01. April 2007

Der Blues der „Generation Chirac“

Keine Arbeit, keine Zukunft: Frankreichs Jugend droht der soziale Abstieg

Rekordstaatsverschuldung, erdrückende Rentenlast, hohe Arbeitslosigkeit: Die Kinder der französischen Nachkriegsgeneration sehen sich als Opfer einer verbrauchten Gesellschaft. Ihr Frust über mangelnde Mitsprache und blockierten Aufstieg entlädt sich in Protesten und Krawallen – und zeigt sich in einer dramatischen Abkehr vom politischen System.

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„Mit 28 Jahren war mein Vater dabei, den Kredit für sein Haus abzubezahlen – und hatte vor allem konkrete Pläne für seine berufliche Karriere, obwohl er nichts weiter als das Abi vorzuweisen hatte. Ich dagegen teile mir mit 29 eine Zweizimmerwohnung mit einem Freund und habe trotz fünf Jahren Studiums nur einen befristeten Arbeitsvertrag in einer PR-Agentur. Ich beklage mich gar nicht, aber der Vergleich mit meinem Vater schmerzt schon ein bisschen.“Zitiert nach Le Parisien, 15.2.2007.

Was der 29-jährige Loïc aus Paris hier nüchtern konstatiert, illustriert das verheerende Urteil, das die französische Akademie für Moralische und Politische Wissenschaften vor kurzem gefällt hat: „Frankreich bereitet die Zukunft seiner Jugend schlecht vor“.Académie des Sciences Morales et Politiques: La France prépare mal l’avenir de sa jeunesse, Paris 2007.Die 50 grauen Eminenzen aus Philosophie, Jura, Wirtschaft und Geschichte – unter ihnen zwei ehemalige französische Premierminister, Raymond Barre und Pierre Messmer – äußerten sich mit seltener Deutlichkeit: Die französische Jugend sei nicht Opfer des Zeitgeists, sondern der Sorglosigkeit und des Egoismus der vorhergehenden Generationen. Wenn Frankreich beunruhigt, pessimistisch, hilflos und aufgebracht sei, dann deshalb, weil es seine Kinder schlecht behandele. Das Versagen des Schulsystems, massive Arbeitslosigkeit, soziale Unsicherheit und hohe Staatsverschuldung belasteten die Jugend.

Die Wissenschaftler der Akademie stehen mit ihrem Urteil nicht allein. Veröffentlichungen der letzten zwei Jahre sprechen die gleiche Sprache: Bücher erklären: „Wie wir unsere Kinder ruiniert haben“,Patrick Artus und Marie-Paule Virard: Comment nous avons ruiné nos enfants, Paris 2006.oder warnen: „Unsere Kinder werden uns hassen“.Jenis Jeambar und Jacqueline Remy: Nos enfants nous haïront, Paris 2006.  Die Tageszeitung Le Monde titelte: „Frankreich hat seine Jugend seit 20 Jahren geopfert“,Arnaud Leparmentier: Louis Chauvel: La France a sacrifié les jeunes depuis vingt ans, Le Monde, 6.3.2006. „Die Jugend – Opfer des französischen Modells“Eric Le Boucher: Les jeunes victimes du modèle français, Le Monde, 14.1.2007 bis hin zum „Blues der Generation Chirac“.Bertrand Le Gendre: Le blues de la génération Chirac’, Le Monde, 4./5.3.2007. Und schaut man sich bei den Betroffenen selbst um, sieht es nicht besser aus: Buchtitel lauten etwa „Generation 69 – die Dreißigjährigen haben keinen Grund, sich zu bedanken“,Laurent Guimier und Nicolas Charbonneau: Génération 69. Les trentenaires ne vous disent pas merci, Paris 2005. „Wir sind die Kinder von niemand“Jacques De Guillebon: Nous sommes les enfants de personne, Paris 2005. bis hin zu „Die Leiden des jungen Dreißigjährigen“.Mara Goyet: Les souffrances du jeune trentenaire, Paris 2005.

