Die Ängste der Anrainer
Wie nehmen die Menschen in der Ukraine, Georgien, Polen und Estland die russische Bedrohung wahr? Was wünschen sie sich von Deutschland und Europa?
Ukraine: Eine Zeitenwende und viele Zweifel
Deutschlands „Zeitenwende“ klingt wie ein Versprechen. Doch bleibt sie mehr als ein schönes Wort? In Kyjiw mischt sich Hoffnung mit Skepsis. Von Valeriia Semeniuk
In den ersten Wochen nach Beginn der russischen Vollinvasion, als ich gerade in Berlin angekommen war, musste ich es neuen Bekannten immer wieder erklären: Ukrainisch und Russisch sind nicht „fast dasselbe“. Das ist etwa so, als behauptete man, Niederländisch und Deutsch seien ein und dieselbe Sprache. Ja, es gibt sprachliche Verwandtschaften. Doch nach der Flucht vor russischen Panzern, die auf Kyjiw vorrückten, hört diese „Ähnlichkeit“ auf, eine neutrale linguistische Frage zu sein.
Im Bann Russlands
Diese Gleichsetzung ist kein Zeichen von Ignoranz oder bösem Willen. Sie verweist schlicht auf ein Bild der Ukraine, das in Deutschland lange Zeit fast ausschließlich durch russische Narrative geprägt wurde. Und nicht nur die Ukraine, sondern eine ganze Region – von Minsk bis Tiflis – galt im Westen über Jahrzehnte als russische Einflusszone, als kulturelles Anhängsel Moskaus. In der deutschen Wissenschaft war Slawistik oft gleichbedeutend mit Russistik, im politischen Diskurs wurde unter Ostpolitik Russland-Politik verstanden.
Hätte es anders kommen können? Vermutlich kaum. Über Jahrhunderte hinweg wurde Russlands Großmachtanspruch gepflegt – im Zarenreich wie in der Sowjetunion. Dieser imperiale Charme wirkte nicht nur nach Westen, sondern auch auf uns selbst. Viele Ukrainer – mich eingeschlossen – wuchsen mit Russisch als Muttersprache auf: Es galt als Sprache der Bildung und des Aufstiegs. Selbst die formale Unabhängigkeit von 1991 bedeutete keinen inneren Bruch. Unsere „Trennung“ von Russland war lang – und häufig schmerzhaft. Erst der von Moskau 2014 begonnene Krieg markierte den eigentlichen Bruch der Ukraine mit Russland.
In Deutschland hielt man lange an vertrauten Erzählungen fest. Selbst als die autoritären Züge Putins längst erkennbar waren, galt „Wandel durch Annäherung“ weiterhin als bewährter Ansatz im Umgang mit dem Kreml. Die „kleinen“ Länder Osteuropas galten oft als schwer einzuordnende Randregion – eine Haltung, die in der Ukraine sehr deutlich zu spüren war.
Warnungen aus Kyjiw vor den tatsächlichen Absichten Moskaus wurden bis 2022 hartnäckig überhört. Vielleicht trug auch das dazu bei, dass der Schock in Deutschland in den ersten Tagen der Vollinvasion so tief saß. „Sind Träger der großen russischen Kultur wirklich zu solchen Verbrechen fähig?“, fragte mich ein Berliner Rentner fassungslos – auf Russisch, das er einst in der Schule in Ostberlin gelernt hatte. Auch die Ukraine war erschüttert – aber frei von Illusionen über Russland.
Nach Jahren des Überhörens wurde die vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene Zeitenwende in Kyjiw mit spürbarem Aufatmen aufgenommen – als Signal eines möglichen Umdenkens in der deutschen Ostpolitik. Schon bald wurde deutlich, dass diesen Worten auch Taten folgten. Deutschland, das zu Beginn Helme schickte, wurde zum zweitgrößten Waffenlieferanten nach den USA.
Doch trotz aller Fortschritte bleibt eine grundlegende Frage offen: Wie begreift Berlin Russlands Verhalten? Als systemische Bedrohung für die europäische Sicherheit – oder als bedauerliche, aber vorübergehende Abweichung, die man schlicht „überstehen“ müsse, um anschließend zum Business as usual zurückzukehren?
