Titelthema

24. Apr. 2023

Gruß aus 
der Konzeptküche

Was Politik, Wirtschaft, Forschung und jede(r) Einzelne unternehmen können, um die Ernährungssituation der Welt zu verbessern: Ein Lösungsmenü in drei Gängen.

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Bild: Ein Brettchen, ein Messer und diverses Gemüse
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Zwischen Hightech und Harke

Gentechnik, nachhaltigere Anbausysteme, bssere Einbindung der Landbevölkerung: Wie sich landwirtschaft­liche Erträge sinnvoll steigern lassen, bleibt umstritten.



Von Heike Holdinghausen

Es ist das große Versprechen der modernen Pflanzenzucht durch gentechnische Methoden: hitze- oder dürretolerante Pflanzen zu kreieren, die auch unter schwierigen Bedingungen hohe Erträge bringen können – und damit Ernährungssicherheit gerade in Ländern des Globalen Südens.

Das Grundnahrungsmittel Weizen etwa ist in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern immer wieder knapp, nicht erst seit dem russischen Überfall auf die Ukraine. „Die Erträge stagnieren in vielen Teilen der Welt“, sagt Senthold Asseng, Professor für Digital Agriculture an der Technischen Universität München. Aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung sei aber „eine kontinuierliche Ertragssteigerung in den kommenden Jahrzehnten notwendig, um den weltweiten Nahrungsmittelbedarf zu sichern“. Asseng argumentiert, die heutigen Nutzpflanzen seien beinahe an ihrer biophysikalischen Grenze der Ertragssteigerung angekommen; für weitere Fortschritte müssten ihre Funktionen besser verstanden werden. Das Genom des Weizens biete dafür großes Potenzial.

Im Rahmen seiner Forschungen zu ungenutzten genetischen Ressourcen an Weizensorten weltweit hat Asseng eine züchterische Ertragslücke von 51 Prozent errechnet. Durch gezielte Züchtung ließen sich weitaus größere Ernten erzielen, ist der Agrarwissenschaftler überzeugt. ­Allerdings werde die Genetik allein die globalen Ernährungsprobleme nicht lösen, sagt Asseng. Dies könne nur interdisziplinär erfolgen, durch eine Kombination von Genetik mit Boden-, Klima- und Kulturpflanzenforschung.

Annemarie Volling, Gentechnik-Expertin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, sieht das skeptisch. Schließlich befinde man sich bei der gentechnikbasierten Pflanzenzucht trocken- oder hitzetoleranter Sorten noch im Stadium der Grundlagenforschung, von Anwendungen sei man weit entfernt. „Damit eine Pflanze in verschiedenen Wachstumsperioden trockentolerant ist, müssen sehr viele Stellen des Genoms verändert werden“, sagt Volling, „diese Mechanismen sind bislang noch gar nicht völlig verstanden und daher kurzfristige Erfolge nicht zu erwarten.“ Erst recht gelte dies für Eigenschaften wie „Ertragssteigerung durch Gentechnik“.

Diese Kritik wiederum hält Maria von Korff, Biologin am Exzellenzcluster für Pflanzenforschung CEPLAS an der Universität Düsseldorf, für zu pauschal. Die Pflanze müsse nicht in der gesamten Wachstumsperiode trockentolerant sein. In Deutschland etwa herrschten Trockenheit und Hitze inzwischen häufig im Frühsommer, zur Blüte des Getreides. Im Winter, wenn es als Keimling auf dem Feld wächst, herrsche eher Staunässe. Mittels der Gen-Schere „Crispr“ könne das Genom von Getreidepflanzen so verändert werden, dass sie mehr Wurzelmasse bilden.

