Perspektiven

29. Juni 2026

Asiens Schwellenländer im Krisenmodus

Energieknappheit, steigende Preise und ein Einbruch des Wirtschaftswachstums: Die Folgen des Iran-Krieges treffen Süd- und Südostasien besonders stark.

Mathias Peer
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Bild: Autorikschas stehen in einer langen Schlange an einer Tankstelle in Kalkutta
Warten auf die nächste Tankfüllung: In der indischen Metropole Kalkutta stehen Autorikschas an einer Tankstelle Schlange; infolge des Iran-Krieges ist Flüssiggas im Land knapp geworden.
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An der Zapfsäule entscheidet sich, ob Tony Shamraj arbeiten kann, oder ob es wieder einer jener Tage wird, an denen er ohne Verdienst nach Hause geht. Der 44 Jahre alte Autorikscha-Fahrer reiht sich in der südindischen Millionenmetropole Bangalore in eine Schlange von Dutzenden seiner Kollegen ein. Ihre gelbgrünen Fahrzeuge säumen mehrere Hundert Meter lang die Straße, die zur Tankstelle eines staatlichen Ölunternehmens führt. Unter den Fahrern hat sich herumgesprochen, dass hier gerade Flüssiggas zu haben ist – der Treibstoff für ihre Autorikschas, der infolge des Iran-Krieges in Indien rar geworden ist. 

Seitdem die USA und Israel mit dem Angriff auf den Iran begonnen haben, sind bereits mehrere Wochen vergangen. Shamraj hat zu dem Zeitpunkt schon seit Längerem mit den Konsequenzen zu kämpfen: „In den vergangenen zwei Wochen habe ich nur an vier Tagen arbeiten können“, erzählt er. An den anderen Tagen klapperte er die Tankstellen der Stadt vergeblich auf der Suche nach dem Kraftstoff LPG ab. Heute hat er Glück. Er kann volltanken. Doch das nächste Problem ist der Preis: „Pro Liter zahlen wir jetzt doppelt so viel wie noch zu Beginn des Jahres“, sagt er. „Ich muss bald einen Kredit zurückzahlen und weiß nicht, wie ich mir das leisten kann.“


Verzichten statt wachsen

Der wirtschaftliche Schock, den der Iran-Krieg ausgelöst hat, ist nicht nur auf den Straßen Bangalores zu spüren. Der Konflikt trifft weite Teile Süd- und Südostasiens – eine Region mit rund 2,7 Milliarden Einwohnern, die auf Öl- und Gasimporte aus der Golfregion angewiesen ist. Die Turbulenzen auf den globalen Energiemärkten durch die monatelange Schließung der Straße von Hormus legen die Verwundbarkeit der Region offen: Steigende Kraftstoffpreise treiben die Inflation an und bremsen die wirtschaftliche Aktivität. Ökonomen rechnen mit einer spürbaren Abkühlung der Konjunktur. Mehrere Regierungen schalten in den Krisenmodus – und stellen ihre Bevölkerung auf lang anhaltende Einschnitte ein.

Indiens Regierungschef Narendra Modi überbrachte die schlechten Nachrichten Mitte Mai bei einer Kundgebung im südindischen Bundesstaat Telangana. Er forderte seine knapp 1,5 Milliarden Landsleute dazu auf, beim Verbrauch von Gas, Benzin und Diesel deutlich sparsamer zu werden. „Wir sollten nur noch so viel verbrauchen, wie nötig ist“, sagte Modi. Dies sei wichtig, „um die negativen Auswirkungen des Krieges zu verringern“.

Nach den Regionalwahlen kam es in Indien zu einer Reihe von Preiserhöhungen für Benzin und Diesel

Mit der Feststellung, sein Land müsse sich angesichts des Krieges stärker einschränken, ließ sich Modi verhältnismäßig lange Zeit. Er wartete das Ende mehrerer Regionalwahlen ab – unter anderem in Westbengalen –, wo seine Partei wichtige Erfolge erzielen konnte. Beobachtern zufolge ermöglichten die Ergebnisse der Regierung, ein deutlich realistischeres Bild der wirtschaftlichen Probleme zu zeichnen als vor den Abstimmungen – da hatte die Regierung noch vor allem Indiens Widerstandskraft betont.

