Deutschlands strategische Lücke zeigt sich in Afrika
Deutschland hat gelernt, die Sprache der Strategie zu sprechen. Seit der Zeitenwende ist dieses Vokabular um einige Begriffe reicher geworden: Widerstandsfähigkeit, Risikominderung, Wettbewerbsfähigkeit – Begriffe, die vor zehn Jahren in Berlin noch beinahe fremd geklungen haben. Heute haben wir eine Nationale Sicherheitsstrategie, eine China-Strategie, afrikapolitische Leitlinien. Das Vokabular hat sich verändert. Ob sich damit auch der politische Instinkt gewandelt hat, ist eine komplexere Frage.
Während des Großteils der deutschen Nachkriegsgeschichte war Zurückhaltung kein Versagen der Politik. Sie war die Politik. Eine Kultur bewusster Selbstbeschränkung passte zu einem Land, das seinen Nachbarn – und sich selbst – noch beweisen musste, dass es sich verändert hatte. Diese Vorsicht schuf Vertrauen. Mit der Zeit jedoch wurde sie zur Gewohnheit. Und Gewohnheiten überdauern häufig die Gründe, aus denen sie entstanden sind.
Es besteht ein Unterschied zwischen dem Verfassen einer Strategie und ihrer Umsetzung. Im Ersteren ist Deutschland hervorragend; bei Letzterem tut es sich schwerer. Ministerien berufen Konferenzen ein, Budgets werden bereitgestellt, Partnerschaften ausgerufen. Vieles davon ist sinnvoll, manches beeindruckend. Doch all dies genügt nicht, um politisches Gewicht zu schaffen. Deutschland ist präsent und wird dafür in der Regel geschätzt. Woran es ihm fehlt, ist die Fähigkeit, diese Präsenz in Einfluss zu übersetzen.
Jahrzehntelang hatte diese Ambivalenz kaum Konsequenzen. Washington garantierte Deutschlands Sicherheit. Die großen geopolitischen Fragen wurden anderen überlassen. Der Wohlstand kam durch die Globalisierung, der moralische Anspruch durch Entwicklungszusammenarbeit und Multilateralismus. Es war eine bequeme Arbeitsteilung.
Aber diese Arbeitsteilung besteht heute nicht mehr. Washington ist interessengeleiteter geworden. Peking ist überall präsent. Moskau hat die Illusion beendet, dass Handel allein Frieden sichern könne. Die Golfstaaten treten ambitioniert und finanzstark auf. Paris versteht trotz aller Schwierigkeiten noch immer die Inszenierung der Diplomatie. Rom hat gelernt, eigene Interessen als Strategie zu präsentieren – und dabei überzeugend zu wirken. Und afrikanische Regierungen warten nicht mehr auf Europa: Sie wählen zwischen konkurrierenden Angeboten.
Gemeinsame Interessen definieren und vertreten
In Afrika wird Deutschlands strategische Lücke besonders sichtbar. Afrikanische Staats- und Regierungschefs fragen nicht mehr danach, wer seine Unterstützung am lautesten verspricht. Sie fragen, wer tatsächlich dabei helfen kann, im eigenen Land Kapazitäten aufzubauen: Energiesysteme, Industrien, Kompetenzen, Infrastruktur, Kapitalmärkte und diplomatischen Einfluss.
Die deutsch-afrikanischen Beziehungen haben mit diesem Wandel nicht Schritt gehalten. Deutschland zählt in Afrika zwar weiterhin zu den vertrauenswürdigeren europäischen Akteuren – es ist weniger stark durch koloniale Verflechtungen belastet, verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit und bringt leistungsfähige Unternehmen, glaubwürdige Institutionen und echte technologische Stärke mit. Doch allzu oft werden diese Ressourcen lediglich verwaltet, anstatt dass sie zu einem kohärenten politischen Angebot zusammengeführt würden. Berlin sollte die Beziehungen zu Afrika als strategische Partnerschaften gestalten, in denen deutsche und afrikanische Interessen gemeinsam definiert, miteinander verbunden und politisch wirksam vertreten werden.
Das ist von Bedeutung, weil Afrika in der europäischen Zukunft mehr als nur eine Nebenrolle spielt. Das demografische Gewicht des Kontinents, sein Potenzial für erneuerbare Energien, seine sicherheitspolitischen Dynamiken und seine wachsende Stimme in multilateralen Foren wirken sich unmittelbar auf jene Fragen aus, die Deutschland selbst als strategisch bezeichnet. In keinem dieser Kontexte ist Afrika eine bloße Randnotiz. Vielmehr wird sich gerade dort entscheiden, ob diese Ambitionen politische Substanz gewinnen oder nur Teil des strategischen Vokabulars bleiben.