Aufschlussreich ist der Umgang mit russischen Liberalen in Berlin, das inzwischen zu einer Art inoffiziellen Hauptstadt des Exil-Russlands geworden ist. Es mangelt nicht an Bühnen, Diskussionen, offenen Türen. Und es ist kein Geheimnis, dass man in diesen Kreisen Hoffnungsträger für ein anderes Russland ohne Putin sieht.
Aus Kyjiw wird diese Dynamik mit einer gewissen Vorsicht beobachtet. In Berlin jedoch stößt diese Zurückhaltung nicht selten auf Unverständnis. Schließlich, so heißt es, müssten die Ukrainer jede Initiative gegen Putin begrüßen. Und tatsächlich – warum nicht nach einer gemeinsamen Podiumsdiskussion in Berlin ein Glas Sekt auf „Russland ohne Putin“ erheben?
Im ukrainischen öffentlichen Diskurs kursiert eine Formel: Der russische Liberalismus endet dort, wo die ukrainische Frage beginnt. Selbst scharfe Putin-Kritiker sehen die Ukraine oft weiterhin als Teil eines gemeinsamen Kulturraums. Von ihnen ist kaum grundsätzliche Kritik an der jahrhundertelangen Vorherrschaft Russlands in der Region zu vernehmen.
Der Krieg gegen die Ukraine wird dabei meist auf die Person Putins zurückgeführt – als handele es sich um einen individuellen Irrweg, nicht um ein strukturelles Problem. Dass dahinter ein historisch gewachsenes Überlegenheitsdenken steht, wird selten thematisiert. Vielleicht ist es dieser blinde Fleck, aus dem sich das anhaltende Misstrauen vieler Ukrainer speist.
Kultur als Feigenblatt
Mitunter stößt in Deutschland auch der ukrainische Umgang mit russischer Kultur auf Unverständnis – jener Kultur, die im Westen über Jahrzehnte besondere Bewunderung genoss. Warum diese Skepsis aus Kyjiw? Ist Kultur nicht per se unpolitisch – oder gar ein Mittel der Verständigung?
Doch genau darin liegt das Problem: Aus ukrainischer Sicht war die „große russische“ Kultur nie unpolitisch. Über Jahrzehnte trug sie zur Festigung des russischen Großmachtbilds bei. Heute, mitten im Krieg, wirkt sie zudem als Instrument der „Soft Power“.
„Russland versucht, mit Kultur sein Image reinzuwaschen“, sagt Tetiana Yesypova, Chorsängerin an der Berliner Staatsoper, auch sie eine ukrainische Geflüchtete, wie so viele. „Sie dient gewissermaßen als moralische Entlastung – nach dem Motto: So schlimm können wir nicht sein, wenn wir eine solche Kultur hervorgebracht haben.“ Sie wundert sich, wie groß die Ehrfurcht vor russischer Kultur in Berlin bleibt. „Viele Deutsche haben keine Vorstellung davon, wie reich und eigenständig die ukrainische Musik ist, weil Veranstalter aus Gewohnheit fast automatisch auf russisches Repertoire zurückgreifen“, sagt sie. „Ukrainische Werke finden bis jetzt, wenn überhaupt, nur dosiert Eingang – eher aus politischer Korrektheit als aus echtem Interesse.“
Dabei ließe sich kaum übersehen, dass die Größe der russischen Kultur auch auf einem Dominanzverhältnis beruhte. Talente aus der Ukraine wurden mit Privilegien nach Petersburg oder Moskau gezogen, während die eigenständige ukrainische Kultur über Jahrhunderte marginalisiert oder unterdrückt wurde.
„Dies ist ein Krieg um unsere Existenz. Entweder wir überleben oder sie vernichten uns“, sagt Serhij Tachmasow, ein ehemaliger Kollege von mir, heute Soldat. „Russland kämpft nicht um Territorien, sondern darum, uns als eigenständige Nation auszulöschen.“ Vor über 20 Jahren haben Serhij und ich zusammen in Moskau gearbeitet – im Korrespondenzbüro eines ukrainischen Senders. Nun wirkt das beinahe unwirklich: Kramatorsk, wo wir uns während meiner Recherchereise treffen, liegt nur 15 Kilometer von den Stellungen der russischen Truppen entfernt.