Doch nun hält Modi tiefgreifende Verhaltensänderungen für nötig: In Städten mit U-Bahn-Netz sollten nur noch die öffentlichen Verkehrsmittel verwendet werden, sagte der Regierungschef. Zudem sollten die Homeoffice-Regelungen aus der Zeit der Corona-Pandemie reaktiviert und Online-Meetings priorisiert werden. Auf seiner Wunschliste steht auch, dass die Inderinnen und Inder ein Jahr lang auf nicht notwendige Auslandsreisen verzichten und vorerst kein Gold mehr kaufen. Außerdem empfahl er Landwirten, den Einsatz von importierten Düngemitteln zu halbieren. „Wir müssen die Devisenreserven mit allen verfügbaren Mitteln schonen“, so Modi. Die Einschnitte seien ein Jahr lang notwendig.

Indiens Regierung folgt damit anderen Regierungen der Region, die unterschiedlichste Notmaßnahmen einführten: Bang­ladesch schloss zeitweise seine Universitäten, um Energie zu sparen. Sri Lanka erklärte jeden Mittwoch zum Feiertag. Pakistan verkürzte die Öffnungszeiten von Einkaufszentren. Thailand wies Staatsbedienstete an, in ihren Büros statt des Aufzugs die Treppe zu nehmen. 


Lieferengpässe und ihre Folgen

Dass nun auch Indien zu freiwilligen Notmaßnahmen aufruft, ist eine Abkehr von Modis bisheriger Strategie, private Verbraucher von den Kriegsfolgen möglichst abzuschirmen. Drastische Preiserhöhun­gen bei Benzin und Diesel vermied die Regierung in Indien monatelang, indem staatliche Raffinerien die Kraftstoffe unterhalb der Marktpreise weitergaben. Indian Oil, Bharat Petroleum und Hindustan Petroleum sahen sich deshalb mit monatlichen Verlusten von mehr als drei Milliarden US-Dollar konfrontiert – langfristig eine Belastung für den Staatshaushalt, die sich Indien kaum leisten kann. Nach den Regionalwahlen gab die Regierung grünes Licht, die gestiegenen Kosten an die Verbraucher weiterzugeben. Seither kam es zu einer Reihe von Preiserhöhungen für Benzin und Diesel.

Dass der Iran-Krieg Indien mit voller Wucht trifft, liegt an der großen Abhängigkeit des Landes von Energieimporten. Indien ist nach China und den USA der drittgrößte Ölimporteur der Welt. Vor Beginn des Krieges bezog das Land mehr als die Hälfte seiner Ölimporte aus dem Nahen Osten. Beim Import von Flüssiggas, das nicht nur in den Tanks von Autorikschas landet, sondern vor allem auch in Hunderten Millionen Haushalten in Gasherden zum Einsatz kommt, ist Indien noch stärker auf die Golfstaaten angewiesen. Vor Kriegsbeginn bezog Indien 90 Prozent seines Bedarfs aus der Region. 

Lieferengpässe machten sich seit Anfang März 2026 unmittelbar bemerkbar: In Teilen des Landes waren Gaszylinder zeitweise kaum noch erhältlich. Restaurants mussten mit eingeschränkten Menüs arbeiten, um den Gasverbrauch zu reduzieren. Straßenstände in Metropolen wie der Hauptstadt Neu-Delhi stellten den Betrieb zum Teil wochenlang komplett ein – mit gravierenden Auswirkungen für Wanderarbeiter, die auf die günstigen Mahlzeiten am Straßenrand angewiesen sind. Arbeitsrechtsaktivisten schätzen, dass Hunderttausende Arbeitskräfte zurück in ihre Dörfer gezogen sind, weil das Leben in den Metropolen nach Kriegsbeginn zu beschwerlich geworden ist. Viele haben ihren Arbeitsplatz verloren. 


Wachstumsprognosen brechen ein

Mehrere Analysten haben ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr bereits nach unten korrigiert. Goldman Sachs geht nur noch von einem Anstieg des indischen Bruttoinlandsprodukts von 5,9 Prozent aus. Vor dem Iran-Krieg rechnete die Investmentbank noch mit einer Wachstumsrate von 7 Prozent.

