Online-Veröffentlichung

04. Juni 2026

Der NATO-Krisengipfel 2026

In Ankara trifft sich ein Bündnis im Überlebensmodus: geprägt von einer tiefen Vertrauenskrise, dem Rückzug der USA unter Trump und Russlands ungebremster Aggression gegen die Ukraine. Warum der Gipfel vor allem Schadensbegrenzung betreiben wird, was zu erwarten ist und was nicht: eine Analyse.

Gerlinde Niehus
Bild
Bild: Ankara in der Dämmerung, im Zentrum das erleuchtete Atatürk-Grabmal
Lizenz
Alle Rechte vorbehalten

Der NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli in Ankara wird von zahlreichen Krisen geprägt sein. Die Pax Americana und die von den USA geführte Weltordnung, wie wir sie kannten, sind verschwunden. Unter der Führung von Donald Trump begehen die USA Suizid als Supermacht. Trump und sein MAGA-Kreis haben einen Keil zwischen die Sicherheit der USA und Europas getrieben; das spiegelt sich in der häufigen Nötigung traditioneller Partner wider, sei es in der NATO, der EU oder darüber hinaus. Der schlecht durchdachte Krieg der USA (und Israels) gegen den Iran, ohne Strategie, ohne klares Ziel vor Augen und ohne Ausstiegsstrategie, wird die USA noch jahrzehntelang verfolgen – ähnlich wie die katastrophale Invasion des Irak im Jahr 2003.

China ist entschlossen, die neue globale Hegemonialmacht zu werden: Es profitiert von unberechenbaren USA, einem abhängigen Russland und einem zögerlichen Europa. Im krassen Gegensatz zu den USA verfolgt Peking strategisch auf allen Ebenen die Etablierung seiner neuen Weltordnung, der Pax Sinica.


Russlands Revisionismus

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist in sein viertes Jahr gegangen, ein Ende ist nicht in Sicht. Russlands Revisionismus bedroht weiterhin unsere Sicherheit – mit einem offenen Krieg in der Ukraine und einem Schattenkrieg in Europa. Der russische Staat hat sein politisches, militärisches und wirtschaftliches System auf einen langfristigen Konflikt ausgerichtet.

Mit seiner Verachtung für die Demokratie verletzt Donald Trump die gemeinsamen Werte und Grundsätze der NATO, wie sie im Gründungsvertrag des Bündnisses von 1949, dem Washingtoner Vertrag, verankert sind.

Die Europäer haben zwar einige lobenswerte Fortschritte erzielt, sind aber noch weit davon entfernt, sich als ernst zu nehmender geostrategischer Akteur zu behaupten. Das ist frustrierend, denn tatsächlich verfügt Europa über die finanziellen und personellen Mittel, über die nötige Industrie und Technologie, um seine strategischen Abhängigkeiten zu überwinden. Was fehlt, sind Führungsstärke, ein gemeinsames Gefühl der Dringlichkeit und der politische Wille, die europäische Verteidigung und Sicherheit zu koordinieren und zu integrieren und damit Jahrzehnte der Zersplitterung und des Provinzialismus hinter sich zu lassen. 

Inmitten all dessen befindet sich die NATO selbst in einer tiefen, wenn nicht gar existenziellen Krise. 

Mit seiner Verachtung für die Demokratie verletzt Donald Trump die gemeinsamen Werte und Grundsätze der NATO, wie sie im Gründungsvertrag des Bündnisses von 1949, dem Washingtoner Vertrag, verankert sind. In der Präambel verpflichten sich die Bündnispartner, „die Freiheit, das gemeinsame Erbe und die Zivilisationen ihrer Völker zu wahren, die auf den Grundsätzen der Demokratie, der individuellen Freiheit und der Menschenrechte beruhen“.

Trumps neoimperialistische Nötigung, die sich unter anderem gegen zwei NATO-Verbündete richtet, nämlich Kanada und Grönland als selbstverwaltetes Gebiet Dänemarks, verstößt sowohl gegen die UN-Charta als auch gegen den NATO-Vertrag. Indem er Zweifel daran sät, ob die USA im Falle eines bewaffneten Angriffs zur Verteidigung anderer Verbündeter beitragen würden, stellt Trump das Fundament der NATO infrage, die Kollektivverteidigungsklausel in Artikel V des Washingtoner Vertrags.


