01. November 2020

Die jüdische 
Identität: Warum Amerika?

Is|ra|e|li:
„Ein Staatsangehöriger oder Einwohner Israels oder eine Person israelischer Abstammung“

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Bild: Zeichnung der die Fackel haltenden Hand der Freiheitsstatue
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Ich bin in Israel aufgewachsen, einem der konfliktreichsten Gebiete der Welt. Trotz und mit diesen Konflikten war das Leben mit meinen beiden liebevollen Eltern und zwei jüngeren Zwillingsschwestern wunderbar. Als ich älter wurde, lernte ich, mit dem Terror, der Trauer und den Ereignissen umzugehen, die mich zu dem machten, was ich heute bin, die meinen Charakter und meine Identität geprägt haben.


Nachdem ich meinen Wehrdienst in der israelischen Armee geleistet hatte und die Welt bereiste, begriff ich etwas: Ich sah, wie viele Menschen es gibt, die genauso sind wie ich – jüdisch –, und doch verschieden, weil sie anders aufwuchsen und ihre Identität durch das Leben und das Vermächtnis ihrer Familien anders beeinflusst wurde.


Amerikanische Juden sind mit den gleichen Feiertagen und Liedern aufgewachsen wie ich. Aber sie mussten keine Wehrpflicht ableisten; diese stellt aber einen wichtigen Aspekt von dem dar, was ich bin und was mich ausmacht. Auch das jüdische Narrativ und die generationenübergreifende jüdische Identität, besonders seit dem Holocaust, ist in jeder jüdischen Gemeinde und Familie auf der Welt anders. Natürlich haben diejenigen, die entkamen und überlebten, die jüngeren Generationen in ganz besonderer Weise beeinflusst.


Im Licht des Holocaust, den auch meine eigene Familie durchgemacht hatte, begann ich nicht nur, meine Identität und mein „Judentum“ zu hinterfragen. Sondern auch, warum meine Familie die Wahl getroffen hatte, nach Israel einzuwandern, und wie dies meine Identität und mein „Israelitum“ prägen. Ich fragte mich, wie es wäre, in den USA geboren zu sein und mein jüdisches Leben mit anderen Identitätskomponenten zu leben. Und ich begann, mich mit Politik zu befassen – vor allem mit den Möglichkeiten einer Politik nach der monströsen Krise des Holocaust. In diesem Artikel möchte ich der jüdischen Identität einer Familie über drei Generationen nachspüren – warum sie sich nach dem Holocaust entschied, Europa zu verlassen und sich an eine neue Umgebung – Amerika – anzupassen. Wie entwickelten die als Juden aufwachsenden jüngeren Generationen ihre Identität an diesem neuen Ort? Ich hoffe, dass ich mit der Geschichte einer anderen Familie auch meine Fragen an mich selbst beantworten kann.


Ame|ri|ka: „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“

Warum wanderten Juden, die den Holocaust überlebt hatten, nach Amerika aus? Joe (Ernst) Adamson ist ein wunderbarer Mann, dessen Leben durch eine Reihe glücklicher Zufälle gerettet wurde. Als ich das erste Mal mit ihm über sein Leben sprach, war ich von seiner Geschichte und seinem Mut überwältigt. Joe musste sich immer wieder neu anpassen, eine Sprache lernen, eine Kultur und neue Wege. Joe wurde 1924 in Königsberg (heute Kaliningrad) geboren, in Ostpreußen, als Sohn einer stolzen Familie mit einem ausgeprägten deutschen Erbe. Joes Familie gehörte in der deutschen Gesellschaft dazu. Sein Großvater war Ratsherr, sein Vater besaß eine Metallfabrik. Als die Nazis an die Macht kamen, zogen Joe, seine Mutter und seine beiden Schwestern nach Frankfurt an der Oder, um bei den Großeltern zu leben. Zu dieser Zeit begannen sich die Lebensumstände der Familie zu verändern. Joe wurde jetzt „Judenjunge“ genannt und von den größeren Kindern in der Schule verprügelt. Nicht allzu lange nach Joes Bar-Mizwa 1938 kam es am 9. November zur Reichspogromnacht gegen die Juden. In Häuser, Synagogen und Geschäfte, die Juden gehörten, wurde eingebrochen, viele wurden abgebrannt, geplündert, zerstört.


Joes zwei Onkel wurden in das Konzentrationslager Dachau gebracht, und das Haus, in dem er lebte, wurde zerstört. Das war der Moment, in dem Joes Mutter beschloss, aus Deutschland wegzugehen. Allerdings gaben viele Länder zu diesem Zeitpunkt Juden schon keine Einreiseerlaubnis mehr.


