Buchkritik

04. Mai 2026

Die Neuvermessung
 der Weltordnung

Seit gut zwei Jahrzehnten befindet sich das globale Mächtespiel im permanenten Umbruch. Wie können Deutschland und Europa verhindern, dabei auf der Strecke zu bleiben? Antworten von Volker Perthes, Jörg Lau, Roderich Kiesewetter und Jana Puglierin.

Hanns W. Maull
Bild
Bild: Illustration eines Buches auf einem Seziertisch
Lizenz
Alle Rechte vorbehalten

Was vollzieht sich da eigentlich gerade in der Weltpolitik? Und wie sollte Deutschland, sollte Europa darauf antworten? Mit der ersten Frage, also der Vermessung der Weltordnung, beschäftigen sich die Bücher von Volker Per­thes und Jörg Lau. Perthes, ehemaliger Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und hochrangiger UN-Diplomat, untersucht den Zustand und die Perspektiven der internationalen Ordnung mit den Instrumenten der Politikwissenschaft. Lau, internationaler Korrespondent der ZEIT, zeichnet aus journalistischer Perspektive nach, wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Umbruch der Weltpolitik auf den nächsten folgte und wie sich die deutsche Außenpolitik darin zurechtzufinden suchte.

Im Mittelpunkt von Perthes’ Bestandsaufnahme steht der Begriff der Multipolarisierung: Er ist ideologisch weniger aufgeladen als das verwandte Konzept der Multipolarität und fängt zutreffend das Prozesshafte, Disruptive und Unvorhersehbare der gegenwärtigen Weltpolitik ein. Im ersten Teil seines „langen Essays“ stellt Perthes die Mächte vor, die bereits als Pole fungieren (USA, China und Russland) oder in Zukunft fungieren könnten (Indien, der „Pol im Werden“, und die Europäische Union, die „unvollständige Weltmacht“). 

Teil zwei untersucht das Mit- und Gegeneinander der „Pole“ und ihre Interaktionen mit regionalen Mächten im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika und in Südostasien. Besonders spürbar wird der eindrucksvolle Wissensfundus des Autors im Kapitel über die Machtdynamiken im Nahen und Mittleren Osten. Doch gerade diese Region demonstriert auch das Dilemma jeder vertieften Analyse: Der israelisch-amerikanische Angriff auf den Iran hat die Lage erneut verändert – eine Entwicklung, die dieses Buch nicht mehr berücksichtigen konnte. Dennoch liefert dieses Kapitel wie das Buch insgesamt eine stets profunde, kenntnisreiche, abwägende und differenzierte Vermessung der Weltpolitik in ihren globalen wie regionalen Dimensionen. 

Die Multipolarisierung der internationalen Beziehungen, so Perthes, begünstige grundsätzlich vor allem die Mächtigen, sie schaffe durch ihre wachsende Komplexität und Fluidität aber auch neue Handlungsoptionen für mittlere und kleinere Mächte.

Die Regelwerke der internationalen Ordnung der Vereinten Nationen und des UN-Sicherheitsrats verlören zwar an Bindewirkung, sie seien aber noch keineswegs obsolet, schlussfolgert Perthes. Allerdings begünstige die Multipolarisierung flexible, informelle Formen des Zusammenwirkens von Staaten in „Koalitionen der Willigen, der Fähigen oder der Verantwortlichen“. 

Zu den grundlegenden Beobachtungen des Autors gehört, dass es selbst den mächtigsten globalen wie regionalen Polen mit all ihren exzessiven Rüstungspotenzialen sehr viel schwerer fällt, den Gang der Weltpolitik tatsächlich im eigenen Sinne zu beeinflussen, als zu zerstören. Am ehesten gelingt das derzeit der Volksrepublik China, doch auch ihr bleibt dieses Dilemma der Macht nicht erspart. 