Wissenschaftler der Universität von Kalifornien haben jüngst eine solche Weizensorte vorgestellt. Sie erreicht mit ihren längeren Wurzeln tiefer liegende Wasserressourcen und wird in Kalifornien auf Versuchsfeldern angebaut. Es gebe, so von Korff, bereits verschiedene Ansatzpunkte für gezielte Veränderungen am pflanzlichen Erbgut, damit Pflanzen besser auf Hitze, Dürre, verstärkte Sonneneinstrahlung oder Nässe reagieren können. Neben der Fähigkeit, längere Wurzeln auszubilden, seien das Sonnenschutzpigmente, die eingelagert oder Spaltöffnungen, die schneller geschlossen werden könnten. „Es ist auch möglich, die Entwicklung von Getreidesorten so zu beschleunigen, dass sie vor dem Einsetzen der Trockenheit im Frühsommer blühen“, sagt die Forscherin.

Solche Eigenschaften können auch in den verwandten Wildformen oder Landrassen gefunden und durch klassische Züchtung in die Elitesorten eingekreuzt werden. Dieser Prozess ist jedoch sehr langwierig. „Das Schöne am transgenen Ansatz ist, dass wir sehr schnell und gezielt Veränderungen im Genom der Pflanzen vornehmen können“, so von Korff. „Veränderungen, die durch die Gen-Schere eingebracht wurden, lassen sich nicht von natürlich entstandenen Mutationen oder Einkreuzungen aus Wildformen unterscheiden.“ Die Herausforderung sei es, stresstolerante Pflanzen zu züchten, die gleichzeitig einen hohen Ertrag unter optimalen Bedingungen liefern. „Aber daran kann man arbeiten.“

Gentechnik-Kritikerin Volling hält es für sinnvoller, nachhaltige Anbausysteme auszubauen, vor allem breite Fruchtfolgen und Bodenschutz. „Wir werden andere Kulturen anbauen, die trockentoleranter sind“, ist Volling sicher, „aber auch Mischkulturen aus Stützpflanzen und Leguminosen, die fähig sind, Stickstoff aus der Luft im Boden zu binden.“ Auf diese Weise könnten auf einem Acker etwa Mais und Erbsen gemeinsam wachsen und die Düngung reduziert werden.

Zukunftsträchtig seien auch Populationssorten. Diese Züchtung setzt, im Gegensatz zur Linienzüchtung, nicht auf möglichst einheitliche Pflanzen. Es entsteht vielmehr Saatgut von Getreide mit einer breiteren genetischen Diversität, also mit vielen verschiedenen Pflanzen einer Art mit unterschiedlichen Ausprägungen und Eigenschaften. Die Hoffnung: Diese Vielfalt ermöglicht es dem Anbau auf dem Acker, auf unerwartete und schwierige klimatische Bedingungen – Starkregen, Fröste, Dürren – flexibler zu reagieren als Pflanzen mit einheitlichem Genom und Eigenschaften. Dies führe zu Ertragsstabilität und höherer Widerstandskraft.

Sich hauptsächlich darauf zu konzentrieren, die Erträge zu steigern, greife zu kurz, sagt Heike Baumüller, Agrar- und Umweltwissenschaftlerin am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Sie seien zwar eine notwendige Bedingung, um mehr Ernährungssicherheit zu erreichen. „Doch es ist nicht sinnvoll, einfach nur auf größere Ernten zu setzen“, sagt Baumüller. Das zeige das Beispiel der grünen Revolution in Asien. In Ländern wie Indien oder China habe man zwar unter anderem durch den Einsatz verbesserter Reissorten höhere Erträge erzielt. Dadurch seien Millionen Menschenleben gerettet worden.

Inzwischen gelte die grüne Revolution allerdings nicht mehr als Erfolgsmodell: Die Nebenwirkungen waren zu groß. Die neuen Sorten mussten intensiv bewässert werden, was Böden versalzen ließ. Vielerorts sank der Grundwasserspiegel, die Kleinbauern verschuldeten sich, um das neue Saatgut kaufen zu können. „Insgesamt war das nur auf kurze Sicht erfolgreich“, sagt Baumüller.

