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01. Sep 2007

Das große Durcheinander

Dringend gesucht: eine identitätsstiftende arabische Ideologie

Der Irak-Krieg, Syriens Rauswurf aus dem Libanon, der Wahlsieg der Hamas und der Sieg der Hisbollah über Israel haben das bisherige Machtgefüge des Nahen Ostens zum Einsturz gebracht. Die Eliten sind verunsichert, die Feindbilder stimmen nicht mehr – aber statt einer Debatte herrscht ratloses Schweigen. Neue Konzepte sind nicht in Sicht.

Das „Chaos regiert“: Fünf Jahre nach dem großartig angekündigten Start des Projekts „Neuer Naher Osten“ sind Politologen und Journalisten gleichermaßen in Interpretationsnot. Die transnationalen Einflüsse und vor allem das Spiel der Allianzen und Rivalitäten in der Region sind heute weitaus komplexer als vor 30 Jahren.

Es ist wichtig, die sich verändernden Auswirkungen des Irak-Kriegs auf die Nachbarländer immer wieder neu zu bewerten. Der Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 hatte Schiiten wie Kurden in eine heikle Situation gebracht: Die Angriffe auf die amerikanischen Truppen hatten die alte arabische nationalistische Ideologie bestärkt, die ein halbes Jahrhundert lang durch den Hass auf den Westen genährt worden war: Danach war der Sturz des Diktators nur ein Vorwand für die Plünderung der Ölreserven. Ab Februar 2006 stellte sich dann jedoch etwas ein, was man durchaus einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten nennen muss. Er erinnert an die Bürgerkriege in Somalia oder im Libanon in den Jahren 1975/76. Und laut James D. Fearon kann er erst dann ein Ende finden, wenn die Protagonisten zu der Erkenntnis gelangen, dass sie durch die Fortsetzung des Kampfes nichts mehr gewinnen können.1 Leider sind wir hiervon noch weit entfernt. Und der mögliche Abzug der amerikanischen Truppen sorgt für sehr viel Unsicherheit, was die weitere Entwicklung der Region angeht.

Angesichts der unglaublichen Gewalt, die nun verstärkt auf die Zivilbevölkerung anstatt auf die ausländischen Truppen abzielt, sind selbst Medien wie Al-Dschasira, in denen die mörderische Stimmung gerne angeheizt wird, in ihren Kommentaren etwas ratlos. Die Revolte der schiitischen Milizen, die schon zur ethnischen Säuberung von vier Fünfteln der Hauptstadt Bagdad von Sunniten geführt hat, wird als Indiz für eine Bedrohung durch die Schiiten gewertet. Ob die von den Saudis angeprangerte iranisch-schiitische Verbindung existiert oder nicht, spielt dabei keine große Rolle. Wichtig ist, dass die antischiitische Kampagne bis nach Ägypten reicht. Dort warnt die Presse vor einer missionarischen Aktion der Râfidûn (Ketzer). Der Krieg im Irak findet also nicht in einer abgeschotteten Welt statt. Mehr noch: Die Nachbarländer sind direkt eingebunden, als Durchzugsgebiet ausländischer Truppen ebenso wie durch die Massenemigration von fast 2,2 Millionen Irakern (hauptsächlich Sunniten) nach Syrien, Jordanien und Ägypten – eine sichere Quelle von Instabilität.

Der lange Untergang des arabischen Nationalismus

Im Jahr 2000 räumte Israel die letzten Positionen, die es im Südlibanon seit der Invasion von 1982 besetzt hielt. Der Rückzug wurde als ein erster Sieg gegen die Feinde der arabischen Nation präsentiert, war aber weniger das Ergebnis eines Kampfes als vielmehr das Resultat einer Gewinn- und Verlustrechnung. Dennoch wurde die Legende zu einem unumstößlichen Dogma der politischen Klasse und der Medien im Libanon: Die Hisbollah verkörperte von nun an die gesamte Nation, und ihr Vorgehen bot sich den Palästinensern als Modell an. Sechs Jahre später wurde der Libanon-Krieg vom Juli/August 2006, der mit dem sicherlich symbolischen, aber dennoch unleugbaren Sieg der Hisbollah endete, ausschließlich als ein Konflikt zwischen Israel und der Partei Gottes dargestellt. Warum?

Dies erklärt sich dadurch, dass der vorausgegangene Bruch zwischen Syrien und dem Libanon die gesamte arabische Ideologie und Kultur in ihren Grundfesten erschüttert hat. Man denke, dass plötzlich die werten „arabischen Brüder“ als blutige Besatzer bezeichnet wurden! Und die das sagten, waren nicht etwa George W. Bush und seine Mannschaft, oder die traditionell verdächtigen christlichen Libanesen, sondern Muslime aus Beirut, die seit jeher die palästinensische Sache unterstützt hatten. Auf einmal hörte die höchst erstaunte arabische Welt die Menge skandieren: „Syrien raus!“ Die Folge war, dass das kriegerische Vokabular des arabischen Nationalismus sich wie von Zauberhand in Luft auflöste. Erstaunlicherweise gab es sogar innerhalb der Hisbollah selbst keine Verwendung mehr dafür.

