Porträt

04. Mai 2026

Der Putschist als Popstar

Wo die Not so groß ist wie im afrikanischen Burkina Faso, da wächst die Sehnsucht nach Helden: Vorhang auf für Ibrahim Traoré, den Oberstleutnant, der sich als Freiheitskämpfer inszeniert und doch außer Unterdrückung nicht viel zu bieten hat.

Dominic Johnson
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Bild: Porträt von Ibrahim Traoré
Eine Art afrikanischer Asterix? Was die Kunst der Inszenierung angeht, macht keiner Ibrahim Traoré, seit 2022 Präsident von Burkina Faso, etwas vor.
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Vor rund einem Jahr machte auf sozialen Medien in vielen Ländern Afrikas eine Kampagne die Runde. In einem kleinen fernen Land, so der Tenor, biete ein todesmutiger junger Anführer den Imperialisten die Stirn, eine Art afrikanischer Asterix, der seinem gallischen Dorf zu panafrikanischem Ruhm verhelfe. Der Name des Landes: Burkina Faso. Der Name des Anführers: Ibrahim Traoré.

Als nämlicher Oberstleutnant Ibrahim Traoré im Oktober 2022 den Amtseid als Übergangspräsident ablegte, war er der jüngste Staatschef der Welt. Den 34-Jährigen hatte das Militär von Burkina Faso an die Macht gehievt – es hatte bereits im Januar die gewählte Regierung weggeputscht. 

Burkina Faso war damals ein gescheiterter Staat. 40 Prozent der Landesfläche standen unter Kontrolle islamistischer Rebellen, in weiten Landesteilen waren die staatlichen Dienste zusammengebrochen. Im viel größeren Mali gleich nebenan hatte das Militär 2020 und 2021 mit Putschen vorgemacht, wie man die Zügel in die Hand nimmt. Jetzt also Burkina Faso. 

„Mut, Selbstlosigkeit, Entschlossenheit“ lautet das Motto von Paul-Henri Sandaogo Damiba, als er am 24. Januar 2022 an der Spitze einer „Patriotischen Bewegung für Sicherheit und Restauration“ (MPSR) den prowestlichen Präsidenten Roch Marc Kaboré absetzte und die Führung übernahm. Einen „erbarmungslosen Kampf gegen die Terroristen“ versprach die MPSR, „die Wiederherstellung der Integrität des Staatsgebiets“. Der Putsch war ein Generationenwechsel. Der gestürzte Kaboré war 64, der neue Juntachef Damiba 41. Nach einer Serie brutaler Massaker an unzureichend ausgestatteten Soldaten hatten Damiba und die Seinen ihre Geduld mit der Regierung verloren. 

Jetzt sollte die Armee freie Bahn bekommen. Die Junta dekretierte „Militärzonen“, die nicht betreten werden durften; wen die Armee dort antraf, war Freiwild – die alte Taktik der europäischen kolonialen Eroberung. Zugleich durften Islamisten sich in lokalen Dialogprozessen in die Gesellschaft integrieren. Mit dieser Doktrin grenzte man sich bewusst von Frankreichs Antiterrorkrieg aus Spezialoperationen und Hochtechnologie ab.

Doch es funktionierte nicht. Nach ein paar Monaten Ruhe kam es wieder zu Überfällen und Machtkämpfen, und nachdem am 30. September 2022 auf den Straßen Ouagadougous Panzer aufgefahren waren, verkündeten die Militärs in der Nacht, die MPSR habe Damiba durch Traoré ersetzt. Traoré hatte zuvor Spezialeinheiten in Kaya im umkämpften Norden Burkina Fasos bekämpft und so den Unmut der Truppe hautnah mitbekommen. 

„Kann er uns retten?“, fragte Burkina Fasos größte Zeitung L’Observateur Paalga wenige Tage später und nannte Traoré einen „Freund Gottes“. Tatsächlich war der 34-Jährige vor allem ein Freund Russlands, das in jener Zeit die von Frankreich verlassenen Räume besetzte und sich als Freund der „afrikanischen Souveränität“ inszenierte, mit Propaganda, Waffen, Militärberatern und Söldnern. Der damals noch Putin nahestehende Chef der Wagner-Söldnertruppe, Jewgeni Prigoschin, lobte Traoré als „wahrhaft mutigen Sohn seines Vaterlands“. Traoré revanchierte sich mit der Vergabe von zwei zusätzlichen Goldförderlizenzen an die russische Firma Nordgold.

„Souveränität“ im Sinne einer Abkehr vom Westen ist Traorés außenpolitisches Credo. Schon nach wenigen Monaten mussten die in Burkina Faso stationierten 400 französischen Spezialkräfte das Land verlassen; bereits beim Putsch hatten begeisterte Jugendliche französische Einrichtungen in Ouagadougou angegriffen. 

„Der Kampf für die totale Unabhängigkeit hat begonnen“, rief der junge Militärführer in seiner Rede zum Unabhängigkeitstag am 11. Dezember 2022 und versprach: „Unser Kampf wird nicht enden, bevor nicht alle Kinder Burkina Fasos sich satt essen und friedlich schlafen können.“ 

Bewusst stellt sich Traoré damit in die Tradition von Thomas Sankara, der 1983 im damaligen Obervolta ebenfalls als junger Soldat die Macht ergriffen und die „Republik der Aufrechten“ (Burkina Faso) ausgerufen hatte. 

