Perspektiven

26. Okt. 2026

Afghanistan: Ambivalenzen gestalten

Deutschlands Politik gegenüber Kabul ist festgefahren und zu innenpolitisch geprägt: Skizze eines Ansatzes, der den Spielraum zwischen Anerkennung und Isolation nutzt.

Almut Wieland-Karimi
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Bild: Eine junge afghanische Frau vor einem Webstuhl.
Afghaninnen sind auch Unternehmerinnen; wo Handlungsspielräume bestehen, sollte internationale Politik versuchen, diese zu erweitern: Nasira Azizi, die eine Teppichweberei in Masar-e Scharif betreibt.
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Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban stehen die deutsche und europäische Afghanistan-Politik vor einem Dilemma, das sich nicht durch eine einfache Entscheidung für oder gegen einen Dialog lösen lässt. Das Islamische Emirat Afghanistan ist international weitgehend nicht anerkannt. Zugleich haben die Taliban ihre Herrschaft konsolidiert, zahlreiche Staaten bauen ihre praktischen Kontakte zu Kabul aus. Afghanistan ist damit weder ein international anerkannter Partner noch ein politisch irrelevantes Land. Gerade diese Zwischenposition macht den Umgang so schwierig.

Über zwei Jahrzehnte hat die Bundesrepublik erhebliche politische, militärische und finanzielle Ressourcen in Afghanistan investiert. Heute bestimmen dagegen vor allem Rückführungen und die Menschenrechtssituation die deutsche Debatte. Diese Themen sind zweifellos relevant. Sie greifen jedoch zu kurz. Afghanistan bleibt für europäische Sicherheitsinteressen, die Stabilität Zen­tral- und Südasiens, Terrorismusbekämpfung, Migration, regionale Konnektivität und wirtschaftliche Entwicklung von Bedeutung. Gleichzeitig verschieben sich die regionalen Machtverhältnisse. China, Russland, der Iran, Indien, Pakistan und die zentralasiatischen Staaten intensivieren ihre Beziehungen zu Kabul.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland mit den Taliban Kontakt haben sollte. Kontakt findet bereits statt, etwa bei humanitären Fragen oder im Zusammenhang mit Abschiebungen. Entscheidend ist vielmehr, wie dieser Kontakt gestaltet werden kann, ohne aus praktischer Zusammenarbeit eine politische Anerkennung oder Normalisierung der Taliban-Herrschaft werden zu lassen. Eine tragfähige Afghanistan-Politik muss und kann die bestehenden Widersprüche daher nicht auflösen, sondern bewusst politisch gestalten. 


Zwischen Dialog und Legitimation

Die Herrschaft der Taliban, insbesondere die systematischen Einschränkungen der Rechte von Frauen und Mädchen, sind mit zentralen europäischen Grundsätzen und Werten unvereinbar. Eine vorschnelle diplomatische Normalisierung könnte den Eindruck erwecken, dass ihre Politik trotz schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen akzeptiert werde. Allerdings bedeutet die Vermeidung formaler Anerkennung nicht, dass Kommunikation oder praktische Zusammenarbeit unmöglich oder grundsätzlich falsch wären.

Gerade hier ist eine präzise Unterscheidung notwendig: Diplomatische Anerkennung, politischer Dialog, technische Zusammenarbeit und humanitäre Kontakte sind nicht dasselbe. Ein Gespräch mit einer De-facto-Autorität ist nicht automatisch eine Anerkennung ihrer politischen Legitimität. Umgekehrt ist aber auch nicht jeder Kontakt politisch folgenlos. Die Grenze zwischen pragmatischer Zusammenarbeit und schleichender Normalisierung muss deshalb bewusst gezogen und immer wieder überprüft werden.

