01. Dezember 2006

Denn sie tun nicht, was sie wissen

Die Herausforderungen der Zukunft sind bekannt - handeln tun wir nicht danach

Klimawandel und Ressourcenraubbau, Globalisierung und Migration: Bereits heute greifen dieMegatrends des globalen Wandels tief in alle Lebensbereiche ein. Doch je existenzieller die Probleme, umso kurzatmiger die Politik – die wissenschaftliche Betrachtung zukünftiger Folgen dieser Trends ist unabdingbar für ihre Bewältigung.

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Zukunftsfragen und der Wunsch, zukünftige Ereignisse und Entwicklungen zu erkennen und bewusst zu gestalten, haben zu allen Zeiten die Menschen bewegt. Das war schon in der Antike so – die umfangreiche klassische Literatur legt darüber ein beredtes Zeugnis ab. Das war auch so in zahlreichen anderen alten Kulturen.

Bis zum Ausgang des Mittelalters versuchte man mit weitgehend spekulativen itteln Erkenntnisse über die Zukunft bzw. zukünftige Entwicklungen zu erlangen: Das Orakel von Delphi bildet hierfür die geeignete Metapher. Erstrebenswert waren vor allem Erkenntnisse über künftige Naturereignisse wie Sonnen- und Regenperioden, starke Winde etc. Aber auch wirtschaftliche, technische, militärische und politische Zukunftsprognosen waren gefragt, um sich darauf ein- und ausrichten zu können. Natürlich war damit die Vorstellung verbunden, dass die Kenntnis über zukünftige Ereignisse und Entwicklungen praktische Vorteile und günstige Handlungschancen ermöglichen würde, wenn man auf die zukünftigen Vorgänge gezielt Einfluss nehmen oder gewünschte Entwicklungen sogar bewusst herbeiführen und gestalten könnte.

Die Beschäftigung mit Zukunftsfragen und zukünftigen Entwicklungschancen spielte im 18. und 19. Jahrhundert durch die rasante Technisierung im Rahmen der industriellen Revolution eine immer größere Rolle für das Leben und Handeln in der Gegenwart. Denn mit der naturwissenschaftlich basierten Entfesselung von Industrie, technischen Infrastrukturen und neuen Militärtechniken veränderten sich die Lebensverhältnisse, die Lebensbedingungen und die Umfeldsituation der meisten Menschen in einem bis dahin ungeahnten Tempo, vor allem in den schnell wachsenden Städten und Industrieregionen. Die Zukunft jedes Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt war der Vergangenheit und Gegenwart viel weniger ähnlich als in der vorindustriellen Zeit. Wer sich nicht mit den Potenzialitäten und Optionalitäten der Zukunft befasste, lief jetzt viel mehr Gefahr, abgehängt oder unfreiwillig in nichtgewollte Zukünfte gestoßen zu werden.

Trotzdem blieb die Auseinandersetzung mit Zukünften noch weitgehend spekulativ oder einseitig auf die technisch-industriellen Entwicklungschancen ausgerichtet. Die Zukunftsfragen wurden immer stärker von den naturwissenschaftlich-technischen Erfindungen und Innovationen geprägt. Mehr noch, sie fokussierten mehr und mehr auf einen einzigen Zukunftspfad, den der naturwissenschaftlich-technisch-industriellen Entfaltung aller Lebensbereiche – von der Landwirtschaft bis zur Haushaltswirtschaft, von der Warenproduktion bis zu den Dienstleistungen, von der inneren Sicherheit bis zur Militärtechnik, von der Konsumption bis zum Gesundheitswesen, zur Freizeitgestaltung und zur Kultur. Der Pfad des technisch-industriellen Fortschritts avancierte zum Fortschritt schlechthin, Zukunftsfragen und zukünftige Gestaltungsmuster kumulierten in der Suche nach technisch-innovativen Lösungen.

