Wo bleibt das Positive, Herr Schnier?
Wer sich täglich mit den Schandtaten des Trump-Regimes auseinandersetzt, gewinnt leicht den Eindruck, dass es übermächtig ist. Es tötet so schnell, schamlos und brutal – vermeintliche venezolanische Drogenschmuggler, iranische Schülerinnen, die eigenen Bürger –, dass es Schleudertraumata verursacht. Es zerstört Sozial- und Wahlsysteme so allumfassend, dass Widerstand aussichtslos scheint. Doch der Schein trügt, wie bei den meisten autoritären Regierungen. Das Trump-Regime ist fragil – so fragil wie die Männer, die es steuern.
Warum sonst hätte Pete Hegseth es nötig, Hunderte von Büchern aus US-Militärschulen zu verbannen, darunter Titel wie „Freckleface Strawberry“ und „Julián Is a Mermaid“? Offenbar ist der selbsternannte Kriegsminister und Testosterontester so wenig überzeugt von der eigenen Manneskraft, dass ihm nicht nur Mullahs und Milizen die Schweißperlen auf die Stirn treiben: Sommersprossige Mädchen und queere Meereswesen reichen aus.
Ganz ähnlich geht es Trump-Spezi Elon Musk: Ein Artikel der New York Times zu den tödlichen Folgen der von ihm verantworteten USAID-Kürzungen genügt bereits, um den reichsten Mann der Welt nachts um drei zu einer X-Tirade zu verleiten. Dabei hatte sich Musk gerade erst von dem öffentlichen Nervenzusammenbruch erholt, den Christopher Nolans „Odyssee“ bei ihm auslöste. Oder genauer gesagt die Tatsache, dass da neben historisch akkuraten Figuren wie Zyklopen und Sirenen auch Fabelwesen wie Lupita Nyong’o und Elliot Page mitspielen – schwarze Frauen und Transpersonen.
Und Trump selbst? Auch der kämpft gegen ein Problem, das sich weder mit Schlägertrupps noch mit Tomahawk-Raketen lösen lässt: das eigene Ego. In der Vorahnung, dass es mit seinem politischen Vermächtnis als „Friedensstifter“ eng werden könnte, drängelt sich der vermeintlich mächtigste Mann der Welt immer öfter verzweifelt dort ins Bild, wo echte Gewinner verkehren. Etwa bei den NBA-Playoffs der New York Knicks oder beim Finale der Fußball-WM, wo er in der vergeblichen Hoffnung über die Siegerbühne irrte, dass ein wenig spanischer Glanz auf ihn abfärben möge.
Wenn Sie also das nächste Mal von einer der vielen Grausamkeiten der US-Regierung überwältigt zu werden drohen, dann denken Sie daran: Donald Trump fühlt sich nicht wie ein Gewinner. Elon Musk liegt nachts wegen Transgender-Soldaten wach. Und Pete Hegseth hat Angst vor Meerjungfrauen.
Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 128
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