Statt die Erträge in den Blick zu nehmen, müsse man die Effizienz steigern – also mit weniger Land, Wasser, Dünger und Pestiziden höhere Erträge erwirtschaften und dabei die Umwelt so wenig wie möglich belasten. „Es geht nicht darum, Masse zu produzieren, sondern mit weniger Ressourcen ausreichende Mengen, die dann auch die Menschen erreichen müssen.“ Dazu gelte es, den ­Bauernhof als Gesamtsystem zu betrachten, und zwar in einem größeren Zusammenhang – notwendig seien nicht nur besseres Saatgut oder Zugang zu Dünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln, sondern auch Aus- und Weiterbildung der Bauern und Bäuerinnen, ein Zugang zu Finanzmitteln und zu Märkten sowie eine bessere Einbindung in Bauernverbände.

Christine Chemnitz vom Berliner Thinktank Agora Agrarwende argumentiert ähnlich, setzt aber andere Schwerpunkte: „Die politischen Antworten auf die Ernährungskrise liegen auch jenseits der Produktivitätsdebatte“, sagt die Agrarökonomin. Das Problem: Gerade in den von Hunger betroffenen Regionen in Afrika und Asien droht die ländliche Bevölkerung von der Nachfrage wachsender Mittelschichten abgekoppelt zu werden. So steigt etwa in Indien in den Städten die Nachfrage nach Milch stark, schon jetzt gehört der Subkontinent zu einem der größten Milch- und Butterproduzenten weltweit. Für die Ernährungssicherung wird entscheidend sein, ob diese Nachfrage durch große Betriebe am Rande der Städte bedient wird oder ob es gelingt, gezielt in Wertschöpfungsketten zu investieren, die der Landbevölkerung Teilhabe am Wachstum ermöglichen. „In einer Zeit multipler Krisen sind gerade für kleine, wenig resiliente Betriebe zudem soziale Sicherheitsnetze wichtig“, sagt Chemnitz. Das seien Fragen jenseits der klassischen Agrarforschung – hier seien Sozial- und Wirtschaftswissenschaften gefragt.

Heike Holdinghausen ist Journalistin für Umweltthemen. In der Redaktion Wirtschaft und Um- welt der taz in Ber- lin ist sie unter anderem für Natur- schutz und Kreislaufwirtschaft zu- ständig.

Essen auf Rädern

Die Bedeutung der Logistik für die Nahrungssicherheit wird oft unterschätzt. Das gilt ebenso für bessere Infrastruktur und Verteilnetze wie für smarte Strategien.



Von Claudia Behrend



Jeden Abend gehen 345 Millionen Menschen in 82 Ländern hungrig ins Bett – 200 Millionen Menschen mehr als noch vor zwei Jahren. Und obwohl die Ernährungssicherheit ein Menschenrecht ist, sind die Vereinten Nationen von ihrem Ziel, dass bis 2030 niemand mehr hungern soll, weit entfernt.

Dass das so ist, liegt an vielen unterschiedlichen Faktoren. Dazu zählen Krisen und Kriege, insbesondere in der oft als Kornkammer der Welt bezeichneten Ukraine. Bedroht wird die Widerstandsfähigkeit des globalen Systems aber auch durch den Klimawandel, die Abhängigkeit von nur sehr wenigen Grundnahrungsmitteln, nachlassende Kaufkraft und eine kleine Gruppe sehr einflussreicher Konzerne sowie den von wenigen reichen Ländern dominierten Welthandel.

Unterschätzt wird dabei oft ein wichtiger Aspekt: „In einem Welt­ernährungssystem, in dem ein immer größerer Teil der konsumierten Lebensmittel international gehandelt wird, ist die Logistik von wachsender Bedeutung für die Ernährungssicherheit“, sagt Christian Henderson, Assistant Professor für Middle East Studies an der niederländischen Universität Leiden, der sich mit Ernährungs­sicherheit und Logistik beschäftigt.