Obwohl schon im 19. Jahrhundert auch andere Zukunftsprobleme immer deutlicher vor allem als Folgen dieses Entwicklungswegs hervortraten – konfliktträchtige ökonomische und soziale Disparitäten, friedensbedrohende militärtechnische Ungleichgewichte, gravierende Umweltbelastungen, zunehmende Zivilisationskrankheiten – kam es erst in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich in den USA, zur Herausbildung spezifischer Forschungsmethoden, die auf eine wissenschaftliche Befassung mit Zukunftsfragen und operationalisierbare Zukunftsstrategien mittlerer Reichweite ausgerichtet waren.Bis dahin dominierten in der Philosophie, der Theologie und in den Gesellschaftswissenschaften Utopien, spekulative geschlossene Zukunftsentwürfe und geschichtsphilosophische Gesellschaftsmodelle, wie etwa jene von Thomas Morus („Utopia“), Tommaso Campanella („Der Sonnenstaat“) oder die Entwürfe der Frühsozialisten (Henri de Saint-Simon, Charles Fourier, Robert Owen) sowie von G. W. Friedrich Hegel, Karl Marx und Friedrich Engels bis hin zu Herbert Spencer, Henry Adams und Oswald Spengler. Der Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie ist zu entnehmen, dass zwischen den beiden Polen, den spekulativ-philosophischen Utopien und Gesellschaftsmodellen und den eng begrenzten Projektionen naturwissenschaftlich-technischer Prozesse, kein Platz für ein wissenschaftlich begründetes Vorausdenken und Entwerfen von möglichen, wünschbaren und gestaltbaren Zukünften mittlerer Reichweite blieb.

Herausbildung der modernen Zukunftswissenschaft

Erst der Einfluss des Pragmatismus der amerikanischen Philosophie (Peirce, James, Mead, Dewey) und der amerikanischen Wissenschaftstradition hat neue Wege der wissenschaftlichen Entwicklung zur Erfassung von Zukunftsfragen freigelegt. So ist es kein Zufall, dass Konzepte wie die Spieltheorie, die System- und Modelltheorie, die Kybernetik, Netzplanmethoden, Simulationstechniken, die Delphimethode oder die Szenarienbildung in den USA entwickelt wurden. Die Herausbildung der modernen Zukunftswissenschaft war auch deshalb nur in den USA möglich, weil hier das Verlassen traditioneller Fachdisziplinen, die inter- und multidisziplinäre Zusammenarbeit und ein Zusammenwirken der Wissenschaft mit Politik, Wirtschaft und Militär kein Tabu waren.

Obwohl die neue wissenschaftliche Herangehensweise an Zukunftsstrate-gien nicht auf bestimmte Themen festgelegt war, lässt sich gleichwohl noch eine starke Konzentration auf wissenschaftlich-technologische Probleme feststellen. Das liegt ganz zweifellos daran, dass wichtige Erkenntnisse über Zukunftsentwicklungen und Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung in erster Linie dort zu erwarten sind, wo die zentralen Bewegungsmomente der Gesellschaft ausgemacht werden. Dass dies in der Industriegesellschaft und heute beim Übergang zur Wissenschaftsgesellschaft vor allem die Chancen und Perspektiven sind, die auf der Entfaltung der wichtigsten Produktivfaktoren Wissenschaft und Technologie beruhen, dürfte mittlerweile unbestritten sein. Um so bedeutsamer ist die Tatsache, dass die moderne Zukunftswissenschaft seit etwa den sechziger Jahren, hauptsächlich unter dem Einfluss der emanzipatorischen Bürgerbewegungen – Sozial-, Studenten-, Friedens- Ökologie- und Frauenbewegung –, sich zunehmend auch den Folgen und Risiken der technisch-industriellen Dynamik zuwandte.