Trumps Kehrtwende

Trumps gesamte strategische Ausrichtung, wie etwa seine Nähe zu Russlands Despoten Wladimir Putin oder seine Beleidigung des demokratisch gewählten Präsidenten der Ukraine Wolodymyr Selenskyj als „Diktator“, steht in eklatantem Widerspruch zu den Beschlüssen aufeinanderfolgender NATO-Gipfel. Sie ist symptomatisch für eine politische Kehrtwende weg von den übergeordneten strategischen Richtlinien der NATO, auf die sich alle Bündnispartner, einschließlich der USA, geeinigt haben. Bislang zielten alle von den USA geführten „Friedensverhandlungen“ darauf ab, den Aggressor, also Russland, zu belohnen, während das angegriffene Land, die Ukraine, unter Druck gesetzt wurde. Dies kommt einer Einladung an Putin gleich, die Aggression und seine revisionistische Agenda fortzusetzen. 

Der Gipfel findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem die NATO strategisch gelähmt ist.

All dies hat in Verbindung mit Trumps offensichtlicher Verachtung und Ignoranz gegenüber multilateraler Zusammenarbeit – sei es in der NATO, der EU oder anderswo – zu einer Aushöhlung dessen geführt, was wohl den Geist und die Seele eines Bündnisses ausmacht: das gegenseitige Vertrauen. Trump ist es zur Bestürzung anderer Bündnispartner gelungen, die USA von einer unverzichtbaren Nation in einen Paria zu verwandeln.

Infolgedessen findet der Gipfel zu einem Zeitpunkt statt, an dem die NATO strategisch gelähmt ist. Wichtige strategische und zentrale politische Vorhaben wurden auf Eis gelegt: Dies gilt für die euro-atlantische Integration und NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, die dringend notwendige Strategie zur Eindämmung Russlands und ganz grundsätzlich für die Gestaltung Europas als handlungsfähiger geostrategischer Akteur.


Schadensbegrenzung

Das übergeordnete Ziel des Gipfels wird daher die Schadensbegrenzung sein. Er wird als Gelegenheit für die NATO dargestellt werden, Einheit und Fortschritte bei bestehenden Verpflichtungen zu demonstrieren, und damit nicht als Forum zur Erörterung strategischer Fragen dienen. 

Er wird sich auf zwei Hauptthemen konzentrieren: praktische Verbesserungen bei Abschreckung und Verteidigung sowie damit verbundene Aspekte wie Verteidigungsinvestitionen und operative Initiativen und dann auf die praktische Unterstützung der Ukraine. Unter dem Strich wird der Gipfel ersichtliche Ergebnisse in diesen Bereichen als kleinsten gemeinsamen Nenner präsentieren, um zumindest vordergründig den Zusammenhalt des Bündnisses aufrechtzuerhalten. 

Unter dem Thema „Abschreckung und Verteidigung“ wird der Gipfel die Fortschritte bei der Umsetzung der auf dem Haager Gipfel 2025 vereinbarten Zusage bewerten, 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bis 2035 für Verteidigung und Sicherheit aufzuwenden, wobei Schwerpunkte bei der Ankurbelung der Rüstungsproduktion und einer stärkeren transatlantischen Rüstungsindustriebasis liegen. 

Doch hinter der vermeintlich glänzenden Fassade gibt es Risse: Spanien, die Slowakei und die USA selbst haben von Anfang an klargestellt, dass sie diese Zusage nicht einhalten werden. Viele andere NATO-Staaten, darunter Frankreich und Italien, haben keine glaubwürdigen Pläne dafür, wie sie den neuen Richtwert erreichen wollen. Einige Bündnispartner wie Tschechien, Albanien oder Slowenien erfüllen nicht einmal die frühere Vorgabe von 2 Prozent des BIP für Verteidigungsausgaben – obwohl sie und die NATO das Gegenteil behaupteten. Bei der transatlantischen Rüstungsindustriebasis klaffen die Vorstellungen weit auseinander: hier Länder wie Frankreich, das dezidiert auf eine europäische Rüstungsindustrie setzt, dort die USA, die vor allem Zugang zum größer werdenden europäischen Markt behalten wollen.