„Man schätzt, dass etwa ein Drittel der konsumierten Lebensmittel international gehandelt wird, eine Zahl, die sich seit den 1990er Jahren verdoppelt hat“, so Henderson. Dementsprechend groß ist die Bedeutung von Straßen-, Schienen-, See- und Luftverkehr, Hafen- und Flughafeninfrastruktur sowie Lagerkapazitäten. Sie stellen den Zugang zu Nahrungsmitteln sicher, indem sie eine schnelle Reaktion auf politische und ökologische Veränderungen auf den Märkten ermöglichen. Ensprechend gelte: „Logistik ist Macht und Logistik ist Ernährungssicherheit. Das wird immer wichtiger werden.“

Was passiert, wenn die Lieferketten gestört werden, hat zuletzt eindrücklich die Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen gezeigt: Der Export von wichtigen Grundnahrungsmitteln kam monatelang zum Erliegen. Dabei hat die Ukraine nach Angaben der Europäischen Kommission einen Weltmarktanteil von 10 Prozent bei Weizen, 15 Prozent bei Mais und 13 Prozent bei Gerste sowie über 50 Prozent bei Sonnenblumenöl. Insofern waren die Befürchtungen groß, dass sich der Hunger im Globalen Süden dadurch verschärfen könnte. Erst nach langem Ringen schlossen die Ukraine und Russland zwei Abkommen mit den Vereinten Nationen und der Türkei, um die Ausfuhr von Lebensmitteln aus der Schwarzmeerregion zu ermöglichen – erst kürzlich wurden sie in letzter Minute verlängert.

Logistische Unterstützung kommt auch vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), das sich seit Kriegsbeginn dafür einsetzt, der Ukraine bei der Etablierung dauerhafter alternativer Exportrouten abseits der Seehäfen zu helfen – auch, um sich künftig der Einflusssphäre Russlands zu entziehen. Für den Ausbau der Abfertigungskapazitäten an der ukrainisch-rumänischen Grenze am Binnenhafen von Ismajil in der Ukraine stellte das BMEL rund drei Millionen Euro zur Verfügung, um Exporte über die Donau zu steigern und zu beschleunigen. Zugleich werden die von der EU ins Leben gerufenen Solidarity Lanes unterstützt, mit denen ukrainische Agrarexporte über den Landweg und die Seehäfen der EU den Weltmarkt erreichen.

Auch im Globalen Süden fehlt der Zugang zu den Märkten häufig. Insbesondere in abgelegenen Regionen ist hier die In­frastruktur unzureichend, auch weil es an den entsprechenden Kapitalinvestitionen fehlt. Dabei kann laut Peter Dannenberg, Professor am Geographischen Institut der Universität zu Köln, gerade die Einbindung von kleinbäuerlichen Betrieben in globale Märkte ausgesprochen attraktiv sein. Schließlich könnten viele Arbeitsschritte bislang nicht mechanisiert werden und somit hätten auch Betriebe unter fünf Hektar (je nach Organisationsform) die Möglichkeit, gegenüber Großbetrieben wettbewerbsfähig zu bleiben.

Unabhängig vom Marktzugang gibt es allerdings ein weiteres Problem, nicht nur, aber eben auch im Globalen Süden: die Verschwendung von Lebensmitteln. Nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gehen rund 30 bis 40 Prozent der Gesamtproduktion verloren, bevor sie den Markt erreichen. Die Gründe dafür reichen vom unsachgemäßen Einsatz von Betriebsmitteln bis hin zum Fehlen geeigneter Lager-, Verarbeitungs- und Transporteinrichtungen nach der Ernte. In vielen Ländern fehlen außerdem die Kühlketten oder sie sind zumindest unzuverlässig.

Doch es gibt durchaus einige kleine und große Lösungsansätze, wie man die vielen Herausforderungen bewältigen kann. Ein Beispiel ist Solar Freeze. Das kenianische Start-up glaubt, dass das Temperaturmanagement das wichtigste Instrument zur Verringerung von Wärmeverlusten in den Entwicklungsländern ist. Nur sehr wenige Kleinbauern haben Zugang zu Kühlanlagen oder Kühllagern, und selbst Kühltransporte sind eine Seltenheit. Hinzu kommen die Unzuverlässigkeit der örtlichen Stromversorgung, die Kosten für herkömmliche Kühlanlagen und der Mangel an technischem Fachwissen für die Installation und Wartung. Das Unternehmen will daher mithilfe eines mobilen solarbetriebenen Kühllagers in einem Container, durch die Schaffung von Kühlketten, also Distribution, Logistik und Kühltransport, sowie mithilfe mobiler Datenüberwachung per App die Lebensmittelverluste und -verschwendung in der Frischwarenbranche um 90 Prozent verringern.



