Europas Eisbrecher
Dass sein Land führend beim Bau eisgängiger Schiffe ist, hat Alexander Stubb jüngst einen spektakulären Deal mit Donald Trump beschert. Auch in der Diplomatie sind die Fähigkeiten des finnischen Präsidenten, Hindernisse zu überwinden, beachtlich.
Als die Europäer im Spätsommer 2025 nach dem Trump-Putin-Gipfel in Alaska befürchteten, der US-Präsident könnte sich in seiner Haltung zum Ukraine-Krieg vom russischen Despoten allzu sehr einseifen lassen, boten sie eine hochkarätige Delegation auf, um den ukrainischen Staatsführer Wolodymyr Selenskyj nach Washington zu begleiten und Schlimmeres zu verhindern. Mit von der Partie waren die Staats- oder Regierungschefs Frankreichs, Deutschlands, Italiens und Großbritanniens, die EU-Kommissionspräsidentin und der NATO-Generalsekretär. Und dann noch der Vertreter eines Landes, das keine sechs Millionen Einwohner zählt: Finnlands Präsident Alexander Stubb.
Für Europa war das eine gute Nachricht. Denn Stubb ist einer, der das Ohr des US-Präsidenten hat und mit Trumps Eitelkeiten umzugehen weiß, ohne plump oder anbiedernd zu wirken. Und der gleichzeitig die EU-Position zur Ukraine ohne Abstriche mitträgt. Denn Stubb, 1968 in Helsinki geboren, stammt aus einem Land, das selbst direkte und unangenehme Erfahrungen mit Moskaus Machtambitionen gemacht hat. Über 100 Jahre lang war Finnland Teil des russischen Zarenreichs, wenn auch mit der relativen Selbständigkeit eines Großfürstentums. 1917 nutzten die Finnen in den Wirren der Oktoberrevolution die Gunst der Stunde, endlich ihren eigenen Staat zu gründen – doch 1939 wurden sie von Stalin überfallen.
Sie verloren ihren Winterkrieg zwar nicht vollständig, mussten sich 1945 aber doch der Sowjetunion beugen und eine „eingeschränkte Souveränität“ akzeptieren, die bis zum Zusammenbruch der UdSSR andauerte. Danach verschrieb man sich der sicherheitspolitischen Neutralität, die als scheinbar unverrückbares außenpolitisches Prinzip drei Jahrzehnte Bestand hatte. Doch der von Putin angezettelte Ukraine-Krieg legte 2022 schonungslos offen, dass nicht mehr mit einem Kreml gerechnet werden konnte, der sich an internationale Regeln hielt. Im Eiltempo schloss sich Finnland der NATO an.
Tabuthema Neutralität
Wäre es nach Alexander Stubb gegangen, hätte Finnland eine Mitgliedschaft im Nordatlantikpakt bereits 2014 ernsthaft geprüft, als Putins Russland die Krim annektierte und in der Ostukraine verdeckt einen Krieg gegen Kyjiw schürte. Stubb stand damals zwar mit beiden Füßen fest in der Regierungspolitik seines Landes, zuerst elf Monate als Ministerpräsident (Juni 2014 bis Mai 2015), danach ein gutes Jahr als Finanzminister in einer Mitte-rechts-Regierung. Doch eine Abkehr von der finnischen Neutralitätspolitik war damals noch ein politisches Tabu, sowohl auf parlamentarischer Ebene als auch in der breiteren Bevölkerung.
Außerdem war Stubbs Verankerung in der eigenen politischen Formation, der liberal-konservativen Nationalen Sammlungspartei, nie so stark, dass er sich ernsthaft an das heikle Thema hätte wagen können. Auch war damals die Stimme des allseits geachteten und im Volk sehr beliebten Staatspräsidenten Sauli Niinistö maßgeblich für die Gestaltung des Verhältnisses zu Moskau. Als einer von nur wenigen europäischen Staatschefs hatte Niinistö auch in komplizierteren Zeiten einen guten Draht zu Putin, obwohl er nicht davor zurückscheute, im direkten Austausch mit dem Kremlchef Dinge anzusprechen, die diesem nicht unbedingt behagten.
Wenn Niinistö sich den Ruf eines westlichen Politikers erwarb, dessen Botschaften wenigstens hin und wieder über einen direkten Draht Putin erreichten, so ist es schon fast eine Ironie der Geschichte, dass Alexander Stubb, der im März 2024 Niinistö im Präsidentenpalast beerbte, nun eine ähnliche Rolle im Zusammenhang mit dem US-Präsidenten Trump spielt.