Es steht uns nicht zu, Deutschland vorzuschreiben, wie es seine Russland-Politik gestalten soll. Wichtig ist für uns nur eines: dass die Ukraine nicht länger als bloßer Puffer zwischen Moskau und Berlin gesehen wird. Ob die Zeitenwende mehr bleibt als nur ein schönes Wort, hängt auch davon ab, ob man unbequeme historische Wahrheiten zulässt – im Bewusstsein, dass die ukrainische Perspektive von einem tiefen historischen Trauma geprägt ist, verstärkt durch den täglichen Schmerz dieses Krieges. •
Valeriia Semeniuk ist eine ukrainische Journalistin. Sie schreibt seit Mai 2022 von Berlin aus für den Tagesspiegel.
Georgien: Der Feind in unserem Land
Russland besetzt ein Fünftel des georgischen Staatsgebiets und spricht dem Land die Eigenständigkeit ab. Schutz erwarten die Georgier von der EU. Von Khatia Khasaia
Der Russland-Diskurs ist in Georgien kein Gegenstand akademischer Debatten. Es ist ein Diskurs, dem man sich nicht entziehen kann. Er wurde dem Land durch Geschichte, Krieg und Geografie aufgezwungen – Faktoren, über die zu streiten müßig wäre und die sich hier niemand ausgesucht hat.
Zuweilen hört man aus Moskau das Wort vom „Brudervolk“. In der georgischen Kultur ist ein Bruder jemand, der einem den Rücken freihält. In der russischen politischen Rhetorik ist es einer, der sich anmaßt, über das Schicksal anderer zu entscheiden und bei Bedarf ihre Geschichte umzuschreiben. Wladimir Putin etwa, ein ausgesprochener Experte in historischem Revisionismus, hat erklärt, es habe „nie ein Georgien gegeben“, lediglich eine Provinz Tiflis. In Georgien werden solche Aussagen längst nicht mehr als rhetorische Exzesse wahrgenommen. Vielmehr sind sie eine Erinnerung an russische Pläne, die längst konkret umgesetzt wurden – von der selbsternannten Republik Abchasien bis hin zu Südossetien.
Nach wie vor stehen 20 Prozent des international anerkannten georgischen Staatsgebiets unter russischer Besatzung. Stacheldraht zerschneidet Dörfer, Familien befinden sich auf verschiedenen Seiten künstlicher Linien, während der Prozess der Grenzverschiebung seit Jahren schleichend voranschreitet. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Russland in Georgien als existenzielle Bedrohung angesehen wird: Laut aktuellen Umfragen bezeichnen rund 70 Prozent der Georgier Russland als ihren Hauptfeind, nur 2 Prozent als Freund.
Das sind die Erfahrungen, die den georgischen Diskurs über die europäische Russland-Politik prägen. Er hat sicherlich einen anderen Klang als der in Berlin oder Paris, denn er speist sich nicht aus der Hoffnung auf einen künftigen Wandel in Moskau, sondern aus der Erinnerung an die Vergangenheit. Nicht aus Theorie, sondern aus praktischem Wissen.
Vor diesem Hintergrund nimmt Europa im georgischen Bewusstsein einen fast sakralen Platz ein. Die Unterstützung für eine EU-Mitgliedschaft liegt stabil bei über 75 Prozent. Für die ältere Generation ist Europa ein Versprechen, das in immer weitere Ferne rückt. Für junge Menschen ist es eine existenzielle Entscheidung: ein One-Way-Ticket aus dem postsowjetischen Raum und die Chance, nicht in den Einflussbereich Moskaus zurückzukehren.
Kein Wunder, dass die Entscheidung der georgischen Regierung im Jahr 2024, den Prozess der europäischen Integration auszusetzen, in Tiflis beispiellos lange andauernde Demonstrationen auslöste. Für den proeuropäischen Teil der Gesellschaft bedeutete die Aussetzung die Abkehr von einem nationalen Ziel. Doch die Enttäuschung richtete sich nicht nur nach innen. Die Reaktion Europas erschien vielen als zu milde, fast höflich. Das Ausbleiben harter personengebundener Sanktionen gegen führende georgische Politiker, allen voran den prorussischen Oligarchen Bidsina Iwanischwili, verstärkte das Gefühl, die georgische Gesellschaft würde erneut mit dem Problem allein gelassen.