Im August desselben Jahres (1938) gelang es Joe, mit dem Kindertransport nach London zu kommen, um bei entfernten Verwandten zu leben. Es war schwierig, einen Platz in dem Zug zu bekommen, und die Familie musste all ihre Kontakte bemühen. Der Kindertransport sollte jüdische Kinder aus ihren Heimatländern holen und in ein Land bringen, wo sie vor den Nazis sicher waren. Jetzt war England Joes neues Zuhause, ein Land, das er noch immer als Heimat betrachtet, neben seinem Haus in Connecticut, wo er heute lebt. Damals wusste Joe noch nicht, welches Schicksal sechs Millionen Juden erwartete.


In England besuchte Joe die Schule; er lernte Englisch und passte sich an eine neue Kultur an. Als sich die Lage verschlimmerte und Deutschland mit der Invasion Englands drohte, flüchtete die Familie aus London aufs Land. Joe war erst 16, als er zu arbeiten anfing. Seine Mutter und seine Schwestern waren nach England nachgekommen und gemeinsam zogen sie nach London. Sie mussten hart arbeiten, aber sie waren dankbar, am Leben zu sein.


Joe war Anfang 20, als er einige amerikanische Soldaten kennenlernte und die Chance bekam, sich als Dolmetscher und Ermittler von NS-Verbrechen einer Sonderabteilung der US Air Force anzuschließen. Mit seiner neuen Abteilung ging er nach Österreich und sah zum ersten Mal mit eigenen Augen, was die Nazis getan hatten. Er begriff, wie unauslöschlich tief der Einschnitt für die Juden und für andere Minderheiten war, deren Mitglieder in der Zeit des Holocaust ermordet worden waren. 1949 wanderte Joe in die USA aus. In New York begann er ein neues Leben. Nach vielen Jahren in Deutschland und England musste er sich ein weiteres Mal anpassen, aber nun zum letzten Mal. Als ich Joe fragte, warum er sich für Amerika entschieden hatte, war seine Antwort einfach: wegen der vielen Möglichkeiten, die es dort gab. Joe war in die USA aufgebrochen, um sein Leben zu verändern, weil England denen, die sie benötigten, nicht genug Chancen bot.


Für viele jüdische Flüchtlinge wurde Amerika zur Chance, in einem neuen Land von vorne anzufangen. Zwischen 1945 und 1952 ließen die USA etwa 400 000 Juden einreisen, die eine neue Heimat fanden und von denen erwartet wurde, dass sie sich in die bestehende Gemeinde einfügten. Überraschenderweise sagte Joe, „die deutschen Juden wurden vom amerikanischen Judentum nicht akzeptiert“. Deutsche Juden bildeten die größte jüdische Einwanderungswelle in die USA nach dem Holocaust und unterschieden sich mit ihrem Hintergrund und ihrer Kultur von der jüdisch-amerikanischen Gemeinde. Die amerikanischen Juden betrachteten sich als „höhere Schicht“ und wiesen die neue Welle jüdischer Einwanderung aus Deutschland und dessen Nachbarländern zurück. Die deutschen Juden waren, wie Joe berichtete, auf sich allein gestellt.


Auch in Amerika erfuhr Joe Antisemitismus ebenso wie Hass auf nichtjüdische Minderheiten, da Amerikaner mit afrikanischen Wurzeln unter denselben Problemen litten wie die Juden. Diese Faktoren brachten die folgenden Generationen dazu, sich zu „amerikanisieren“. Das erklärt einen Unterschied zur Identität der nächsten Generation, der Kinder der jüdischen Einwanderer, die die erste amerikanische Generation bildeten.


Iden|ti|tät „Die Tatsache, der oder das zu sein, was die Person oder Sache ist“

Als ich mit Joes Söhnen Allen und Peter sprach, erzählten sie mir von ihrem Leben als Amerikaner. Ihre Kindheit war völlig anders als die ihres Vaters – sie lebten mit Eltern, die eingewandert waren, in einem zweisprachigen Zuhause, in dem ein starker deutscher Akzent die Melodie vorgab. Aber ihr Leben war ganz und gar amerikanisch und nicht von der Geschichte ihres Vaters beeinflusst. Es gab Hamburger und Pommes zum Abendessen und nur selten europäisches Essen. Zu keiner Zeit gab es ein Gefühl der Wut auf Deutschland, da der Holocaust und Erzählungen aus dieser Zeit kein zentraler Teil des Familienlebens waren. Doch die europäische Identität beider Eltern (beide waren Deutsche) blieb erhalten.


Peter und Allen betrachten den deutschen Teil ihrer Identität nicht als wesentlichen Einfluss. Sie sehen sich selbst als Amerikaner der ersten Generation an, Kinder von Einwanderern. Ihre Identität ist zunächst, Amerikaner zu sein, dann erst kommt das Jude-Sein. Beide wuchsen in einer Kleinstadt auf, jeder kannte jeden. Es war ein großes Glück, in dieser Zeit am Leben zu sein, eine Zeit, die sie mehr zu Amerikanern als zu Europäern machte.