Partnerschaften mit Kenia
Wenn Berlin wissen will, ob es auch außerhalb Europas strategisch handeln kann, lohnt sich ein Blick nach Kenia.
In Nairobi laufen nahezu alle Themen zusammen, die für die deutsche Politik von Bedeutung sind: Energiewende, digitales Wachstum, Lieferketten und Europas künftige Rolle in einer multipolaren Welt. Bislang deutet vieles darauf hin, dass Deutschland die Beziehung weiterhin eher als Verwaltungsaufgabe denn als politisches Projekt behandelt.
Das bedeutet nicht, dass Deutschland nicht bereits präsent ist. Im Gegenteil, die Beziehungen zu Kenia verfügen über ein belastbares Fundament. Dazu gehören die auf der COP 27 vereinbarte Klima- und Entwicklungspartnerschaft, mit der Berlin Kenia auf dem Weg zu einer vollständig erneuerbaren Energieversorgung bis 2030 unterstützt, die Migrations- und Mobilitätspartnerschaft sowie seit Juli 2024 das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zwischen der EU und Kenia. Auch ökonomisch kommt nun Bewegung in die bilateralen Beziehungen. Im Juni richtete Berlin den Kenya Business Day aus und verwies dabei auf die rund 120 deutschen Unternehmen vor Ort sowie auf den Handel, der 2025 um 23 Prozent auf 590 Millionen Euro gewachsen ist. Von Vernachlässigung kann also keine Rede sein.
Doch ein institutionelles Fundament ist nicht dasselbe wie Ambition. Andere sind mit größerem politischem Ehrgeiz vorangegangen. Im Mai richteten Kenia und Frankreich gemeinsam den ersten Africa Forward Summit in Nairobi aus. Die beiden Präsidenten William Ruto und Emmanuel Macron brachten afrikanische und französische Entscheidungsträger zusammen, um über Investitionen und Wachstum zu beraten und eine andere Form der Partnerschaft zu entwerfen: eine Partnerschaft, die auf gemeinsamer Verantwortung statt auf fest zugewiesenen Rollen beruht und deren Gestaltung klar in afrikanischen Händen liegt.
Etwa zur gleichen Zeit stellte Macron eine Afrika-Initiative im Umfang von 23 Milliarden Euro vor, die auf gemeinsamen Investitionen statt auf Entwicklungshilfe basiert. Ruto antwortete mit jenen Worten, die Europa immer öfter zu hören bekommt: Gleichberechtigung, Souveränität und gegenseitiger Nutzen. Im April verabschiedeten Italien und Kenia im Rahmen des römischen Mattei-Plans einen Aktionsplan für die Jahre 2026 bis 2029, der Kenia in den Bereichen Handel, Bildung, Sicherheit und Technologie als Schwerpunktpartner benennt. Die Teilnahme von Präsident Ruto am G7-Gipfel in Évian einen Monat später folgte demselben Muster. Die französische Präsidentschaft hatte Partnerländer wie Indien, Kenia, Südkorea, Brasilien und Ägypten eingeladen – aus der Erkenntnis heraus, dass sich die großen Herausforderungen unserer Zeit nicht länger von sieben Ländern allein lösen lassen. Ruto nutzte die Gelegenheit, um eine Forderung zu bekräftigen, die er seit Langem vertritt: Die internationale Finanzarchitektur müsse reformiert werden, damit die Staaten des Globalen Südens, und insbesondere die in Afrika, Zugang zu vergünstigter, langfristiger Finanzierung erhalten und bei internationalen Entscheidungen tatsächlich mitbestimmen können.
All das bedeutet nicht, dass Paris oder Rom, rein technisch betrachtet, mehr leisten als Berlin. Doch sie tun etwas, das Deutschland nach wie vor schwerfällt: Sie geben ihrem Interesse an Afrika eine politische Form. Deutschland hingegen bleibt vorsichtig und auf Verfahren konzentriert. Es handelt ernsthaft – aber mit bemerkenswert wenig strategischer Vorstellungskraft.