Die Erfahrung mit Afghanistan zeigt, dass vollständige Kontaktverweigerung keine realistische Option ist. Schon die Organisation von Rückführungen, die Koordinierung humanitärer Hilfe oder die Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität setzen Kommunikationskanäle voraus. Auch Sicherheitsfragen lassen sich nicht von der politischen Realität des Landes trennen. Die Taliban kontrollieren das Staatsgebiet und verfügen damit über Handlungsmöglichkeiten, die Deutschland nicht ignorieren kann, selbst wenn es ihre Herrschaft nicht legitimieren will.

Daraus sollte eine Politik der selektiven Interaktion entstehen. Gespräche könnten sich auf klar definierte Themen konzentrieren, bei denen gemeinsame Interessen bestehen oder konkrete Verbesserungen für die afghanische Bevölkerung erreicht werden können. Dazu gehören humanitäre Hilfe, Gesundheit, Wasser, Landwirtschaft, Klimaanpassung und Katastrophenvorsorge. Strategisch sensiblere Felder wie Migration, Rückkehr, Terrorismusbekämpfung oder die Bekämpfung von Schleusernetzwerken können ebenfalls einen Dialog erfordern. 

Ein solcher Ansatz verlangt allerdings mehr als bloßen Pragmatismus. Kontakt sollte an politische Erwartungen gekoppelt werden. Wo sich Handlungsspielräume für die afghanische Bevölkerung erweitern lassen, sollte dies durch eine Form funktionaler Reziprozität unterstützt werden: Mehr Kooperation kann mit konkreten Verbesserungen verbunden werden, etwa mit besseren Möglichkeiten für humanitäre Organisationen, wirtschaftliche Betätigung oder gesellschaftliche Teilhabe. Konkrete Beispiele hierfür sind die europäische Unterstützung für die Aga Khan Foundation für Teile der sechs Millionen afghanischen Zwangsrückkehrer aus Iran und Pakistan oder die Förderung für afghanische Existenzgründerinnen, welche über UN-­Organisationen und NGOs erfolgt.


Normative Kohärenz 

Die bisherige Politik hat einen nachvollziehbaren Vorteil: Sie verhindert eine politische Normalisierung der Taliban und bewahrt die normative Kohärenz der deutschen Außenpolitik (zumindest bei diesem Thema). Doch auch Distanz hat einen Preis. Je weniger direkte Informationen und Kontakte Deutschland besitzt, desto schwieriger wird es, Entwicklungen im Land frühzeitig zu erkennen, Interessen einzubringen oder auf politische Veränderungen zu reagieren. Wenn Deutschland sich zurückzieht, verschwinden die politischen Prozesse in Afghanistan nicht. Sie werden vielmehr von anderen Akteuren gestaltet.

Diese Entwicklung ist besonders relevant, weil Afghanistan in eine geopolitisch sensible und wichtige Region eingebettet ist. Pakistan ist mit Afghanistan durch eine konfliktreiche Geschichte, Grenzstreitigkeiten und Sicherheitsinteressen verbunden. Der Iran benötigt Afghanistan als wirtschaftlichen und regionalen Partner, steht zugleich aber wegen Wasserfragen, Grenzkonflikten und der Behandlung afghanischer Flüchtlinge ­unter Spannung mit Kabul. Indien verfolgt die Entwicklung vor dem Hintergrund ­seines strategischen Konflikts mit Pakistan. Für die zentralasiatischen Staaten sind Stabilität und die Eindämmung grenzüberschreitender extremistischer Bewe­-
gungen von direktem Interesse.

Auch China und Russland haben ihre Beziehungen zu Afghanistan ausgebaut. China interessiert sich sowohl für Stabilität und regionale Konnektivität als auch für wirtschaftliche Perspektiven, vorzugsweise die Ausbeutung von afghanischen Rohstoffen wie Gold, Kupfer, Lithium und Seltenen Erden. Russland betrachtet Afghanistan vor allem unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit Zentralasiens und seiner eigenen regionalen Interessen. Damit entsteht für Europa eine strategische Ambivalenz: Eine Politik der Distanz kann die eigene normative Position stärken, zugleich aber den politischen Einfluss verringern, während andere Staaten ihre Präsenz ausbauen. Außenpolitischer Einfluss ist kein Selbstzweck. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob Deutschland und Europa über genügend Kenntnisse, Kontakte und Instrumente verfügen, um auf Entwicklungen reagieren zu können, die ihre eigenen Interessen und die Stabilität der Region betreffen.