Die Analysen, mitunter nüchtern, mitunter larmoyant, gehen davon aus, dass die Nachkriegsgeneration, die Baby-Boomer, die jetzt in Rente gehen, den jungen Französinnen und Franzosen eine verbrauchte, löchrige Gesellschaft hinterlassen haben – mit einer Rekordstaatsverschuldung, hoher Arbeitslosigkeit und erdrückender Rentenlast. „Sie werden uns hassen. Und sie werden Recht haben: Wir hatten alle Trümpfe in der Hand, wir sind in einer Gesellschaft mit expandierendem Wachstum aufgewachsen. Trotzdem sind wir die erste Generation, die der nachfolgenden weniger hinterlässt als sie von der vorhergehenden vorgefunden hat“, prophezeit Bertrand Le Gendre in seinem Beitrag in Le Monde.Interview in Le Monde vom 6.3.2006. Allein die Zinsen der Staatsverschuldung belaufen sich auf 50 Milliarden Euro im Jahr, doppelt so hoch wie die Staatsausgaben für Hochschule, Forschung und Entwicklung.

In der Tat weisen Sozialwissenschaftler darauf hin, dass ein wachsendes Ungleichgewicht zwischen den Generationen entstanden ist. 1977 verdiente ein 50-jähriger Arbeitnehmer in Frankreich im Durchschnitt 15 Prozent mehr als ein 30-jähriger Arbeitnehmer. Im Jahr 2006 betrug der Unterschied 40 Prozent! Die Früchte des Wirtschaftswachstums – das in Frankreich seit 1975 schleppend verläuft – sind also den über 45-Jährigen vorbehalten. „Das System funktioniert, weil die jungen Franzosen hoffen, eines Tages das Gehalt der Älteren zu verdienen. Ein Trugschluss, ein Versprechen, das die, die es geben, nicht bindet – sie werden in zehn Jahren nicht mehr da sein“, warnt der Soziologe Louis Chauvel.Einleitung zu Denis Jeambar und Jacqueline Remy (Anm. 4).

Gleichzeitig ist der Eintritt ins Berufsleben, der in Frankreich traditionell schwieriger ist als in Deutschland, noch hürdenreicher geworden. Die Zahlen machen es deutlich: In Frankreich haben nur 37 Prozent der jungen Franzosen das Glück, in den sieben Jahren nach Abschluss ihrer Ausbildung keine Phase der Arbeitslosigkeit zu erleben. In Deutschland trifft dies auf mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen zu. Mehr als ein Drittel eines französischen Geburtenjahrgangs machen sogar zumindest zwei Phasen der Arbeitslosigkeit durch. Insgesamt betrachtet sind die Phasen der Arbeitslosigkeit in Frankreich fast doppelt so lang wie in Deutschland.OCDE: The changing nature of the School-to-Work Transition Process in OCDE Countries, Februar 2007.

Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich liegt mit 22,7 Prozent chronisch hoch. In Deutschland sind es nur 11,7 Prozent. Damit sind die jungen Franzosen doppelt so oft arbeitslos wie der Rest der Bevölkerung. Dabei dürften viele der Berufseinsteiger glücklicherweise nicht wissen, was für Experten klar ist: dass nämlich die Lebenssituation eines Geburtenjahrgangs mit 30 Jahren dessen Perspektiven für das ganze weitere Leben beeinflusst. „Wer bis dahin seinen Platz nicht gefunden hat, für den verbessern sich die Bedingungen in der Regel auch anschließend nicht“,so der Soziologe Chauvel.Louis Chauvel: Les nouvelles générations devant la panne prolongée de l’ascenseur social, in: Revue de l’OFCE, Nr. 96, S. 35–50.