Weitere Herausforderungen 

Die jüngst angekündigten erheblichen Kürzungen der US-Beiträge zum NATO-Streitkräfte-Modell stellen nun eine weitere Herausforderung für Europäer und Kanadier dar. Das NATO-Streitkräfte-Modell ist ein Rahmenwerk, um nationale Streitkräfte des Bündnisses in Krisen- oder Konfliktsituationen zur Verfügung zu stellen. Die US-Kürzungen betreffen u.a.  Kampfflugzeuge, strategische Bomber, Kriegsschiffe, U-Boote, Drohnen, Luftbetankung sowie die dafür notwendigen Truppen. Die Kürzungen sollen insbesondere den Übergang von Lastenteilung zu Lastenverlagerung forcieren. Außerdem soll so die Übergabe der Verantwortung für die konventionelle Abschreckung und Verteidigung an Europa beschleunigt werden.

Das übergeordnete Ziel des Gipfels wird daher die Schadensbegrenzung sein. 

Die reduzierten Beiträge der USA zum NATO-Streitkräfte-Modell bedeuten jedoch auch, dass die NATO ihre regionalen Verteidigungspläne anpassen muss, damit diese weiterhin umsetzbar bleiben. Die USA erwarten, dass Europäer und Kanadier bereits bei der Force-Generation-Konferenz im Juni entsprechende Angebote für die Wiederauffüllung des NATO-Streitkräfte-Modells machen. Hauptziel: Trump soll beim Gipfel einen entsprechenden Erfolg verkünden können.  


Technologien und KI

Es wird zudem erwartet, dass der Gipfel in Ankara Investitionen in Technologien, die die moderne Kriegsführung prägen – wie Drohnen und KI-gestützte Systeme – in den Fokus rückt und auf eine verstärkte gemeinsame Beschaffung drängt. Da türkische Unternehmen wie Baykar und Skydagger ihre Produktion hochfahren, ist dies eindeutig ein Bereich, in dem die Türkei ein nationales Interesse daran hat, sich als Schlüsselakteur in der Drohnenpolitik, -produktion und -einsatzplanung der NATO zu profilieren. Es passt ins Bild, dass Rüstungsunternehmen eingeladen wurden, am Rande des Gipfels einen Industrietag abzuhalten.

Um weitere Spannungen um Grönland abzubauen, könnte die NATO auch die im Januar 2026 nach dem ersten Ausbruch der Grönland-Krise gestartete Multi-Domain-Initiative „Arctic Sentry“ verstärken. Diese soll die Haltung der Alliierten im hohen Norden stärken; bislang hat „Arctic Sentry“ jedoch hauptsächlich bereits geplante Aktivitäten unter einem neuen Label zusammengefügt, ohne dass es viele Hinweise darauf gibt, was darüber hinaus in der Praxis unternommen werden soll. 

Der Gipfel könnte der richtige Zeitpunkt sein, diese Idee mit mehr Leben zu füllen. Denkbar wären konkrete Pläne für Truppenentsendungen mit Schwerpunkt auf Grönland, gemeinsame Manöver der Alliierten sowie Investitionen in arktische Fähigkeiten – alles unter dem Dach der NATO. Dies würde zeigen, dass „Arctic Sentry“ mehr ist als nur eine Schlagzeile als Reaktion auf die jüngste politische Krise, mit der das Bündnis konfrontiert ist. Bislang scheint für eine solche Initiative jedoch der Ehrgeiz zu fehlen. 


Hilfe für Kyjiw?

In puncto praktische Unterstützung für die Ukraine wird erwartet, dass der Gipfel die militärische, finanzielle und langfristige Unterstützung zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Ukraine bekräftigt und möglicherweise ausweitet, einschließlich Mechanismen für beständige Ausrüstungslieferungen. Als neuen Vorstoß wird die NATO versuchen, Gelder zu mobilisieren, um den Ankauf von PAC-3 Abfangraketen, die tschechische Munitionsinitiative sowie die Rüstungsproduktion in der Ukraine zu unterstützen. 

Auch die Fortsetzung der PURL-Initiative ist vorgesehen. PURL, die Prioritized Ukraine Requirements List, ist ein Mitte 2025 eingerichteter Finanzierungsmechanismus, um die Lieferung von in den USA hergestellten Waffen an die Ukraine zu beschleunigen. Im Rahmen dieser Initiative stellen europäische Bündnispartner, Kanada und einige NATO-Partner die Finanzierung bereit, um „einsatzbereite“ Ausrüstung – wie Luftabwehrsysteme und Munition – direkt aus US-Beständen für die Ukraine zu erwerben.  