Vor allem in den skandinavischen Ländern wurden diese bedeutsamen Zukunftsfragen erstmals auch im Rahmen der wissenschaftlichen Politik- und Wirtschaftsberatung mit dem Ziel einer humanen Gestaltung von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt erfolgreich aufgegriffen. Auch in der Bundesrepublik Deutschland lässt sich feststellen, dass die relevanten Zukunftsthemen mehr und mehr auch von den Wirkungen und Folgen der technologisch-ökonomischen Entwicklung geprägt sind: von den globalen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Disparitäten, den möglichen Folgen der ABC-Massenvernichtungswaffen, den Machtungleichgewichten zwischen der Ersten und der Dritten Welt, der Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt, den Belastungen der Biosphäre, den gravierenden Ungleichverteilungen bei der Nutzung der Naturressourcen, dem Individualisierungstrend und dem demographischen Wandel in den Industrieländern und der Globalisierung.

Von den grundlegenden Zukunftsstudien, die das Zukunftsdenken und - handeln weltweit maßgeblich beeinflusst haben, sei die 1972 publizierte Studie „Die Grenzen des Wachstums“ von Dennis und Donella Meadows exemplarisch hervorgehoben. Sie hat wie keine andere die Öffentlichkeit erregt, wissenschaftliche Debatten provoziert, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu Neuorientierungen veranlasst und in der Wissenschaft selbst eine Flut von Folgestudien ausgelöst. Auftraggeber war der Club of Rome, der 1968 von dem italienischen Industriellen Aurelio Peccei und dem Generaldirektor für Wissenschaft und Technologie bei der OECD Alexander King gegründet wurde und dem etwa 100 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur aus 40 Ländern angehörten. Diese Zukunftsstudie zeigte erstmals die Weltentwicklung nicht mehr in einem techno-lo-gisch inspi-rierten Zukunftsoptimis--mus, sondern die wahrscheinlicheren Pfade von Wirtschaftswachstum und Weltbevölkerung im Hinblick auf die Erschöpfbarkeit der natürlichen Ressourcen sowie die Belastungsgrenzen der natürlichen Umwelt und der Sozialsysteme. Durch ihre öffentlichkeitswirksame Verbreitung markierten „Die Grenzen des Wachtums“ ganz zweifellos eine Wende in der Betrachtung globaler Zukunftsfragen.

Das grundlegende Simulationsmodell WORLD3, das auf Jay Forresters „Industrial Dynamics“ beruhte, erlaubte nicht nur qualitative, sondern auch quantitative Zukunftsaussagen über die komplexen Zusammenhänge von Wirtschaft, Umwelt und Bevölkerung auf globaler Ebene. Die Studie und zahlreiche nachfolgende Weltmodelle anderer Wissenschaftlerteams bis hin zu den 20 Jahre später weiterentwickelten Weltszenarien „Die neuen Grenzen des Wachstums“ (1992) hatten einen großen Einfluss auf die Politik der Vereinten Nationen, der Europäischen Union und zahlreicher Nationalstaaten. So sind beispielsweise die Hauptergebnisse der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, insbesondere die Agenda 21 (1992) und die Inhalte der Millenniumserklärung der UN (2000) ohne diese Vorarbeiten aus dem Bereich der Zukunftswissenschaft nicht denkbar.

Grundelemente wissenschaftlicher Zukunftsforschung

Zukunftsfragen im gesellschaftlichen Bereich beziehen sich in der Regel nicht auf eng begrenzte Probleme. Vielmehr sind sie vorwiegend auf komplexe dynamische Systeme und Prozesse gerichtet, eingebettet und vernetzt in soziale, ökonomische, ökologische und kulturelle Umfeldbedingungen. In den letzten Jahrzehnten wurde immer deutlicher, dass nur eine großräumige bzw. globale Betrachtung der Zusammenhänge, Wirkungen und Folgen von Ereignissen und Trends gute, d.h. wissenschaftlich stringente und praktisch fruchtbare Erkenntnisse über Zukünfte erbringt. In Zeiten der Globalisierung sollte das heute eine Selbstverständlichkeit sein. Die Praxis in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft ist jedoch eine andere.

