01. Juli 2019

Die nationale Wahl

Für Trumps Außenpolitik gibt es unter amerikanischen Wählern keine Mehrheit. Bei der Wahlentscheidung 2020 dürfte sie dennoch keine Rolle spielen

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Der Triumph Donald Trumps im Herbst 2016 hat einmal mehr gezeigt, dass die Wahl des amerikanischen Präsidenten weitreichende Konsequenzen für die US-Außenpolitik hat. Hätte Hillary Clinton gewonnen, hätte sie einen ganz anderen Kurs verfolgt als Präsident Trump mit seinem „America First“. Die frühere Außenministerin hätte den Wert der NATO nicht infrage gestellt. Sie hätte auch den Verbündeten der USA keine Zölle auferlegt, um angeblich die nationale Sicherheit zu schützen. Ebenso wenig hätte sie zugleich Autokraten gelobt und demokratisch gewählte Politiker kritisiert.

Präsidentschaftswahlen ­haben wichtige Auswirkungen auf die US-Außenpolitik – umgekehrt gilt das allerdings nur selten. Die meisten Amerikaner treffen ihre Wahlentscheidung aufgrund ihrer parteipolitischen Bindungen und wegen innen­politischer Themen wie Arbeitsplätze, Steuern und Gesundheitsversorgung. Die Minderheit von Wählern, die sich von außenpolitischen Themen leiten lässt, kann bei einer knappen Wahl entscheidend sein, wenn diese Wähler in stark umkämpften Bundesstaaten leben, wo die Marge zwischen Sieg und Niederlage schmal ist. Aber insgesamt ist der außenpolitische Kurs der USA eine Folge der Wahlentscheidung und nicht ihre Ursache.


Trotz, nicht wegen

Diese Faustregel wird wahrscheinlich auch 2020 gelten. Dabei ist es nicht so, als ob sich die Amerikaner „America First“ zu eigen gemacht hätten. Im Gegenteil: Sie geben Präsident Trumps Außenpolitik sogar noch schlechtere Noten als seiner Präsidentschaft insgesamt. Aber die Bedenken, die Amerikaner wegen seiner Außenpolitik hegen, stehen in ihrer Rangfolge von Anliegen und Sorgen ziemlich weit unten. Deswegen ist es unwahrscheinlich, dass „America First“ den Wahlausgang bestimmt – gleichgültig, welche Entscheidung die Wähler im November 2020 letztendlich treffen.

Die Vorstellung, dass eine US-Präsidentschaftswahl mit außenpolitischen Themen entschieden werden könnte, gehört zu den fixen Ideen amerikanischer Politik – oft diskutiert, aber selten erlebt. Die Wahl von 1968 wird häufig als Beispiel genannt, weil die amerikanische Öffentlichkeit damals wegen des Vietnamkriegs tief gespalten war. Aber die Unterschiede zwischen Wahlsieger Richard Nixon und Hubert Humphrey in der Vietnampolitik waren klein. In ähnlicher Weise wird der Sieg Ronald Reagans 1980 oft auf das Geiseldrama im Iran und den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan zurückgeführt. In Wahrheit spielten wirtschaftliche Probleme, vor allem die hohe Arbeitslosigkeit und die noch höheren Zinsen, eine sehr viel größere Rolle.

In ähnlicher Weise sind auch Donald Trumps Wahlkampfattacken auf trittbrettfahrende Verbündete und auf unfaire Handelspraktiken für seinen Sieg verantwortlich gemacht worden. Die Beweislage ist jedoch bestenfalls durchwachsen. Trumps Sieg hing mit Sicherheit davon ab, die drei industriell geprägten Staaten Michigan, Pennsylvania und Wisconsin zu gewinnen. Das war seit 1984 keinem Kandidaten der Republikaner mehr gelungen, und hier traf Trumps Ablehnung von Handelsabkommen auf große Zustimmung.