Massive Fehleinschätzungen 

Auch bei Jörg Lau geht es um die USA, um Russland, China und den Nahen Osten, diesmal allerdings aus der Perspektive der deutschen Außenpolitik und im Sinne einer kritischen Abrechnung mit ihren Defiziten.

Der Kern von Laus Kritik lautet: Mangel an politischer Vorstellungskraft. Dies habe dazu geführt, dass Deutschlands Außenpolitik ihre Umwelt systematisch falsch wahrgenommen habe und nun „an einem Nullpunkt“ stehe. Massive Fehleinschätzungen diagnostiziert Lau im Umgang mit Russland, aber auch mit den Vereinigten Staaten, mit Israel und China. 

Dass sich deutsche Außenpolitik über Jahre hinweg weigerte, Russland unter Wladimir Putin und China unter Xi Jinping realistisch als gefährliche Bedrohungen einzuschätzen, und an ihrem Credo vom „Wandel durch Handel“ festhielt, hat sich inzwischen herumgesprochen. 

Im Falle der USA betrifft die hartnäckige Fehleinschätzung das Festhalten an der Vorstellung, Amerika könne auch weiterhin als Garant der europäischen Sicherheit fungieren. Lau bezeichnet diese Vorstellung als „Symptom selbstverschuldeter Unmündigkeit“ und verweist darauf, dass die christlich-nationalistisch geprägte amerikanische Konzeption des Westens mit der freiheitlich-demokratischen Europas schlicht unvereinbar sei. 

Das ist vielleicht ein wenig einseitig: Es gab und gibt ja auch das „andere“ Amerika, das es Deutschland ermöglicht hat, ein demokratisches Gemeinwesen aufzubauen und zu festigen. Dennoch sticht Laus Argument: Es gab schon vor den Siegen von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen 2016 und 2024 eine Fülle von guten Gründen dafür, die Vorsorge für Europas Sicherheit und Verteidigung in die eigenen Hände zu nehmen. 

Der Autor rekapituliert dieses Versagen Berlins mit einer Fülle eigener Beobachtungen. Dabei zielt seine Kritik im Wesentlichen auf den ehemaligen Außenminister und jetzigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, den Lau auf vielen Reisen begleiten und beobachten konnte. Als Steinmeiers Illusion von Putins Russland als „Modernisierungspartner“ zerplatzte, scheiterte auch die Vorstellung einer deutschen Sonderbeziehung zu Russland. Die Konsequenz war, wie Lau es nennt, eine „außenpolitische Katastrophe“ – die Tatsache, dass diese Katastrophe bis heute nicht umfangreich aufgearbeitet wurde, sei ein „Skandal“.

Das bemerkenswerteste Kapitel in Laus Abrechnung betrifft die Beziehungen zu Israel. Auch hier konstatiert der Autor „die Realitätsferne (einer) floskelhaften Nahostpolitik“. Er illustriert das mit seinen Beobachtungen im Rahmen einer Recherchereise durch Israel und die besetzten Gebiete 2012. Hier wurde ihm klar, dass Israel eine Gesellschaft ist, die sich „im permanenten Widerspruch eingerichtet“ habe. Auf beiden Seiten des israelisch-palästinensischen Konflikts sieht Lau Kräfte am Werk, die sich einem Ausgleich verweigern und eine Lösung durch Gewalt und Vertreibung suchen. Die deutsche Israel-Politik klammere sich dem Autor zufolge weiterhin an die Zwei-Staaten-Lösung und habe viel zu lange die problematischen innenpolitischen Entwicklungen in Israel ignoriert, in deren Folge mittlerweile rechtsextreme Befürworter ethnischer Säuberungen in Schlüsselpositionen der Regierung gelangt seien. 

Am Ende zieht der Autor eine beunruhigende Bilanz: Vier der wichtigsten außenpolitischen Beziehungen der Bundesrepublik funktionieren nicht mehr so, wie es Berlin gewohnt war. Wenn Deutschland dazu beitragen wolle, den Westen zu retten, um demokratisch überleben zu können, dann brauche seine Außenpolitik jetzt einen veritablen Kraftakt. Beginnen müsste der mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme ihrer außenpolitischen Beziehungen.