Auch in anderen Teilen der Region kühlt sich die Konjunktur deutlich ab. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) hatte noch Anfang April damit gerechnet, dass die Wirtschaftsleistung in den Schwellenländern des Kontinents in diesem Jahr um 5,1 Prozent zulegen wird. Bereits wenige Wochen später mussten die Ökonomen der Bank die Prognose um 0,4 Prozentpunkte nach unten korrigieren. In einem Negativszenario, das von weiteren Schäden an der Energieinfrastruktur im Nahen Osten und einer Verschlechterung der Sicherheitslage ausgeht, würde das Wirtschaftswachstum laut der Bank ­sogar auf 4,2 Prozent zurückgehen – von 5,4 Prozent im vergangenen Jahr. „Wir sind mit systemischen, lang anhaltenden Störungen der globalen Energie- und Handelsnetze konfrontiert und nicht nur mit vorübergehender Volatilität“, begründete ADB-Präsident Masato Kanda die Neubewertung der Lage.


Kostenexplosion und Wertverlust

In den Ländern Süd- und Südostasiens ist inzwischen klar, dass sich die Auswirkungen nicht nur auf die Energieversorgung beschränken: Neben Benzin und Diesel verteuern sich auch Lebensmittel deutlich. Auf den Philippinen, die ihr Öl vor Beginn des Iran-Krieges fast vollständig aus dem Nahen Osten bezogen hatten, kosteten Fisch und Meeresfrüchte im April im Schnitt 9 Prozent mehr als vor einem Jahr, Reis verteuerte sich um 14 Prozent, Mais sogar um 21 Prozent. Insgesamt stieg die Inflationsrate im April auf 7,2 Prozent, wie die Statistikbehörde des Landes mitteilte – Anfang des Jahres lag sie noch bei 2 Prozent. 

Die Teuerungsrate des Inselstaats liegt damit nun auf dem höchsten Niveau seit dem Ende der Corona-Pandemie. Die Regierung in Manila, die wegen der Engpässe bei Öllieferungen bereits im März einen nationalen Energienotstand ausgerufen hat, zeigt sich alarmiert darüber, dass die Krise nun auch die Lebensmittelmärkte erreicht: „Wir verfügen über ein reichhaltiges Angebot an Reis, Geflügel, Fleisch, Gemüse und anderen Waren“, sagte Landwirtschaftsminister ­Francisco Tiu Laurel Jr. „Aber die Logistik- und Transportkosten haben die Preise in die Höhe getrieben.“

Mittelfristig droht der Preisanstieg bei Düngemitteln, die Lebensmittelpreise weiter anzuheizen

Mittelfristig droht auch der Preisanstieg bei Düngemitteln, die Lebensmittelpreise weiter anzuheizen. Bei der Produktion von Düngemitteln kommen große Mengen an Erdgas zum Einsatz; die Länder der Golfregion gehörten zuletzt zu den wichtigsten Lieferanten. Doch die Blockade der Schifffahrtsrouten hat die Versorgung unterbrochen – mit potenziell schwerwiegenden Folgen für die Agrarwirtschaft. „Wenn Düngemittel zu spät ankommen, können Landwirte die entgangene Produktivität nicht mehr vollständig ausgleichen“, kommentiert Santosh Nepal, Forscher am International Water Management Institute in Nepal. „Das bedeutet, dass selbst geringfügi-
ge Lieferunterbrechungen weitreichende Folgen für die Pflanzenproduktion haben können.“ Ernteausfälle wiederum machen Obst und Gemüse teurer.

Die Kostenexplosion ist bereits in mehreren Ländern der Region zu spüren. In Vietnam zapfte die Regierung zwar einen Notfallfonds an, um den Anstieg der Kraftstoffpreise abzumildern. Die Inflationsrate stieg im April dennoch unerwartet stark an – auf 5,5 Prozent, den höchsten Wert seit Anfang 2020. Im benachbarten Kambodscha kletterte die Teuerungsrate auf knapp 6 Prozent – von lediglich rund 1 Prozent noch im Januar. Länder, die zu den ärmsten Staaten des Kontinents gehören, haben mit besonders heftigen Folgen zu kämpfen. In Pakistan und Laos stiegen die Verbraucherpreise im April um mehr als 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Volkswirte der ADB mussten ebenso wie ihre Wachstumsprognose auch ihre Inflationserwartung drastisch korrigieren: Während sie Anfang April noch mit einer durchschnittlichen Teuerungsrate von 3,6 Prozent in Asiens Schwellenländern gerechnet hatten, gehen sie nun davon aus, dass die Preise in diesem Jahr im Schnitt um 5,2 Prozent steigen werden.