Europas chronische Unentschiedenheit
In Georgien häufen sich die Klagen über Europa und seine chronische Unentschlossenheit. In öffentlichen Diskussionen hört man die Meinung, der Westen habe jahrelang eine Politik des „Eyes wide shut“ betrieben: Die Alarmsignale wurden wahrgenommen, Entscheidungen aber aufgeschoben. Das deutlichste Beispiel dafür ist der Krieg von 2008. Selbst die Gewährung des EU-Kandidatenstatus für Georgien wird von vielen als verspätet angesehen – zu diesem Zeitpunkt waren die entscheidenden Weichen bereits gestellt und das Land wurde in die Kategorie derer einsortiert, die auf dem Weg in die Autokratie waren.
Daraus ergibt sich die Frage, die in Tiflis immer dringlicher gestellt wird: Ist Europa bereit, diejenigen zu verteidigen, die sich für Europa entschieden haben – und welches Signal sendet das an Moskau?
In diesen Überlegungen nimmt Deutschland einen besonderen Platz ein. Lange Zeit wurde Berlin als allzu nachsichtiger Verfechter eines Dialogs mit Russland wahrgenommen – einer, der seine Aufmerksamkeit zu stark auf die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit mit Russland legte und zu wenig auf die Warnungen aus Osteuropa. Georgische Analysten bezeichnen die Politik Deutschlands zu Beginn der 2000er Jahre oft als verpasste Chance – eine Zeit, in der klar definierte „rote Linien“ Moskaus Kalkül hätten korrigieren können.
Heute beobachtet man in Georgien aufmerksam, ob Deutschlands Zeitenwende konsequent umgesetzt wird. Für Tiflis würde das den Übergang von symbolischer Unterstützung hin zu einer realen Berücksichtigung der Sicherheit der im Schatten Russlands lebenden Staaten als Teil der europäischen Sicherheit bedeuten.
In der georgischen Zivilgesellschaft wird die Forderung nach einer Abkehr von der Idee „besonderer Beziehungen“ zu Moskau immer lauter. Der Dialog als solcher wird hier nicht abgelehnt, doch ein Dialog ohne Druckmittel und Konsequenzen als Antwort auf Aggressionen wird als Instrument gesehen, das sich als unwirksam erwiesen hat. „Moskau respektiert nur Macht und Druck“ – eine Lektion, die in Georgien als offensichtlich gilt.
Daraus ergeben sich Erwartungen. Die Gesellschaft besteht auf einer harten Sanktionspolitik, dem Verzicht auf Illusionen bezüglich der „Reformierbarkeit“ des russischen Regimes und der Anerkennung der Sicherheit Osteuropas und des Südkaukasus als zentralem Element der europäischen Architektur. Die beschleunigte Integration der unter dem Druck Russlands stehenden Länder wird nicht als Geste guten Willens, sondern als strategische Notwendigkeit wahrgenommen.
Es gibt jedoch auch eine andere, pragmatischere Logik, die vor allem bei der älteren Generation und allen denjenigen, die Angst vor Moskau haben, verbreitet ist. Europa ist weit weg, Russland ist nah – und das Wichtigste ist, einen Krieg zu vermeiden. In diesem Weltbild verstärkt die Unentschlossenheit Europas nur die Zweifel an der Fähigkeit des Westens, einen wirksamen Schutz zu gewährleisten, und untermauert das Argument, dass man „keine Provokationen riskieren sollte“. Russland ist hier kein Partner, sondern eine Konstante, mit der man sich arrangieren muss, weil die Alternative eine Eskalation wäre, für die kleine Staaten wie Georgien einen zu hohen Preis zahlen könnten.