Dennoch erhielt Clinton landesweit fast drei Millionen Stimmen mehr als Trump. Außerdem waren die wirtschaftlichen Sorgen der amerikanischen Öffentlichkeit im Vorfeld der Wahlen zurückgegangen. Schließlich stellten sich die meisten Anhänger der Republikaner auch nicht gegen Freihandel, sondern unterstützten ihn. Das legt nahe, dass sie Trump nicht wegen, sondern trotz seiner Angriffe auf Handelsabkommen wählten. Wie John Sides, Michael Tesler und Lynn Vavreck in ihrem Buch „Identity Crisis“ zeigen, verdankte Trump seinen Sieg nicht so sehr dem Umstand, dass sich seine Wähler Sorgen über die Globalisierung oder Amerikas Rolle in der Welt machten. Vielmehr beruhte er auf Clintons Unfähigkeit, ihre eigene Basis zu mobilisieren, und auf Trumps Geschick bei der Kultivierung ethnischer und kultureller Ressentiments weißer Amerikaner.

Verschiedene Faktoren ­erklären, warum Außenpolitik Präsidentschaftswahlen im Allgemeinen nur am Rande beeinflusst. Der wichtigste Grund: Die meisten Wähler hegen konsistente Parteipräferenzen, sie stimmen für den Kandidaten ihrer Partei, egal wer er oder sie ist. 2016 haben etwa neun von zehn Wählern, die sich selbst als Demokraten bezeichneten, für Clinton gestimmt. Bei den Republikanern votierte ein vergleichbarer Anteil nach eigenen Angaben für Trump. Langzeitstu­dien über Wählerverhalten zeigen, dass sich mehr als acht von zehn Wählern 2012 und 2016 für den Kandidaten derselben Partei entschieden. Obwohl Mitt Romney 2012 eine völlig andere außenpolitische Vision vertrat als Trump 2016, gaben 88 Prozent der Romney-Wähler an, auch für Trump gestimmt zu haben.

Ein weiterer Grund ist, dass heimische Probleme den Wählern fast immer wichtiger sind als Probleme im Ausland. So stellte das Umfrageinstitut Gallup fest, dass im Vorlauf der Wahl 2016 nur 13 Prozent der Wähler Außenpolitik als das ­wichtigste Problem des Landes beschrieben. Im Gegensatz dazu nannten 27 Prozent wirtschaftliche Themen. Den Umfrageinstituten zufolge findet sich zwar oft eine Mehrheit von Wählern, die sagt, dass außenpolitische Fragen einen Einfluss auf ihre Stimmabgabe haben. Aber ihr Anteil ist trotzdem noch erheblich niedriger als der Prozentsatz derer, die dasselbe über die Wirtschaft sagen.

Der vielleicht schlagendste Beweis, wie wenig Außenpolitik die Wähler beeinflusst, ist jedoch, wen sie letztlich wählen. Außer George H.W. Bush verfügte kein einziger Präsident von Ronald Reagan bis Donald Trump über außenpolitische Erfahrung, als er sein Amt antrat. Sie alle besiegten Gegner mit beachtlichen außenpolitischen Qualifikationen. Und was Präsident Bush den Älteren betrifft, verlor er seine Wiederwahl, obwohl er den wahrscheinlich größten außenpolitischen Erfolg aller Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg vorweisen konnte.

Obwohl die Außenpolitik offenkundig eine Nebenrolle spielt, wenn Amerikaner ihre Präsidenten wählen, bedeutet das nicht, dass sie völlig irrelevant dafür ist, wer in das Weiße Haus einzieht. Außenpolitik – oder doch zumindest einzelne außenpolitische Fragen – können für einige Gruppen von Wählern wichtig sein, ob sie nun Amerikaner kubanischer Herkunft in Florida, Milchbauern in Wisconsin oder Stahlarbeiter in Pennsylvania sind. Und wenn am Ende nur 78 000 Stimmen über eine Präsidentschaft entscheiden, wie es 2016 der Fall war, oder sogar nur 537 Stimmen, wie im Jahr 2000, kann man praktisch jede Wählergruppe als entscheidend ansehen.


Internationalismus bevorzugt

Könnte 2020 zur Ausnahme der Regel werden? Mit Sicherheit wird Trumps erneute Kandidatur die These auf die Probe stellen, dass innenpolitische Themen für die Stimmabgabe entscheidend sind. Während seiner ersten beiden Jahre im Amt hat Trump die traditionelle Ausrichtung der US-Außenpolitik gesprengt. Er hat sich Artikel 5 des NATO-Vertrags (die gegenseitige Beistandspflicht) nur widerwillig zu eigen gemacht und hinterfragt, warum die Vereinigten Staaten Verbündete wie Montenegro verteidigen sollen. Er hat einen Handelskrieg mit China begonnen, der sich als nicht leicht zu gewinnen herausstellte, er hat den engsten Verbündeten Amerikas Strafzölle auf Stahl und Aluminium auferlegt und er hat die Europäische Union als „Feind“ bezeichnet. Auch hat Trump wiederholt bezweifelt, dass Russland sich in die 2016er Wahl eingemischt hat. Er hat im selben Zuge Autokraten wie Wladimir Putin und Kim Jong-un gelobt und demokratisch gewählte Politikerinnen wie Angela Merkel und Theresa May kritisiert.