Ebenso verhält es sich mit den Zeitperspektiven, auf die Zukunftsfragen gerichtet sind und für die fruchtbares Zukunftswissen erarbeitet werden soll und dringend gebraucht wird. Durch menschliches Handeln werden täglich Zukünfte über mehr als 50, 100 oder sogar mehr als 1000 Jahre geschaffen: Das gilt etwa für den Bau von Wohn- oder Bürogebäuden, Brücken, Straßen, Flugplätzen, Ver- und Entsorgungseinrichtungen, Eisenbahnnetzen, Pipelines oder Kernkraftwerken ebenso wie für die Verursachung von radioaktivem Müll, das Ozonloch oder den immer dichter werdenden CO2-Mantel um die Erde als Hauptfaktor der Klimaveränderungen. Noch bedeutsamer sind die Zukunftsfolgen durch irreversibles menschliches Handeln, etwa durch den Ressourcenverbrauch fossiler und metallischer Rohstoffe und die Artenvernichtung. Es kann keinen Zweifel geben, dass eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit mittel- und langfristigen Zeiträumen und Handlungsorientierungen in die Zukunft für das Leben der Menschen, insbesondere auch der nachfolgenden Generationen, und die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften unabdingbar sind.

In der modernen Zukunftsforschung heißt ein Betrachtungszeitraum von fünf bis 20 Jahren mittelfristig und von 20 bis 50 Jahren langfristig. Bei zahlreichen Zukunftsfragen wie Klimawandel, Nutzung der Biomasse, Entsorgung von radioaktivem Abfall oder der Entwicklung von nachhaltigen Energie-, Gesundheits-, Wasser- sowie Verkehrs- und Kommunikationsstrukturen weltweit müssen die Betrachtungen allerdings noch weit über 50 Jahre hinausgehen.

Politische Programme und mehr noch Regierungsprogramme sind demgegenüber in der Regel auf maximal eine Legislaturperiode angelegt. Wirtschaftliche Strategien der Unternehmen sind ebenfalls auf sehr kurzfristige Gewinnperspektiven, Shareholder-Value und immer kürzer werdende Innovationszyklen der Produkte und Dienstleistungen (maximal zwei bis fünf Jahre) ausgerichtet. Letzteres konnte in einer empirischen Studie repräsentativ für alle kleinen, mittleren und großen Unternehmen in Deutschland festgestellt werden. Es gibt nur wenige Ausnahmen bei deutschen Unternehmen, die allerdings durchweg erfolgreich waren und ihre längerfristige Zukunftsfähigkeit weitaus besser gesichert haben.

Wir stehen somit vor dem grundlegenden Paradoxon, dass die meisten Strategieplaner, Konzeptentwickler und Entscheider in Politik und Wirtschaft zwar davon reden, dass unsere Welt von den Zukunftsfragen Globalisierung und Langfristtrends entscheidend geprägt wird, dass sie aber in ihren realen Programmen und Handlungen darauf keine Antworten geben. So sind heute zwar Begriffe wie „nachhaltige Entwicklung“ oder „Wissenschafts- und Wissensgesellschaft“ in aller Munde, die konkreten Umsetzungskonzepte sind jedoch weit vom wissenschaftlichen Erkenntnisstand entfernt. Schon das üppig vorhandene wissenschaftliche Wissen über die Vergangenheit und die Gegenwart wird ja nur bruchstückhaft ausgeschöpft und vielfach auch sehr einseitig und vorurteilsbelastet verwendet. Noch viel krasser ist es mit der Nutzung des wissenschaftlichen Zukunftswissens. Auch wenn sich die Zukunftsforschung der prinzipiellen Unsicherheit von Zukunftswissen bewusst ist, so verfügen wir heute gleichwohl über solide und belastbare Wissensbestände sowohl hinsichtlich möglicher als auch wahrscheinlicher und wünschbarer Zukünfte und ihrer Grundlagen in Vergangenheit und Gegenwart. Die Negierung dieses wissenschaftlichen Wissens bei der Zukunftsgestaltung führt jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit zu fatalen Folgen – die Selbstzerstörung der Menschheit eingeschlossen.