So ist die Stimmung in Georgien heute angespannt und ungeduldig. Die Geschichte hat das Land gelehrt, nicht auf schnelle Lösungen oder politische Wunder zu hoffen. Gerade deshalb wird die vorherrschende Erwartung ganz klar und ohne Illusionen formuliert: Europa muss von der Rückschau zur Verantwortung übergehen. Von der Analyse der Fehler der Vergangenheit zum Bewusstsein für den Preis der gegenwärtigen Unentschlossenheit. Jedes Zögern, jeder Versuch, eine Entscheidung zu verschieben, wird in Tiflis nicht als diplomatisches Feingefühl wahrgenommen, sondern als Signal – vor allem an Moskau. Und dieses Signal wird allzu oft eindeutig interpretiert. Aus dem Russischen von Marina Goiny •
Khatia Khasaia ist Journalistin beim georgischen Dienst von Radio Liberty in Tiflis.
Polen: Kontrolle ist besser
Russland, der „schwierige, aber unverzichtbare Partner“? Frag’ nach in Warschau. Brüssel wäre generell gut beraten, den Osteuropäern besser zuzuhören. Von Anna Kwiatkowska
Wir Polen sind Realisten. In einer Umfrage des führenden polnischen Meinungsforschungsinstituts IBRiS erklärten Ende 2025 knapp 60 Prozent der Befragten, dass der Krieg in der Ukraine im Jahr 2026 nicht enden werde. Die meisten Polinnen und Polen gehen davon aus, dass es in diesem Krieg keine schnellen diplomatischen Abkürzungen gibt, dass Moskau den Konflikt so lange hinauszögern wird, wie es ihm vorteilhaft scheint. Überraschend ist das nicht: Für uns ist Russland kein Begriff aus dem Geschichtsbuch, keine entfernte politische Kategorie. Auch die trügerische Vorstellung Russlands als großer Kulturnation trübt unseren Blick nicht.
In Warschau wird Russland nicht als „schwieriger Nachbar“ oder „unverzichtbarer Partner“ gesehen – und wurde es auch früher nicht. In der Wahrnehmung der erdrückenden Mehrheit der Polinnen und Polen ist es ein aggressiver, revisionistischer Staat, der unmissverständlich erklärt, er werde jene bestrafen, die den Gedanken einer „russischen Welt“ zurückweisen. Ein Staat, der den Gehorsam seiner Nachbarn erzwingen will.
Diese Diagnose hat nichts mit einer angeblichen „polnischen Emotionalität“ zu tun, sondern mit Nüchternheit und Erinnerungsvermögen: Russland testet die Grenzen und den Zusammenhalt des Westens nicht erst seit gestern. Und es tut das konsequent, systematisch und mit vielen Instrumenten. Mit Gewalt, mit Lügen, mit Geld und mit Geduld. Die zentrale Prämisse der polnischen Russland-Wahrnehmung lautet: Daran wird sich auch auf absehbare Zeit nichts ändern.
Diese Einschätzung haben wir unseren Verbündeten lange vor der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass vermittelt. Polnische Expertinnen und Politiker beschrieben die russische Herausforderung als langfristig und umfassend. Selbst als einige in Polen, im Westen der „unheilbaren Russophobie“ bezichtigt, ihre Rhetorik abmilderten, blockierten sie konsequent russische Übernahmen strategischer Betriebe, diversifizierten Gasquellen und -routen und bauten alternative Energieinfrastruktur auf.
Ich beschreibe diese polnische Einschätzung, weil sie politische Folgen hat. Sollte dieser Krieg lange andauern und sollte Russland bereit sein, Gewalt auch gegen NATO-Mitglieder einzusetzen, dann muss man in Kategorien von Abschreckung und Resilienz denken. Für eine solche Politik – die einzige realistische Strategie gegenüber Russland auf kurze und mittlere Sicht – brauchen wir Partner in Europa und vor allem in Deutschland. Zusammenarbeit ist möglich. Aber dafür müssen wir zuerst ein paar ehrliche Sätze aussprechen – ganz im Sinne von Ferdinand Lassalle: „Alle große politische Aktion besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.“
Polens Problem mit Deutschland
Wir sehen und würdigen, dass sich der Ton in Berlin verändert hat: Zeitenwende, Epochenbruch, Putin als Kriegsverbrecher. In Warschau sieht man auch konkrete Schritte, die dieser neuen Rhetorik folgen – etwa die Entscheidung, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen, oder die Stationierung einer deutschen Brigade in Litauen.