Zwar hat die Initiative mit bislang 17 teilnehmenden Ländern und zugesagten Mitteln in Höhe von fast vier Milliarden Euro für kritische militärische Ausrüstung an Dynamik gewonnen, doch gibt es für die weitere Umsetzung mindestens zwei zentrale Herausforderungen. Die erste ist die Finanzierungslücke: Der Verteidigungsbedarf der Ukraine im Rahmen von PURL für 2026 wird auf 13,95 bis 18,6 Milliarden Euro geschätzt, aber die derzeitigen Zusagen liegen weit hinter diesem Ziel zurück. Die Initiative zielt darauf ab, monatlich 930 Millionen Euro bereitzustellen, doch der Gesamtbedarf bleibt bislang ungedeckt.

Die zweite Herausforderung betrifft Verzögerungen, Umleitungen und die Zuverlässigkeit der USA. Der Krieg der USA gegen den Iran hat Washingtons Munitionsvorräte erschöpft, was zu Warnungen vor Lieferverzögerungen bei Waffen für die Ukraine geführt hat, insbesondere bei Patriot-Luftabwehrraketen und HIMARS-Raketenwerfern. Das Pentagon hat den Kongress über Pläne informiert, Waffen im Wert von 697,5 Millionen Euro, die im Rahmen von PURL finanziert wurden, zur Auffüllung der US-Bestände umzuleiten, anstatt sie in die Ukraine zu schicken. Sollte dies geschehen, könnte dies eigentlich als Diebstahl gelten. Zwar hat die NATO bekräftigt, dass alle bereits im Rahmen von PURL bezahlten Waffen an die Ukraine geliefert werden, doch könnten künftige Lieferungen unterbrochen oder zugunsten der Bedürfnisse der USA priorisiert werden.


Erwartungsmanagement

Was man vom Gipfel nicht erwarten sollte, ist die Lösung weiterreichender strategischer Fragen – und das liegt größtenteils, wenn nicht sogar ausschließlich daran, dass sich die USA immer weiter entfernen.

Was die Ukraine betrifft, ist es unwahrscheinlich, dass die Bündnispartner es wagen werden, eine Sitzung des NATO-Ukraine-Rates einzuberufen und Präsident Selenskyj eine prominentere Rolle einzuräumen als beim Gipfel 2025, bei dem er und der Krieg in der Ukraine weitgehend an den Rand gedrängt wurden – vor allem, um Donald Trump zu beschwichtigen. Angesichts des erwarteten Schwerpunkts auf Abschreckung und Verteidigung wird auch der Gipfel 2026 höchstwahrscheinlich eine Vogel-Strauß-Politik verfolgen, wenn es um die Ukraine, ihren „unumkehrbaren Weg zur NATO-Mitgliedschaft“ oder eine Strategie geht, wie der Ukraine der Sieg im andauernden Krieg mit Russland ermöglicht werden kann.

Die NATO hat wertvolle Zeit dabei verloren, eine kohärente Russland-Strategie mit Schwerpunkt auf dessen Eindämmung zu definieren.

Ähnlich verhält es sich in Bezug auf Russland. Leider hat die NATO wertvolle Zeit dabei verloren, eine kohärente Russland-Strategie mit Schwerpunkt auf dessen Eindämmung zu definieren. Das gilt mindestens seit Russlands großangelegter Invasion der Ukraine im Jahr 2022 und der Verabschiedung des neuen strategischen Konzepts der NATO, das Russland als „die bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung für die Sicherheit der Bündnispartner“ identifiziert. Angesichts der Annäherung Trumps an Putins Russland wäre ein solcher Versuch nun völlig aussichtslos. 


Europas Abschreckungslücke

Die Diskussionen darüber, wie Europa als fähiger geostrategischer Akteur aufgebaut werden kann, sind mit den jüngsten Entscheidungen der USA, Truppen aus Deutschland abzuziehen und das mit weitreichenden Tomahawks und Hyperschallraketen ausgerüstete Fernfeuer-Bataillon doch nicht zu stationieren, zweifellos noch dringlicher geworden. Damit klafft weiterhin eine entscheidende Abschreckungslücke Europas gegenüber Russland, die es nun dringend zu schließen gilt. Wieder aufkommende Spannungen um Grönland oder anhaltende Spannungen über eine europäische Rolle bei der Gewährleistung der freien Schifffahrt in der Straße von Hormus streuen weiteren Sand ins Getriebe der ohnehin schon angespannten transatlantischen Beziehungen. Doch alle diesbezüglichen Diskussionen unter Europäern finden außerhalb der formellen NATO-Strukturen statt, in verschiedenen Konstellationen von Koalitionen der Willigen. 


Schwarze Schwäne? 