Dazu trägt auch die Erosion von Diplomen und Zeugnissen bei. Zwischen 1988 und 1994 stieg die Anzahl der Schüler innerhalb eines Jahrgangs, die das französische Abitur ablegten, von 30 auf 62 Prozent an; in der gleichen Zeit verdoppelte sich die Anzahl derer, die ein dreijähriges Universitätsstudium abschlossen. Man kann aber nicht mehr davon ausgehen, dass dies ein soziales Fortkommen garantiert, ja nicht einmal, dass es vor Arbeitslosigkeit schützt. So sind nur noch gut die Hälfte derjenigen, die ein mindestens dreijähriges Universitätsstudium absolviert haben, in Führungspositionen, während es in den siebziger Jahren 70 Prozent waren. Erst im Alter von 33 Jahren gelingt es dem Großteil der Franzosen heute, das große Los zu ziehen – einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Vorher reihen sie Praktika, Verträge mit Zeitarbeitsfirmen, befristete Arbeitsverträge, Teilzeitarbeit, Saisonarbeiten und Zeiten der Arbeitslosigkeit aneinander.

Es nimmt also nicht Wunder, wenn auf die Frage, wie sie sich ihre zukünftigen Lebensbedingungen vorstellen, fast die Hälfte der Befragten in einer jüngst von der Fondation de France in Auftrag gegebenen Studie überzeugt ist, dass diese weniger gut als die der Eltern sein werden. Nur ein knappes Drittel ist der Auffassung, sie würden besser sein.Observatoire de la Fondation de France: 15–35 ans: les individualistes solidaires, www.fdf.org, Februar 2007.

Zum ersten Mal in Friedenszeiten wächst somit eine Generation in Frankreich mit grundlegend veränderten Chancen sozialen Aufstiegs heran. Die Eltern der 1945 geborenen Generation, selbst zwischen 1910 und 1915 geboren, hatten in der Regel kein leichtes Leben – viele frühzeitig Waisen oder Kinder von Kriegsinvaliden, aufgewachsen in Weltwirtschaftskrisenzeiten, Zweiter Weltkrieg. Sie sind zu alt, um von den „trente glorieuses“, der wirtschaftlichen Boomzeit zwischen 1945 und 1975, wirklich profitieren zu können. Ihre Kinder, die um 1945 herum geboren wurden, die ersten Baby-Boomer, erlebten oft einen deutlichen sozialen Aufstieg. Für ihre eigenen Kinder, um 1975 herum geboren, ist das schon nicht mehr der Fall; dabei sind sie nicht, wie ihre Großeltern, Kinder einer geopferten Generation, sondern Kinder einer gehätschelten Generation, einer „génération dorée“.

Weil die jungen Franzosen ihre Zukunft in der Gesellschaft als blockiert wahrnehmen, finden sie die heftigen Proteste im Oktober 2005 in den Vorstädten (banlieues) und im März 2006 gegen den Contrat Première Embauche (CPE), den umstrittenen Ersteinstellungsvertrag mit einer Lockerung des Kündigungsschutzes, gerechtfertigt, analysiert die Fondation de France. Sie stützen sich auf das Gefühl, dass nichts mehr vorangeht in Frankreich und dass die Zukunft ungewiss, ja chancenlos ist. Der CPE hatte hohen symbolischen Wert. Daher akzeptieren die Jungen den Grund der Proteste, auch wenn sie seine Methoden kritisieren. Beide Protestwellen finden ihren Ursprung in einem gemeinsamen Wunsch – dem, etwas bewegen zu wollen. Banlieue und Ersteinstellungsvertrag werden als zwei Seiten einer Medaille betrachtet. Die Krise der jungen „Vorstädter“ in den banlieues findet seine Entsprechung in der Krise der jungen „Städter“. Was haben beide gemein? Die Aussicht auf eine Zukunft, die sich alles andere als rosig darstellt. Beide wollen den anderen Mitgliedern der Gesellschaft gegenüber nicht ins Hintertreffen geraten.