Was nun?

Während der Schwerpunkt bei Lau und Perthes auf der Analyse des außenpolitischen Umfelds liegt, konzentrieren sich zwei weitere Bücher auf die Frage, was jetzt zu tun ist. 

Bei Roderich Kiesewetter erscheint diese Frage in abgewandelter Form sogar im Titel. Das macht neugierig, zumal der Verfasser als ehemaliger Generalstabsoffizier verteidigungspolitisch eminent sachkundig und seit 2009 als Mitglied des Bundestags einer der prominentesten Außen- und Verteidigungspolitiker der CDU/CSU ist. Die Neugier wird nicht enttäuscht: Nach einer knappen, kritischen Lageanalyse und einer fundierten Skizze von Zukunftsszenarien liefert Kiesewetter in der zweiten Hälfte des Buches Antworten.

Sein Befund deckt sich weitestgehend mit denjenigen von Perthes und Lau, wenngleich Kiesewetter drastischer und aufrüttelnder formuliert: Europa, so der Autor, stecke bereits tief in einem Systemkrieg, der Deutschlands freiheitlich-demokratische Ordnung bedrohe. Die beiden wichtigsten Schlüssel für Niedergang oder Selbstbehauptung Europas lägen dabei in der Zukunft der Ukraine und Taiwans. Insbesondere für die Zukunft der Ukraine falle Deutschland eine besondere Verantwortung zu, die es allerdings bislang, so Kiesewetter, nicht wahrnehme: Berlin geriere sich als „Bremsklotz“ in der Koalition der Willigen, die sich zur Unterstützung der Ukraine zusammengetan hat.

Dabei könne Europa auch ohne die USA, die Kiesewetter inzwischen im Lager der multipolaren Gegenspieler verortet, der Ukraine zum Sieg gegen den russischen Aggressor verhelfen – wenn Berlin das ernsthaft wolle. Was es dazu bräuchte, skizziert Kiesewetter über 50 Seiten hinweg unter der Überschrift „Meine Forderungen“. Zunächst geht es dem Autor darum, in Deutschland eine strategische Kultur aufzubauen, und danach folgt eine Liste „nationale(r) Notwendigkeiten“ mit zehn Punkten. Sie beginnt mit der Aufforderung an den Bundestag, den Spannungsfall auszurufen und umfasst u.a. eine „Sofortmaßnahmen-Agenda zur Umsetzung der Zeitenwende in der Bundeswehr“, eine „Quickfix-Reform der Nachrichten­dienste“ und Empfehlungen zur politischen Kommunikation. Die Liste endet mit der Frage: „Was ist europäisch und international notwendig?“ und plädiert für eine Lastenteilung zwischen den europäischen Staaten und die richtige Prioritätensetzung.

Oberste Priorität hat für Kiesewetter die Unterstützung der Ukraine, an die zweite Stelle setzt er den „Aufbau von Smart ­Power in Europa“. Gemeint ist damit die Übernahme von Fähigkeiten und Aufgaben, die in Europa bislang die USA übernommen haben – strategischer Lufttransport, Satellitenaufklärung, Flugabwehr oder Marschflugkörper. Der Autor entwirft detaillierte und zugleich umfassend durchdachte, integrierte Handlungsanweisungen für die Berliner Außen- und Sicherheitspolitik. Dabei geht er weit über das hinaus, wozu sich seine eigene Partei bislang durchringen konnte. 


Radikale Kurskorrektur 

Jana Puglierin leitet das Berliner Büro des European Council on Foreign Relations. Auch in ihren Überlegungen geht es vor allem um die Frage: Was tun? (Die Titelfrage „Wer verteidigt Europa?“ ist eher rhetorischer Natur: Natürlich obliegt dies vor allem Europa selbst!). Ihre Antworten skizziert die Autorin im vierten und längsten Kapitel. In ihm geht es um die Erfordernisse einer glaubwürdigen Abschreckung Russlands durch angemessene konventionelle und nukleare Vorkehrungen zum Schutz Europas. 

