01. Dezember 2007

Auf Seelensuche

Amerikas Interlektuelle sind verunsichert und diskutieren über Grundsatzfragen

Angesichts der verfahrenen außenpolitischen Lage und der innenpolitischen Zerrissenheit prüft die amerikanische Öffentlichkeit ihr Gewissen, sucht nach ihrer Identität und einer angemessenen Richtung für die Zukunft. Von welcher Breite und Tiefe diese Suche ist, zeigt ein Blick in die amerikanische Zeitschriftenlandschaft. Public intellectuals aller Art wurden nach ihrem Sommerurlaub an den Schreibtisch zitiert, um Aufschluss zu geben über die Lage des Landes.

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Besonderes Interesse am Grundsätzlichen zeigt das Atlantic Monthly (November-Ausgabe), das anlässlich seines 150-jährigen Bestehens 56 Künstler, Politiker, Schriftsteller, Wissenschaftler und Unternehmer bat, über die Zukunft der „American Idea“ zu spekulieren.

Erwartungsgemäß vermögen sich die meisten auf eine Definition der „Amerikanischen Idee“ (Unabhängigkeitserklärug, Verfassung) zu einigen, und ebenso erwartungsgemäß scheiden sich an der Umsetzung dieser Idee die Geister. Während etwa Sam Harris über den antimodernen Reflex einer „gottestrunkenen Gesellschaft“ schimpft, wähnt sich der Autor der phänomenal erfolgreichen „Left Behind“-Bücher, Tim LaHaye, vom „Monopol des Säkularen in Erziehung und Bildung“ unterdrückt.

Für beide und für ihre artverwandten Schwarzseher auf der Rechten wie der Linken hat Tom Wolfe nur Spott übrig. Seine halsbrecherische Nacherzählung der Unverfrorenheiten Jeffersons verbindet er mit einem Loblied der amerikanischen Freiheit, Offenheit und nahezu „absoluten“ Überlegenheit: „Und doch kommen von unseren Universitäten und führenden Intellektuellen nur finsterste Warnungen. Die Regierung habe sich unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung zum Big Brother entwickelt und die dunkle Nacht des Faschismus breche über Amerika herein. Wie Orwell wohl gesagt hätte: Nur ein Idiot kann so etwas tatsächlich glauben – oder ein Intellektueller.“ Solange auch die höchstbezahlten Intellektuellen noch die Distanz zu ihrer Zunft pflegen, kann sich in Amerika wirklich nicht viel geändert haben. Überhaupt fällt auf, wie wenig selbst Symposiumsteilnehmer wie Anne-Marie Slaughter, Joseph Biden und Nancy Pelosi die Gelegenheit nutzen, die Außenpolitik Bushs mit einem Versagen (an) der „American Idea“ in Verbindung zu bringen. Im Gegenteil, Harvard-Professor Richard Pipes verströmt ungewöhnlichen Optimismus: „Im Alter von 84 Jahren – und nach der Erfahrung der Großen Depression, Stalins, Hitlers, des Zweiten Weltkriegs, des Holocausts und des Kalten Krieges – denke ich, dass die Welt in gar nicht so schlechter Verfassung ist. Die amerikanische Idee ist gesund und munter, wie der weit verbreitete Neid auf sie belegt.“

Wesentlich weniger Feierlaune herrscht dagegen beim National Interest, das inzwischen als wenig beachteter Kollateralschaden des Irak-Krieges gelten kann. Seit ihrer Gründung durch Irving Kristol 1985 publizierte die Zeitschrift vor allem außenpolitische Analysen realistischer und neokonservativer, in Maßen auch liberaler Ausrichtung, bis der Irak-Krieg 2005 das konservative Lager spaltete. Seitdem wird das Magazin vom streng realpolitisch orientierten Nixon Center herausgegeben – und hat zehn der 14 Mitglieder seines akademischen Vorstands verloren, darunter Samuel Huntington, Francis Fukuyama und Charles Krauthammer. Dass die neuen ideologischen Scheuklappen der Zeitschrift nicht zum Vorteil gereichen, beweist das „Realist Symposium“ in der September/Oktober-Ausgabe. Dort applaudieren alle Teilnehmer – drei Realisten – einem Text des Präsidenten des Nixon Centers, Dimitri Simes. Dieser kritisiert, dass die Notwendigkeit einer interventionistischen, wertegeleiteten Außenpolitik in Washington Konsens sei und fordert eine vielfältigere Debatte.