Es gibt eine Reihe möglicher „schwarzer Schwäne“, unvorhersehbarer, einschneidender Störungen, die die Dynamik des Gipfels und sein Ergebnis erheblich verändern könnten.

Eine Möglichkeit, den Gipfel von vornherein scheitern zu lassen, wäre eine Absage Trumps in letzter Minute. Angesichts seines unberechenbaren Verhaltens kann dies nicht ausgeschlossen werden. Bislang scheint es jedoch so, als sei seine Teilnahme geplant – allerdings weniger wegen der NATO, sondern um den anderen „starken Mann“, hier vom Bosporus, Recep Tayyip Erdoğan, zu treffen. Auch die bombastische Architektur des Beştepe-Präsidentenpalasts als Hauptveranstaltungsort des Gipfels und die garantierte Zurschaustellung der exorbitanten Gastfreundschaft der Türkei dürften Trumps Interesse wecken.  

Auch eine Eskalation des Krieges der USA und Israels gegen den Iran könnte den Gipfel stören und überschatten.  Die USA haben die Verbündeten bereits für ihre Zurückhaltung kritisiert, sich dem Waffengang anzuschließen. Trumps öffentliche Verhöhnung der NATO als „Papiertiger“ deutet darauf hin, dass eine erhebliche Eskalation (etwa ein direkter, groß angelegter iranischer Gegenangriff auf US-Einrichtungen oder ein regionaler Konflikt, von dem NATO-Mitglieder wie die Türkei betroffen sind) das Bündnis zwingen könnte, sich mit seiner Rolle im Nahen Osten auseinanderzusetzen. Dies könnte tiefe Spaltungen unter den Mitgliedern offenbaren, insbesondere wenn die USA eine Beteiligung der NATO fordern oder Vergeltungsmaßnahmen gegen Verbündete ergreifen, die sich weigern zu engagieren. Insbesondere auch wegen der Kritik von Ländern wie Spanien, Deutschland oder Frankreich am Krieg der USA gegen Iran ist eine Einigung auf eine NATO-Operation in der Straße von Hormus, die ja im Konsens beschlossen werden müsste, nicht zu erwarten.

Erdoğans wachsender Autoritarismus, die Instrumentalisierung der Justiz und die massive Unterdrückung der Opposition, Medien und Zivilgesellschaft könnten bei entsprechenden Vorfällen mindestens lange Schatten auf den Gipfel werfen.

Die Türkei als Gastgeberland des Gipfels schließlich bringt selbst eine Reihe von Unwägbarkeiten mit sich. Aufgrund ihrer Nähe zum Schwarzen Meer, zum östlichen Mittelmeer, zu Syrien und zum Iran-Krieg kann selbst eine Krise außerhalb der NATO schnell zu einer Krise des NATO-Gipfels werden, wenn sie das Umfeld des Gastgeberlands oder den Zusammenhalt der Verbündeten beeinträchtigt. Der wachsende Autoritarismus Erdoğans, die Instrumentalisierung der Justiz und die massive Unterdrückung der Opposition, Medien und Zivilgesellschaft könnten bei entsprechenden Vorfällen mindestens lange Schatten auf den Gipfel werfen. Die Türkei könnte auch versuchen, den Gipfel für ihre eigenen geopolitischen Manöver zu nutzen, sei es, um mehr Aufmerksamkeit für ihren langjährigen Schwerpunkt im „Kampf gegen den Terror“ zu bekommen oder aber für mehr Anerkennung als Regionalmacht.  

Insgesamt dürfte der Gipfel 2026 in die Geschichte der NATO als ein Treffen eingehen, das ein Bündnis im Überlebensmodus zeigte und dessen Schwerpunkt auf der Umsetzung vereinbarter Verpflichtungen lag – dem jedoch der Wille und der Mut fehlten, sich mit drängenden strategischen Fragen auseinanderzusetzen.

Für Vollzugriff bitte einloggen.
Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 04. Juni 2026

Teilen

Themen und Regionen

Dr. Gerlinde Niehus war über 25 Jahre in verschiedenen Funktionen im NATO-Hauptquartier tätig, zuletzt als stellvertretende Direktorin für Sicherheitskooperation mit den NATO-Partnerländern (2019 bis 2024). Heute arbeitet sie als unabhängige Sicherheitsexpertin. Niehus ist Mitbegründerin des Brussels-Freedom-Hubs. 

0

Artikel können Sie noch kostenlos lesen.

Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.