Die jüngsten Spannungen zwischen Afghanistan und Pakistan verdeutlichen diese Notwendigkeit. Konflikte innerhalb und um Afghanistan können schnell regionale Dimensionen annehmen. Terrorismus, Grenzfragen, Migration, Handel und wirtschaftliche Entwicklung sind eng miteinander verbunden. Eine Politik, die Afghanistan ausschließlich als humanitäres Problem betrachtet, unterschätzt die Bedeutung des Landes. Umgekehrt wäre es ebenso falsch, Afghanistan allein als geopolitisches und geoökonomisches Spielfeld zu behandeln. Zwischen diesen beiden Perspektiven muss eine europäische Politik navigieren.

Deutschland sollte deshalb seine politische Präsenz nicht als Belohnung für die Taliban verstehen, sondern als Voraussetzung dafür, Entwicklungen beurteilen und gegebenenfalls beeinflussen zu können. Ein Verbindungsbüro in Kabul könnte hierfür ein geeignetes Instrument sein. Es würde keine diplomatische Anerkennung voraussetzen, könnte aber den Zugang zu Informationen und Gesprächspartnern verbessern. Gleichzeitig könnten europäische und weitere Partner eingebunden werden, sodass Deutschland nicht den Eindruck einer einseitigen Normalisierung erzeugt.


Aus Fehlern lernen

Die Diskussion über einen stärkeren Dialog darf nicht bedeuten, die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte zu verdrängen. Im Gegenteil: Gerade die Geschichte des internationalen Engagements in Afghanistan spricht dafür, politische Kontakte sorgfältiger zu gestalten.

Das Doha-Abkommen vom Dezember 2021 zwischen der US-Regierung und den Taliban und der anschließende internationale Abzug haben gezeigt, welche Folgen es haben kann, wenn politische Vereinbarungen einfach nur den Charakter eines „Deals“ haben. Der Abzug beendete zwar den internationalen Militäreinsatz, und heute ist es in Afghanistan wesentlich friedlicher als während vieler früherer Jahre – eine fast 50-jährige Gewalt­geschichte, wenn man ab der sowjetischen Invasion von 1979 rechnet. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein positiver und gerechter Frieden erreicht wurde.

Die Unterscheidung zwischen negativem und positivem Frieden ist hierbei hilfreich. Ein negativer Frieden beschreibt die Abwesenheit offener Gewalt. Ein positiver Frieden geht darüber hinaus und setzt politische Teilhabe, gesellschaftliche Perspektiven und die Bearbeitung struktureller Konfliktursachen voraus. Afghanistan zeigt, wie beides auseinanderfallen kann. Für Teile der Bevölkerung kann die verbesserte Sicherheitslage eine reale Erleichterung sein. Gleichzeitig werden Frauen und Mädchen aus Bildung, Öffentlichkeit und Teilen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen.

Diese Gleichzeitigkeit ist politisch unbequem, aber gerade deshalb muss sie ernst genommen werden. Eine verantwortungsvolle Afghanistan-Politik darf nicht so tun, als gäbe es nur eine gesellschaftliche Erfahrung. Für manche Menschen kann das Ende jahrelanger Gewalt wichtiger sein als politische Fragen, die aus europäischer Sicht im Vordergrund stehen. Andere, hauptsächlich bildungswillige Mädchen und gebildete Frauen, erleben die Taliban-Herrschaft als massiven Verlust persönlicher und beruflicher Freiheit. Afghanistan hat eine komplexe und traditionell äußerst konservative Gesellschaft. Auch während des 20-jährigen internationalen Engagements lebte nur ein Bruchteil der zumeist städtischen Afghaninnen ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben – eine Wirklichkeit, die wir oft übersehen haben.