Es ist offensichtlich, dass die Amerikaner sich mehrheitlich nicht mit „America First“ identifizieren. Eine Umfrage von CBS News vom Mai 2019 zeigte, dass nur 39 Prozent Trumps außenpolitischem Handeln zustimmen. Das war etwas weniger als die Zustimmung, die Trump insgesamt erhielt (41 Prozent). Detaillierte Umfragen des Chicago Council on Global Affairs, das seit über vier Jahrzehnten die Meinungen der Öffentlichkeit zur Außenpolitik ­beobachtet, zeigen, dass die Öffentlichkeit Trumps isolationistische und unilaterale Einstellungen ablehnt. Die Umfrage des Councils von 2018 ergab, dass 70 Prozent der Amerikaner sich wünschen, die Vereinigten Staaten würden eine aktive Rolle in der Welt spielen, 6 Prozentpunkte mehr als zum Zeitpunkt von Trumps Wahl. Drei Viertel sprechen sich dafür aus, die Verpflichtungen der USA im Rahmen der NATO aufrechtzuerhalten oder zu verstärken. Es gibt auch jeweils eine Mehrheit, die einverstanden ist, dass die USA Estland, Lettland und Litauen sowie Japan und Südkorea verteidigen, falls diese angegriffen werden.

So viel auch darüber gesprochen wird, dass die Globalisierung dazu geführt habe, dass die Amerikaner heute Freihandelsgegner seien – Umfragen zeigen regelmäßig, dass die Unterstützung für Handel unter Trump gestiegen ist. So veröffentlichte Gallup im Februar 2019 eine Umfrage, nach der jeweils eine Mehrheit von Amerikanern glaubt, dass Handel sich überwiegend positiv auf Innovationen, das US-Wirtschaftswachstum, die Verbraucherpreise und sogar amerikanische Arbeitsplätze auswirke. Diese positiven Einstellungen übertragen sich auch auf einzelne Handelsabkommen. Die Umfrage des Chicago Councils ergab, dass sechs von zehn Amerikanern eine Mitgliedschaft der USA im Handelsabkommen TPP unterstützten. Ein ähnlich hoher Prozentsatz sprach sich dafür aus, dem ohne US-Beteiligung gegründeten TPP-Ersatzvertrag beizutreten, dem aus elf Mitgliedern bestehenden Comprehensive and Progress Agreement for Trans-Pacific Partnership (­CPTPP).

Das Missfallen der Öffentlichkeit an Trumps Außenpolitik sieht man auch an anderen Punkten. Umfragen zeigen immer wieder, dass deutliche Mehrheiten von Amerikanern gegen den Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen und dem Atomabkommen mit dem Iran sind. ­Tatsächlich zeigt die Umfrage des Chicago Council, dass die öffentliche Unterstützung für beide Abkommen während der ersten 18 Monate von Trumps Amtszeit gestiegen ist. Zwei von drei Amerikanern sprechen sich gegen die Entscheidungen des Präsidenten aus.

Die Einstellungen gegenüber „America First“ verlaufen entlang parteipolitischer Linien. Republikaner unterstützen Trumps Außenpolitik weitaus häufiger als es Demokraten tun, während die unabhängigen Wähler irgendwo zwischen beiden liegen. Aber ebenso wie bei den Amerikanern insgesamt zeigen auch die Republikaner geringere Unterstützung für Trumps außenpolitischen Kurs als beispielsweise für seine Wirtschaftspolitik. In Bezug auf mehrere Themen hat sein Rückhalt bei den Republikanern ab- und nicht zugenommen. Man betrachte nur das Pariser Abkommen: Die Umfrage des Chicago Council zeigt, dass der Anteil von Demokraten, die das Abkommen unterstützen, 2017 und 2018 konstant blieb, während er bei den Republikanern um neun Punkte wuchs.