Gleichzeitig bleibt in Polen die Frage nach Berlins Glaubwürdigkeit virulent. Viele verstehen nicht, wie man die eigene Russland-Politik als einen der größten strategischen Fehler bezeichnen kann, ohne die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn die Architekten dieser Politik weiterhin hohe Ämter und Schlüsselpositionen in Außen- oder Sicherheitsfragen einnehmen, drängt sich die Frage auf: Kann man Deutschland wirklich zutrauen, dass ein tiefgreifender Wandel und ein echtes Umdenken einkehren?
Diese Skepsis wird durch einen alten Reflex verstärkt, der seit Jahrzehnten in Teilen der deutschen Debatte präsent ist: die Neigung, Mittel- und Osteuropäer als „unreife“ Akteure zu behandeln, die „dem Frieden im Weg stehen“. Auch die wiederkehrenden Vorschläge aus Europas Hauptstädten nach „Sondergesandten“ und „neuen Dialogkanälen“ sind kaum mehr als der Versuch, jene zu umgehen, die über Russland am meisten wissen und das größte Risiko tragen: die Mittel- und Osteuropäer. Kaja Kallas’ konsequente Haltung gegenüber dem Kreml stört für viele das Drehbuch einer „Normalisierung“ nach einem „Friedensabkommen“.
Konsolidierung statt Kerneuropa
Wenn Europa aus der Geschichte lernen will, dann erwarten wir, dass die Perspektive der östlichen und nördlichen Flanke endlich als Potenzial gesehen wird und nicht als Hindernis. Wir erwarten weder eine deutsche Führung in der europäischen Russland-Politik noch dass der Krieg in der Ukraine zum Anlass genommen wird, die EU unter altbekannten Schlagworten wie „Europa als geopolitischer Akteur“ zu zentralisieren.
Die Versuchung ist groß – zumal die Krise durch die Politik von US-Präsident Donald Trump verschärft wird, der aggressiv auf die Demontage der Europäischen Union hinarbeitet. Die richtige Antwort darauf heißt europäische Konsolidierung, kollektive Führung und die Stärkung des europäischen NATO-Pfeilers – nicht die nächste Debatte über ein „Kerneuropa“.
Ja, Europa braucht Handlungsfähigkeit. Aber es kann sie gewinnen, indem es sich um weit Profaneres kümmert: die wirtschaftliche Stärkung der Mitgliedsländer, die konsequente Durchsetzung von Sanktionen, das Schließen von Schlupflöchern in der Exportkontrolle, die Nachverfolgung von Lieferketten und das Unterbinden von Umgehungskanälen über Drittstaaten.
Ebenso wichtig ist es, die östliche Außengrenze der Union als strategischen Schutzschild der gesamten Gemeinschaft zu begreifen. Eine wirksame und langfristige Russland-Politik heißt Abschreckung und Aufbau eigener Resilienz: die Absicherung von Häfen, Bahnverbindungen, Energieinfrastruktur und logistischen Knotenpunkten sowie der Ausbau der Luftverteidigung.
Konkrete deutsch-polnische Projekte könnten ein praktischer Test für einen effektiven, wenn auch wenig spektakulären Ansatz sein: den Ausbau militärischer Mobilitätskorridore, die auch Schwertransporte ermöglichen – eine Investition, die gerade den östlichen Bundesländern zugutekäme.
Hinzu müsste ein dauerhaftes System zur Abwehr von Desinformation und Sabotage kommen – vom Hinweis- und Informationsaustausch über gemeinsame Übungen bis hin zu Abwehrmaßnahmen. Ebenso wichtig ist die gemeinsame Verantwortung für die Ostsee: Schutz von Kabeln, Häfen und kritischer Infrastruktur sowie bessere Verfahren für die Reaktion auf Zwischenfälle.
Schließlich braucht es ein sicheres Angebot für die demokratische russische Diaspora: Unterstützung der Exilmedien, Förderung von Journalisten und Wissenschaftlerinnen, die Archivierung von Beweisen für Kriegsverbrechen und all das bei vollständiger Überprüfung und null Toleranz für Kontakte mit dem Regime.
