01. April 2009

Wo sind die deutschen „Welterklärer“?

Wie wir den Wissenschaftsstandort Deutschland attraktiver machen können

Vom Braindrain zum Braingain: Was können wir tun, damit nicht immer mehr deutsche Studenten und Wissenschaftler dauerhaft ins Ausland abwandern? Der Wissenschaftsstandort Deutschland muss attraktiver gemacht werden: durch bessere Studieninhalte und Betreuung sowie mehr Investitionen in bessere Arbeitsbedingungen, auch für Ausländer.

Kostenlos

Deutsche Universitäten brächten zu viele Sozialwissenschaftler hervor, klagte Helmut Schmidt, damals Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag, im Herbst 1968. Er mahnte, dass es einen Bedarf an Leuten gebe, „die einen -wirklichen Beruf, den die Gesellschaft dringend nötig hat, so ausüben können, wie er in der heutigen Zeit gebraucht wird“. 40 Jahre später scheint das Schmidt’sche Diktum nicht mehr zu gelten. Absolventen mit fundierten -außenpolitischen Kenntnissen und Wissen über einzelne Weltregionen sind gefragt. Mehr noch: „Welterklärer“, so schrieb Jan Ross in der ZEIT mit Blick auf den Bedarf an außenpolitischen Experten, werden inzwischen „verzweifelt gesucht“. Wo sind die deutschen Experten? Und, falls es sie gibt: Warum haben sie es der altgedienten Fraktion der Welterklärer vom Schlage Peter Scholl-Latours noch nicht ermöglicht, in den verdienten Ruhestand zu gehen?

Betrachtet man ein Hochschulstudium als Grundvoraussetzung für eine  Karriere als Experte, dürfte es eigentlich kein Problem geben. Nach den vorliegenden Zahlen des Statistischen Bundesamts und einzelner Hochschulen sollte es uns an „Welterklärern“ keineswegs mangeln. Auch die lange zu theorielastigen deutschen Universitäten können, zumindest nicht auf den ersten Blick, als Grund für einen Mangel herhalten. Der vielfach als Wurzel allen universitären Übels gescholtene Bologna-Prozess hat jedenfalls mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge dafür gesorgt, dass neue, praxisnähere Studiengänge eingeführt wurden. Zweifelsohne wurde in diesem Prozess das Rad nicht neu erfunden. Und oftmals glich der beschriebene Wandel eher einer leichten Reformbrise als einem echten „wind of change“. Doch immerhin: Die vorhandene Angebotspalette, etwa im Bereich der Internationalen Beziehungen, wurde schrittweise erweitert. Masterstudiengänge, die von Entwicklungspolitik über Südostasien-Studien bis zu zahlreichen EU-Studiengängen reichen, sind jedenfalls ein Beleg dafür, dass sich die Angebotsseite verbessert hat.

Wie verhält es sich mit der Nachfrage? Auch hier sieht es, betrachtet man die reinen Zahlen, nicht schlecht aus. Die wenigsten Universitäten können über mangelndes Interesse unter den Studenten an internationalen Themen klagen. Das Verhältnis von Bewerbungen pro Studienplatz liegt zwischen eins zu zehn, manchmal sogar bei eins zu fünfundzwanzig. Von einer erlahmenden Nachfrage kann man hier wohl nicht sprechen. Ebenso wenig von zu wenig Absolventen. Im Bereich der für internationale Themen einschlägigen Sozial- und Regionalwissenschaften sind die Studentenzahlen weiterhin hoch. Genauer: Die Absolventenzahlen haben sich hier im vergangenen Jahrzehnt sogar fast verdoppelt. Auch die Arbeitslosigkeit nach dem Studienabschluss liegt nicht signifikant über jener anderer Disziplinen und weit unter dem allgemeinen Durchschnitt. Daher ist davon auszugehen, dass ein solches Studium nicht die vielfach beschriebene und mittlerweile zum Klischee verkommene Eintrittskarte in das Leben als Taxifahrer ist.

Systemmängel

Dennoch scheint das derzeitige System nicht in der Lage zu sein, den gewünschten Nachwuchs hervorzubringen. Woran liegt das? Ein Grund ist so einfach wie überraschend: Die Graduierten sind zur Hälfte so genannte Bildungsausländer. Von ihnen stammen wiederum knapp zwei Drittel aus Entwicklungs- bzw. Schwellenländern. Dies kann zu Recht als Erfolg der weiteren Internationalisierung deutscher Hochschulen verbucht werden – nicht jedoch als erfolgreiche Internationalisierung des deutschen Arbeitsmarkts. Graduierte aus Entwicklungsländern erhalten aufgrund bürokratischer Hürden nur in Ausnahmefällen eine Arbeitserlaubnis. Meist kehren sie daher kurz nach Ende ihres Studiums Deutschland den Rücken. Dies wäre weniger gravierend, wenn eine ausreichende Zahl deutscher Welterklärer im Land gehalten werden könnte.

Nur wenden sich zahlreiche deutsche Absolventen vom deutschen Arbeitsmarkt ab und nehmen attraktivere Stellen im Ausland an. Überdies absolviert eine immer größere Zahl deutscher Studierender das Studium ausschließlich an einer ausländischen Hochschule, meist in den Niederlanden, in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien. Damit erfolgt ein doppelter Braindrain aus Deutschland. Zwischen 2006 und 2007 stieg die Zahl der deutschen Studenten im Ausland nach Angaben des Statistischen Bundesamts um sieben Prozent, während die der ausländischen Studenten stagnierte. Bei den Studienanfängern ging der Anteil der Bildungsausländer sogar von 2004 bis 2006 um über zehn Prozent zurück.