Ohne die Solidarität vieler Familien würde das System schon längst nicht mehr funktionieren. Seit jeher gibt es in Frankreich Söhne und Töchter, die wie die Kinofilmfigur Tanguy – der 28-jährige altkluge pedantische Nesthocker, den seine Eltern schließlich verzweifelt aus der gemeinsamen Wohnung zu ekeln versuchen –Tanguy – Kinofilm von Etienne Chatiliez, Frankreich 2001. noch immer die Vorzüge des Hotels Mama genießen. Dies hat jedoch lange Zeit verdeckt, dass es ohne familiären Zusammenhalt aus finanziellen Gründen oft nicht gegangen wäre.Vgl. auch Cécile van de Velde: Vers un conflit de générations? Jeunes adultes, dépendance économique et solidarités familiales, in: Rapport annuel 2006. La société française: entre convergences et nouveaux clivages, Centre d’analyse stratégique, Paris 2006, S. 104–118. Anders als in den siebziger Jahren, als gute Einstiegsgehälter eine frühe Autonomie gegenüber dem Elternhaus möglich machten und eine erhebliche Motivation zum Arbeiten darstellten, macht sich die Arbeit der Jungen insbesondere angesichts drastisch gestiegener Mieten nicht mehr bezahlt – mit unvorhersehbaren Folgen für den Wert der Arbeit, die Motivation der Jungen und ihre Identität.

Droht hier nicht die Gefahr, dass sich die Jungen vom politischen System abkoppeln? Hat Frankreich seine Jugend beim Einsteig ins Berufsleben zugunsten derer, die bereits über Arbeitsplätze verfügen, im Stich gelassen? Gerät damit nicht das „republikanische und soziale Modell“ ins Wanken? Schon heute konstatiert man die Abwesenheit der jungen Generation im traditionellen Spiel politischer Institutionen: 1982 betrug das Durchschnittsalter eines Politikers oder Gewerkschaftlers 45 Jahre; im Jahr 2000 waren sie durchschnittlich 59 Jahre alt. Das Durchschnittsalter eines Abgeordneten der Assemblée nationale betrug 52 Jahre im Jahr 1997, im Jahr 2002 57 Jahre. Fünf Jahre mehr in fünf Jahren – keinerlei Erneuerung. „Die wenigen Jungen, die ins politische Leben einsteigen, sind handverlesen, entweder durch Auswahlverfahren, die französischen ‚concours‘, oder durch politische Erbschaften“, so urteilt der Soziologe Louis Chauvel, der ein politisches Vakuum bis 45 Jahre feststellt. Anders gesagt: Die, über deren Zukunft entschieden wird und die bald die finanziellen Konsequenzen dessen, was entschieden wird, tragen müssen, sind am politischen Entscheidungsprozess nur als Außenstehende beteiligt. So erstaunt es nicht, wenn von den 15- bis 35-Jährigen auf die Frage, ob sie den Politikern zutrauen, dass diese die Gesellschaft in die von ihnen erhoffte Richtung entwickeln, 42 Prozent „wenig“ und 42 Prozent „gar nicht“ antworten. Nur drei Prozent beantworten die Frage mit „ja“.

Wenn sie weder der Politik noch Gewerkschaften (63 Prozent „wenig“ oder „gar nicht“) noch der Wirtschaft (52 Prozent) vertrauen – wem vertrauen sie dann? Den „associations“ – Verbänden und Vereinen aus dem Kreis der Zivilgesellschaft, insbesondere den im sozialen Bereich verankerten: 85 Prozent der Befragten betrachten sie als besten Weg, um die Gesellschaft voranzubringen und konkrete Lösungen für soziale Probleme zu finden. Zwei Drittel setzen außerdem „sehr“ oder „überwiegend“ Vertrauen in den Bürger selbst, den citoyen, um die Gesellschaft zu verbessern. Die junge Generation ist also keine lethargische, sondern eine pragmatische, die sich durchaus für die Gesellschaft engagiert, allerdings mit dem Wunsch, konkrete Ergebnisse zu sehen. Wie Alice-Yann Schmitz, 24, Master-Studentin in Paris, die sich um die im vergangenen Oktober aus dem Senegal angekommene 14-jährige Aïda kümmert: „In einer Partei hätte ich nicht den Eindruck, etwas Nützliches zu tun. Mit Aïda, die schon deutliche Fortschritte im Französischen gemacht hat, sehe ich die Ergebnisse, auch wenn es vielleicht nicht viel ist, was ich tue.“

Dr. EVA SABINE KUNTZ, geb. 1965, ist Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW). Zuvor leitete sie das Referat „Bildung und Forschung“ im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.
 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, April 2007, S. 58 - 63.

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