Bemerkenswert ist schon, dass Stubb überhaupt ins Amt des finnischen Staatsoberhaupts gewählt wurde. Die joviale Zugkraft seines Amtsvorgängers und die damit verbundene Ausstrahlung auf die Wählerschaft gehen ihm ab, und unter manchen finnischen Kommentatoren galt er angesichts seiner überschaubaren Erfolge in hohen Regierungspositionen und seiner Abwahl als Chef der Konservativen eigentlich als gescheiterte Figur. Die Landespolitik war indes auch nie die bevorzugte Arena Stubbs. Deutlich wohler fühlte er sich auf der internationalen Bühne, während seiner Jahre im Europäischen Parlament (2004 bis 2008) sowie als Außenminister und später Europaminister in konservativ geführten Regierungen (2008 bis 2014).
Trump-Flüsterer des Nordens
Auch wenn der zwar immer souverän, zuweilen aber arrogant auftretende und mitunter unkonventionell agierende Stubb ein ganzes Stück entfernt ist vom gesellschaftlichen Glanz eines Niinistö, gibt es gute Argumente dafür, dass er in der aktuellen Weltlage der richtige Präsident für Finnland ist.
In seiner Haltung gegenüber Putins Russland gibt es bei ihm schon seit Jahren keine Ambivalenz. Natürlich ist diese Position einfacher geworden, seit Finnland NATO-Mitglied ist und die Allianz im Rücken hat. Zuvor waren die Nachbarschaft mit Russland und die rund 1300 Kilometer lange, schwer zu verteidigende Grenze schwergewichtige Argumente für die Art eines politischen Pragmatismus, wie ihn Finnland während der unrühmlichen Zeit der „Finnlandisierung“ gegenüber der Sowjetunion hatte praktizieren müssen.
Eine gewisse Verklärung dieser Zeit der erzwungenen Anpassung und ein Selbstverständnis als Brücke zwischen West und Ost blieben auch lange über den Fall des Eisernen Vorhangs hinweg in Teilen der finnischen Politik haften. Das war auch dann noch festzustellen – vor allem auf der linken Seite des Parteienspektrums –, als die neoimperialen Ambitionen des Kremls schon klar zutage traten.
Als fest überzeugter Europäer passt Stubb gut zu einem Land, das von allen nordischen Staaten das engste Verhältnis zur EU hat. Für Finnland war die EU ein Weg, sich trotz der zunächst aufgezwungenen und später freiwillig fortgeführten sicherheitspolitischen Neutralität zweifelsfrei im Westen zu verankern. Dass Finnland, anders als Schweden und Dänemark, Mitglied der Eurozone ist, ist Ausdruck dieses Integrationswillens.
Stubb ist sprachgewandt, weil er in der Familie mit Finnisch und Schwedisch aufgewachsen ist und im angelsächsischen Raum studiert hat. Auch Französisch findet sich in seinem Sprach-Portfolio. Als „unfinnisch“ wird gerne augenzwinkernd erwähnt, dass Stubb ein ausgezeichneter Netzwerker ist – wo doch dem Klischee zufolge niemand schöner schweigt als die Finnen.
Stubbs Umgänglichkeit und Souveränität haben seinem Land auf dem internationalen Parkett einen spektakulären Erfolg eingetragen: In Zeiten, da Donald Trump andere Länder mit Zöllen plagt und über unausgeglichene Handelsbilanzen lästert, konnte der finnische Präsident seinem US-Amtskollegen in einem milliardenschweren Deal bis zu elf Eisbrecher verkaufen.
Nun ist es richtig, dass Amerika diese Schiffe dringend braucht. In der Arktis, die zu einem geopolitischen Hotspot geworden ist, liegen die USA in Sachen „Hardware“ gegenüber Russland und China deutlich im Rückstand. Finnland ist bei der Konstruktion von eisgängigen Schiffen eine Supermacht und kann Eisbrecher schneller und billiger bauen als die US-Schiffbauindustrie. Diese soll nun von einem umfassenden Technologietransfer profitieren.
Eingefädelt wurde die Transaktion – wie könnte es anders sein – auf dem Golfplatz von Trumps Residenz Mar-a-Lago. Dort hat sich Stubb, einst Mitglied der finnischen Golf-Nationalmannschaft, den Respekt Trumps erspielt. Und mit dem Ausdauervermögen des Triathleten – der er nebenbei auch noch ist – den Deal schließlich in trockene Tücher gebracht.
Internationale Politik 1, Januar/Februar 2026, S. 9-11
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