Das alles mag prosaisch klingen – doch genau darin liegt heute die politische Wahrheit: Europas Glaubwürdigkeit beginnt da, wo die großen Konzepte enden. Die EU kann weiter über Einstimmigkeit und Sicherheitsarchitektur debattieren, aber Moskau wartet nicht. Russland setzt auf Verzögerung, Ermüdung und westliche Streitigkeiten.
Produktiver als jahrelange Diskussionen über einen „Kern Europas“ wäre es, einfach ein paar Dinge gemeinsam zu tun – ab morgen. Im Vertrauen, aber unter ständiger Kontrolle. In Polen lernen wir aus Fehlern. •
Anna Kwiatkowska ist Gründerin und Leiterin der Forschungsgruppe Deutschland am Zentrum für Oststudien (OSW) in Warschau.
Estland: Schießt nicht auf den Boten!
„Nie wieder kampflos, nie wieder allein“: Das hat man in Narva aus seinen bitteren Erfahrungen mit Russland gelernt. Und auch Europa braucht die Esten. Von Christopher Aloe
Ende 2025 gab der estnische Geheimdienstchef Kaupo Rosin eine Art vorsichtige Entwarnung: Es gebe derzeit keine Anzeichen dafür, dass Russland einen Angriff auf Estland vorbereite. Russland respektiere die Grenzen der NATO-Staaten; es sei aber Estlands Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das auch so bleibt.
Das Schlüsselwort ist hier „derzeit“: Noch tobt Russlands Angriffskrieg, in dem die Ukrainer Europa verteidigen. Mittlerweile setzt man Kyjiw unter Druck, ein Friedensabkommen zu unterzeichnen. Wenn dieses Abkommen es Russland ermöglicht, seine Ziele zu erreichen, würde einmal mehr bewiesen, dass Aggression sich auszahlt, und der russische Hunger nach mehr würde steigen.
Ein solches Szenario hat der deutsche Sicherheitsexperte Carlo Masala in seinem Buch „Wenn Russland gewinnt“ beschrieben. In Masalas Szenario testet Russland nach einem solchen Friedensabkommen die NATO, indem es eine schnelle, begrenzte Operation startet und die estnische Grenzstadt Narva einnimmt. Die NATO reagiert darauf nicht – und bricht zusammen, weil Europa unvorbereitet und in Bezug auf Russland gespalten ist und weil der US-Präsident nicht bereit ist, einen Krieg in Europa zu riskieren. Je weiter die Menschen von Russland entfernt lebten, hat Masala mir einmal gesagt, desto häufiger tauche eine alte Frage in neuer Form auf: „Warum für Narva sterben?“
Man könnte die Frage umdrehen: Warum sollten Esten und andere Russland-Anrainer ständig ihre Verteidigungsausgaben erhöhen und im Zweifel sterben, um Europa zu schützen, wenn die Westeuropäer nicht bereit sind, dasselbe zu tun?
Vorbild Finnland
Masalas Szenario trifft in mancherlei Hinsicht den Nagel auf den Kopf, unterschätzt aber die Reaktion Estlands. Estland hat aus seiner Geschichte gelernt, und wie die Deutschen haben auch wir zwei „Nie wieder“. Das erste: Niemals wieder werden wir unser Land kampflos aufgeben! Im Zweiten Weltkrieg ließen Estland und die anderen baltischen Staaten sowjetische Truppen einmarschieren. Finnland hingegen leistete Widerstand und schaffte es, seine Unabhängigkeit zu bewahren.
Die Entschlossenheit Estlands zeigt sich in der steigenden Mitgliederzahl der estnischen paramilitärischen Organisation Kaitseliit seit Beginn des Krieges in der Ukraine. Und auch die Bereitschaft der Bevölkerung, das Land zu verteidigen, ist groß. Laut einer Umfrage des Verteidigungsministeriums von 2025 halten 82 Prozent der Bevölkerung einen bewaffneten Widerstand im Falle eines Angriffs für notwendig, und 62 Prozent sind persönlich bereit, dazu beizutragen. Das hat nichts mit einer aggressiven Haltung oder Russophobie zu tun, sondern mit dem Wunsch, durch Vorsorge den Frieden zu bewahren.