In den drei ersten Kapiteln skizziert Puglierin die von Russland ausgehende Bedrohung, die Rolle Chinas als dessen Partner und Unterstützer sowie die Unzuverlässigkeit des amerikanischen Verbündeten als Garant der europäischen Sicherheit. Ihre Einschätzung deckt sich weitgehend mit derjenigen der anderen hier rezensierten Autoren; das gilt vor allem hinsichtlich der Bewertung der Bedrohung durch Russland und der Unzuverlässigkeit der USA. Dass China Europas Sicherheit, Stabilität und Wohlstand auch jenseits seiner Unterstützung für Putin wirtschaftlich und politisch massiv gefährdet, blendet die Autorin dagegen aus; ihre Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen konzentrieren sich auf die Bereiche des Militärischen und der gesellschaftlichen Resilienz.

Hier umreißt Puglierin kenntnisreich, detailliert und grundsätzlich überzeugend den Kraftakt, den die Europäer kollektiv unternehmen müssten, um sich angemessen zu schützen. Das einschränkende „grundsätzlich“ hebt darauf ab, dass all diese Forderungen im Wesentlichen seit mindestens 15 Jahren bekannt sind und die Europäer immer wieder Selbstverpflichtungen eingegangen sind, um die Lücken in ihrer Verteidigung zu schließen. 

Die Fortschritte, die es unbestreitbar gegeben hat, blieben allerdings weit hinter dem zurück, was nach Auffassung der meisten Experten erforderlich wäre. Warum das so war und ist, erklärt die Verfasserin überzeugend: Es liegt an „grundlegenden Unterschieden: in den Bedrohungswahrnehmungen, im strategischen Denken, in sicherheitspolitischen Kulturen – und an divergierenden Interessen zwischen Nord und Süd, Ost und West“. 

Warum sollte sich das jetzt ändern? Und wie sollte es ein Land schaffen, das seine Nachbarn so oft enttäuscht hat wie Deutschland, eine radikale Kurskorrektur in Europa energisch und zugleich rücksichtsvoll voranzutreiben?

Vielleicht könnte es helfen, den Blick zu weiten: Wirtschaftliche Aspekte jenseits der Rüstungsindustrie, aber auch die gesellschaftlichen und kulturellen Dimensionen der globalen Auseinandersetzung zwischen den liberalen Demokratien und den autoritären Mächten bleiben bei Puglierin unberücksichtigt. Das ist bedauerlich, denn gerade hier genießt Europa gegenüber Russland und China durchaus Vorteile oder doch zumindest Machtpotenziale, die sich noch stärker heben ließen, wenn dafür die politischen Voraussetzungen geschaffen würden.
 

Volker Perthes: Die Multipolarisierung der Welt. Ein geopolitischer Wegweiser. Berlin: Suhrkamp 2026, 26,00 Euro

Jörg Lau: Der Westen sind jetzt wir. Von unzuverlässigen Freunden und entschlossenen Gegnern: ­Deutschlands neue Verantwortung.  München: Droemer 2026, 26,00 Euro

Roderich Kiesewetter: Was wollen wir? Was können wir? Deutschlands Rolle  in der globalen Machtverschiebung.  Berlin: Econ 2026, 25,00 Euro

Jana Puglierin: Wer verteidigt Europa? Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen.  Hamburg: Rowohlt 2026, 24,00 Euro
 

Für Vollzugriff bitte einloggen.
Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Mai/Juni 2026, S. 120-123

Teilen

Mehr von den Autoren

Prof. Dr. Hanns W. Maull ist Senior Distinguished Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Er unterrichtet am SAIS Bologna Center der Johns Hopkins University.

0

Artikel können Sie noch kostenlos lesen.

Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.