Von Hilfe zu Resilienz

Laut UN-Angaben bleiben knapp 50 Prozent der etwa 45 Millionen Afghanen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Angesichts der wirtschaftlichen Schwächen, Dürren und weiterer Klimafolgen sowie der Millionen an Rückkehrern aus Nachbarländern wäre ein noch stärkerer Rückzug internationaler Unterstützung nicht verantwortbar. Gleichzeitig kann humanitäre Hilfe keine dauerhafte Perspektive schaffen. Sie lindert Not, beseitigt aber nicht automatisch die strukturellen Ursachen wirtschaftlicher Abhängigkeit.

Eine langfristige Afghanistan-Politik sollte deshalb humanitäre Unterstützung stärker mit Maßnahmen zur wirtschaftlichen Resilienz verbinden. Dazu gehören berufliche Bildung, Förderung lokaler Unternehmen, Unterstützung von Wertschöpfungsketten, Landwirtschaft, Existenzgründungen und soweit unter den bestehenden Bedingungen möglich digitale Arbeitsmöglichkeiten. Ziel sollte sein, Einkommen und lokale wirtschaftliche Strukturen zu stärken – mit besonderem Augenmerk auf afghanische Frauen.

Auch hier besteht eine Ambivalenz. Wirtschaftliche Unterstützung kann indirekt die Stabilität der Taliban-Herrschaft fördern. Gleichzeitig kann ein Verzicht darauf die Bevölkerung treffen. Entscheidend ist deshalb, wer von Wirtschaftsförderung profitiert, über welche Kanäle sie erfolgt und welche gesellschaftlichen Handlungsspielräume sie eröffnet.

Zugleich darf sich die internationale Unterstützung nicht darauf beschränken, Frauen allein als Opfer der Taliban-Herrschaft zu betrachten. Afghaninnen sind auch Unternehmerinnen, Lehrerinnen und Mitglieder lokaler Gemeinschaften. Wo politische und wirtschaftliche Handlungsspielräume bestehen, sollte internationale Politik dazu beitragen, diese zu erweitern. Gerade hier zeigt sich, warum eine Politik der Ambivalenz nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen ist. Es geht nicht darum, Menschenrechte gegen wirtschaftliche Entwicklung auszuspielen. Es geht darum, beides gleichzeitig zu verfolgen, auch wenn die politischen Voraussetzungen für eine schnelle Änderung der Machtsituation fehlen: Die Taliban unter dem in Kandahar residierenden religiösen Oberhaupt Hibatullah Akhundzada sitzen fest im Sattel.  

Die Unterstützung darf sich nicht darauf beschränken, Frauen allein
 als Opfer der Taliban-Herrschaft zu sehen

Seit ihrer Machtübernahme im August 2021 lassen sich unterdessen trotz der internationalen Isolation einige wirtschaftliche und infrastrukturelle Fortschritte feststellen. Die De-facto-Regierung konnte die staatlichen Einnahmen aus Steuern, Zöllen und Gebühren steigern und investierte in den Ausbau von Straßen, Eisenbahnverbindungen und Energie­in­frastruktur. Diese Erfolge zeigen, dass die Taliban trotz des weitgehenden Wegfalls klassischer internationaler Hilfsgelder staatliche Einnahmen generieren und Infrastrukturprojekte vorantreiben. Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Lage weiterhin schwierig, und ein erheblicher Teil der öffentlichen Ausgaben entfällt auf Sicherheits- und Verwaltungsstrukturen.

Eine zukünftige Afghanistan-Politik sollte daher stärker zwischen Regime und Gesellschaft unterscheiden. Die politische Herrschaft der Taliban darf nicht mit der afghanischen Gesellschaft gleichgesetzt werden. Umgekehrt kann die Ablehnung der Taliban nicht bedeuten, dass Deutschland die Beziehungen zu den Menschen im Land aufgibt. Dies erfordert neue Formen des Zugangs. Neben einem Verbindungsbüro könnten thematische Dialogformate, Programme für junge Menschen sowie Bildungs- und Austauschmöglichkeiten dazu beitragen, gesellschaftliche Beziehungen zu erhalten. Gerade die junge Generation sollte stärker in den Blick genommen werden.

