Die Zukunft: Work in Progress
Was, wenn wir aufhörten, auf die nächste Wahl in Washington zu starren? Eine Zeitreise ins Jahr 2040: saubere Luft über Delhi, ein Europa, das sich selbst verteidigt, Demokratien, die wieder Zukunft wagen. Eine bessere Welt war nie nur eine träumerische Utopie – oft war sie nur noch nicht überall angekommen.
Es ist der 6. November 2040, zwei Uhr morgens. Die Straßen im regnerischen Berlin Mitte sind leer in dieser Nacht, in der auf der anderen Seite des Atlantiks die Wahlen zur 51. US-Präsidentschaft anstehen. Als die ersten Ergebnisse aus den Ostküstenstaaten eintrudeln, erscheint eine Push-Nachricht auf dem Holoscreen im Büro der Bundeskanzlerin. Mit einem Schmunzeln erinnert sie sich an die aufgeregten „Key Race Alerts“ des CNN-Moderators Wolf Blitzer aus den Wahlnächten der 2010er und 2020er Jahre. Damals zum Beispiel, als die Wahlnacht 2016 das politische Berlin in eine Schockstarre versetzte. Oder 2020, als Joe Biden gewählt wurde und alle dachten: Jetzt wird endlich wieder alles gut.
Die USA waren in den vergangenen 25 Jahren geprägt von einer inneren Zerreißprobe. Drei MAGA-Präsidentschaften haben das Land und mit ihm die globale Ordnung in Mitleidenschaft gezogen. Als Reaktion sind linke und basisdemokratische Bewegungen schließlich seit Mitte der 2020er in Amerika erstarkt. Doch auch diese fühlten sich nicht verantwortlich für Europas Schicksal – und ein Fan der NATO waren sie schon gar nicht. So verstanden Europa und Deutschland schließlich doch, dass sie ihre Zukunft selbst in der Hand haben.
Europa ist im Jahr 2040 weiterhin unter den fünf größten Volkswirtschaften, und Deutschland in den Top 10. Aber natürlich misst im Jahr 2040 niemand mehr Erfolg allein anhand des Bruttoinlandsprodukts. Im OECD Better Life Index ist Deutschland von Platz 14 auf Platz 7 vorgerückt. Der Oberbefehlshaber der NATO in Europa ist 2040 ein Europäer. Die nun 37 Mitgliedstaaten der EU stellen notwendige Fähigkeiten: Aufklärungssatelliten, Langstreckenwaffen und einen europäischen Lufttransportverbund, der Truppen problemlos von Rotterdam nach Rumänien verlegen kann. Armenien ist gerade dabei, die letzten Kapitel der EU-Beitrittsverhandlungen abzuschließen. Zu Armenien schickt die Kanzlerin noch eine letzte Nachricht nach Brüssel, bevor sie das Büro verlässt. Zeit, nach Hause zu gehen. Morgen sieht die Welt anders aus, aber sie ist vorbereitet.
Wer 2040 geboren wird, erlebt seine wärmsten Jahre früh im Leben. Die Erde ist zwar 1,7 Grad wärmer als vor der Industrialisierung, aber die Erderwärmung verlangsamt sich zum ersten Mal seit Beginn der Messungen. Fleisch aus dem Labor ist günstiger – und appetitlicher – als aus Ställen mit Haltungsform 2. So schrumpfen die industrielle Rinderhaltung und das ausgestoßene Methan. Gas, das lange Zeit bei der Förderung illegal in die Luft entlassen oder verbrannt wurde, wird seit 2031 global durch Satelliten gemessen, dem Betreiber zugeordnet und mit hohen Strafen belegt.
Ein Drittel von Land und Meer steht unter Schutz, so wie es die Staaten 2022 in Kunming und Montreal versprochen haben. In Deutschland stammen 94 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen, im Vergleich zu weniger als zwei Dritteln im Jahr 2026, mit langfristigen Speicherlösungen für das Netz. Die Luft über Delhi und Jakarta ist so sauber wie über London seit den 1970ern, nachdem dort aufgehört wurde, Kohle zu verbrennen. Ein ähnlicher Erfolg wie beim Ozonloch, wo ein einziges Abkommen 1987 reichte, um eine globale Bedrohung zu eliminieren. Malaria und Tuberkulose sind vom afrikanischen Kontinent verschwunden und nirgendwo stirbt mehr ein Kind an einer Krankheit, die die Menschheit bereits im Jahr 2026 zu verhindern wusste. Finanziert wird das durch geringe Abgaben auf Business-Class-Flugtickets, Privatjets, Ölbohrungen und Aktienhandel, die mittlerweile 120 Länder gemeinsam erheben, sowie durch ein Versprechen, das die größten Technologieunternehmen im Jahr 2028 gemacht haben, ein Zehntel ihrer Gewinne abzugeben, sollten sie jemals so reich werden, wie sie es sich erhofften.