Drei Nahrungsmittelkörbe

Ein weiteres Beispiel: Länder, die stark auf Nahrungsmitteleinfuhren angewiesen sind, wollen sich davon nun unabhängiger machen. Etwa der Stadtstaat Singapur, der rund 90 Prozent seiner Lebensmittel importiert. Angesichts einer immer disruptiveren Welt sollen bis 2030 immerhin 30 Prozent des Nahrungsmittelbedarfs selbst produziert werden. Dazu verfolgt die Singapore Food Agency die Strategie der „drei Nahrungsmittelkörbe“: Diversifizierung der Nahrungsmittelquellen, lokaler Anbau und Anbau in Übersee.

Ähnlich denkt man in der Karibik. Auch hier haben sich die Regierungschefs der CARICOM (Caribbean Community), einem Zusammenschluss karibischer Staaten zur Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit, entschieden, etwas zu verändern. Angesichts der hohen Lebensmittelimporte der Region, die sich in Richtung sechs Milliarden US-Dollar bewegen, wollen sie diese bis 2025 um 25 Prozent senken. Dafür soll unter anderem der Transport zwischen den Inseln verbessert werden.

Fest steht, dass es viel zu tun gibt, um die logistischen Strukturen zumindest langfristig resilienter zu gestalten und die Versorgung mit Nahrungsmitteln auch im Globalen Süden sicherzustellen. Aus Sicht von Dalmar Ainashe, Experte für Ernährungssicherheit und Lebensgrundlagen bei der Hilfsorganisation Care, geht es dabei im Wesentlichen um die Bewältigung internationaler und lokaler Konflikte.

Hinzu kommen Investitionen in eine widerstandsfähige und vernetzte Logistik- und Lagerinfrastruktur, die Diversifizierung von Lieferketten und die Unterstützung lokaler Nahrungsmittelsysteme. Außerdem können der Einsatz moderner Technologien und die Planung für potenzielle Notfälle dazu beitragen, die Versorgung mit und den Zugang zu Nahrungsmitteln sowie den Handel in den Ländern des Globalen Südens aufrechtzuerhalten, die anfälliger für solche Störungen sind.

„Ebenso ist Care der Meinung, dass Regierungen die globale Infrastruktur und Marktverbindungen auf allen Ebenen, also lokal, national, regional und international, erleichtern und offen halten müssen“, so Ainashe. „Die Bewältigung dieser Herausforderungen durch anhaltende diplomatische Bemühungen, Konfliktlösung und Entwicklungsinitiativen kann dazu beitragen, ein stabileres Umfeld für die Nahrungsmittelproduk­tion, die Versorgung, den Handel und den Zugang zu schaffen sowie die globale Stabilität und das Wirtschaftswachstum zu erhöhen – für alle Länder, insbesondere für den Globalen Süden.“

Claudia Behrend ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt über poli- tische und wirt- schaftliche Themen rund um Transport, Schifffahrt, Logistik und Recht.

Eine Diät für den Planeten

Zur Verbesserung der eigenen Gesundheit, des Klimas und der Ernährungssituation weltweit kann jede(r) Einzelne beitragen. Wie sieht sie aus, die Planetary Health Diet?



Von Claudia Hunecke



Durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und dessen Auswirkungen auf die ukrainischen Getreideexporte sowie auf die Ernährungssicherheit in vielen Ländern des Globalen Südens hat sich der öffentliche Fokus erneut auf unsere Ernährung gerichtet. Auch in Europa und Deutschland spüren wir durch gestiegene Lebensmittelpreise die Verwerfungen im internationalen Agrarhandel. Neben der Ernährungssicherheit werden auf der internationalen Bühne, wie bei der COP 27 im vergangenen Jahr oder dem Food Systems Summit der Vereinten Nationen 2021, die Auswirkungen unserer Ernährungsweise und der Nahrungsmittelproduktion auf Klima, Biodiversität, Umwelt und soziale Gleichberechtigung heftig diskutiert.