Dass Amerikaner eine weniger isolationistische, weniger unilaterale und stärker auf Zusammenarbeit ausgerichtete Außenpolitik bevorzugen, bedeutet aber nicht, dass sie sie auch aktiv einfordern. Weil die meisten Amerikaner Außenpolitik als nachgeordnet betrachten, richten sie ihre Wahlentscheidung auch nur selten daran aus, ob sie mit den außenpolitischen Entscheidungen eines Präsidenten oder den Positionen eines Kandidaten einverstanden sind. In diesem Sinne ist eine internationalistische Außenpolitik eine Präferenz und keine Bedingung.

Die politische Lehre für 2020 ist klar: Die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten stehen nicht unter politischem Zwang, Trumps außenpolitische Überzeugungen nachzuahmen. Sie haben die Möglichkeit, ein politisches Bündnis für eine traditionellere und weniger nationalistische US-Außenpolitik zu schmieden, wenn sie das wollen. Jedoch gibt es keine Dynamik der öffentlichen Meinung, die sie dazu zwingen würde.


Demokraten blicken nach innen

Bis Juni 2019 hatten 23 Demokraten – eine Rekordzahl – ihre Kandidatur für die Nominierung als Präsidentschaftskandidat erklärt. Trotz der großen Zahl von Bewerbern verfügen nur wenige über relevante außenpolitische Erfahrungen. Noch kleiner ist die Zahl derer, die außenpolitische Themen in den Mittelpunkt ihrer Kampagne rücken. Eine Zusammenstellung der Washington Post vom April 2019 über die Beiträge der Kandidaten in den sozialen Medien zeigt, dass mit Ausnahme des Klimawandels außenpolitische Fragen nur bei drei Kandidaten eine größere Rolle spielten. Nur für einen Kandidaten standen außenpolitische Fragen an erster Stelle. Selbst Joseph Biden, der als ehemaliger Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Senat und ehemaliger Vizepräsident von allen demokratischen Bewerbern die bei weitem größte außenpolitische Erfahrung vorweisen kann, erwähnte in seinem Ankündigungsvideo Außenpolitik nicht einmal.

Die geringe Aufmerksamkeit, die die demokratischen Kandidaten den Ereignissen im Ausland schenken, führte absehbarerweise zu Appellen, der Außenpolitik mehr Gewicht zu geben. Aber der Fokus der Kandidatinnen und Kandidaten nach innen statt nach außen spiegelt mehr wider als ihren Hintergrund und ihre persönlichen Interessen. Es ist eine rationale Entscheidung: Außenpolitische Fragen bedeuten den Wählern in den demokratischen Vorwahlen relativ wenig; was zählt, sind die innenpolitischen Themen und ob ein Kandidat eine plausible Chance hat, Präsident Trump zu besiegen.

So stellte eine Umfrage von Morning Consult fest, dass die Gesundheitsversorgung (25 Prozent) und die Wirtschaft (22 Prozent) die wichtigsten Themen für demokratische Wähler sind. Die nationale Sicherheit (8 Prozent) lag weit dahinter. Ebenso zeigte eine Umfrage von HuffPost/YouGov vom Mai 2019, dass 52 Prozent der demokratischen Wähler wollen, dass ihre Partei den Kandidaten nominiert, der die besten Aussichten hat, Trump zu besiegen. Dagegen bevorzugen nur 38 Prozent den Kandidaten, der ihren Ansichten in Sachfragen am ehesten entspricht.

Allerdings gibt es ein außenpolitisches Thema, das bei Wählern der Demokraten durchaus auf Resonanz trifft: den Klimawandel. Nach einer CNN-Umfrage vom Frühjahr 2019 sagen acht von zehn demokratischen Wählern, es sei „sehr wichtig“, dass der Kandidat, den die Demokraten am Ende aufstellen, für eine aktive Klimapolitik sei. Allerdings sind sich alle demokratischen Präsidentschaftsbewerber, die bisher ihre Kandidatur angekündigt haben, einig, dass Handlungsbedarf besteht. Somit ist es unwahrscheinlich, dass das Thema einem von ihnen besonders nutzt. Tatsächlich liegt der einzige Kandidat, der den Klimawandel zum zentralen Thema seines Wahlkampfs gemacht hat, Jay Insley, Gouverneur des Bundesstaats Washington, sieben Monate vor den ersten demokratischen Vorwahlen in den Umfragen ganz hinten.