Überall auf der Welt, und insbesondere in Kriegsgebieten, ist die professionelle psychologische Betreuung von Menschen, die Gewalt erlebt haben, selbstverständlich. Regierungen und Hilfsorganisationen verstehen: Ein Trauma, das mehrere Generationen durchläuft, lässt sich in einer Förderperiode nicht beenden. Deshalb wird Traumabewältigung zur Grundversorgung wie Wasser, Nahrung und Impfungen: Damit Spiralen der Gewalt in Familien und Gesellschaften endgültig durchbrochen werden.
Die WTO kann wieder Streitigkeiten schlichten, nachdem sich die Mitglieder 2031 darauf geeinigt hatten, Richter mit Stimmenmehrheit zu ernennen, anstatt die Zustimmung jedes einzelnen Landes zu verlangen. Und: Kein einzelnes Land kann den UN-Sicherheitsrat mehr daran hindern, einen Krieg zu sanktionieren. Dazu müssten nun drei der mächtigsten Mitglieder gemeinsam Einspruch erheben.
Im Jahr 2040 kommunizieren die Sicherheitsbehörden in Deutschland mit der Bevölkerung über aktuelle und künftige Bedrohungen sowie Lösungen und Gegenmaßnahmen. Wenn Strom, Wasser und Netz ausfallen, weiß jeder Haushalt, was zu tun ist. In jedem Viertel gibt es einen Ort, der im Alltag Sporthalle, Schule oder Tiefgarage ist und im Ernstfall Schutzraum, Wärmeinsel und Anlaufstelle wird. Nachbarn, die dafür ausgebildet wurden, haben Listen von Pflegebedürftigen im Umkreis und Protokolle für Notstrom; ab einer bestimmten Gebäudegröße gehört ein Schutzraum zu einem Gebäude genauso wie ein Treppenhaus.
Wer eine Bahnstrecke sabotiert, ein Seekabel durchtrennt oder eine Sprengstoff-Drohne auf einen Flughafen schickt, wird gefunden. Und dafür müssen nicht einmal Millionen von Menschen überwacht werden. Ermittler folgen konsequent und über Landesgrenzen hinweg kriminellen Geldströmen und statten kritische Infrastruktur mit Sensorik aus, die Maschinen statt Menschen überwachen. Das ist nur logisch, denn kaum etwas läuft 2040 noch ohne Maschine. Leistungsstarke synthetische Systeme – auch solche, die man noch 2026 überschwänglich als Künstliche Intelligenz bezeichnete – müssen vor ihrer Markteinführung auf ihre Sicherheit geprüft werden, genau wie Arzneimittel. Kein Unternehmen darf ein KI-System auf den Markt bringen, das leistungsfähiger ist als die vorherige Generation, ohne zuvor einer internationalen Aufsichtsbehörde dessen Sicherheit nachgewiesen zu haben.
Die Weltbevölkerung sieht 2040 ihre Zukunft auf dieser Erde und handelt entsprechend. Klar ist: Die Welt bleibt nur dann bewohnbar und lebenswert, wenn Kooperation auf globaler Ebene Machtmissbrauch einhegt. Fortschritt ist gewünscht und notwendig, aber er soll menschlich bleiben. Dank der Umsetzung einer Blaupause für die Besteuerung ultrahoher Vermögen und gegen Steuervermeidung, die die brasilianische G20-Präsidentschaft schon 2024 vorgelegt hatte, gehört Steuerflucht der Vergangenheit an.
Keine Einzelperson kontrolliert mehr die digitale Infrastruktur, auf die Milliarden von Menschen angewiesen sind. Denn Menschen haben jeden Respekt vor Verantwortungslosigkeit verloren – spätestens seit ihre minderjährigen Kinder sich wegen unregulierter KI-Chatbots das Leben genommen haben, wie 2025 im Fall des 16-jährigen Amerikaners Adam Raine. Immer weniger verfing daraufhin die Propaganda, dass eine minimale Regulierung der Tätigkeiten von Ultrareichen als Unternehmer oder Privatpersonen im Sinne der Allgemeinheit überlebenswichtige Innovationen behindern würde. Wer 2040 ein Unternehmen leitet, das wissentlich Menschenleben riskiert, haftet dafür.