Die Hisbollah ist weit davon entfernt, eine Partei mit gemeinschaftlicher Basis und einem nationalen Projekt zu sein, wie einige Experten behaupten. Sie hat sich vielmehr im Laufe der Zeit zu einem autark lebenden, konfessionellen Ministaat entwickelt, der vom Iran mit Milliarden von Dollar versorgt wird, seine eigenen Institutionen und Handelskreisläufe hat und den eine einheitliche Doktrin zusammenhält. Wie kann Syrien, die letzte „Heimat des arabischen Nationalismus“, sich damit abfinden?

Nach dem Tod von Hafiz al-Assad am 10. Juni 2000 schien es, als könne man berechtigte Hoffnungen auf Veränderung haben. Die Inkompetenz von Baschar al-Assad, den sein Vater innerhalb weniger Monate in die höchsten Ämter befördert hatte, schien ein positiver Faktor zu sein. Denn diese Inkompetenz wurde anfangs als Gleichgültigkeit, ja sogar als Unabhängigkeit gegenüber den Clans interpretiert, die Syrien seit mehr als 30 Jahren in der Hand haben.

Doch der junge Präsident, dessen Reformbestrebungen von den Clans sabotiert wurden, hat wohl die alten Praktiken der Macht übernommen. Chirac, der ihn im Elysée-Palast empfangen hatte, verzieh ihm dies nie. Das erklärt sein persönliches Engagement, um seinen ermordeten Freund Hariri zu rächen. Käme Nicolas Sarkozy nun zu einer „Realpolitik“ zurück und würde den Gesprächsfaden mit Damaskus wieder aufnehmen, liefe er Gefahr, bei der syrischen Seite auf Unnachgiebigkeit zu stoßen. Denn Syriens Präsident fühlt sich angesichts der festgefahrenen Lage der Amerikaner im Irak stärker denn je. Direkt oder indirekt beeinflusst er weiterhin drei Schauplätze des Geschehens: den Irak, Palästina und den Libanon.

So hat die syrische Regierung wieder Oberwasser, nachdem sie teilweise die Spuren einer Aktion verwischt hat, die man auf jeden Fall als einen riesigen Fehler bezeichnen muss – die Ermordung Hariris. Der alte Assad hatte seine Politik auf Zynismus aufgebaut: Eine Tat, so grausam sie auch sein mag, zahlt sich letztlich aus, wenn sie mit Entschiedenheit durchgeführt wird. Henry Kissinger war einst von dieser zur Politik erklärten Schamlosigkeit angetan und hatte den Syrern 1976 zugetraut, den Libanesen und den Palästinensern der PLO den Weg zu weisen; daher rührt die Legende von Assad als Schlüssel zu einer Lösung im Nahen Osten, obwohl die syrischen Geheimdienste 30 Jahre lang mit allen Mitteln den Abschluss von Abkommen mit Israel verhindert haben.

Das Ende der „Sache“

Die Übernahme Gazas durch die Hamas war aus der Sicht von Damaskus – einem Regime, das lange daran gearbeitet hat, ein Friedensabkommen zwischen Israel und den Palästinensern zu verhindern – absolut zufriedenstellend. Die restliche arabische Welt hat bisher dazu geschwiegen. Das Erstaunen der arabischen Leitartikler angesichts dessen, was sie den „Bruderkampf“ nennen (iqtitâl al-ikhwat), überrascht allerdings. War dieser Ausgang nicht unvermeidlich?

Als die Hamas beschloss, an den Wahlen 2005 teilzunehmen, dachten viele Analysten, dass die terroristische Bewegung, die auf diese Weise die Abkommen von Oslo indirekt akzeptierte, wie jede Partei an der Macht mehr Mäßigung an den Tag legen würde. Doch die Operationen gegen Israel wurden nicht unterbrochen; Präsident Abbas organisierte die Sicherheitskräfte unter seinem direkten Befehl neu und führte dabei eine Umstrukturierung der Fatah durch. Die Verstärkung der militärischen Kräfte ist in der Tat in der palästinensischen Bewegung üblich. Schon Arafat hatte der Palästinensischen Behörde nie die Bewaffnung und die Sicherheitsaufgaben seiner Partei übertragen.

Was wird aus Gaza werden? Es ist mit seinen fast 1,5 Millionen Einwohnern fast völlig isoliert, und die Mittelschicht wird sicherlich ins Exil gehen, sobald sich ihr die Möglichkeit bietet. Aber die Hamas wird mit den Israelis den Warenverkehr verhandeln müssen, ganz zu schweigen von der Versorgung mit Elektrizität und Wasser. Dafür wird sich die Bewegung des islamischen Widerstands zwangsläufig veranlasst sehen, eine sehr strenge Kontrolle über ihren terroristischen Arm auszuüben. Ist dies nun das Ende der „palästinensischen Sache“, wie es bei Wahid Abdel-Majid heißt?2 Der palästinensische Dichter Mahmud Darwisch schrieb in derselben Ausgabe: „Wir schätzten den Juni als den 40. Jahrestag. Wir konnten keinen finden, der uns ein zweites Mal besiegte, und so haben wir uns selbst besiegt, um nicht zu vergessen.“