Heißes Eisen Klimawandel

Dennoch dürfte der Klimawandel noch am ehesten zum Wahlkampfthema werden. So viele Amerikaner wie nie glauben, dass menschliches Handeln das Klima verändert und dass dies den Vereinigten Staaten schadet. Lang andauernde Hitzewellen, Rekordstürme und anderes Extremwetter könnten die Öffentlichkeit noch mehr in Sorge versetzen und das Thema zur großen Streitfrage machen.

Eine Debatte über Klimawandel muss jedoch nicht unbedingt dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten nützen. Zwar sagen die Demokraten – ebenso wie viele Wähler, die sich selbst als unabhängig beschreiben –, die Verringerung der Treibhausgas-Emissionen und die Linderung des Klimawandels müssten beim Regierungshandeln Vorrang genießen. Doch besteht kein Konsens darüber, wie dieser Herausforderung begegnet werden soll und was es kosten darf.

Dies bietet der Trump-Kampagne eine große Angriffsfläche: Sie wird die Klimapolitik des demokratischen Bewerbers so darstellen, als führe dieser Krieg gegen die US-Wirtschaft. Ein weiterer Vorwurf ist womöglich, dass der demokratische Kandidat mit seiner Klimapolitik die Freiheiten der Amerikaner untergräbt, indem er einschränkt, welche ­Autos die Leute ­fahren und welche ­Nahrungsmittel sie essen dürfen. Auf solche Argumente beriefen sich die Republikaner auch schon bei ihren Angriffen auf den „New Green Deal“, den progressive Demokraten im Kongress im Nachgang zu den Zwischenwahlen 2018 vorgeschlagen hatten.

Ein weiteres außenpolitisches Thema mit dem Potenzial, die Wahl 2020 zu beeinflussen, ist der Handel – besonders, wenn das Ergebnis der Wahl, so wie schon 2016, von den Stimmen der Industriearbeiter im Mittleren Westen abhängt. Wenn es im Wahlkampf um Handelspolitik ging, gehörten die lautesten – wenn auch nicht unbedingt die einflussreichsten – Stimmen seit Jahrzehnten den Gruppen, die argumentieren, dass Freihandelsabkommen Arbeitsplätze und Unternehmen kosten. Nachdem nun aber Trump schon häufiger neue Zölle verhängt hat, wird deutlich, dass Protektionismus ebenfalls Kosten verursacht. Die Vergeltungszölle haben amerikanischen Exporteuren geschadet. Viele von ihnen büßen zudem in wichtigen Auslandsmärkten Marktanteile ein, weil US-Handels­partner inzwischen Abkommen wie CPTTP ausgehandelt haben, die die USA außen vor lassen.

Dennoch wird es für die Demokraten nicht leicht, von dem Schaden zu profitieren, den Trumps Protektionismus verursacht. Sie haben sich seit Langem – ob aus Überzeugung oder aus politischem Kalkül – als die Partei positioniert, die den Nutzen von Freihandel mit besonderer Skepsis betrachtet. Senator Bernie Sanders lehnt multilaterale Freihandelsabkommen vermutlich mindestens so sehr ab wie Donald Trump. Er ist auch nicht der einzige; die Haltung zum Freihandel ist für die Demokraten eine Glaubensfrage. Die kalifornische Senatorin Kamal Harris sah sich bemüßigt zu versichern, dass sie gegen das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA gestimmt hätte – ein Abkommen, das der Senat 23 Jahre vor ihrem Einzug dort verabschiedet hatte. Die interne Parteiendynamik könnte dazu führen, dass der Kandidat, den die Demokraten am Ende aufstellen, in der Handelspolitik eine Art „Trump Lite“ vertritt. Das bedeutet, er würde über Einzelheiten der Entscheidungen des Präsidenten streiten, ohne Trumps grundsätzliche Behauptung infrage zu stellen, dass die Deindustrialisierung Amerikas die Folge von Handelsabkommen ist, und nicht die von technologischen Versäumnissen und schlechter Politik.

