01. Mai 2020
Kommentar

Corona und Klima

Auf der Suche nach 
der verlorenen Zeit
Bild
Bild: Schweres Gerät an einem serbisch-kroatischen Übergang
Schweres Gerät an einem serbisch-kroatischen Übergang hält das Virus wohl kaum auf, symbolisiert aber Tatkraft. In vielen Ländern wurden fast beispiellose Einschränkungen der Bewegungsfreiheit durchgesetzt, alles weitgehend im Einvernehmen mit der Bevölkerung. Politiker werfen zur Bekämpfung von COVID-19 fast alles in die Waagschale, weil sie sich noch innerhalb der laufenden Amtszeit verantworten müssen. Sie brauchen hingegen die Verurteilung für ihr Klimaversagen nicht zu fürchten, denn die eigentlichen Richter sind noch gar nicht geboren.
Lizenz
All rights reserved

Die Welt hält den Atem an. Aufgrund der COVID-19-Pandemie wurden in vielen Ländern fast beispiellose Einschränkungen der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit durchgesetzt, alles weitgehend im Einvernehmen mit der Bevölkerung. Große Teile der Wirtschaft standen oder stehen still, das öffentliche Leben erstarrte zeitweise völlig.

Die entschlossene Umsetzung der Vorgaben in vielen Ländern zeigt, wie effektiv und schnell politisches Handeln in Krisenzeiten sein kann. Wenn man das feststellt, muss man allerdings anmerken, dass es in den vergangenen 30 Jahren nicht gelungen ist, sinnvolle Lebensstiländerungen und ökonomische Innovationen zur Bekämpfung des größten Zivilisationsrisikos unserer Zeit vorzunehmen: der Erderwärmung.

Der emotionale und kognitive Schock, den uns die Corona-Krise versetzt hat, ist wohl nur zu vergleichen mit den Umwälzungen im Jahr 1989 und dem damit verbundenen Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung. Wir werden einige Lehren aus diesem Schock zu ziehen haben. Letztlich könnte er unsere Gesellschaft auch aus der Klimalethargie herausreißen, in der sich vor allem die älteren Generationen bequem eingerichtet haben. Mit wohlfeilem Beifall für die Kids von „Fridays for Future“, versteht sich.

Die Wissenschaft spielt heute bei der Prävention und Bewältigung von Krisen die alles entscheidende Rolle. Über evidenzbasierte Szenarienanalysen und Projektionen kann sie insbesondere latente Krisen frühzeitig erkennen und thematisieren. Dies ermöglicht oft politisches und zivilgesellschaftliches Handeln, bevor sich große Gefahren vor Ort manifestieren. Bei der Corona- und der Klimakrise ist das ein zentraler Punkt, weil die Schadensfolgen zeitversetzt nach ihren Ursachen eintreten.

Jedoch unterscheiden sich die Skalen beträchtlich: Die Inkubationszeit von COVID-19 beträgt fünf bis sieben Tage, während sich die desaströsen Auswirkungen gestiegener CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre erst nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten voll entfalten. Deshalb besteht die Gefahr, dass man, wie US-Präsident Trump, kostbare Interventionsmöglichkeiten versäumt. Eine verspätete Reaktion wird bei hochgradig nichtlinearen Prozessen wie Infektionskrankheiten und Ökosystemdynamiken streng bestraft.

Die kritische Bedeutung der Rechtzeitigkeit


Trotz aller aktuellen internationalen Spannungen und multinationalen Konflikte funktionieren die wissenschaftliche Zusammenarbeit und der Erkenntnisaustausch zur Corona-Problematik über nationale Grenzen hinweg. Neue Studien werden bereitwillig geteilt und die einschlägigen Artikel aus den Medien kostenlos der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Das ist bei der Klimaproblematik ähnlich, aber trotz immer überzeugenderer Belege für die existenzielle Bedrohung durch die Erderwärmung und rapide schrumpfender Interventionszeit fehlt es – anders als bei der Corona-Herausforderung – an entschlossenem Handeln.

Eine Erklärung dafür bietet die große Zeitverzögerung zwischen Ursache und Wirkung. Politiker werfen zur Bekämpfung von COVID-19 fast alles in die Waagschale, weil sie sich für ihr Notfallmanagement noch innerhalb der laufenden Amtszeit verantworten müssen. Die heutige Generation von Entscheidungsträgern braucht hingegen die Verurteilung für ihr Klimaversagen nicht zu fürchten, denn die eigentlichen Richter sind noch gar nicht geboren!  