Und genau darin liegt das Problem. Deutschland neigt zu der Annahme, ein guter Partner zu sein, bedeute automatisch, ein relevanter Partner zu sein. Das stimmt nicht. Relevanz entsteht, wenn ein Land seine eigenen Interessen so sichtbar und glaubwürdig mit den Ambitionen eines anderen Landes verbindet, dass diese Verbindung tatsächlich wahrgenommen wird. Deutschland hat reale Interessen in Kenia. Kenia wiederum verfügt über immer mehr Optionen. Berlin braucht eine Beziehung, die beides anerkennt.
Kenia verdient diese Aufmerksamkeit: Es ist die größte Volkswirtschaft Ostafrikas, ein regionaler Knotenpunkt und eines der bedeutendsten Zentren für erneuerbare Energien auf dem afrikanischen Kontinent. Seine junge, immer stärker digitalisierte Wirtschaft und seine Lage zwischen Afrika, dem Indischen Ozean und dem weiteren indopazifischen Raum verleihen dem Land ein strategisches Gewicht, das über seine Größe hinausgeht. Das gilt ebenso für Nairobis Stellung als einzige Stadt im Globalen Süden, die einen Hauptsitz der Vereinten Nationen beherbergt. Doch auch Kenias erhebliche Schwierigkeiten gehören zu diesem Bild: Das Land trägt eine große Schuldenlast, leidet unter hoher Jugendarbeitslosigkeit und ist erheblichen Klimarisiken ausgesetzt. Gerade diese Probleme sprechen dafür, eine Partnerschaft ernster zu nehmen.
Ein vielversprechender deutscher Ansatz müsste mit einem Perspektivenwechsel beginnen: Kenia sollte als strategischer Partner betrachtet werden – nicht als eine Sammlung voneinander getrennter Politikfelder. Entwicklungszusammenarbeit, Migration, Handel und Klima werden jeweils auf getrennten Gleisen behandelt. Kenia stellen sich all diese Fragen gleichzeitig. Und in Wahrheit gilt dasselbe für die deutschen Interessen im Land. Eine Strategie würde sie als ein gemeinsames Gespräch behandeln, nicht als voneinander getrennte Handlungsfelder.
Auch eine politische Aufwertung Nairobis wäre hilfreich – nicht, um das französische diplomatische Theater zu imitieren, sondern weil persönliche Präsenz in der Diplomatie ein Zeichen des Respekts ist. Berlin verfügt zudem über ein starkes Angebot: berufliche Bildung, Forschung und funktionierende Institutionen. Das sind echte Stärken. Doch zu oft bleiben diese Stärken in den Ministerien stecken.
Beiderseitiger Nutzen: Kooperation im Energiesektor
Entscheidend ist, ob dieses Angebot der kenianischen Industrialisierung und dem Aufbau lokaler Kompetenzen dient – oder ob ein solches Angebot lediglich deutsche Interessen im Gewand der Zusammenarbeit nach Kenia trägt. Gerade im Energiesektor wird dieser Unterschied deutlich. Eine Partnerschaft für grünen Wasserstoff, die Strom und Wasserstoff vor allem zurück in die deutsche Industrie leitet, trägt kaum zum Aufbau eigener Fähigkeiten bei und schafft noch weniger industrielle Kapazitäten. Eine Partnerschaft hingegen, die Verarbeitung, Fertigung und anwendungsorientierte Forschung in Kenia finanziert, bewirkt etwas anderes. Sie verwandelt Kenias erneuerbares Energiepotenzial in industrielle Kapazitäten im eigenen Land. So würde eine Energiepartnerschaft beiden Ländern zugutekommen, nicht nur einem.
Kenia ist letztlich ein Test dafür, ob die Zeitenwende über Europas eigene Krisen hinausreicht – und ob Berlin strategisch handeln kann, wenn es nicht durch unmittelbaren Druck dazu gezwungen wird. Ernsthaftigkeit und industrielle Kompetenz sind echte deutsche Stärken. Langfristig könnten sie in Nairobi erhebliches Gewicht entfalten. Doch Stärke ohne Vorstellungskraft erstarrt zur Bürokratie. Und Bürokratie, so zuverlässig sie auch sein mag, wird nur selten wahrgenommen. Deutschland braucht keine weitere Afrika-Strategie. Es braucht eine Entscheidung. Eine Entscheidung, endlich jener Ambition gerecht zu werden, die seine Strategiepapiere seit drei Jahren versprechen. In Nairobi sollte diese Entscheidung ihren Anfang nehmen.
Internationale Politik 6, November/Dezember 2026, S. 116-118
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