In der Chinapolitik besteht dasselbe Problem. Überparteiliche Einmütigkeit mag in Washington selten sein, für den Umgang mit Peking gibt es sie. Der Konsens, der fast 20 Jahre lang zwischen Demokraten und Republikanern bestand, wonach die Integration Chinas in die Weltwirtschaft der US-Wirtschaft nützt und China zu einem „verantwortungsvollen internationalen Teilhaber“ macht, ist gründlich umgeschlagen. Peking gilt nun als Akteur, der die Regeln des Handelssystems ausnutzt. Demzufolge versucht China, nicht nur „die Regeln des Spiels zu bestimmen“, wie Präsident Xi Jinping es ausdrückt, sondern auch „die Spielflächen zu errichten, auf denen die Spiele gespielt werden“. Egal, ob der neue Konsens die Situation trifft, er führt dazu, dass die Demokraten eher über Trumps spezifische Taktiken debattieren als seinen grundsätzlichen Kurs infrage stellen werden.

Ein unkalkulierbares Element in der 2020er Wahl ist der Einsatz militärischer Gewalt. Im Wahlkampf 2016 hatte Trump die US-Interventionen in Afghanistan und Irak als fehlgeleitet angeprangert. Diese Kritik traf bei vielen Amerikanern auf Zustimmung, selbst wenn sie die anderen außenpolitischen Vorschläge Trumps ablehnten. Obwohl Amerikaner wollen, dass sich ihr Land in der Welt engagiert, haben sie die Einsätze in Afghanistan und Irak zutiefst skeptisch gestimmt, was den Einsatz militärischer Gewalt angeht. Erst recht gilt das, wenn das Ziel ein Regimewechsel ist. Aber im späten Frühjahr 2019 nahmen die Spannungen mit dem Iran und Venezuela zu, was zu Spekulationen führte, dass militärische Konflikte mit einem oder beiden Ländern bevorstehen könnten. Trump bemühte sich sofort, die Diskussion zu unterdrücken. Insbesondere sagte er, er strebe keinen Regimewechsel im Iran an. Aber jede Entscheidung zum Einsatz militärischer Gewalt kann die Wahlen beeinflussen. Welchem Kandidaten sie nützen würde, würde davon abhängen, was die Öffentlichkeit als Ursache des Konflikts ansieht und wie die Kämpfe verlaufen.


Nicht überzeugt

Die Präsidentschaftswahl 2016 führte zu einem Kurswechsel in der US-Außenpolitik. In seinem Wahlkampf versprach Donald Trump, in der Außenpolitik andere Ziele anzustreben und sie auf andere Art zu verfolgen. „America First“ war kein vorrangiger Grund für Trumps Überraschungssieg – seine Appelle an die Identität der Weißen, die Schwächen seiner Gegnerin und die Polarisierung der Öffentlichkeit spielten eine viel größere Rolle. Dennoch hielt Trump im Amt Wort. Statt die Führung gegenüber Amerikas Verbündeten, Partnern und Freunden zu übernehmen, um gemeinsame Herausforderungen anzugehen, verfolgt er eine nationalistische und protektionistische Außenpolitik, die von seinem Blick auf Amerikas engstirnigen Eigennutz bestimmt ist.

„America First“ hat die meisten Amerikaner nicht überzeugt. Sie erteilen Trump schlechte Noten für seine Außenpolitik. Dies hat in den Vereinigten Staaten ebenso wie in der übrigen Welt die Meinung aufkommen lassen, die Amerikaner würden 2020 einsehen, welchen Schaden Trump den Interessen der USA im Ausland zugefügt hat. Sie würden dann einen Kandidaten wählen, der für die Rückkehr zu einer traditionelleren Rolle der USA in der Welt steht.

Natürlich ist es gut möglich, dass Trump nur eine Amtszeit regiert. Doch seine außenpolitischen Entscheidungen werden dafür vermutlich nicht den Ausschlag geben. US-Präsidentschaftswahlen drehen sich fast immer um innenpolitische Fragen, und wenn es nicht zu außergewöhnlichen Ereignissen kommt, dürfte sich diese Regel auch 2020 bewahrheiten.

James M. Lindsay ist Senior Vice President des Council on Foreign Relations. Zuletzt veröffentlichte er „The Empty Throne: America’s Abdication of Global Leadership“ (mit Ivo H. Daalder).

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli August 2019, S. 80-87

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