Entwicklungspolitik nach dem Rückzug der USA
Europa kann mit Reformwillen, transparenten Regeln und strategischer Verlässlichkeit zeigen, dass es zur Lösung globaler Probleme beitragen will.
US-Präsident Donald Trump nutzt in seiner zweiten Amtszeit Präsidialerlasse und Fristen nahezu inflationär. Am Tag seiner Amtseinführung (20.1.2025) setzte er eine 90-Tage-Frist, um die amerikanische Entwicklungszusammenarbeit zu überprüfen („Reevaluating and Realigning United States Foreign Aid“); eine weitere Frist vom 2.2.2025, diesmal von 180 Tagen, sah die Überprüfung der Mitwirkung und Unterstützung von internationalen Organisationen vor („Withdrawing the United States From and Ending Funding to Certain United Nations Organizations and Reviewing United States Support to All International Organizations“).
Beide Überprüfungen folgten keinerlei erkennbaren Kriterien wie: Was sind Standards der Überprüfung, wer führt die Analysen durch, was sind die Ergebnisse der Überprüfung? Und noch vor Erreichen der Deadlines war für beide Themen klar, dass die Trump-Regierung rigoros vorgehen würde. Sie wickelte die Entwicklungsagentur USAID ab, strich in dramatischem Umfang die Gelder der US-Entwicklungszusammenarbeit zusammen und kommt bislang ihren Beitragsverpflichtungen für internationale Organisationen ganz überwiegend nicht nach – sowohl für entwicklungspolitische als auch für andere Aufgaben.
Beide Prozesse – in Bezug auf die US-
Auslandshilfe sowie auf die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen – hatten bereits erhebliche Auswirkungen, gerade wegen ihrer unstrukturierten und grobschlächtigen Umsetzung. Zu den Folgen zählen vermeidbares menschliches Leid, insbesondere in vielen afrikanischen Ländern, sowie eine massive finanzielle Belastung für die Vereinten Nationen, wie sich im laufenden UN 80-Reformprozess zeigt.
Es ist richtig und auch wichtig zu fragen, in welcher Weise diese Mittelkürzungen dazu geführt haben, dass Menschen keinen Zugang mehr zu lebensnotwendiger Versorgung wie HIV/Aids-Medikamenten haben. Noch zu wenig Aufmerksamkeit erhält jedoch der dahinterliegende grundlegende Wertewandel: Was bedeutet es, wenn die Supermacht USA die recht allgemein gehaltene globale Agenda 2030 und ihre 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung ignoriert, wenn sie diese sogar als „Soft Global Governance“ deutet, die angeblich gegen amerikanische Interessen gerichtet sei?
Diese Entwicklungen spiegeln einen tiefergehenden Trend wider. Die Trump-Regierung verfolgt eine explizit antimultilateralistische Politik, die auf nationaler Souveränität (mit Einschränkungen für andere Länder), geopolitischen Interessen und kruder transaktionaler Ökonomie beruht. Verschwörungstheorien dienten maßgeblich zur Rechtfertigung von Maßnahmen wie der Abwicklung von USAID. Globale Normen, einschließlich der nachhaltigen Entwicklungsziele, werden als Bedrohung für amerikanische Interessen dargestellt – gerade weil sie kooperative Regierungsformen fördern.
Der Rückzug aus internationalen Organisationen, die Missachtung etablierter Normen (bis hin zu militärischen Drohungen gegen andere Länder) und der offene Druck auf andere Staaten – wie die haltlosen Genozidvorwürfe gegen Südafrika – zeigen einen fundamentalen Paradigmenwechsel. Dieser verschiebt die Balance zwischen Werten und Interessen zugunsten kurzfristiger, oftmals erpresserisch anmutender Durchsetzung und zulasten langfristiger globaler Kooperation. Entwicklungszusammenarbeit wurde in diesem neuen System ein Symbol für den neuen Kurs und ist ein vergleichsweise leichtes politisches Opfer.
Komplette Kehrtwende
Seit Beginn der zweiten Trump-Amtszeit hat sich nicht nur die amerikanische Entwicklungspolitik grundlegend umorientieren müssen, sondern die internationalen entwicklungspolitischen Debatten insgesamt mussten sich neu ausrichten. Dieser Trend steht exemplarisch für eine tektonische Verschiebung: das Ende einer Ära westlich geprägter globaler Kooperation und der Akzeptanz von regelbasierter Zusammenarbeit hin zu einer multipolaren, aber machtbasierten und konfliktiven Weltordnung. All dies lässt sich nur allzu gut für die Entwicklungspolitik zeigen.