Die Verfassungen von einem Dutzend großer Demokratien beinhalten eine Altersobergrenze für ihre höchsten politischen und öffentlichen Ämter. Das ist genauso selbstverständlich wie bestehende Altersuntergrenzen oder Beschränkungen für das Richteramt. In jedem Land der EU spricht eine hochrangige, politisch beauftragte Person für die Interessen künftiger Generationen. Wie im Fall des schon 2016 in Wales eingeführten Kommissars für künftige Generationen, aber mit mehr Befugnissen. Sie können eine Regierung vor Gericht bringen; sie können politische Entscheidungen aussetzen, während derer langfristige Kosten öffentlich geprüft werden; und sie können eine Abstimmung im Parlament über jedes Projekt erzwingen, dessen negative Auswirkungen erst dann zum Tragen kommen, wenn die Politiker, die es genehmigt haben, nicht mehr im Amt sind. Seit 2034 schreibt das Gesetz außerdem vor, dass jeder Staatshaushalt ausweisen muss, was er die Menschen kostet, die in 30 Jahren dafür aufkommen müssen. Drei Autobahnen, der Ausbau zweier Flughäfen und eine Rentenvereinbarung wurden so schon aufgegeben.
Inspiriert vom UN-Pakt für die Zukunft aus dem Jahr 2024, für den sich damals kaum jemand interessierte, führten Staaten 2028 endlich ein von der UNESCO entwickeltes Programm für Zukunftskompetenzen in Schulen, Unternehmen, Vereinen und Behörden ein. Dort wird zum Beispiel gelehrt, dass eine positive Zukunft allein dadurch plausibler wird, dass man sie sich im Detail ausmalt. Und dass das Gefühl der Ohnmacht über noch so bedrohliche Zukünfte abnimmt, wenn man sich eine Version dieser Zukunft vorgestellt hat, in der man Probleme aktiv behebt, anstatt sie nur zu bewundern. In den späten 2020er Jahren erkannten demokratische Parteien in Europa die Krise der Vorstellungskraft. Sie erinnerten sich daran, dass sie diejenigen sind, die eine erstrebenswerte Zukunft formulieren und in Regierungsverantwortung konsequent darauf hinarbeiten müssen, anstatt die Beschreibung einer wünschenswerten Zukunft den Tech-Eliten oder Denkfabriken der Neuen Rechten zu überlassen. Jede Wahlkreisveranstaltung und Kreistagssitzung wurde zum Visionslabor. Statt öffentlichkeitswirksamer Bürgerbeteiligungsindustrie wurden Probleme gehört, Grenzen erklärt, Lösungen erarbeitet und der Zynismus-Filter abgelegt. In einer größeren EU wurde die Demokratie wieder gefeiert. Die „Europhorie“ entfesselte Energie für Bürgerinitiativen, Unternehmensgründungen, Innovationsprogramme und Allianzen.
Viele waren damals inspiriert von der Wanderausstellung des Friedensnobelpreis-Museums in Oslo, die auf Marktplätzen weltweit Geschichten von den Heldinnen und Helden der demokratischen Renaissance erzählte: ukrainische Soldatinnen und Soldaten, die sogenannte Kakerlaken-Bewegung in Indien, albanische Studierende im Aufmarsch gegen den Ausverkauf ihres Landes, die Frauen der sudanesischen Revolutionen sowie südkoreanische Abgeordnete, die 2024 das Parlament mit Tischen und Stühlen gegen den Missbrauch des Kriegsrechts verbarrikadiert hatten. Die Zukunft war auch in diesen Zeiten schon da; sie war nur noch nicht überall angekommen.
Parlamente und Abgeordnete wurden unabhängig von Wahlperioden zu Hütern von Demokratie und Zukunft. Parteien begannen damit, zunächst in Kommunal- und Landesparlamenten über Koalitionsgrenzen hinweg wegweisende Reformen auf den Weg zu bringen. Das Ausmaß der politischen Herausforderungen machte größere politische Wagnisse notwendig, und diese wurden endlich belohnt. Wer Visionen hatte, wurde nicht mehr zum Arzt geschickt.