Basistrends

Vor dem Hintergrund einer notwendigen globalen Betrachtung und langfristigen Orientierung bei der Lösung aktueller und zukünftiger Herausforderungen sind die Herausarbeitung von grundlegenden Zukunftstrends und die Bewertung ihrer Relevanz für zukünftige Entwicklungen unabdingbare Voraussetzungen. Aus einer Gesamtzahl von 50 Basistrends, die durch Auswertung nationaler und internationaler Zukunftsstudien selektiert wurden, konnten in Zukunftswerkstätten dann die wichtigsten ermittelt werden (Megatrends). Die Zukunftswerkstätten waren jeweils mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur und Vertretern der Zivilgesellschaft sowie gesellschaftlich relevanter Organisationen und Institutionen besetzt. Nur ein solches kombiniertes Analyse- und Partizipationsverfahren ermöglicht bei derart komplexen Bewertungsfragen seriöse und fruchtbare Ergebnisse.

Megatrends bezeichnen Entwicklungen, bei denen mindestens drei Krite-rien erfüllt sind:

  1. Der Trend muss fundamental in dem Sinne sein, dass er starke bis grundlegende Veränderungen im Bereich der menschlichen Sozialentwicklung und/oder des natürlichen Umfelds bewirkt.
  2. Der Trend muss mindestens mittelfristig (ca. fünf bis 20 Jahre) oder langfristig (über 20 Jahre) starke Wirkungen und Folgen auslösen.
  3. Mit dem Trend müssen starke globale Wirkungen und Folgen für Gesellschaft und Natur (Biosphäre) verbunden sein.

Hieraus ergab sich die folgende Rangfolge der zehn wichtigsten Megatrends:

  • Wissenschaftliche und technologische Innovationen
  • Belastungen von Umwelt und Biosphäre/Raubbau an den Naturressourcen
  • Bevölkerungsentwicklung und demografischer Wandel
  • Wandel der Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- und Informations- bzw. Wissenschaftsgesellschaft (Tertiarisierung und Quartarisierung der Wirtschaftsstrukturen)
  • Globalisierung von Wirtschaft, Beschäftigung, Finanzsystem und Mobilität
  • technologische, ökonomische und soziale Disparitäten zwischen Erster und Dritter Welt sowie Extremismus und Terrorismus
  • Individualisierung der Lebens- und Arbeitswelt
  • Erhöhung der Mobilität bzw. der Personen- und Güterströme weltweit
  • Verringerung der Lebensqualität (nach UN- und Weltbank-Indizes)
  • Spaltung der Gesellschaften durch ungleiche Bildung, Qualifikation und Massenarbeitslosigkeit. 

Kernprobleme globalen Wandels

Unsere heutigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Herausforderungen resultieren hauptsächlich aus den Kernproblemen des globalen Wandels in der Biosphäre, einschließlich derjenigen, die das soziale Zusammenleben auf dem begrenzten Globus in den kommenden Jahrzehnten prägen werden. Ohne besondere Gewichtung handelt es sich um folgende Problembereiche:

  • Klimawandel
  • Verlust biologischer Vielfalt
  • Süßwasserverknappung und -verseuchung
  • Verschmutzung der Weltmeere und der Anthroposphäre
  • Bodendegradation und Wüstenbildung
  • Gesundheitsgefahren durch globale Seuchen und Zivilisationskrankheiten
  • Gefährdung der Ernährungssicherheit
  • wachsende globale Entwicklungsdisparitäten
  • Zunahme der grenzüberschreitenden Migration
  • Ausbreitung nichtnachhaltiger Lebensstile.