„Project 2025“, das unter Federführung der Heritage Foundation als Drehbuch für eine zweite Amtszeit Donald Trumps entworfen wurde, sah eine derart radikale Abwicklung der amerikanischen Auslandshilfe nicht vor. Nach diesem Skript sollten die entwicklungspolitischen Mittel auf das Niveau vor der Covid-Pandemie zurückgeführt und neue inhaltliche Schwerpunkte gesetzt werden. Eine quasi vollständige Auflösung dieses Politikfelds stand nicht zur Debatte.
Dies gilt umso mehr, als die amerikanische und internationale Entwicklungszusammenarbeit gerade von republikanischen Präsidenten immer wieder vorangebracht wurde. PEPFAR (President’s Emergency Plan for AIDS Relief) als echtes internationales Leuchtturmprojekt für die Behandlung, Prävention und Forschung zu HIV/Aids wurde von George W. Bush ins Leben gerufen.
Der Aufbau des gesamten internationalen Systems der Entwicklungszusammenarbeit war aus US-Sicht immer ein besonders wirksames Instrument zu Zeiten des Kalten Krieges. Deutschland und andere europäische Länder wurden von den USA gedrängt, sich an den entwicklungspolitischen Aufgaben zu beteiligen, damit Entwicklungsländer einen Anreiz hatten, sich dem westlichen Lager verbunden zu fühlen. Die institutionellen Grundlagen wie die Einrichtung des entsprechenden Fachausschusses (Development Assistance Committee) bei der OECD und das Regelwerk, was denn überhaupt zur Entwicklungszusammenarbeit zu zählen sei, wurden wesentlich auf Betreiben der USA geschaffen. Und nicht zuletzt hatte USAID seinen Sitz in dem Gebäude, das den Namen eines profilierten republikanischen Präsidenten trägt: Ronald Reagan.
Diese traditionelle republikanische, oft auch überparteiliche Unterstützung für Entwicklungszusammenarbeit war für Präsident Trump jedoch kein Hindernis, eine komplette Kehrtwende einzuleiten.
Fünf Kernprinzipien
Die ideologischen und politischen Verschiebungen in der Entwicklungszusammenarbeit und anderen Feldern internationaler Kooperation lassen sich anhand eines von USAID genutzten 36-Fragen-Katalogs und von Vorgaben zum Tilgen zentraler Entwicklungsbegriffe aus Dokumenten herausfiltern. Sie können als Normen für die verbleibende Entwicklungskooperation verstanden werden, wobei Begriffe wie Klimakrise, Klimawissenschaft, saubere Energie oder Gleichberechtigung gelöscht wurden. Fünf Kernprinzipien lassen sich so erkennen:
- der Abbau von Global-Governance-Strukturen,
- eine Ideologie des Anti-Anti-Amerikanismus,
- der Vorrang von Grenzsicherheit vor Entwicklungszielen,
- die Zurückweisung einer Klima- und DEI-Agenda (Diversity, Equity, Inclusion) und
- die Notwendigkeit eines direkten wirtschaftlichen Nutzens für die USA.
Diese Prinzipien sind nicht nur bürokratische Anpassungen, sondern stehen für eine strategische Neuordnung der Entwicklungszusammenarbeit zugunsten innenpolitischer und ökonomischer Prioritäten der USA. Sie ist nicht mehr von gemeinsamen Werten oder technischen Zielen geleitet, sondern dient als Instrument ideologischer Durchsetzung und transaktionalen Nationalismus.
Nicht alle fünf Kernprinzipien sind jedoch Neuerfindungen der Trump-Regierung. So nutzt die Europäische Union bereits seit einigen Jahren Mittel der Entwicklungszusammenarbeit für Migrationsabkommen mit Transit- und Herkunftsländern – etwa im Fall von Tunesien. Und den wirtschaftlichen Nutzen für die eigene Ökonomie stellen Geberländer wie die Niederlande und Deutschland zunehmend in den Vordergrund. Doch die Rigorosität und die ideologische Ausrichtung an einer Anti-Klima- und Anti-DEI-Ideologie der Trump-Regierung sind ein bislang nicht gekannter negativer Quantensprung.
Systemische Veränderungen
All dies führt auf systemischer Ebene zu grundlegenden Veränderungen: Die globale Architektur der Entwicklungszusammenarbeit wird durch den Rückzug der USA stark destabilisiert. Andere Geberländer folgen dem US-Beispiel beziehungsweise setzen eigene Kürzungen leichter durch: Dies gilt für Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und immer mehr auch für Deutschland sowie weitere europäische Länder.