Das bezieht sich auf die „Sache“ – in der kollektiven arabischen Vergangenheit die Niederlage gegen Israel im Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967. Dafür verantwortlich sind die damaligen arabischen Regime, die bis heute fortbestehen. Eine jüngst bei ägyptischen Schülern durchgeführte Umfrage zeigt, dass die wenigsten von ihnen wissen, was es mit diesem Krieg auf sich hat. Und dennoch hat man sich anlässlich des 40. Jahrestags in der arabischen Presse alle Mühe gegeben, die Fehler der arabischen Führungen zu leugnen. „Lasst uns die Tatsache unserer eigenen Niederlage akzeptieren“, fordert dagegen Khairi Abaza.3 Er erinnert daran, dass das Westjordanland und Jerusalem durch den Fehler Nassers verloren gingen. Dieser hatte schließlich den jordanischen König dazu bewegt, in den Krieg einzutreten, obwohl er wusste, dass seine Truppen besiegt waren.

In einem neurotischen Ägypten, das von Korruptionsaffären hochrangiger Politiker erschüttert wird, wird auch nur die geringste politische Öffnung von der herrschenden Bürokratie als Bedrohung wahrgenommen. Ein Jahr vor der Hamas hatte die Muslimbruderschaft ihre Popularität trotz schamloser Betrügereien unter Beweis gestellt: Sie konnte 88 der 443 Sitze der Nationalversammlung erobern. Obwohl die Präsidentschaftswahlen vom September 2005, die den 77-jährigen Hosni Mubarak in seinem Amt bestätigten, unter der Oberaufsicht von internationalen Beobachtern stattfanden, waren sie eine einzige Farce.

Für die Europäer und Amerikaner, die vor zwei Jahren mit den „gemäßigten“ islamistischen Parteien, insbesondere mit der Muslimbruderschaft,4 einen Dialog begonnen haben, war die Antwort eindeutig: Im Juni 2007 wurde alles unternommen, damit die Muslimbruderschaft keinen einzigen Sitz im Oberhaus erhielt. Es ist jedoch nicht klar, ob die älteste Partei Ägyptens, die 1928 von Hassan al-Banna gegründet wurde, noch in der Lage ist, für frischen Wind zu sorgen. Bei den jungen Menschen ist sie umstritten, und von den radikalen Gruppen, insbesondere der Gamaa Al-Islamiya und Al-Qaida, wird sie wegen ihrer Vorstellung von Islamisierung der Gesellschaft abgelehnt – einer Islamisierung, die sich im Alltag zeigt und dabei auch Krisen hervorruft.

Arabische Doppelzüngigkeit

Um das düstere Bild zu vervollständigen, müsste man auch noch das Spiel der beiden Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran berücksichtigen. Saudi-Arabien ist an allen Fronten vertreten: In Beirut verhandelt der saudische Botschafter täglich mit den Vertretern der wichtigsten Fraktionen. In der palästinensischen Frage hat Saudi-Arabien Präsenz gezeigt, als es die (erfolglose) Versöhnung zwischen Fatah und Hamas in Mekka unterstützte. Saudi-Arabien agiert überdies im Verborgenen und lässt junge Saudis im Irak kämpfen oder auch unlängst im libanesischen Flüchtlingslager Nahr al-Bared.

Der Iran ist ein offizieller Partner Bagdads geworden, wo seine Vertreter mit den Amerikanern diskutieren. In Beirut haben seine Abgesandten das Sagen, seit sie denken, dass sie mit Hilfe der Hisbollah eine Schlacht gegen die Israelis gewonnen haben.

Im Gegensatz dazu ist der Handlungsspielraum Syriens nach dem Verlust der libanesischen Trumpfkarte eingeschränkt. Aber wie schon in der Vergangenheit spielen die führenden syrischen Persönlichkeiten immer noch mit dem Feuer. Dies trifft auf die meisten arabischen Politiker zu. Ihre goldene Regel ist die Doppelzüngigkeit: Einerseits reden sie von einem arabischen Nationalismus, an den niemand mehr glaubt, andererseits von der Demokratie, weil das dem Westen so gut gefällt. Ersteres ist mehr als abgenutzt und unwiderruflich beschädigt. Letzteres ist Ursprung eines riesigen Missverständnisses.

Dr. FRANÇOIS ZABBAL, geb. 1948, lehrte zwölf Jahre lang Philosophie an der Universität Beirut. 1984 ging er ins Exil nach Paris. Heute ist er Chefredakteur der vom Institut du Monde Arabe herausgegebenen Zeitschrift Qantara.

  • 1James D. Fearon: Iraq’s Civil War, Foreign Affairs, März/April 2007, S. 2–15.
  • 2Al-Hayat, 17.6.2006.
  • 3The Daily Star (Beirut), 4.7.2007.
  • 4Robert S. Leiken und Steven Brooke: The Moderate Muslim Brotherhood, Foreign Affairs, März/April 2007, S. 107–121.
Bibliografische Angaben

Internationale Politik 9, September 2007, S. 85 - 89.

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