Auch europäische Zusammenarbeit ist dabei entscheidend. Deutschland sollte Afghanistan nicht als rein bilaterales Problem behandeln. Die EU verfügt bereits über Strukturen und Erfahrungen vor Ort. Eine gemeinsame europäische Politik könnte unterschiedliche nationale Ansätze besser koordinieren und verhindern, dass einzelne Mitgliedstaaten gegeneinander ausgespielt werden. Gleichzeitig bleibt die multilaterale Einbettung über die Vereinten Nationen wichtig. Die politische Friedensmission UNAMA und andere UN-Organisationen verfügen über Zugänge und Funktionen, die einzelne Staaten nicht haben.


Nicht heraushalten

Die deutsche Politik steht vor einem Dilemma: Eine Normalisierung der Beziehungen zu den Taliban wäre angesichts ihrer politischen und gesellschaftlichen Repressionen nicht vertretbar. Eine Politik weitgehender Isolation ist jedoch ebenfalls unzureichend, wenn sie dazu führt, dass Deutschland Informationszugang, Einfluss und langfristige Handlungsmöglichkeiten verliert. Die Antwort lautet daher nicht Anerkennung oder Isolation, sondern gestaltete Ambivalenz.

Eine solche Politik beruht auf vier Grundsätzen. Erstens braucht sie klare normative Grenzen. Die Nichtanerkennung der Taliban und die Forderung nach Menschen- und insbesondere Frauenrechten dürfen nicht aufgegeben werden. Zweitens braucht sie selektive Interaktion: Dort, wo deutsche oder europäische Interessen betroffen sind oder konkrete Verbesserungen für die afghanische Bevölkerung möglich erscheinen, sollte Dialog stattfinden. Drittens sollte Kooperation möglichst an Bedingungen und funktionale Reziprozität geknüpft werden. Viertens muss die Politik europäisch und multilateral eingebettet sein, damit bilateraler Kontakt nicht mit einer einseitigen politischen Normalisierung verwechselt werden kann.

Das bedeutet auch, die politische Kommunikation sorgfältig zu gestalten. Ein Verbindungsbüro ist keine Botschaft. Ein Gespräch über Rückführungen ist keine Anerkennung. Die Förderung einer afghanischen Unternehmerin ist keine Unterstützung des Taliban-Regimes. Gleichzeitig wäre es falsch, die politische Wirkung solcher Maßnahmen zu unterschätzen. Jede Interaktion verändert Wahrnehmungen und kann Handlungsspielräume erweitern oder verengen. 

Die zentrale Lehre aus den vergangenen Jahrzehnten lautet nicht, dass Deutschland sich aus Afghanistan heraushalten sollte. Ebenso wenig lautet sie, dass eine neue westliche Strategie den Fehler früherer Interventionen wiederholen sollte. Die Lehre ist vielmehr, dass Afghanistan langfristige Aufmerksamkeit, belastbare Kenntnisse und realistische Erwartungen erfordert. Das Land lässt sich weder von außen grundlegend umgestalten noch dauerhaft ignorieren.

Gestaltete Ambivalenz bedeutet nicht, sich zwischen Moral und Realpolitik zu entscheiden. Sie bedeutet, beides politisch miteinander zu verbinden. Gerade weil Afghanistan keine einfachen Lösungen zulässt, braucht Deutschland strategische Klarheit darüber, wann Distanz notwendig, Kontakt unvermeidbar und Engagement sinnvoll ist.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2026, S. 78-83

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Dr. Almut Wieland-Karimi eröffnete 2002 das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul und leitete von 2009 bis 2022 das Zentrum für zivile Friedenseinsätze. Heute ist sie u.a. als Beraterin tätig und Mitglied der Beratungsgruppe des UN-Generalsekretärs für den Peacebuilding Fund. 
 

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