Die Vereinten Nationen sind in weiten Teilen paralysiert. Die Schwächung koordinierender Gremien wie des entwicklungspolitischen OECD-Fachausschusses unterminiert bewährte Prinzipien von Wirksamkeit und Kohärenz. Dadurch entsteht nicht nur ein finanzielles Defizit, sondern auch der Legitimationsverlust eines bislang westlich geprägten Kooperationsmodells.
Der Rückzug der USA schafft neuen Raum für Kooperationen – der Entwicklungsländer untereinander sowie mit China –, er führt aber auch zu neuen Abhängigkeiten
Dieser Bruch in der internationalen Entwicklungslandschaft hat kurzfristige und langfristige humanitäre Folgen: Flüchtlingslager in mehreren Weltregionen sind seit den Entscheidungen der Trump-Regierung massiv unterversorgt, was, wie zum Beispiel im Sudan, auch negative Auswirkungen auf den Konflikt selbst und die Lage vor Ort hat. Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass infolge der US-Kürzungen bei der Auslandshilfe bis zum Jahr 2030 zusätzliche 14 Millionen Todesfälle auftreten könnten.
Neuorientierung des Globalen Südens
Für viele Länder des Globalen Südens stellen diese Veränderungen eine Zäsur dar. Der Globale Süden ist natürlich kein homogener Block, sondern ein heterogenes Feld unterschiedlichster Interessen, Einkommensniveaus und Regierungssysteme. Entwicklungspolitische Strategien müssen diesem Umstand Rechnung tragen.
Der Rückzug der USA aus dem multilateralen System schafft zwar neuen Raum für strategische Neuorientierungen – insbesondere für politisch und wirtschaftlich starke Entwicklungsländer durch vermehrte Süd-Süd-Kooperation sowie engere Beziehungen zu China und sogar Russland.
Russlands Möglichkeiten, als entwicklungspolitischer Akteur in Erscheinung zu treten, sind sowohl vom finanziellen Volumen als auch von den technischen Voraussetzungen her extrem begrenzt. Gleichwohl versucht sich das Land mit explizitem Hinweis auf den Rückzug von USAID als Partner zu präsentieren, der künftig mehr entwicklungspolitische Kooperationsangebote in den zentralasiatischen Ländern machen will. Auch ein Land wie Indonesien hat unter Hinweis auf die Abwicklung von USAID einen Aufwuchs seiner entwicklungspolitischen Leistungen in Aussicht gestellt.
Der in den vergangenen Jahren neu gewonnene Handlungsspielraum für Entwicklungsländer bringt zugleich neue Abhängigkeiten, wachsende geopolitische Fragmentierung und stärkere Anfälligkeit für außenpolitischen Druck mit sich. Akteure des Globalen Südens betonen ihre Unabhängigkeit zunehmend durch das attraktive Prinzip des „Multialignments“; doch viele geraten dennoch in einen Sog globaler Blockbildung.
In Europa zeigt sich mit „Global Gateway“ eine enge Verbindung von Entwicklungs- und Geopolitik
Autoritäre Regime im Globalen Süden interpretieren den Rückzug der USA als Gelegenheit zur Erweiterung ihres Handlungsspielraums, während gleichzeitig der Einfluss westlicher Akteure schwindet – etwa mit Blick auf einige Sahelländer. Die daraus entstehende neue geopolitische Dynamik ist stark behaftet mit Risiken im Hinblick auf neue Abhängigkeiten und strategische Verwundbarkeiten.
Die derzeitige Lage verdeutlicht, dass die Trennung zwischen Entwicklungspolitik und Geopolitik in Europa immer weniger aufrechterhalten wird. Entwicklungspolitik war nie neutral – sie war immer auch Instrument machtpolitischer Interessen. Doch in Zeiten eines verstärkten systemischen Wettbewerbs gewinnt sie eine neue Bedeutung: als Hebel zur Gestaltung globaler Ordnungsprozesse und als Mittel zur Stärkung regelbasierter, wertegeleiteter Strukturen.
Daraus erwächst für europäische Akteure die Verantwortung, sich klarer zu positionieren – strategisch, normativ und institutionell. Deutlich ablesbar ist die neue, enge Verbindung von Entwicklungs- und Geopolitik auf europäischer Ebene insbesondere bei der Ende 2021 gestarteten „Global Gateway“-Initiative, bei der es um ein europäisches Gegenangebot zur dominanten, infrastrukturgeprägten chinesischen „Belt and Road Initiative“ geht.
