen europäischer Bauart enthalten routinemäßig chinesische Teile. Zu diesem Ergebnis kommt die im Oktober 2025 erschienene Studie „Chinese participation in Europe’s offshore wind sector: the good, the bad and the unknown“ des Oxford Institute for Energy Studies unter Berufung auf den Energiemarktforscher Rystad Energy.

Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel der Permanentmagneten, die in den Generatoren der meisten Offshore-Turbinen verbaut sind. 
Laut Zongyuan Zoe Liu, China-Ökonomin am Council on Foreign Relations in New York, kontrolliert China inzwischen 99 bis 100 Prozent des global raffinierten Angebots an Dysprosium und Terbium, zwei sogenannte schwere Seltene Erden, ohne die diese Magnete nicht auskommen. Liu: „In diesem Sinne ist der Rest der Welt bereits von chinesischen Lieferungen abhängig.“

Ohne chinesische Komponenten kommt laut einer Oxford-Studie kein Offshore-Projekt aus – ob bei Fundamenten, Installationsschiffen oder Kabeln

Hinzu kommt, dass China über vollständige Lieferketten für Windturbinen verfügt. Peking müsse diese Dominanz gar nicht als Waffe einsetzen, sagt Liu. Die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Hersteller beruhe auf niedrigeren Kosten und schnellerer Lieferung, gestützt auf industriepolitische Förderung und harten Wettbewerb im Inland. Ohne chinesische Komponenten kommt laut der Oxford-Studie kein Offshore-Projekt aus, ob bei Fundamenten, Installationsschiffen oder Kabeln. Ein weiterer Aspekt: „Es gibt auch Schlüsselbereiche, in denen man konstatieren muss, dass nicht nur eine nahezu vollständige Abhängigkeit besteht, sondern inzwischen auch Know-how und industrielle Kompetenzen in wesentlichen Prozessschritten in Europa verloren gegangen sind, so bei der Herstellung von Permanentmagneten und im Recycling“, sagt Mummert. „Diese Lücken mit internationalen Partnern von Indien über Australien, Japan und Südkorea bis nach Kanada zu schließen, muss vordringliches Ziel sein.“

Auch ohne chinesische Hersteller seien die Ausbauziele erreichbar, sagt Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer des Fachverbands Power Systems im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Das Problem bestehe nicht bei der Fertigung, sondern beim veralteten Ausschreibungsregime. „Mit Blick auf die Sicherheit kritischer Infrastrukturen dürfen keinerlei Zugeständnisse gemacht werden. Hier lauert das deutlich größere Risiko für unsere Energieversorgung und auch für die nationale Sicherheit, falls nicht-vertrauenswürdige Anbieter den Markt betreten sollten.“

Wo der Schutz bislang versagt, zeigt ein Detail aus der Zuliefererkette. Für Stahl aus China erhebt die EU Zölle, nicht aber für fertige Monopile-Fundamente aus chinesischem Stahl, kritisiert Josefine Busch, Strategic Marketing Manager beim Fundamenthersteller EEW aus Erndtebrück. Die Lücke verschaffe chinesischen Anbietern einen Preisvorteil. „Es besteht ein signifikantes Risiko, dass Offshore-Wind-Komponenten nicht mehr in Europa, sondern in China produziert werden.“


Europa muss sich entscheiden

Aber es bewegt sich etwas. Mitte Juli genehmigte die EU-Kommission ein französisches Beihilfeprogramm über 63 Milliarden Euro für elf Offshore-Windparks, gefördert über Differenzverträge. Es ist an Bedingungen geknüpft: Bei mindestens 75 Prozent der Turbinen ist es dem Betreiber untersagt, zugleich die fertige Anlage und den Großteil ihrer Hauptkomponenten aus China zu beziehen. Höchstens 50 Prozent der Permanentmagnete dürfen chinesischen Ursprungs sein. Grundlage sind die Resilienzkriterien aus der Durchführungsverordnung zum Net-Zero Industry Act (NZIA). Die Genehmigungsentscheidung ist bislang nicht veröffentlicht.

„China hat vor 15 Jahren damit begonnen, ­Abhängigkeiten ab- und ­Resilienz aufzubauen“

In Deutschland fehlen solche Vorgaben bislang. Resilienzkriterien sind nur in der EEG-Novelle für Wind an Land und Sonnenenergie vorgesehen. Für Offshore soll die Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes laut Bundeswirtschaftsministerium ein eigenes Instrument bringen, dessen Inhalt offen ist. Meidan verweist auf den Druck im chinesischen Markt: Der intensive Wettbewerb zwinge die Unternehmen dazu, Auslandsmärkte aggressiver zu erschließen. Chinesische Firmen träten dort bereits im Verbund mit anderen chinesischen Zulieferern auf. „Das ist keine ausgemachte Sache, erscheint aber wahrscheinlich, solange keine Leitplanken gesetzt werden.“ 

„China hat vor 15 Jahren begonnen, Abhängigkeiten abzubauen und Resilienz aufzubauen, während in Deutschland betriebswirtschaftliche Aspekte im Vordergrund standen“, so Nis Grünberg. „Durch die geostrategischen Entwicklungen passen betriebswirtschaftlicher Gewinn und volkswirtschaftlicher Nutzen nun nicht mehr zusammen. In China wird dafür gesorgt, dass nichts der Volkswirtschaft schadet.“ Sich komplett abzukapseln sei wirtschaftlich und geopolitisch unsinnig: „Es braucht eine Entscheidung darüber, was Deutschlands und Europas Position als Industriestandort sein soll, wie die Energiesicherheit gewährleistet wird und welche strategischen Technologien lokal verfügbar sein sollen. Das verstehen auch die Chinesen. Dazu braucht es eine Grundsatzdebatte in der Politik.“      

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 74-77

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Claudia Behrend ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt über politische und wirtschaftliche Themen rund um Transport, Schifffahrt, Logistik und Recht.

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