Der Ende März veröffentlichte Weltklimabericht betont einmal mehr den Zusammenhang zwischen dem Ernährungssystem und dem Klimawandel. Etwa ein Drittel der globalen Emissionen entstehen im Ernährungssystem. Etwa die Hälfte der eisfreien Fläche der Erde wird für die Produktion landwirtschaftlicher Güter genutzt, von denen wiederum mehr als 80 Prozent für tierische Produkte und Futtermittel verwendet werden. Wasserverbrauch, Luft- und Wasserverschmutzung, Bodenverarmung, die Zerstörung von Ökosystemen und der Verlust von Biodiversität sind weitere Folgen unseres Essverhaltens.

Hinzu kommt die dreifache Belastung der menschlichen Gesundheit – Unterernährung, Überernährung und Mangelernährung. Trotz massiver Ertragssteigerungen sind fast eine Milliarde Menschen unterernährt, meistens aufgrund von Verteilungsproblemen oder Konflikten. Weitere zwei Milliarden, besonders in Industrie- und Schwellenländern, sind übergewichtig oder fettleibig. Übergewicht und die daraus resultierenden Folgen wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebserkrankungen belasten die Gesundheitssysteme und die wirtschaftliche Leistung der Länder. In Europa steht etwa ein Drittel aller vorzeitigen Todesfälle im Zusammenhang mit Fehlernährung.

Neben der Ernährungsweise an sich sollten wir Lebensmittelabfällen auch eine größere Bedeutung schenken. In Deutschland werfen wir pro Person und Jahr rund 75 Kilogramm Lebensmittel weg. Global enden etwa ein Drittel aller Lebensmittel als Abfall, was ausreichen würde, um mehr als eine Milliarde Menschen zu ernähren. Außerdem entsprechen diese Abfälle ungefähr 10 Prozent der Treibhausgas­emissionen aus dem Ernährungssystem sowie rund einem Viertel der für die Produktion genutzten landwirtschaftlichen Nutzfläche und ­Wasserressourcen.

Um sowohl die Auswirkungen unserer Ernährung auf Klima und Umwelt als auch auf die menschliche Gesundheit zu mindern, veröffentlichte 2019 die EAT-Lancet-Kommission, eine Gruppe internationaler Wissenschaftler, ein Ernährungskonzept: die sogenannte Planetary Health Diet. Das Konzept beschreibt eine ausgewogene und gesunde Ernährung für alle Menschen, die gleichzeitig die Gesundheit unseres Planeten berücksichtigt. Im Mittelpunkt steht der Verzehr von pflanzlichen Lebensmitteln, insbesondere Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und Nüssen.

Tierische Produkte wie Fleisch, Milchprodukte oder Eier sollten zwar weiterhin Bestandteil der Ernährung sein, allerdings in deutlich begrenzter Menge, besonders im Vergleich zum aktuellen Konsum. In Deutschland essen wir im Durchschnitt 1,2 Kilogramm Fleisch pro Woche, während die Planetary Health Diet einen Verzehr von ungefähr 300 Gramm empfiehlt. Gleichzeitig liegt unser Konsum von Obst und Gemüse, insbesondere von Hülsenfrüchten wie Erbsen, Bohnen oder Linsen, weit unter den Empfehlungen. Allerdings nicht nur unterhalb der Empfehlungen der Planetary Health Diet, sondern auch unterhalb der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Die Planetary Health Diet beschreibt eine Ernährungsweise, die wesentlich vielfältiger ist als die Art und Weise, wie sich die meisten Menschen momentan ernähren. Derzeit beziehen wir etwa drei Viertel unserer Kalorien aus wenigen Nutzpflanzen wie Weizen, Reis, Zuckerrohr oder Mais sowie aus nur fünf Nutztierarten, vor allem Geflügel, Schwein und Rind. Dies führt zu einer Abhängigkeit von Ertragsmengen und setzt das System massiv unter Druck. Große Ernteverluste durch Klimakatastrophen, Störungen in Lieferketten oder Konflikte können sich kaskadenartig durch das Ernährungssystem fortsetzen. Eine möglichst bunte und frische Ernährung mit möglichst wenigen tierischen Produkten dagegen führt zu einer Verbesserung der eigenen Gesundheit sowie zu geringeren Belastungen für Umwelt und Klima und erhöht die Resilienz des Ernährungssystems.