In Deutschland ermöglichte die Regierungskoalition im Gegenzug einen neuen Bundestagsausschuss für das Kanzleramt. Dieser war längst überfällig: Wenn die Regierung ihre Entscheidungen an einem Ort bündelt, muss das Parlament sie auch an einem Ort auf ihre strategische Kohärenz und langfristige Tragfähigkeit prüfen können. Der Chef des Kanzleramts erscheint nun mindestens viermal im Jahr im Kanzleramtsausschuss, die Kanzlerin mindestens zweimal, um strategisches Regierungshandeln und langfristige Auswirkungen zu erklären.
So, wie es in Finnland schon 2026 der Fall war, musste die Regierung dem Ausschuss seitdem einen regelmäßigen Vorausschaubericht vorlegen, auf dessen Basis die Zukunftsfähigkeit von Regierungshandeln debattiert wird. Damit Politik nicht mehr aus technokratischen Einzellösungen besteht, sondern systemische Effekte über Politikbereiche hinaus strategisch zusammengedacht werden. Kein Ministerium, keine Behörde arbeiteten seitdem ohne vorausschauende Strategie. Der Zukunftsminister der Bundesregierung ist nicht mehr nur zufälligerweise der Europaminister im Auswärtigen Amt, sondern die Ministerin für Forschung, Technologie, Entwicklung und Zukunft. Die nationale Zukunftsagentur berät die Regierung beim Ausbau von Zukunftskompetenzen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Der Nationale Sicherheitsrat legt jährlich einen Bericht vor, sein Kern ist öffentlich.
Im Jahr 2040 hält kaum noch jemand in Deutschland eine grundlegende Verwaltungsreform für nötig; im Jahr 2023 waren es 91 Prozent. Der Haushalt fragt seit 2032 endlich, was mit ausgegebenem Geld erreicht wurde. Statt nur zu prüfen, ob korrekt und sparsam abgerechnet wurde, überprüft dies das nationale Evaluationsbüro. In jedem Ministerium sitzt eine Person, deren einzige Aufgabe es ist, Programme ehrlich zu bewerten, und die nicht der Hausleitung berichtet, sondern dem Parlament.
2026 rangierte Deutschland auf Platz 30 von 31 in einer InterNations-Befragung zur Zufriedenheit ausländischer Arbeitskräfte, in der die Befragten bürokratische Hürden, fehlende Digitalisierung, schwierige Wohnungssuche, Sprachbarrieren, hohe Lebenshaltungskosten und erschwerte soziale Integration beklagten. In einer OECD-Studie zur Attraktivität für qualifizierte Arbeitskräfte war Deutschland zwischen 2019 und 2023 von Platz 12 auf 15 der 38 OECD-Staaten zurückgefallen, ebenfalls mit Verweis auf geringe soziale Akzeptanz und langsame Digitalisierung. 2040 scheinen diese Zahlen wie von einem anderen Stern: Deutschland liegt auf Platz 3 beider Listen. In Krankenhäusern, Pflegeheimen, Start-up-Büros, Schulen und auf den Baustellen rücken Leute stolz ihre „Team Germany“ und „Team Europe“-Anstecker zurecht und lächeln, voller Tatendrang.
Natürlich gab es immer Leute, die all das für naiv, träumerisch und unmöglich hielten. Die dachten, eine Wahl jenseits des Atlantiks werde auf immer der zentrale Treiber ihrer Zukunft sein. Die glaubten, wenn sie nur warteten, bis die Krise noch größer wird, dann würde schon irgendwer etwas tun. Und die einer positiven Zukunft nur dann trauten, wenn der Weg dorthin in allen Details ausbuchstabiert und von Vorhersagemodellen als wahrscheinlich eingestuft wurde. Aber, wie der britische Aktivist und Autor Rob Hopkins schon 2025 bei einer seiner imaginierten Zeitreisen in das Jahr 2030 schrieb: Niemand erinnert sich heute noch an diese Menschen. Genauso wie sich niemand an die Leute erinnert, die vor über einem Jahrhundert die Bewegung für das Frauenwahlrecht als unrealistisch und hysterisch bezeichnet haben. Die bessere Zukunft war nie eine naive Utopie, sondern work in progress. Sie ist einfach noch in Arbeit.
Internationale Politik Special 06, Oktober 2026, S. 59-63
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