Das politischste Stadion der WM
Am 11. Juni wird im Aztekenstadion die Fußballweltmeisterschaft der Männer eröffnet. Rund um den historischen Bau verdichten sich Mexikos Konflikte: Verdrängung, Wasserknappheit und Organisierte Kriminalität. Für viele Menschen in Mexiko City bringt das Turnier neue Lasten, die nach dem Schlusspfiff nicht enden werden.
Im Süden von Mexiko City schiebt sich der dichte Verkehr am Estadio Azteca, dem Aztekenstadion, vorbei. Schon aus der Ferne sieht man, wie der wuchtige Bau hinter den Häuserreihen emporragt. Auf dem großen Platz vor dem Aztekenstadion gehen Touristen für ein gutes Foto nah an den Gitterzaun heran. Mit Ehrfurcht blicken sie auf die geschwungenen Betonpfeiler, die das Stadion umschließen und den Eindruck vermitteln, als würde das ovale Dach darüber schweben.
Das Aztekenstadion gehört zu den berühmtesten Arenen der Welt. Plaketten und Ergebnistafeln an der Fassade erinnern an wichtige Momente seiner Geschichte, an den Triumphzug von Pelé bei der WM 1970, an die „Hand Gottes“ von Diego Maradona 1986. Nun wird am 11. Juni im Aztekenstadion die WM 2026 eröffnet, die mexikanische Mannschaft trifft auf Südafrika. Zum dritten Mal ist das größte Fußballspektakel in Mexiko City zu Gast.
Im Schatten des Stadions
Doch es herrscht nicht nur Bewunderung. In den vergangenen Jahren wurde das Stadion aufwändig modernisiert. In der Umgebung wurden Straßen, Radwege und Haltestellen für den Nahverkehr errichtet. In dieser Zeit kamen auf dem Vorplatz immer wieder Gruppen zu Protesten zusammen. Sie glauben, dass die Modernisierung nur einer kleinen Elite zugutekommt.
Mit dieser Elite ist vor allem Televisa gemeint, einer der größten Medienkonzerne Lateinamerikas und Eigentümer des Aztekenstadions. Televisa plant in der Nähe der Arena einen großen Komplex mit Hotel, Einkaufszentrum und hochpreisigen Wohnungen. Die WM und dieses Bauprojekt könnten die soziale Ungleichheit weiter verschärfen, warnt die Schweizer Sozialanthropologin Monika Streule, die sich an der Iberoamerikanischen Universität in Mexiko City mit Stadtentwicklung befasst: „Die Mieten werden steigen und die Wasserknappheit könnte zunehmen.“
Mexiko City liegt mehr als 2200 Meter über dem Meeresspiegel und leidet seit Langem unter einer Wasserkrise. In etlichen Stadtteilen, wo überwiegend Menschen mit niedrigen Einkommen leben, kann das tiefliegende Grundwasser kaum noch erreicht werden. Hier übernehmen Tanklaster die Lieferung. Am Aztekenstadion hat sich der Konzern Televisa den Zugang zu einer wichtigen Wasserquelle gesichert. Aktivisten befürchten, dass dadurch Brunnen in umliegenden Gemeinden schneller versiegen könnten. Und auch die vielen Touristen bei der WM könnten die Wasserversorgung erschweren.
Die Fußballgäste werden spätestens im Juli wieder abreisen, doch die ökologischen Belastungen bleiben
Die Fußballgäste werden spätestens im Juli wieder abreisen, doch die ökologischen Belastungen bleiben. Das koloniale Mexiko City war im 16. Jahrhundert auf einem alten Seeufer errichtet worden und ist vor allem im 20. Jahrhundert rasant gewachsen. Seither sinkt die Stadt immer weiter ab, in manchen Regionen zwei Zentimeter im Monat. An vielen Orten öffnen sich Erdlöcher, etliche historische Gebäude stehen schief. Am Aztekenstadion drückt die schwere Betonkonstruktion auf den Untergrund. Vor Kurzem fotografierten Fans bei einem Spiel Betonteile, die von den Tribünen abgebrochen waren. Und im Umfeld analysieren US-Forscher mit Satellitentechnik die geologischen Bewegungen.
Wer weichen muss
Belastungen für Umwelt und Gemeinwohl wie diese prägen die Geschichte des Aztekenstadions seit mehr als sechs Jahrzehnten. In den frühen 1960er Jahren wollten mexikanische Unternehmen den Fußball als Unterhaltungsmedium für eine wachsende Mittelschicht etablieren. Televisa, gegründet 1955, kaufte damals einen lokalen Traditionsverein mit dem stolzen Namen „América“, für den es eine Spielstätte brauchte. Televisa finanzierte den Bau des Aztekenstadions. Der Name sollte symbolisch an die mexikanische Geschichte vor der spanischen Kolonialisierung erinnern.
Im Mai 1966 wurde das Aztekenstadion im damals noch landwirtschaftlich geprägten Süden von Mexiko City eröffnet. „Das Stadion gab einen Schub, um die Industrialisierung bis in diese Peripherie auszudehnen“, sagt Monika Streule. „Aber der Bau verschärfte auch die Verdrängung.“
Seit den 1950er Jahren waren Hundertausende Menschen auf der Suche nach Arbeit aus ländlichen Regionen nach Mexiko City gezogen. Ausreichend Wohnungen gab es nicht. Daher entstanden Hunderte informelle Siedlungen. Die mexikanische Regierungspartei PRI reagierte zu jener Zeit autoritär. Und so ließ die Stadtregierung für den Bau des Aztekenstadions etliche Siedlungen räumen, auch mit Gewalt.