All dies wäre zu verkraften, wenn ein echter Austausch zwischen den Ländern stattfände. Doch es gelingt weder, die hier Ausgebildeten zu halten, noch, die ins Ausland Abgewanderten zur Rückkehr zu bewegen. Eine aus dem vergangenen Jahr stammende Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) schlägt daher Alarm. Darin heißt es, dass der Abwanderung Hochqualifizierter aus Deutschland entgegengewirkt werden müsse, „da deutsche Doktoranden zunehmend nach Promotionsmöglichkeiten im Ausland suchen“.Bundesministerium für Bildung und Forschung: Deutschlands Rolle in der globalen Wissens-gesellschaft stärken, Berlin 2008, S. 14. In Großbritannien stellen sie bereits heute mit Abstand die größte Gruppe der ausländischen Doktoranden. Und im Gegensatz zu Graduierten deutscher Hochschulen verbleiben sie nach der Promotion häufig im Land. Für diejenigen, die zu Ausbildern von Welterklärern an den Universitäten werden, bedeuten weniger Verwaltungsarbeit mehr Zeit für die eigene Forschung und längere Arbeitsverträge eine bessere Planbarkeit der Karriere. Nicht zuletzt erlaubt die Existenz eines echten akademischen Mittelbaus – also jener Stellen unterhalb einer Professur – eine bessere und zugleich intensivere Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Von dieser Situation profitieren neben den Studierenden auch die Ausbilder. Mittlerweile sind in den Instituten jenseits des Atlantiks und in Europa, vor allem in Großbritannien, neben den Studenten auch die Wissenschaftler zum Exportschlager geworden. Sie machen dort mittlerweile knapp über ein Zehntel der Beschäftigten aus. Ihr Anteil variiert jedoch zum Teil stark, sodass sie an manchen Fakultäten gar ein knappes Drittel des wissenschaftlichen Personals stellen.

Was bedeutet dies für die hiesige Situation? Zum einen, dass die deutschen Universitäten nicht so schlecht sind, wie sie von Nörglern oft gemacht werden. Das Problem ist jedoch, dass ihr Ausbildungserfolg verpufft: Absolventen können oft nicht in Deutschland gehalten werden. In einer Welt mit erhöhter Mobilität muss das per se kein Verlust sein. Dafür muss es aber gelingen, das entstandene Negativsaldo auszugleichen. Genau das gelingt jedoch nicht: Deutsche Studenten und Wissenschaftler wandern verstärkt dorthin ab, wo die Bedingungen besser und die Gehälter höher sind.

Wie der Bericht des BMBF belegt, sind diese Entwicklungen zur Kenntnis genommen und erste Maßnahmen eingeleitet worden. Diese gehen jedoch, zumindest was das Ziel besserer Ausbildung für Studenten sowie besserer Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler anbelangt, entweder nicht weit genug oder in die falsche Richtung.  Der Großteil der zusätzlichen Gelder, etwa jener der Exzellenzinitiative, fließt bislang in die Forschung. Durch Sonderforschungsbereiche oder Exzellenzcluster mag man kurzfristig dafür sorgen, dass die Weltspitze nicht noch schneller enteilt (vom Einholen kann oft nicht mehr die Rede sein). Verbessert wird jedoch nicht in jenen Bereichen, in denen der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg liegt: in besseren Studienbedingungen und der Attraktivität wissenschaftlicher Stellen.

Die Einführung der Juniorprofessur und die De-facto-Einführung einer Lehrprofessur – ohne entsprechenden Titel – durch die verstärkte Einstellung so genannter „Lehrkräfte für besondere Aufgaben“ haben zwar die Lehrkapazität erhöht. Nicht jedoch die Lehrqualität. Diese wird in seltenen Fällen evaluiert, vor allem aber wird oft nur unzureichend, wenn überhaupt, für die didaktische Fortbildung der Lehrenden gesorgt. Hinzu kommt die fehlende Attraktivität einer solchen Stelle für den Inhaber. Eine auf maximal sechs Jahre befristete Stelle ohne Aussicht auf Entfristung ist ein großes berufliches Risiko. Denn entweder gehört man zu den Glücklichen, die mit Mitte bis Ende 30 eine echte Professur erhalten. Oder aber, in der Mehrzahl, zu jenen, denen durch unsinnige Befristungsregeln das weitere Arbeiten an einer Universität verwehrt wird.

Wie könnte also in Deutschland der Weg zu mehr und vor allem besseren Welterklärern eingeschlagen werden? Zuvörderst mit all jenen Maßnahmen, die das Negativsaldo ausgleichen oder sogar in einen Braingain verwandeln könnten. Folgende Schritte bieten sich hier an. Zum einen sollte es den hier ausgebildeten ausländischen Absolventen erleichtert werden, für eine zukünftige Tätigkeit im Land zu bleiben. Zum anderen sollte die Attraktivität des Wissenschaftsstandorts Deutschland gesteigert werden und zwar sowohl für Studenten als auch für Wissenschaftler. Für erstere lautet die Lösung: bessere Studieninhalte und Betreuung. Für letztere: mehr Investitionen – in höhere Qualität ihrer Arbeit durch Fortbildung und in bessere Arbeitsbedingungen, damit das Auswandern nicht zur Regel wird. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist die Ausweitung der Exzellenz-initiative von der Forschung auf die Lehre. Denn wenn die Konkurrenz bereits enteilt ist, muss das Tempo wohl erhöht werden.

DAVID BOSOLD ist Programmleiter des International Forum on Strategic Thinking im Forschungsinstitut der DGAP.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, April 2009, S. 24 - 28.

Teilen