Wie man als Herausgeber eine wirklich vielfältige Debatte veranstaltet, könnte Simes vom Symposium des American Interest (November/Dezember) lernen – pikanterweise der Zeitschrift, die Fukuyama nach seinem Weggang vom National Interest aus der Taufe gehoben hat. Dort entfaltet Barry Posen, Professor für Sicherheitspolitik am Massachusetts Institute of Technology, eine „Strategie der Zurückhaltung“, die in ihren Grundzügen den außenpolitischen Rezepten von Simes nicht fremd ist. Posen fordert eine Grand Strategy, und zwar eine Abkehr von der seit Beginn des Kalten Krieges verfolgten Hegemonialstrategie: „Die Vereinigten Staaten müssen zurückhaltender sein, was den Einsatz militärischer Mittel anbetrifft; bescheidener, wenn es um die politische Transformationsfähigkeit anderer Länder geht; und distanzierter gegenüber traditionellen politischen und militärischen Verbündeten. Wir stehen also vor der Wahl zwischen Gewohnheit und Sentiment auf der einen und Realismus und Rationalität auf der anderen Seite.“ In der Praxis bedeutet dies vor allem eine Absage an hochfliegende Demokratisierungspläne, Zurückhaltung bei humanitären Interventionen und nur „knauserige“ Investitionen, um mögliche Herausforderer zu balancieren – das soll regionalen Akteuren überlassen werden.

Dieses klassische Programm eines defensiven Realismus, wie ihn auch Stephen Walt propagiert, halten die meisten Teilnehmer des Symposiums jedoch für nicht praktikabel. So wünscht Niall Ferguson „dem Präsidentschaftskandidaten viel Glück, der seine nächste außenpolitische Rede mit Posens Adjektiven schmückt: ‚Liebe Mitbürger, unter meiner Führung wird unser großartiges Land zurückhaltender, bescheidener, distanzierter und knauseriger werden!‘“ Josef Joffe brandmarkt Posens Strategie als „nuklearen Isolationismus“ und weist darauf hin, dass es einer Großmacht wie den USA weder angemessen noch möglich sei, sich ohne Verlust an Einfluss und Wohlstand in den sicheren Schatten der eigenen, abschreckenden Atomraketen zurückzuziehen: „Eine Großmacht muss große Lasten und große Verantwortung tragen, sonst bleibt sie keine große Macht.“

Francis Fukuyama hingegen unterstützt Posens Einsicht, dass Amerika nicht so viel bewirken kann, wie manche in den Bush-Jahren geglaubt haben, und auch der liberale Internationalist G. John Ikenberry sieht nach der neokonservativen Überdehnung die Notwendigkeit größerer Zurückhaltung. Allerdings will er das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: „Nicht jede aktivistische Strategie ist verfehlt. Neokonservative wollten amerikanische Macht nutzen, um das internationale System zu kontrollieren, Liberale wollen die Macht nutzen, um es mittels Regeln und Institutionen zu formen. Das ist eine Investition in die Zukunft, die einen gewissen Aktivismus erfordert.“