Bei den aktuellen Protesten schlugen Demonstrierende einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Denn auch vor der WM 2026 mussten Geschäfte und Wohnungen für die neue Infrastruktur am Stadion weichen. Betroffen waren insbesondere die Viertel Santa Úrsula und Coyoacán, wo viele Menschen indigener Herkunft leben, die überproportional von Armut betroffen sind. Damit schreitet die Gentrifizierung weiter voran.
Die Fußball-WM verstärkt eine Entwicklung, die bereits während der Corona-Pandemie an Fahrt aufgenommen hatte. 2022 ging die Regierung von Mexiko City eine Kooperation mit der UNESCO und Airbnb ein. Das Ziel: Mexiko City als Zentrum für „digitale Nomaden“ zu bewerben. Seither ließen sich Tausende US-Amerikaner, die im Homeoffice arbeiten können, in der mexikanischen Hauptstadt nieder. Die Folge: steigende Mieten und Verdrängung.
Die Macht der Gangs
Die Bürgerinitiativen wählten für ihre Demonstrationen gegen Gentrifizierung auch das Aztekenstadion. „Doch mehrfach wurden sie von bewaffneten Gangs bedroht und angegriffen“, sagt Mauricio Salazar, der sich in der Organisation „Aluna Acompañamiento Psicosocial“ um Vertriebene kümmert. „Die Aktivisten wurden von den Gangs vor die Wahl gestellt: Entweder sie räumen das Gelände oder Mitglieder aus ihren Familien werden entführt.“
Wer die Schläger beauftragt, lässt sich selten nachweisen. Es hat in Mexiko Tradition, dass bei Bauprojekten mit vielen Subunternehmen auch die Organisierte Kriminalität mitmischt, etwa durch Geldwäsche oder die Zwangsrekrutierung von Arbeitern. Wie groß ihre Macht in Mexiko ist, zeigte sich im Februar dieses Jahres nach der Tötung von Nemesio Oseguera Cervantes, genannt „El Mencho“, dem Anführer des landesweit größten Drogenkartells. Mitglieder des Kartells setzten daraufhin Geschäfte und Banken in Brand, errichteten Straßensperren. Die Lage beruhigte sich nach einigen Tagen, doch die Gewalt könnte wieder ausbrechen. Zwischen Militär und Kartellen, zwischen rivalisierenden Banden. Es drohen neue Revierkämpfe.
Von den insgesamt 104 WM-Spielen werden 13 in Mexiko stattfinden, neben Mexiko City auch in Guadalajara und Monterrey. Für die Sicherheit will die mexikanische Regierung landesweit rund 100 000 Soldaten, Polizisten und Nationalgardisten einsetzen. Die Mannschaften werden von Militäreinheiten begleitet. Stadionzuschauer müssen sich per Gesichtsscan registrieren lassen. Mauricio Salazar glaubt, die WM werde für Touristen zwar sicher sein, doch die strukturellen Probleme für die Einheimischen würden bleiben und sich womöglich verschärfen.
In Mexiko City existiert ein großer informeller Arbeitssektor. Rund um das Aztekenstadion beanspruchen bei der WM die Sponsoren der FIFA ihren Platz. Doch in einem größeren Radius hoffen lokale Händler, Standbetreiber und Gastronomen auf Gewinne. „Es ist wahrscheinlich, dass die Organisierte Kriminalität von diesen informellen Geschäften verstärkt Schutzgelder eintreiben wird“, sagt Mauricio Salazar. „So können neue Abhängigkeiten entstehen.“
Nach Erhebungen des Magazins Science gehören den mexikanischen Kartellen 185 000 Mitglieder an – damit zählen sie zu den größten Wirtschaftszweigen des Landes. Über den Drogenhandel hinaus haben sie neue Einnahmequellen etabliert: den illegalen Abbau von Rohstoffen, die Beteiligung an Bauprojekten oder die Entführung von Migranten aus Zentralamerika, die dann für die Kartelle arbeiten müssen. „Frauen aus prekären Verhältnissen werden häufig zur Prostitution gezwungen“, erklärt Françoise Greve von der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko, einem Netzwerk von Initiativen und Hilfswerken. „Und es ist wahrscheinlich, dass die Nachfrage nach Prostitution bei einem Großereignis wie der Weltmeisterschaft stark steigen wird.“
Die mexikanische Regierung vermarktet das Aztekenstadion derweil als Symbol für die stolze Fußballgeschichte, aber auch für die Moderne. Künftig soll eine LED-Beleuchtung den Energieverbrauch senken. Das Ziel ist, dass die WM-Touristen nach Mexiko zurückkehren werden. Schon jetzt haben Bürgerinitiativen Kundgebungen rund um die WM angekündigt. Sie wollen zeigen, dass das Turnier für viele Menschen in Mexiko City kein Fortschritt ist, sondern ihr Leben eher erschwert.
Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 09. Juni 2026
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