Der Übergang zu einer Ernährung, die auf den Prinzipien der Planetary Health Diet basiert, ist ein wesentlicher Baustein, um den Klimawandel zu verlangsamen und seine Auswirkungen zu reduzieren. Die Umstellung auf eine pflanzliche Ernährung kann die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen um etwa die Hälfte und die notwendige landwirtschaftliche Nutzfläche wesentlich reduzieren. Insbesondere die Fläche für die Produktion von Tierfutter könnte erheblich verringert werden. Eine solche Ernährung würde auch dazu beitragen, die Biodiversität zu erhalten und die natürlichen Ressourcen, die für die Ernährung der Menschheit notwendig sind, zu schützen.

Eine effizientere Nutzung der begrenzten landwirtschaftlichen Ressourcen ermöglicht es ebenso, die Ernährungssicherheit zu erhöhen. Eine Umstellung der Ernährungsweise in der Europäischen Union alleine hätte das Potenzial, die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine maßgeblich abzuschwächen. Der Großteil der aus der Ukraine und aus Russland in die EU importierten Produkte wird als Tierfutter verwendet. Ein reduzierter Konsum tierischer Produkte gemäß den Empfehlungen der Planetary Health Diet könnte die Importe nahezu vollständig ausgleichen. Die Folge wären ein geringerer Anstieg der weltweiten Lebensmittelpreise und weniger Druck auf die Nationen und Bevölkerungen im Globalen Süden, die von Getreideimporten aus beiden Ländern abhängig sind.



Aufklärung und Anreize

Obwohl jeder Mensch täglich Entscheidungen zur Verbesserung der persönlichen Gesundheit, des Klima- und Umweltschutzes treffen kann, sind die Mittel jedes Einzelnen begrenzt. Um die Planetary Health Diet in Deutschland zu fördern, müssen wir eine breitere öffentliche Diskussion und Aufklärung über die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Gesundheit und Umwelt führen. Hinzu kommt, dass eine nachhaltige und gesunde Ernährung für alle Menschen auf der Erde derzeit nicht möglich ist. Einerseits, weil sie für nahezu drei Milliarden Menschen nicht bezahlbar ist. Andererseits werden nicht genügend Obst und Gemüse oder Hülsenfrüchte für die Weltbevölkerung produziert. Politische Maßnahmen müssen ergriffen werden, um beide Probleme zu lösen, etwa Preisanreize für Verbraucher durch Erhöhung der Preise für tierische Produkte, die auch ihre gesellschaftlichen Kosten widerspiegeln, oder Preissenkungen für gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse. Veränderte Produktionsanreize durch Umverteilung von Subventionen oder die Einbeziehung des Landwirtschaftssektors in den europäischen Emissionshandel können zu einer Verschiebung von Produktionsentscheidungen führen, von der auch Landwirte profitieren können.

Die Planetary Health Diet ist eine vielversprechende Antwort auf einige der dringendsten Gesundheits-, Klima- und Umweltprobleme, mit denen wir und unser Planet derzeit konfrontiert sind. Durch die Präferenz für pflanzliche Lebensmittel und die Reduzierung unserer Abhängigkeit von tierischen Lebensmitteln können wir sowohl unsere eigene Gesundheit als auch die Gesundheit des Planeten entscheidend fördern.

Dr. Claudia Hunecke ist Agrarökonomin und forscht am Pots- dam-Institut für Klimafolgenforschung, vor allem zu Ernährungssystemen, Landnutzung und Politikmaßnahmen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2023, S. 38-47

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