Mo|dern „Sich auf die Gegenwart oder die jüngste Zeit und nicht auf die ferne Vergangenheit beziehend“

„Freiwillige Juden“ (Diana Pinto) sind die europäischen Juden, die seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa leben. Der Ausdruck umfasst auch die Juden, die später aus freiem Willen in die EU eingewandert sind und dort leben, wo sie sich mit den Folgen des Krieges auseinandersetzen müssen, die die jüdische Gemeinde auf ewig zeichnen werden.


Als ich mit Eric sprach – Joes Enkel und Peters Sohn –, der heute in Berlin lebt, wollte ich seine Haltung als Amerikaner der zweiten Generation verstehen. Eric ist Halb-Schwede, da seine Mutter in die USA auswanderte und zum Judentum übertrat, um das jüdische Vermächtnis zu erhalten. Eric fühlt sich als Amerikaner mit europäischen Wurzeln, weil er fließend Schwedisch spricht. Seine amerikanische Identität prägte ihn mehr als sein Judentum, für ihn war es von sekundärer Bedeutung, Jude zu sein.


Nach der Universität zog Eric nach Deutschland, nicht unbedingt, weil sein Großvater dort geboren wurde, sondern weil er die europäische Kultur und Politik kennenlernen wollte. In Deutschland fühlte er aber dann zum ersten Mal die unterschiedlichen Haltungen zu Juden. Zwar sind Juden auch in den USA in der Minderheit, aber dort ist es ganz selbstverständlich, Jude zu sein, während es sich in Deutschland tatsächlich auch so anfühlt, als wäre man in der Minderheit. Eric berichtet, dass er mehr Verbindungen zu Einheimischen hat als zu Amerikanern und Juden. Es fühlt sich für ihn nicht so an, als wäre er von Fremden umgeben, da er selbst Europäer ist, was es ihm erleichtert, zu seiner Umgebung eine Beziehung aufzubauen. Für ihn ist das heutige Amerika keine attraktive Option mehr, und er kann sich gut vorstellen, in Europa zu bleiben.


Zu|hau|se „Der Ort, wo man lebt“

Nachdem ich mit den drei Generationen gesprochen hatte, in dieser einen Familie unter vielen, ist mir vieles klargeworden. Für die erste Generation, für Joe, war Amerika das Land der vielen Möglichkeiten, ein Ort, wo er sich niederlassen und ein neues Kapitel aufschlagen konnte, Kinder haben und in Frieden leben. Für die zweite Generation, für Peter und Allen, ist die Tatsache, dass sie Amerikaner sind, die wichtigste Quelle von Identität. In einer US-Umgebung aufwachsend, als Kinder eingewanderter Eltern, ist das Zuhause, das sie als Kinder hatten, ihr neues Zuhause.


Eric, die dritte Generation, hat eine US-Identität mit großem europäischem Einfluss, anders als sein Vater und Onkel, vielleicht auch wegen seiner schwedischen Mutter. Die erste Generation hatte ein „Identitätsfenster“ für die folgende Generation geöffnet, die sich als amerikanisch versteht, und für die darauffolgende, die es zurück nach Europa zieht. Wo die drei Generationen ihr Zuhause sehen, passt perfekt zur Entwicklung ihrer Identität als einem generationenübergreifenden Phänomen. Joe sieht England, wo er sein neues Leben leben konnte, und Connecticut, wo er heute ein glückliches Leben führt, als sein Zuhause. Allen und Peter sehen Amerika als ihr Zuhause, mit einer großen Betonung auf der Familie als Heimat; Eric sieht Deutschland und Europa als sein Zuhause.


Was wäre Amerika für mich gewesen? Vielleicht hätten meine Eltern dort eine zweite Chance gehabt, wie viele Israelis, die fortgingen, als die zweite Intifada im Jahr 2000 begann. Ich wäre auf eine US-Schule gegangen, aber zuhause hätte ich die Aromen und Erinnerungen aus der Ferne genossen. Ich hätte Hanukka mit meiner Familie und Weihnachten mit meinen Freunden gefeiert. Aber eines ist mir jetzt klar: Europäische Einwanderer erkannten in Amerika ihre Chance, nach der Krise ihr Leben neu zu beginnen. Ein Ort, wo ihre Kinder und Enkelkinder die Freiheit haben würden, eine eigene Identität zu wählen und zu entwickeln, ohne Angst davor zu haben, „anders“ zu sein.

 

Noa Rekanaty ist B.A.-Studentin an der Lauder School of Government des IDC Herzliya. Sie ist überzeugte Aktivistin und setzt sich mittels verschiedener sozialer Organisationen und Artikel für Israel ein. Sie plant, nach Erlangen des Master- und Doktorgrads als Dozentin und Anwältin an verschiedenen Institutionen zu arbeiten.

Aus dem Amerikanischen von Bettina Vestring

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 2, November 2020, S. 44-48

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