Die Beiträge führender Präsidentschaftskandidaten beider Parteien, die seit Monaten in Foreign Affairs erscheinen, lassen in der Tat nicht mit dem Ende einer aktivistischen amerikanischen Politik rechnen. Zuletzt skizzierte Hillary Clinton ihre Vision eines liberalen Internationalismus, die von John McCains kraftvollem Eintreten für einen die Welt ordnenden „Bund der Demokratien“ nicht allzu weit entfernt ist (beide November/Dezember). Am interessantesten ist jedoch Rudy Giulianis Beitrag „Toward a Realistic Peace“ (September/Oktober), der eine erstaunliche außenpolitische Reifung des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters belegt. Noch auf dem NATO-Gipfel in Riga letztes Jahr wirkte er deplatziert und schlecht informiert, aber nach dem Abdriften John McCains greift Giuliani, der die Umfragen innerhalb der Republikanischen Partei deutlich anführt, nach der sicherheitspolitischen Führungsrolle. Dabei fällt auf, dass sich sein Beraterstab überwiegend aus Neokonservativen rekrutiert: „Ein -realistischer Frieden ist kein Frieden, der durch Einbindung der ‚realistischen‘ Denkschule erreicht werden kann.“ Im Gegenteil: Der globale Krieg gegen den Terrorismus ist die dringlichste Aufgabe, Aufrüstung (inklusive Raketenabwehr) unabdingbar, die globale NATO unverzichtbar und die UN sind schlicht „irrelevant“. Immerhin erkennt Giuliani, dass Amerikas Reputation in der Welt verbessert werden muss – natürlich durch „prinzipienfeste Führung“.

Nichts Neues also bei den Republikanern, doch was schreibt Barack Obama (Foreign Affairs, Juli/August), Hillary Clintons schärfster Konkurrent um die Nominierung der Demokraten? „Ich werde nicht zögern, militärische Gewalt einzusetzen – falls notwendig auch unilateral –, um das amerikanische Volk und unsere vitalen Interessen zu schützen, sollten sie angegriffen oder unmittelbar bedroht werden.“ Und damit keine Missverständnisse aufkommen: „Wir müssen auch darüber nachdenken, Gewalt jenseits von Selbstverteidigung einzusetzen.“ Dass er das Militär ausbauen möchte und eine solche Leidenschaft für humanitäre Interventionen zeigt, dass selbst Robert Kagan begeistert ist, versteht sich da von selbst. Im US-Kontext, das könnte man darüber fast vergessen, gilt Obama neben Hillary Clinton – die als robuster „Falke“ im Gegensatz zu ihm für den Irak-Krieg gestimmt und die Truppenaufstockung Bushs gutgeheißen hat – als friedenspolitische Taube.

Diese relative Einigkeit der Politiker und der Experten verdeckt aber eine tiefer sitzende Verunsicherung, die in Alasdair Roberts’ „The War We Deserve“ (Foreign Policy, November/Dezember) besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Für Roberts ist die desolate Lage im Irak nicht nur auf die Inkompetenz der Regierung Bush zurückzuführen, sondern auch auf die Unvernunft des amerikanischen Volkes, das einerseits höchste idealistische Ansprüche an sich und seine Regierung stellt, andererseits aber weniger denn je bereit ist, dafür eigene Nachteile in Kauf zu nehmen.

Der Irak ist nicht die einzige Quelle der amerikanischen Verunsicherung. Hinzu kommen das Gefühl schwindender Macht, neuartiger Bedrohungen und ungewohnter Konkurrenten sowie – dies vielleicht am stärksten – der schmerzhafte Widerspruch zwischen dem Selbstbild und der Art und Weise, wie Amerika vom Rest der Welt wahrgenommen wird. Zeit also, tradierte Annahmen und Vorbilder zu überprüfen. Und so füllen die Zeitschriften in diesen Tagen viele Seiten mit Essays zu Leitgestalten des amerikanischen Konservatismus im 20. Jahrhundert wie Reinhold Niebuhr (Atlantic Monthly, November) oder Russell Kirk (The New Republic, Juli und Policy Review, Oktober/November) oder zur liberalen Philosophietradition des amerikanischen Pragmatismus (Wilson Quarterly, August). Gerade in dieser Fähigkeit, sich aus sich selbst heraus zu erneuern, liegt die größte Stärke der amerikanischen Idee.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 12, Dezember 2007, S. 126 - 129.

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