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01. Dez. 2003

Angekommen

Die Informationsgesellschaft ist Realität – und zeitigt nun politische Konsequenzen

Die Frage nach den politischen Konsequenzen der Informationsgesellschaft wird immer wichtiger. Jürgen Turek stellt eine Neuerscheinung vor, die dieser Fragestellung nachgeht und davor warnt, angesichts der segensreichen Resultate der Informationsgesellschaft vor ihren problematischen Auswirkungen die Augen zu verschließen.

Es verwundert bisweilen, wie stark der Begriff der Informationsgesellschaft noch immer als Novum dargestellt wird. Dagegen ist sie bereits seit einiger Zeit, zumindest in den reifen Industriestaaten dieser Welt oder in den transnational agierenden Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen blanke Realität. Mehr noch: Im Zeitalter von Intranet und Internet, von UMTS und galoppierend voranschreitenden Rechnerleistungen entfaltet dieses Segment unserer sozialen Realität nunmehr seine volle Kraft. Und deshalb gilt es, wie das Manuel Castells mit seinem Werk zur Informationsgesellschaft auch schon getan hat, zu fragen, was eigentlich die politischen Konsequenzen der Informationsgesellschaft sind.

Dieser Frage geht Konrad Becker nach. Sein Ausgangsbefund lautet: Zusammen mit den Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologien sowie der computergestützten Biotechnologie entsteht  eine neue globalisierte Wirtschaft, die nachhaltige Auswirkungen auf Politik, Kultur und soziale Beziehungen hat. Gegenüber der weit ausdifferenzierten Technologie seien Teile der Gesellschaft und zahlreiche Entscheidungsträger aber immer noch nicht hinreichend mit den Auswirkungen dieser Innovationen vertraut, um sich gestaltend an einer breiten und demokratischen Debatte darüber beteiligen zu können.

Becker ist Leiter des Instituts für neue Kulturtechnologien, das sich der Erforschung der Konsequenzen der Informationsgesellschaft widmet; er betont besonders die politische Qualität der Informations- und Kommunikationstechnonologien. Im Interesse der Allgemeinheit müsse die Stärkung und Förderung der öffentlichen Sphäre in den elektronischen Netzwerken sichergestellt werden sowie die Erhaltung kultureller Vielfalt in der Infosphäre und die Anerkennung und Gewährleistung der „digitalen Menschenrechte“. Diese basierten auf dem Verständnis von Kommunikation als der Grundlage von Zivilisation und Gemeinschaftsbildung. Das Recht auf Zugang zu elektronischen Netzwerken, das Recht auf die Freiheit der Meinung und des Ausdrucks und nicht zuletzt das Recht auf eine Privatsphäre seien die zentralen digitalen Menschenrechte. Vor diesem Hintergrund ist das Buch Informationsschrift und politisches Plädoyer in einem, das sich auf der Grundlage eines geschichtlichen Überblicks über die Entstehung der modernen Kommunikationssysteme mit der Macht des Wissens auseinander setzt. Anschaulich entwickelt der Herausgeber hierbei die Entwicklung und Struktur der heutigen Kommunikationskanäle und -gepflogenheiten. Sie entfalten Chancen und Herausforderungen, die mit dem flächendeckenden Einzug der Informationstechnologie verbunden sind. Dazu gehören Probleme wie der Schutz des geistigen Eigentums ebenso wie das in der Demokratie ezzenzielle Recht auf Information.

Abgerundet wird das Bild durch einen Blick auf die sicherheits- und wirtschaftspolitischen Implikationen. Der Herausgeber zeigt hierbei auf, wie die Globalisierung der Weltwirtschaft auf den maßgeblichen Einfluss der Informationstechnologie zurückzuführen ist und welche spaltenden Auswirkungen dies besonders auf die Informationsgesellschaft in den entwickelten wie weniger entwickelten Ländern habe. Eine nach wie vor bestehende digitale Kluft sei hierbei Ausdruck der Ungleichheit, die innerhalb und zwischen Gesellschaften bei der Nutzung und Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien herrsche. Da praktisch das gesamte Wissen und Kapital, vor allem auch in Form von Patenten und Quellcodes, im Norden konzentriert sei, müsse die Bekämpfung der digitalen Kluft vor allem im Bereich des geistigen Eigentums ansetzen, etwa durch die Verbreitung freier, nicht nach den Regeln des Marktes konzipierter Software.

Diese kompakte Handreichung zur Infosphäre der Informationsgesellschaft ist ein hilfreicher Wegweiser für einen notwendigen gesellschaftlichen Diskurs. Wenngleich vieles in der Informationsgesellschaft segensreich ist, so dürfen doch ihre problematischen Ausflüsse nicht einfach ausgeblendet werden. Zu diesem Verständnis trägt der Band bei.

Hingewiesen sei außerdem auf einen Sammelband mit dem Titel „Digitale Spaltung“, der sich der Problematik des Internetzugangs sowie der notwendigen Bildungsanstrengungen widmet und Projekte der Wirtschaft und der öffentlichen Hand zur Internetförderung beschreibt. Die Frage, was nach der Informationsgesellschaft kommt, versucht in elf Antworten ein von der Bertelsmann Stiftung ediertes Buch zu beantworten; und Christiane Schulzki-Haddouti zeichnet für einen Band verantwortlich,in dem Überlegungen zu Bürgerrechten im Netz angestellt werden.

Konrad Becker (Hrsg.), Die Politik der Infosphäre. Opladen: Leske und Budrich 2003, 272 S., 14,00 EUR.

Gunnar Rothers/Oliver Turecek/Walter Klingner (Hrsg.), Digitale Spaltung. Berlin: Vistas 2003, 86 S., 10,00 EUR.

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Was kommt nach der Informationsgesellschaft? 11 Antworten. Gütersloh:Verlag Bertelsmann Stiftung 2002, 308 S., 20,00 EUR.

Christiane Schulzki-Haddouti (Hrsg.), Bürgerrechte im Netz. Opladen:Leske und Budrich 2003, 368 S., 12,80 EUR.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 12, Dezember 2003, S. 69 - 70

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