01. Juli 2013

Das Wachsen der Anderen: Silicon Wadi

Israel ist erfolgreiche Hightech-Nation. Aber zu wenige profitieren davon

Bevor Boaz Avidan in Tel Aviv sein Startup-Unternehmen gründete, stellte er seiner Lebenspartnerin die Gretchenfrage: „Bist du bereit, nach Amerika auszuwandern?“ Denn er wusste, dass vor allem US-Firmen wie Nielsen oder Gartner als Interessenten für seine Marketingplattform in Frage kommen, an der er derzeit mit sechs Kollegen arbeitet. „Investoren bestehen in der Regel darauf, dass die Jungunternehmen nach Vertragsabschluss ins Hauptquartier wechseln,“ sagt Avidan.

Die Startup-Nation Israel gehört zwar zu den beliebtesten Forschungsplätzen weltweit. In Sachen Innovation und Kreativität komme das Land gleich nach dem Silicon Valley an zweiter Stelle, lobte Ende 2012 Microsoft-Chef Steve Ballmer Israels Hightech-Industrie. Firmen wie Intel, Cisco, Google, Apple oder SAP unterhalten in Tel Aviv, Haifa oder Jerusalem Forschungszentren, um Zugang zu vielversprechenden Ideen zu gewinnen. Cisco holte sich für 475 Millionen Dollar die israelische Softwarefirma Intucell, die selbstoptimierende Netzwerksoftware (SON) entwickelt, Apple zahlte für den Flash-Spezialisten Anobit 500 Millionen Dollar, Google schnappte sich für mehr als eine Milliarde Dollar Waze. In den vergangenen fünf Jahren wurden 300 israelische Startups für insgesamt 17 Milliarden Dollar verkauft.

Aber der Erfolg habe seine Schattenseiten, mahnen Experten. Statt Innovationen als Basis für den Aufbau israelischer Unternehmen zu verwenden, werden sie ans Ausland verkauft. Noch sorgen aber stets neue Ideen für das Funktionieren von „Israels Hightech-Pipeline in die USA“ (Wall Street Journal). Der Erfolg werde durch die im Vergleich zu anderen Ländern hohe Risikoakzeptanz der Israelis ermöglicht, sagt Jon Medved, der seit 30 Jahren in rund 120 israelische Hightech-Firmen investiert hat. Der gebürtige Amerikaner managt den nach eigenen Angaben weltweit größten Crowdfunding-Fonds; mit diesem seit einem halben Jahr operierenden Finanzierungskanal habe er bereits 20 Jung­firmen geholfen, ihre Projekte zur Marktreife zu entwickeln. „Weil der israelische Markt zu klein ist, denken wir vom ersten Tag an global“, sagt Medved. Die Chuzpe vieler Israelis erleichtere es ihnen, unkonventionelle Gedanken in einem organisierten Chaos kreativ umzusetzen. Wichtig sei auch, dass ein Flop in der israelischen Gesellschaft nicht stigmatisiert werde.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist vor allem auch der Dienst in der technologiestarken Armee. Dort lernt man bereits in jungen Jahren nicht nur, Verantwortung zu tragen, sondern auch den Umgang mit der Spitzentechnologie, sagt jemand, der vier Jahre im Computerzentrum des Militärs gedient hat. Denn um überleben zu können, müsse Israel den Nachbarn in Sachen Technologie immer zwei bis drei Schritte voraus sein. Sobald sie die Uniform abgelegt haben, wenden die Wehrdienstleistenden der Hochtechnologieeinheiten ihr Wissen oft im zivilen Bereich an.

Die Attraktivität des Forschungsstandortes erklärt Eyal Niv von Giza Venture Capital, einem der fünf größten Risikokapital-Fonds des Landes, mit der guten Position israelischer Universitäten im Bereich Algorithmen, dem Herz der Rechner, denn heute sei das Beherrschen der intelligenten Mensch-Maschine-Interaktion zentral. Die starke Position bei den selbstlernenden Verfahren verdankt das Land auch der Einwanderung von Russen in den neunziger Jahren, die fortgeschrittene Mathematikkenntnisse mitbrachten.

Der Hightech-Boom kann indessen nicht vertuschen, dass Israel zu den schwächsten OECD-Ländern gehört. Der Modernisierungsschub geht an großen Teilen des Landes vorbei. Nur 8 Prozent der Arbeitnehmer haben einen Job in der Hightech-Branche, die Produktivität ist niedriger als im OECD-Durchschnitt. Israels Ökonomie bestehe aus zwei Teilen, sagt Dan Ben-David, der das Taub Center for Social Policy Studies in Jerusalem leitet und an der Universität Tel Aviv Wirtschaft lehrt. Während die Beschäftigten im innovativen Sektor über die Werkzeuge verfügten, um im globalen Konkurrenzkampf bestehen zu können, verfüge ein großer Teil der Arbeitnehmer weder über die notwendigen Instrumente noch über adäquate Bedingungen, um für den effizienten Einsatz in der modernen Wirtschaft gewappnet zu sein. Investitionsbedarf macht Ben-David vor allem in den Schulen und im Transportwesen aus. So gibt die Regierung pro Schüler heute weniger aus als der Durchschnitt der OECD-Länder; 1998 waren die Ausgaben noch gleich hoch. Die Produktivität leidet auch unter dem ungenügenden Ausbau der Infrastruktur. Obwohl pro Person nur halb so viele Autos wie im OECD-Durchschnitt registriert sind, verbrächten die Israelis doppelt so viel Zeit im Stau – eine der Ursachen für die geringe Produktivität. Um beim Lebensstandard mit den reicheren OECD-Ländern gleichziehen zu können, müsste Israel massiv in Schulen und in Transportinfrastruktur investieren.

Mittlerweile interessieren sich auch asiatische Investoren für den Forschungsstandort Israel. So hat Samsung eine Filiale seines internationalen Innovations- und Strategiezentrums in einem Tel Aviver Vorort eröffnet. LG ist ebenfalls auf der Suche nach israelischen Startups. Gut möglich also, dass für Jungunternehmer vom Kaliber eines Boaz Avidan künftig nicht nur die USA, sondern auch asiatische Nationen als Auswanderungsland in Frage kommen.

Wachstumsrate: 3,0 %
BIP pro Kopf: 29.760 $
Inflationsrate: 1,8 %
Arbeitslosenquote: 6,3 %
Haushaltsbilanz (% BIP): -3,3

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent des Handelsblatts. Er lebt in Tel Aviv.
 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2013, S. 36-37

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