Chinas fünf globale Initiativen
Chinas Präsident Xi Jinping stellte beim Gipfeltreffen der Schanghai Organisation für Zusammenarbeit am 1.9.2025 in Tianjin ein neues chinesisches Projekt vor: die „Global Governance Initiative“ (GGI). Insgesamt bringt es China damit auf nunmehr fünf globale Initiativen: die „Belt and Road Initiative“, die „Global Development Initiative“, die „Global Security Initiative“, die „Global Civilization Initiative“ und nun die GGI.
Die GGI soll laut Präsident Xi die zentrale Rolle der Vereinten Nationen stärken und die gleichberechtigte Teilhabe von Entwicklungsländern an Global Governance ermöglichen. Die Initiative sei auf fünf Prinzipien aufgebaut: auf souveräner Gleichheit, der Achtung des Völkerrechts, auf dem Bekenntnis zum Multilateralismus, auf einem menschenzentrierten Ansatz sowie auf dem Fokus auf konkrete, umsetzbare Ergebnisse.
Unabhängig davon, wie stark China diese Prinzipien als bindend für sich selbst sieht und diese einhält: Das antimultilaterale und UN-kritische Narrativ der Trump-Regierung dürfte auf die wenigsten Akteure des Globalen Südens attraktiver wirken. Und: Trump und andere westliche Vertreter übersehen, wie wichtig es Ländern im Globalen Süden ist, mit ihrem Ziel der Entwicklung ernst genommen zu werden. Auch diesem Anspruch trägt die GGI, ebenso wie die anderen chinesischen Initiativen, Rechnung.
Strategische Verlässlichkeit
Kahlschläge in der Entwicklungspolitik verstärken die Wahrnehmung, dass auf westliche Akteure letztlich nicht gezählt werden kann. Der amerikanische Rückzug hat viele Partnerländer desillusioniert. Vertrauen ist ein Gut, das in der internationalen Zusammenarbeit nicht hoch genug bewertet werden kann.
Umso wichtiger ist es, dass Europa jetzt ein Zeichen setzt: durch Verlässlichkeit, transparente Prozesse und durch die Bereitschaft, gemeinsam mit Partnern auf Augenhöhe an Lösungen zu arbeiten. Der Rückzug der USA markiert einen Normenbruch, den Europa durch strategische Verlässlichkeit auffangen kann.
Nicht jedes Projekt muss kurzfristigen Eigeninteressen dienen – langfristiges Vertrauen ist viel wertvoller
Angebote der Entwicklungspolitik sollten grundsätzlich stark an den Sichtweisen und Interessen der Partnerländer ausgerichtet sein; dies ist ein konstitutives Merkmal des Politikfelds. Ein solches Vorgehen als unstrategisch abzutun, wäre kurzsichtig. Gerade in der Gestaltung von langfristigen Beziehungen zu Akteuren im Globalen Süden besteht ein entscheidender Unterschied zu anderen Politikfeldern.
Nicht jede Aktion und jedes Projekt muss kurzfristigen Eigeninteressen dienen; vielmehr besteht in der Langfristigkeit der Kooperation der Mehrwert dieser internationalen Zusammenarbeit. Auch in Zeiten, in denen Hard Power oft im Vordergrund steht, wäre es kurzsichtig, auf diese Soft Power zu verzichten. Gerade China scheint diese Prämisse besonders gut verstanden zu haben.
Entwicklungspolitik steht unter einem nie dagewesenen Reformdruck – gesellschaftlich, politisch und strukturell; dies gilt sowohl für Deutschland als auch für eine große Zahl anderer OECD-Länder. Die öffentliche und politische Rückendeckung schwindet vielfach, während globale Herausforderungen wie Klimawandel, Migration, Gesundheitskrisen und geopolitische Verwerfungen zunehmen.
Zeitgleich verändern sich die internationalen Rahmenbedingungen: Der Globale Süden ist strategisch relevanter – kaum ein Papier oder eine Rede, die sich mit internationalen Fragen befasst, lässt diesen Bedeutungszuwachs unerwähnt. Erstaunlicherweise hat Entwicklungspolitik hiervon bislang nicht profitiert. Sie muss also deutlicher machen, wie ihr Beitrag aussieht. Umgekehrt sollten Entscheidungsträger und Medien endlich genauer hinschauen, denn das Politikfeld Entwicklungspolitik ist längst nicht mehr identisch mit dem selbstlosen Hilfenarrativ der Vergangenheit.
Internationale Politik 6, November/Dezember 2025, S. 65-70
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