Eifert nicht den Weißen nach, besinnt euch auf eure eigene Kraft, predigte Sankara seinem Volk: Kontrolliert die eigenen Ressourcen, esst die eigenen Nahrungsmittel, entwickelt ein eigenes Denken. Sankara lebte Genügsamkeit und Verzicht persönlich vor. 

Nach nur vier Jahren war es vorbei. Die eigenen Soldaten töteten Sankara, sein Mitstreiter Blaise Compaoré folgte ihm und regierte bis zu einem Volksaufstand 2014, den die Armee unterstützte. Das läutete die Demokratisierung ein, die das Land aber dem islamistischen Terror auslieferte, während die Generäle mit ihrem Machtverlust haderten.


Das Volk an die Waffen

Jetzt ist die Armee in Burkina Faso wieder obenauf, und sie pflegt den Nimbus einer Volksarmee. Das Volk an die Waffen, lautet Traorés Strategie gegen den islamistischen Terror. Er vergrößert nicht nur die Streitkräfte, sondern auch die noch unter der Zivilregierung geschaffenen paramilitärischen Einheiten VDP (Freiwillige zur Verteidigung des Vaterlands). In diesen Einheiten leisten rudimentär geschulte und ausgerüstete Zivilisten eine Art Heimatschutz, wachen über ihre Dörfer, melden verdächtige Vorfälle und stellen sich mutmaßlichen Dschihadisten entgegen.

Sie zahlen meist den höchsten Blutzoll, und zugleich nutzen viele VDP-Kämpfer ihren Status, um bestehende Streitigkeiten in ihrem Sinne zu lösen. Den Kampf gegen den Terror missverstehen sie als Kampf gegen alle „Fremden“. Mit ihnen zieht eine Gewaltkultur in die Gesellschaft ein. 13 000 VDP-Kräfte zählte Burkina Faso bei Traorés Amtsübernahme. 50 000 zusätzliche ließ er rekrutieren. Nach einem Monat hatten sich schon 90 000 junge Männer gemeldet. 2023 verkündete Traoré eine Generalmobilmachung. 

Indem Traoré den Krieg gegen den Terror zu einem Krieg des gesamten Volkes erklärt, hat er die gesamte Bevölkerung zum Kriegsziel gemacht. Die Islamistenmiliz JNIM hat sich nicht zurückgezogen, im Gegenteil. Nach geschätzten 2000 Toten in den Jahren 2016 bis 2021 zählte Burkina Faso allein im Jahr 2022 rund 4000 Tote und 2023 rund 6000. Inzwischen sollen es insgesamt über 26 000 sein. Tausende Tote gehen auf das Konto der Armee bei Feldzügen gegen als terrorverdächtig geltende Zivilisten, wie Human Rights Watch im April 2026 dokumentiert hat.

Die transnationale westafrikanische Volksgruppe der Peul, in anglophonen Ländern als Fulani bezeichnet, ist Hauptziel solcher kollektiver Bestrafungen. Längst hat sich auf JNIM-Seite ebenfalls eine Verjüngung vollzogen, mit einer neuen Guerilla-Generation. 

Traoré fördert die Schattenseite des revolutionären Erbes von Thomas Sankara: Alte Strukturen von Revolutions- und Nachbarschaftskomitees, ähnlich denen im chavistischen Venezuela, werden zum allgegenwärtigen Mobilisierungs- und Überwachungsapparat ausgebaut. Nachbarschaftsmilizen bestrafen „unpatriotisches“ Verhalten – vom allzu lässigen Umgang mit Müll bis hin zu Homosexualität oder politischer Kritik. Für Schulabgänger sind 30 Tage militärische Grundausbildung Pflicht, sogar für Kinder gibt es militarisierte Schulungen wie in Russland. 

Die nationalen Medien sind längst gleichgeschaltet, westliche Medienvertreter wurden ausgewiesen und ihr Empfang im Land untersagt. Regimekritiker werden zum VDP-Zwangsdienst verpflichtet und in Uniform öffentlich vorgeführt. 

Für Traoré und seine Diktatur ist all dies ein Erfolg. Man kontrolliere jetzt über 70 Prozent des Staatsgebiets und im Rest wohne sowieso niemand mehr, lautet im Jahr 2026 die offizielle Lesart. In Ouagadougou und im Süden Richtung Elfenbeinküste, wichtigster Handelspartner des Landes, scheint der Krieg im Norden und Osten tatsächlich weit weg. 

Derweil richtet sich das Militärregime auf Dauer ein. Von Wahlen ist keine Rede mehr. Die Wahlkommission wurde im Oktober 2025 aufgelöst, die politischen Parteien im Februar 2026 verboten. Über ein neues Wächtergremium, dessen Mitglieder er selbst auswählt und das er selbst leitet, betreibt Traoré die „Überwachung und Kontrolle der strategischen Orientierung“ des Landes. 

Mit dem heldenhaften kleinen Asterix, der sich furchtlos gegen die Imperialisten stellt, hat dieser Ibrahim Traoré so gut wie nichts zu tun. Doch er befriedigt zumindest ansatzweise die Heldensehnsucht der „Republik der Aufrechten“, die bis heute um Sankara trauert. Wie lange Traoré in dieser Rolle noch überzeugt, ist offen. 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Mai/Juni 2026, S. 9-11

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Dominic Johnson ist Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und Afrika-Redakteur 
der Zeitung.
 

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