Oft wird als Vergleich für die Corona-Krise die Finanzkrise von 2007/2008 herangezogen. Ein Vergleich, der allerdings in mancherlei Hinsicht hinkt – zumindest ist das zu hoffen: Denn damals blieb das ursächliche System weitgehend intakt. Selbst unverzichtbare Reformen, die eine Wiederholung eines solchen Börsenkrachs verhindern könnten, wurden seinerzeit nicht umgesetzt.

Die Krise von 2020 dagegen muss transformative Konsequenzen haben, denn sie legt Missstände in der globalisierten Gesellschaft bloß, die bei einem noch heimtückischeren Virus fatal wären. Defizite in der Prävention, im Krisenmanagement und in der internationalen Zusammenarbeit werden durch die Pandemie in Echtzeit vorgeführt.

Darüber hinaus zeigt sich, dass die Verbreitung von Lügen, die öffentliche Verachtung der Wissenschaft und die mangelnde persönliche und fachliche Eignung von populistischen Entscheidungsträgern außerhalb von Schönwetterperioden zur existenziellen Bedrohung werden können. Sie führen zum Zusammenbruch öffentlicher Gesundheitssysteme (USA) oder mittels Aushöhlung demokratischer Prozesse in die Autokratie (Ungarn).

Wegen der ubiquitären Bedrohung durch das Virus wird wieder einmal deutlich, dass das Schicksal der Menschheit heute ein geteiltes ist. Dies hat auch damit zu tun, dass die Corona-Pandemie Teil einer rasend fortschreitenden ökologischen Krise und der wachsenden Spaltung der Weltbevölkerung in Arm und Reich ist.

Zum Vergleich: Lange vor der Zeitenwende von 1989, in der das kommunistische Modell endgültig implodierte, gab es Anzeichen für eine tiefe Krise in den Staaten des Warschauer Paktes. Wirtschaftliche Missstände, Korruption, Meinungskontrolle und anschwellende Fluchtbewegungen waren Symptome für eine systemische Schieflage, die schließlich zum Zusammenbruch führte.

Auch für den jetzigen Systembruch gab es frühe Warnsignale. Unbedachte menschliche Interaktionen mit einer Reihe von Arten wie Primaten, Fledermäusen oder Schuppentieren lösten schon in der jüngeren Vergangenheit tendenziell globale Infektionskrankheiten wie SARS, Ebola und HIV aus. Nur vereinzelt zogen Länder daraus Lehren, globale Reformen blieben aus. Wir gehen allerdings davon aus, dass die Erfahrungen mit der Corona-Krise zu einer neuen Qualität des Seuchenmanagements führen werden, vielleicht sogar weltweit. Denn es zeigt sich, dass die Menschheit nun über mächtige Werkzeuge zur Pandemiebekämpfung verfügt, die von der Genanalyse bis zur Künstlichen Intelligenz reichen. Und diesmal sind die Entscheidungsträger auch gewillt, diese Werkzeuge einzusetzen – koste es, was es wolle.

Generationenübergreifende Systemkrise

Eine vergleichbar optimistische Perspektive drängt sich leider für die Klimaproblematik noch nicht auf. Wir sind da heute, um eine naheliegende Analogie zu bemühen, ungefähr am Tag 30 der Infektionskurve. Das heißt: Die Chance auf die vollständige Abwendung der Bedrohung durch Handeln ist vertan, aber noch lässt sich der Schaden für die Menschheit auf ein beherrschbares Maß beschränken. Wenn keine weitere Zeit durch Zuwarten verloren geht. Und wenn an keiner Stelle Abstriche an Klimaschutzvorhaben aus Prä-Corona-Zeiten gemacht werden, etwa dem Europäischen Green Deal.

Mit der aktuellen Schocktherapie zur Pandemie-Einhegung sollten neue, unkonventionelle Wege sichtbar werden, auf denen sich der Klimaschutz schneller und weiter voranbringen lässt. Ein riesiger Schritt aus der Systemkrise wäre etwa ein symbolischer, aber reales Handeln inspirierender „Klima-Corona-Vertrag“ zwischen den Generationen. Während in der Klimakrise durch das zeitverzögerte Einsetzen von Schäden insbesondere junge Menschen betroffen sind, haben ältere Menschen in der Corona-Krise statistisch ein signifikant höheres Risiko, schwer zu erkranken. Aus dieser Sachlage ergibt sich die unabweisbare Notwendigkeit der vertrauensvollen intergenerationellen Zusammenarbeit. Für eine gute Gegenwart, für eine gute Zukunft.
 

Prof. Hans Joachim Schellnhuber ist Gründer und Direktor Emeritus des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Dr. Kira Vinke arbeitet dort als Projektleiterin.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2020, S. 50-51

Themen und Regionen

Teilen