Estland hat ein auf Wehrpflicht und Reservisten basierendes System, das in Kriegszeiten eine Stärke von rund 43 000 Soldaten hat. Die Bevölkerung Deutschlands ist etwa 65 Mal so groß wie die Estlands, dennoch hat die Bundeswehr zurzeit nur etwa 186 000 aktive Soldaten und 30 000 Reservisten. Mittlerweile diskutiert man über die Wiedereinführung der Wehrpflicht, und das mit Recht: Als größtes Land Europas könnte Deutschland auf diese Weise seine militärischen Fähigkeiten stärken, damit Europa friedlich und geopolitisch relevant bleibt.
Die zweite Lektion, die Estland gelernt hat, lautet: Nie wieder allein! Deshalb sind wir Mitglied der NATO und der EU. Als kleines Land brauchen wir unsere Verbündeten. Aber auch die brauchen uns, denn allein würden die europäischen Staaten zu dem werden, wovor Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Neujahrsansprache gewarnt hat: ein Spielball der Großmächte.
Die USA haben deutlich gemacht, dass sie von den Europäern erwarten, mehr Verantwortung für die eigene Verteidigung zu übernehmen. Letztlich liegt das auch im Interesse Europas selbst. Estland setzt sich seit Langem dafür ein und geht mit gutem Beispiel voran: Seit Jahren geben wir mehr als 2 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus, ab diesem Jahr sogar mehr als 5 Prozent.
Estland erwartet nicht, dass Deutschland oder Westeuropa die Verteidigung Europas allein schultern. Russlands Anrainer leisten bereits ihren Beitrag; sie fordern aber andere auf, dasselbe zu tun.
Die Welt hat sich verändert; die regelbasierte Ordnung steht unter Druck. Um einen Platz in dieser Welt zu haben, muss Europa strategisch autonom werden, denn dies würde die Position Europas nicht nur gegenüber Russland stärken, sondern auch in seinen Beziehungen zu den USA.
Estland hat sich nie Illusionen über Russland gemacht, weil wir uns diesen Luxus nie leisten konnten. Putins Russland bleibt rhetorisch aggressiv gegenüber den baltischen Staaten. Er betrachtet deren Unabhängigkeit und den Zusammenbruch der Sowjetunion als eine Tragödie; Moskau sieht Europa als systemischen Rivalen, den man schwächen, spalten und seines NATO-Schutzes berauben will.
Eine ganze Reihe von Staats- und Regierungschefs haben Estlands Sichtweise auf Russland übernommen. Derzeit aber scheint sich das Blatt wieder zu wenden; vielen gelten wir als zu aggressiv. Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa hat im Rückblick auf die Zeit vor der vollständigen Invasion der Ukraine angedeutet, es habe an den Balten und den Polen gelegen, dass es nicht zu weiteren Gesprächen mit Russland über die Ukraine gekommen sei. Aber ist es fair, auf den Boten zu schießen, der nichts weiter tut, als berechtigte Warnungen vor Russland zu überbringen?
Die Gründe für den Krieg in der Ukraine sind auf Putins imperiale Ambitionen zurückzuführen und darauf, dass der Westen 2008 und 2014 nicht entschlossen genug gehandelt hat. Man sollte sich auch keine Illusionen machen, dass nach dem Ende des Ukraine-Krieges eine Rückkehr zum Business as usual möglich sei. Russlands imperialistische Ziele werden sich nicht ändern. Wir Esten wollen keinen Krieg mit Russland. Im Gegenteil, wir hätten dabei am meisten zu verlieren: als Land, das etwa 8000 Quadratkilometer kleiner ist als der Donbass. Letztendlich ist es der beste und kostengünstigste Weg, um die russische Bedrohung abzuschrecken, die Ukraine zu unterstützen, den Druck auf Moskau aufrechtzuerhalten, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen und sich auf einen möglichen Konflikt vorzubereiten. Übertragen aus dem Englischen von Joachim Staron •
Christopher Aloe ist Redakteur in der Auslandsredaktion bei der estnischen Tageszeitung Postimees.
Internationale Politik Special 3, März 2026, S. 50-59
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