Vor dem Hintergrund der alle Lebensbereiche tief durchdringenden und prägenden Megatrends und der Kernprobleme des globalen Wandels klafft eine riesige Lücke zwischen dem heute bereits vorhandenen Zukunftswissen und den realen globalen, nationalen und regionalen Lösungskonzepten und Handlungsweisen – insbesondere sind die politischen Entscheidungen der Regierungen, Parlamente und supranationalen Organisationen sowie das konkrete wirtschaftliche Handeln der meisten Unternehmen und Wirtschaftsverbände noch keineswegs auf die wichtigsten Zukunftsfragen und ihre Bewältigung ausgerichtet.

Zukunftsperspektiven für Deutschland

In der Bundesrepublik Deutschland hat die Bundesregierung 2002 die „Nationale Nachhaltigkeitsstrategie – Perspektiven für Deutschland“ erarbeitet und als Grundlage ihrer Zukunftspolitik verkündet. In diesem Dokument legt sie detaillierte Schritte und Maßnahmen vor, wie Deutschland ökonomisch, sozial, ökologisch und kulturell zukunftsfähig zu machen ist. Unter der Überschrift „Generationengerechtigkeit“ wird dargelegt, wie dies durch Maßnahmen zur Ressourcenschonung, zum Klimaschutz, zur Nutzung erneuerbarer Energien, Verringerung der Flächeninanspruchnahme, Erhaltung der Artenvielfalt, Verringerung der Staatsverschuldung, durch wirtschaftliche Zukunftsvorsorge, Förderung von technischen und sozialen Innovationen und durch Bildung und Forschung zu erreichen ist.

Unter der Überschrift „Lebensqualität“ werden detaillierte Angaben zur Förderung wirtschaftlichen Wohlstands, umweltfreundlicher Mobilität, gesunder Ernährung, zur Verbesserung der Luftqualität, der Gesundheit und zur Verringerung von Kriminalität gemacht, zum Thema „Sozialer Zusammenhalt“ wichtige Maßnahmen für mehr Beschäftigung, zur Förderung und Unterstützung von Familien und Jugendlichen, zur Verbesserung von Gleichberechtigung und zur Integration der ausländischen Mitbürger. Im Hinblick auf die Wahrnehmung von „internationaler Verantwortung“ enthält die Nationale Nachhaltigkeitsstrategie klare Aufträge zur Entwicklungszusammenarbeit und gleichberechtigten Öffnung der Märkte zwischen Deutschland und der Dritten Welt, für eine offensive Wirtschafts-, Innovations-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik werden richtungsweisende Ziele, Handlungsfelder und Maßnahmen formuliert, die teilweise sogar durch quantifizierbare Indikatoren in zeitlicher und mengen-mäßiger Hinsicht festgeschrieben wurden.

Beklagenswert ist allerdings, dass sich in den Koalitionsvereinbarungen und Regierungsprogrammen des Bundes und der Länder kaum etwas von diesen wichtigen und sehr konkreten Zukunftszielen wiederfindet. Auch in der Wirtschaft hat man noch nicht hinreichend erkannt, welche Bedeutung eine konkrete Nachhaltigkeitsstrategie für die Zukunftsfähigkeit des Landes, der Volkswirtschaft und speziell auch für die Innovations- und Wettbewerbskraft jedes einzelnen Unternehmens hat. Die bisherigen Selbstverpflichtungen der Wirtschaft zur Einhaltung selbstgesteckter Nachhaltigkeitsziele (etwa zum Klimaschutz, zur Förderung erneuerbarer Energietechniken, zur Schaffung von Ausbildungsplätzen) sind jedenfalls wenig ermutigend. Demgegenüber haben zahlreiche zivilgesellschaftliche Gruppen, Organisationen und Netzwerke sowie Städte und Gemeinden hauptsächlich auf lokaler und regionaler Ebene (so im Rahmen von lokalen Agenda-21-Projekten) viel getan, um die Nachhaltigkeitsziele in die Öffentlichkeit zu tragen und durch geeignete Projekte und Aktivitäten zu zeigen, dass sie praktisch erfüllbar sind.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 12, Dezember 2006, S.6‑13

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