Die steigenden Preise setzen die Zentralbanken der Region unter Zugzwang. Die Notenbanker auf den Philippinen erhöhten ihren Leitzins bereits im April. Analysten rechnen mit einem weiteren Anstieg. Indonesien, Südostasiens größte Volkswirtschaft, zog im Mai mit einer unerwartet starken Zinssteigerung von einem halben Prozentpunkt nach. 

Die Schritte sollen nicht nur die Inflation eindämmen, sondern auch den Wertverfall der lokalen Währungen abbremsen. Die indonesische Rupiah sackte auf ein Rekordtief. Auch in Indien rutschte der Wert der Landeswährung Rupie im Vergleich zum US-Dollar auf den niedrigsten Stand in der indischen Geschichte. Der Währungsabsturz macht Importe teurer – ein weiterer Inflationstreiber.


Regierungen im Krisenmodus

Die steigenden Lebenshaltungskosten bei einer gleichzeitig schwachen Wirtschaftsentwicklung stellen die Menschen in der Region vor massive Probleme. In Thailand sagten in einer repräsentativen Umfrage zuletzt 61 Prozent, dass ihre Ausgaben drastisch gestiegen seien und lebensnotwendige Güter unerschwinglich würden. Fast jeder zweite Befragte gab an, stark unter der Situation zu leiden.

Die Regierung in Bangkok plant nun umfangreiche Stützungsmaßnahmen. Das Kabinett verabschiedete ein Notdekret, das die Aufnahme von rund zwölf Milliarden US-Dollar an neuen Schulden vorsieht. Das Geld soll verwendet werden, um die Krisenfolgen für Landwirte, einkommensschwache Haushalte und Kleinunternehmen abzufedern. Geplant ist unter anderem ein 5,4 Milliarden Dollar schweres Hilfsprogramm, das 43 Millionen Einwohnern zugutekommen soll: Inhaber staatlicher Wohlfahrtskarten, die in der Regel zur untersten Einkommensschicht zählen, bekommen bis September eine monatliche Unterstützung von umgerechnet 26 Euro, statt wie sonst acht Euro. Die breite Mittelschicht soll durch digitale Konsumgutscheine unterstützt werden. Dabei übernimmt der Staat bei bestimmten Ausgaben, etwa beim Essenskauf an einer Straßenküche, 60 Prozent der Kosten – bis zu einer Obergrenze von rund 26 Euro im Monat.

Für die Regierung sind die Maßnahmen ein finanzieller Kraftakt. Viel Spielraum hat sie nicht. Die Staatsverschuldung ist bereits jetzt auf dem höchsten Stand seit Jahrzehnten – sie entspricht 66 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dabei hatte sich das Land für die kommenden Jahre eine Schuldenobergrenze von 70 Prozent verordnet. Die Kreditaufnahme für die Hilfspakete bringt dieses Ziel Ökonomen zufolge nun in Gefahr.

Gleichzeitig laufen Regierungen in der Region Gefahr, für die wirtschaftlichen Verwerfungen zur Verantwortung gezogen zu werden. In Indien sieht die Opposition die steigenden Preise als Chance, gegen den seit 2014 nahezu unangefochten regierenden Premier Modi zu punkten. Rahul Gandhi, einer der prominentesten Vertreter der oppositionellen Kongresspartei, verpasste dem Regierungschef den Spitznamen „Inflationsmann“. Finanzministerin Nirmala Sitharaman warf den Kritikern der Regierung vor, ein „zynisches“ und „pessimistisches Narrativ“ zu verbreiten. Fest steht: An eine schnelle wirtschaftliche Erholung in Süd- und Südostasien dürften derzeit nur die kühnsten Optimisten glauben.    

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 58-62

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Mathias Peer ist Korrespondent u.a. des Handelsblatts für Indien und Südostasien in Bangkok.

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